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Full text of "Italienische Kriegsgefangenenbriefe; Materialien zu einer Charakteristik der volkstümlichen italienischen Korrespondenz"

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Lal.Gr 


Italienische 
Kriegsgefangenenbriefe 


Materialien    zu    einer  Charakteristik   der   volks- 
tümlichen italienischen  Korrespondenz 


von 


Dr.  Leo  Spitzer 

Privatdozent  an  der  Universität  Bonn 


/ 


CA 


l^ 


Bonn  1921 
Peter  Hanstein,  Verlag. 


ij 


Karl  Vossler 

gewidmet. 


(üermauy 


Inhaltsverzeichnis. 

Stitc 

Einleitung:  Sprachliches  und  Orthographisches 1 

Kap.           I,:  Die  Eröffnungs-  und  Abschlussformen      ....  48 

y,           IL:  Die  Formen  des  Grusses 54 

„          III. :  Die  Entschuldigung  wegen  schlechter  Schritt .    .  65 

„          IV.:  Freude  am  Brief  empfang 67 

y,            V.:  Die  Entfernung 74 

y,          VI.:  Treues  Gedenken 76 

,         VII.:  Hoffnung  auf  Frieden 82 

VIII.:  Der  Traum 99 

y,          IX.:  Die  Photographie 104 

„            X.:  Kinder  und  Gattin 108 

XL:  Eltern 121 

„         XII..  Trostzuspruch;  Leidensgenossen 123 

,       XIIL:  Resignation 130 

y,        XIV.:  Religiosität 139 

„         XV.:  Nachfragen  und  Aufträge 154 

„        XVL:  Bitten  um  Geld  und  Kleider 167 

„      XVIL:  Bitten  um  Esswaren 174 

y,     XVIII. :  Der  Hunger  und  andere  Leiden 183 

„       XIX. :  Egoismus  und  Patriotismus ,  195 

„         XX.:  Das  Verhältnis  zur  Zensur 232 

„        XXL:  Humor 250 

»     XXII. :  Liebe,  Sinnlichkeit  und  Brutalität 259 

„    XXIII,:  Naivetät 279 

„     XXIV.:  Zusammenfassung;  Stilistisches .  284 

Nachträgliche  Bemerkungen 304 


Die  volkstümliche  Briefstellerei,  die  wissenschaftlicher 
Forschung  nicht  gewürdigt  zu  werden  pflegt,  in  Wirklich- 
keit aber  eine  ständige  volkstümliche  Literatur  darstellt, 
<lie  wir  nur  deshalb  nicht  beachten,  weil  sie  uns  zu  nahe 
ist,  ist  meines  Wissens  auf  romanischem  Gebiet  noch  nicht 
charakterisiert  worden:  und  doch  enthält  die  Frage 
^Wie  und  was  schreibt  das  Volk?"  ein  Problem,  das  zur 
Klarheit  über  das  Wesen  des  Volkstümlichen  überhaupt 
führen  muss. 

Der  Krieg,  in  dem  unzählige  Briefe  nicht  nur  ge- 
schrieben sondern  auch  zensuriert  wurden,  hätte  Brief- 
forschungsstellen ermöglicht,  die  an  die  zahlreichen 
Zensurstellen  hätten  angegliedert  werden  können:  leider 
ist  dies  m.  W.  nirgends  verwirklicht  worden  und  so 
bezweckt  dies  Buch,  zusammen  mit  dem  anderen  „Die 
Umschreibungen  des  Hungers  im  Italienischen"  (Bei- 
heft zur  Zeitschrift  für  romanische  Philologie,  Halle,  Nie- 
meyer 1920),  die  von  mir  empfundene  Lücke  durch  per- 
sönliche, während  der  Zeit  meiner  militärischen  Komman- 
dierung zu  6iner  Zensurstelle  angelegte  Materialsammlungen 
ZM  ergänzen.  Über  die  Organisation  der  Zensurabteilung 
-des  gemeinsamen  Zentralnachweisebüros  für  Kriegsge- 
fangene in  Wien,  der  ich  durch  mehr  als  drei  Jahre  (1915 — 
1918)  angehörte,  und  über  die  Art  der  Sammlung  und  An- 
führung der  Belege  vergleiche  man  das  erwähnte  Buch.  Hier 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  1 


sei  bloss  angeführt,  dass  wir  nur  italienisch  geschriebene- 
Briefe  italienischer  Kriegsgefangener  und  Internierter  in 
der  österr.-ung.  Monarchie  und  österr.-ital.  Kriegsgefangener 
und  Internierter  in  den  Feindesländern  zu  lesen  bekamen. 
Die  Charakteristik  der  volkstümlichen  italienischen 
Korrespondenz  ist  also  mit  zwei  Besonderheiten  belastet: 

1.  die  Briefe  stammen  alle  aus  der  Kriegszeit; 

2.  ein  Teil  (Adressat  oder  Absender)  der  sich  brieflich 
Verständigenden  ist  stets  Kriegsgefangener  (Kgf.)  oder 
Internierter  (Intern.). 

Damit  ist  von  vornherein  eine  ganz  bestimmte  Orientie- 
rung, ein  bestimmter  Ton  der  Briefschaften  gegeben  und 
es  lässt  sich  von  den  Eigentümlichkeiten  der  Korrespondenz 
schwer  subtrahieren,  was  die  beiden  Umstände  verursacht 
haben.  So  weist  denn  jede  Seite,  jede  Briefstelle  und  jeda 
aus  ihr  gezogene  Folgerung  die  Spuren  der  besonderen 
Entstehungsverhältnisse  der  schriftlichen  Dokumente  auf  i 
es  handelt  sich  um  italienische  Kriegsbriefe,  nicht 
um  italienische  Briefe  schlechtweg. 

Immerhin  glaube  ich,  dass  der  volkstümliche  Schreiber 
trotz  der  Riesendimensionen  des  Weltkrieges  im  Durch- 
schnitt nicht  sein  Fühlen  und  seinen  Stil  verändert  hat: 
wie  sollte  er  sein  ganzes  geistiges  Gepäck  plötzlich  über 
Bord  werfen  oder  mit  einem  anderen  vertauschen?  Die 
Grösse  des  Weltgeschehens  kam  nicht  auf  gegen  die  Träg- 
heit des  Ich.  Ich  denke  daher,  dass  die  Änderungen,  die 
die  besonderen  Milieuverhältnisse  in  der  Korrespondenz 
hervorriefen,  nicht  auf  den  Stil  wirkten.  Trotzdem  ist 
natürlich  unleugbar,  dass  verschiedene  meiner  Kapitel 
und  sehr  viele  Belege  nur  innerhalb  des  festen  Rahmens 
denkbar  sind,  den  der  Krieg  bot. 

Die  Zensurtätigkeit,  wie  sie  in  unserem  Amte  auf- 
gefasst  wurde,  berücksichtigte  drei  Gesichtspunkte:  den 
defensiven,  informativen  und  karitativen.  Sind  die  ersten 
zwei  Momente  ganz  von  den  Notwendigkeiten  des  Krieges 
bestimmt,   so   fasst   das   dritte,    die    karitative   Tendenz^ 


-     3     — 

schon  nicht  mehr  die  Bedürfnisse  des  Staates  allein,  son- 
dern auch  die  des  einzelnen  Menschen  ins  Auge  und 
huldigt  damit  friedlichen  Idealen.  Immerhin  ist  auch  die 
karitative  Tendenz  an  den  Augenblick,  an  die  vorüber- 
gehende Zeit  des  Krieges  gebunden,  insofern  sie  in  der 
Kriegszeit  den  Kgf.  und  Intern,  die  Karitas  der  Beför- 
derung von  Korrespondenzen  erweist. 

Mit  dem  Krieg  verschwindet  auch  die  gewissermassen 
ephemere  Erscheinung  der  Zensur,  einer  Konsequenz  des- 
selben. Da  ist  nun  dem  Verfasser  dieser  Zeilen  der 
Gedanke  gekommen,  ob  wir  das  Material,  das  der  allge- 
waltige Krieg  tagtäglich  in  buntem  Wirbel  vor  dem  prü- 
fenden Blick  des  Zensors  entrollt,  nicht  zu  dauernden^ 
den  Krieg  überdauernden  Untersuchungen  verwerten  sollten, 
so  dass,  wie  das  Letzte  im  Krieg  nicht  der  Krieg  sein 
kann,  die  Zensur  nicht  nur  die  Unterstützung  der  Staats- 
gewalt während  der  Kriegszeit  besorgen,  sondern  auch 
eine  Bereicherung  der  menschlichen  Erkenntnis  in  spä- 
teren Friedenszeiten  zur  Folge  haben  könnte. 

Sowie  nämlich  der  Krieg  auf  den  verschiedensten 
Gebieten  menschlicher  Intelligenz  und  bei  den  verschie- 
densten Individuen  Probleme  und  Kräfte  geweckt  hat,  die 
bisher  unbekannt  oder  unerkannt  waren,  so  kann  auch 
die  Tochter  des  Krieges,  die  Zensur,  dem  menschlichen 
Forschungstrieb  eine  neue  Wissensquelle  sein :  eine  Masse 
von  Materalien,  die  dem  wissenschaftlichen  Forscher  trotz 
des  grössten  Sammlerfleisses  nicht  in  so  ausgedehntem 
Umfang  und  in  so  mannigfaltiger  Gestalt  zur  Verfügung 
stehen,  floss  täglich  durch  die  Hand  der  Zensoren.  Der 
Sprachforscher,  der  Nationalökonom,  der  Soziologe,  der 
Psychologe,  der  Literaturforscher,  sie  alle  fänden  in 
den  Tausenden  vplkstümlicher  Schriftdenkmäler  reichste 
Beute. 

Weiter  wäre  die  Frage  zu  untersuchen,  wie  weit  die 
veröffentlichten  Äusserungen  Eigengut  des  Italieners  und 
wieweit  des  Menschen  im  Kriege  sind,  die  Frage  nach  dem 


_     4     — 

Ausmasse  des  National-Besonderen  in  der  italienischen 
Kriegsgefangenen- Korrespondenz:  bei  dem  vereinheitlichen- 
den Zuge  des  Krieges,  der  überall  dieselben  Erscheinungen 
wachrief  —  wir  können  uns  davon  eine  packende  Vor- 
stellung machen,  wenn  wir  etwa  die  deutsche  Übersetzung 
des  Barbusse'schen  Feu  lesen,  die  uns,  abgesehen  von  den 
französischen  Namen,  wie  Beschreibung  deutscher  Ver- 
hältnisse und  Menschen  anmutet,  —  ist  von  vornherein  zu 
erwarten,  dass  dieselben  Belege  auch  aus  deutscher, 
russischer  usw.  Kgf.-Korrespondenz  beizubringen  wären 
und  in  dieser  Erwartung  bestärkt  mich  mancher  Einblick, 
den  ich  im  Zensuramt  in  das  Briefmaterial  anderssprachiger 
Gruppen  tun  konnte.  Immerhin  ist  die  Gesamtphysiognomie 
der  ital.  Korrespondenz  ganz  anders  als  die  etwa  der  ru- 
mänischen und  in  unserem  Amte  galt  jene,  auch  wegen 
der  Verbindung  von  literarischer  Begabung  mit  einer  ge- 
sunden, unverbrauchten  Natürlichkeit  des  ital.  Volkes, 
als  eine  der  interessantesten.  Sie  dürfte  homogener 
sein  als  etwa  die  deutsche,  da  die  Masse  der  Italiener 
eben  ländliche  Bevölkerung  darstellte.  Jedenfalls  aber 
konnte  ich  mit  der  Abfassung  meiner  Arbeit  nicht  warten, 
bis  parallele  Untersuchungen  über  die  Korrespondenz  der 
Franzosen,  Russen  usw.  erschienen  wären,  sondern  es  galt 
im  Gegenteil,  einen  Präzedenzfall  zu  schaffen,  dem  ähnliche 
Arbeiten  zur  Seite  treten  mögen.  So  ist  denn  dies  Werkchen 
zugleich  eine  Darstellung  der  italienisch-sprachigen  Mensch- 
heit im  Kriege,  eines  Völkerschicksals  an  einem  Wendepunkt 
seiner  Geschichte  und  damit  als  historisches  Dokument  nicht 
weniger  wichtig  denn  als  Material  zur  Charakteristik. 
Dass  zur  Kenntnis  des  italienischen  Charakters  vielleicht 
wenig  Neues  hinzugefügt  wird,  ist  nicht  meine  Schuld: 
es  konnte  ja  auch  von  vornherein  eine  Bestätigung  des 
traditionellen  Charakterbildes  erwartet  werden. 

Der  Leser  wird  vielleicht  die  Veröffentlichung  all 
dieser  bedeutungslosen  und  ungeschickten  Äusserungen 
üi  erflüssig  finden,  man  könne,  wird  er  meinen,  ebensogut 


—     5     - 

Kaffeehausgespräche  oder  den  Tratsch  von  Fischweibern 
notieren  und  drucken  lassen.  Darauf  antworte  ich  auf 
italienisch:  Magari!  .  .  .  Würden  doch  möglichst  viele  All- 
tagsgespräche veröffentlicht!  Aus  ihnen  hätte  der  Psycho- 
loge und  der  Linguist  mehr  zu  lernen  als  aus  den  so  be- 
liebten geschriebenen  Quellen.  Gewiss  ist  durch  die  mo- 
derne Mundartkunde  ein  frischerer  Hauch  in  die  Sprach- 
wissenschaft eingezogen  und  das  Mündliche  ander  „Mund- 
art" endlich  in  der  Sprachwissenschaft  mündig  geworden 
—  noch  immer  aber  gilt  die  Beschäftigung  mit  der  guten 
alten  Zeit,  also  etwa  das  Studium  eines  altfranzösischen 
Liedchens  oder  Seh  wänkchens  als  „wissenschaftlicher"  denn 
die  Erforschung  des  uns  umgebenden  Sprach-  und  Literatur- 
materials. Wie  es  stets  mein  Bestreben  gewesen  ist,  den 
Muffelgeruch  grauer  Wissenschaft  zu  vermeiden,  so  möge 
mir  der  Leser  auch  nicht  gram  sein,  wenn  ich  ihn  ins 
Leben,  wo  es  am  heissesten  pulst,  hineinführe  und  ihm 
Zeugnisse  vorlege  aus  der  Zeit  des  Krieges,  der  eben  aus- 
getobt hat.  Selbstverständltch  habe  ich  ohne  irgend  eine 
nationale  oder  parteiliche  Voreingenommenheit  die  Belege 
gesammelt  und  beurteilt,  da  ich  nur  ein  Prinzip  bei  einen 
derartig  von  der  Zeiten  Sturm  umrauschten  Thema  kenne : 
das  der  wissenschaftlichen  Treue  und  Hingabe  ans 
Tatsächliche.  Mit  dem  Kennenlernen  der  Fremdvölker 
steuern  wir  ja  unaufhaltsam  dem  Ideale  zu,  den  w^ahre 
Wissenschaft  nur  wünschen  kann:  Verständnis  der  anderen 
Völker  —  und  deren  Folge:  die  Völkerverständigung. 

Einen  grossen  Eintrag"  tut  meiner  Sammlung  von 
Belegen,  dass  diese  nur  im  Nebenamt,  in  Pausen  oder 
nach  Feierabend,  abgeschrieben  werden  konnten :  die  Amts- 
pflicht gebot,  die  täglich  in  Tausenden  einlaufenden  Kor- 
respondenzen möglichst  schnell  zu  erledigen,  gestattete 
dem  Zensor  nur  selten  zu  verweilen,  er  musste  sein 
wissenschaftliches  Interesse  bezähmen,  um  nur  so  schnell 
als  möglich  dem  Adressaten  das  lang  erwünschte  Schrift- 
stück   zukommen    zu    lassen.     Diesem    Hinderungsgrund 


—     6     — 

für  eine  wirklich  erschöpfende  Durchforschung  des  Ma- 
terials 0  stand  aber  ein  Umstand  gegenüber,  der  das 
Sammeln  von  Material  erleichterte:  die  ungeheure  Gleich- 
förmigkeit der  Korrespondenzen.  Auf  diesen  Punkt 
will  der  Verfasser,  auch  zur  Rechtfertigung  des  vorliegen- 
den Versuches,  etwas  ausführlicher  eingehen. 

Der  zur  Zensur  gelangende  Neuling  erwartete  viel- 
leicht, aus  den  vielen  kleingeschriebenen  Karten  und 
Briefen  mehr  Wissenschaft  über  den  Menschen,  das  Leben, 
die  Völker,  das  Weltgeschehen  zu  schöpfen  als  aus  allen 
Reise-  und  Erdbeschreibungen,  sitten-  und  sozialgeschicht- 
lichen Studien,  die  er  je  gelesen,  hoffte,  durch  eine  Art 
Anschauungsunterricht  bei  der  Lektüre  italienischer  Briefe 
über  das  ganze  Weben  und  Wirken  der  Italiener  belehrt 
zu  werden;  er  glaubte,  dass  kaleidoskopartig  schillernd  das 
Leben,  überall  dort  interessant,  wo  man  es  packt,  an  ihm 
vorbeigaukeln   werde    —    und  ist   nun    wohl   bitter   ent- 

1)  Nicht  immer  war  der  Text  der  Kfff. -Korrespondenz  klar: 
die  schlechte  Orthographie,  zweideutige  Schriftaeichen,  mangelhafte 
Syntax,  ungelenke  Schrift,]  Stempelaufdrücke,  die  mit  der  langen 
Beförderungszeit  verbundene  Abnützung  der  Schrift  (bes.  bei  Blei- 
stiftkorrespondenzen) trugen  zur  Verundeutlichungdes  Geschriebenen 
bei.  Ferner,  war  schon  der  Text  in  seinem  tatsächlichen  Wortlaut 
feststellbar,  so  noch  lange  nicht  deutbar:  dialektische  Ausdrucks- 
weise, idiomatische  Wendungen,  Anspielung  auf  lokale  oder  Fami- 
lienereignisse machten  ihn  nur  dem  Einheimischen  verständlich. 
Vor  allem  aber  bereitete  die  Ergründung  der  stilistisch-psycho- 
logischen Absichten  des  Schreibers  Schwierigkeit:  was  war  Witz, 
was  Ungelenkigkeit;  was  Absicht,  was  unbewusste  Schreibweise? 
Ein  Beispiel  für  viele:  ein  Intern,  in  Katzenau  schrieb  von  der 
Hoffnung,  nach  den  ridenti  paesi  zurückkehren:  war  das  eine  irr- 
tümliche Verballhornung,  von  irredenti  paesi  oder  ein  bewusstes 
Wortspiel,  das  das  bei  der  östcrr.  Zensur  übelangeschriebene  Wort 
bemänteln  sollte;  oder  einfach  eine  beziehungslose  Neubildung 
(=  .lachende Länder  des  Südens*,  wie  sonst  von  Italien  als  giardino 
deir  Europa  die  Kede  war)?  Oft  konnte  in  solchen  Fällen  der  aus 
Schrift  und  Orthographie  sich  ergebende  Bildungsgrad  des  Schreibers 
Aufklärung  geben,  aber  nicht  immer,  da  Ironie  und  Wortspiel 
keineswegs  nur  bei  Höhergebildeten  anzutreffen  sind. 


—     7     — 

täuscht  worden,  wenn  nur  in  den  seltensten  Fällen  ein 
individueller  Zug  durch  das  konventionell  schablonenhafte 
Geschreibe  durchsickerte,  während  das  Gros  der  Kor- 
respondenzen sich  unter  ein  paar  Schlagwörter  einordnen, 
auf  ein  paar  Formeln  reduzieren  liess,  die  der  erfahrene 
Zensor  ohne  weiters  „parat"  hatte.  Diese  Schablonenhaf- 
tigkeit  der  volkstümlichen  Briefschaften  lässt  sich  auf 
verschiedene  Ursachen  zurückführen,  solche,  die  im  Ver- 
hältnis des  Schreibers  zum  Briefschreiben  überhaupt,  und 
solche,  die  in  den  besondern  vom  Krieg  geschaffenen 
Verhältnissen  begründet  sind. 

Auf  das  Verhältnis  des  Schreibers  zum  Schreiben 
überhaupt:  Wieviele  der  mühsam  entzifferbaren  Karten 
sind  nur  durch  den  ganz  besonderen  Umstand  geschaffen 
worden,  dass  der  Schreiber,  viele  Kilometer  von  seiner 
Heimat  entfernt  und  ohne  Hoffnung  auf  ein  baldiges 
Wiedersehen  seiner  Lieben,  diesen  die  einfache,  beruhi- 
gende Nachricht  zukommen  lassen  wollte:  „Ich  bin  leicht 
Terwundet",  „Ich  bin  gefangen"  etc.!  Wieviele  Korre- 
spondenten haben  vielleicht  seit  ihrer  Schulzeit  nie  ge- 
schrieben, wieviele  müssen  sich  die  wichtigeren  Teile  ihrer 
Karte,  wie  eigene  Adresse  und  die  des  Empfängers,  von  einem 
schreibgewandteren  Kameraden  vormalen  lassen!  Ist  es 
da  ein  Wunder,  dass  sie  eine  traditionelle,  möglichst 
wenig  komplizierte  Stilisierung  wählen  ?  Abgesehen  davon, 
dass  die  Gabe,  zu  sagen  was  man  erlebte,  ja  schon  ein 
gewisses  schriftstellerisches  Talent,  die  Fähigkeit,  sich 
über  das  Erlebnis  zu  erheben  und  das  eigene  Selbst  zu 
analysieren,  voraussetzt. 

Aus  den  vom  Krieg  geschaffenen  Verhältnissen  er- 
klärt sich  zum  andern  Teil  der  Korrespondenzen  Einför- 
migkeit. Zwar  löste  der  Krieg  gar  manchem  die  Zunge, 
der  früher  nichts  zu  erzählen  wusste,  zwar  hatte  jetzt 
Hinz  und  Kunz  ein  Schicksal  zu  künden,  und  vielleicht 
ein  heroischeres  als  in  früheren  Jahrzehnten  der  Gefahr- 
lustigste  und  Waghalsigste;  aber  anderseits  Hess  das  be- 


—     8     - 

schränkte  Ausmass  der  gestatteten  Korrespondenz  die 
richtige  epische  Stimmung,  in  der  Herz  und  Mund  le- 
bendig werden,  nicht  aufkommen.  Ferner  vermischen 
sich  angesichts  des  gemeinsamen  und  gleichen  Schicksale 
alle  individuellen  Züge:  Der  Mensch  im  Kriege  ist  ein 
Wesen,  das  Hunger,  Durst  und  Ruhebedürfnis  empfindet, 
und  alle  feineren  Differenzierungen,  die  im  Frieden  die 
Menschen  verschiedener  Niveaus  und  Milieus  trennen, 
verblassen  vor  der  Gemeinsamkeit  der  natürlichen  Instinkte; 
dem  einförmigen  Empfinden  entspricht  aber  eine  ein- 
förmige Ausdrucksweise.  Endlich  ist  die  Angst  vor  der 
staatlichen  Kontrolle,  die  Angst  vor  der  Zensur,  nicht 
gerade  ein  Ansporn  zur  Aussprache  von  Gefühlen.  So 
bleibt  denn  jede  Kriegskorrespondenz  bloss  eine  nichts, 
sagende  Kuhsse,  der  der  Weltkrieg  erst  Perspektive  und 
Farbe  verleihen  muss,  und  ob  von  Malta  oder  Dagshai 
kommend,  von  Omsk  oder  Cagliari,  von  Steinklamm  oder 
Bozen,  die  Briefschaften  gleichen  einander  auf  ein  Haar. 

Hier  muss  eine  Einschränkung  gemacht  werden: 
Die  Internierten-  und  Konfinierten-Korrespondenz  unter- 
scheidet sich  von  der  der  Kgf.  und  Soldaten  gerade 
durch  eine  wohltuende  relative  Selbständigkeit  der  ein- 
zelnen Schriftstücke.  Der  Internierte,  dem  mehr  Zeit 
und  Raum  fürs  Briefschreiben  zugestanden  wird  als  dem 
Gefangenen  und  Soldaten,  hat  mehr  Gelegenheit,  aus  sich 
herauszutreten,  seinen  Gefühlen  Audienz  zu  geben  und 
sie  ausströmen  zu  lassen.  Unter  den  Interniertenbriefen 
fanden  sich  daher  auch  Seelengemälde  und  psychologische 
Zergliederungen,  mehr  als  dem  Zensor  lieb  war,  was  aller- 
dings auch  mit  dem  höheren  Bildungsgrad  der  Internierten, 
meist  Städter  die  in  Triest  lebten,  zusammenhängt. 

Die  Einförmigkeit  und  traditionelle  Abfassungsart  der 
Kriegskorrespondenzen  ermöglicht  den  im  Folgenden  unter- 
nommenen Versuch  einer  psychologischen  Charak- 
teristik derselben,  ohne  dass  etwa  ein  Auseinanderbröckeln 
des  Stoffes  in  tausende  von  speziellen  Besonderheiten  za 


befürchten  wäre.  Die  Einförmigkeit  der  volkstümlichen, 
Briefstellerei  gestattet,  ein  Bild  der  typischen  Züge  zu 
entwerfen. 

Ich  muss  nun  meine  Arbeitsweise  kurz  erläutern,  um 
über  Art  und  Herkunft  meines  Belegmaterials  keinen 
Zweifel  übrig  zu  lassen.  (Vgl.  Näheres  noch  in  meinem 
Buch  „Die  Umschreibungen  des  Hungers  im  Italienischen".) 
Da  ich  die  Leitung^  einer  italienischen  Zensurgruppe  zu 
besorgen  hatte,  so  war  es  natürlich,  dass  ich  nur  charak- 
teristische Stellen  aus  italienischen  Korrespondenzen 
auswählen  konnte.  Vorläufig  kann  also  eine  synthetische 
Arbeit  über  die  typischen  Züge  der  Kgf,-Korrespondenz 
im  Allgemeinen  nicht  versucht  werden,  so  lockend  eine 
solche  Aufgabe  auch  wäre,  sondern  wir  müssen,  wie  ge- 
sagt, ungesondert  lassen,  w^as  Eigenheit  des  Menschen 
im  Allgemeinen  und  des  Italieners  im  Besonderen  ist. 
Ist  also  in  dieser  Beziehung  aus  einem  viel  zu  engen 
Kreis  geschöpft,  als  dass  sich  allgemeine  Leitsätze  ergebn 
könnten,  so  ist  der  Kreis  andererseits  willkürlich  weit 
gezogen,  indem  zwischen  reichs-  und  österreichisch-italie- 
nischen Korresponden  (letzteren  Begriff  ist  allerdings  ein 
historischer)  nicht  geschieden  wurde.  Dies  soll  nun  nicht 
etwa  bedeuten,  dass  wir  uns  der  kulturellen  Unterschiede, 
die  zwischen  einem  Neapolitaner  und  einem  Trientiner 
bestehen,  nicht  bewusst  wären,  ich  habe  nur  mit  der 
Sprache  zusammen  eine  gewisse  Mentalität  und  eine  ge- 
wisse Art  der  Stellungsnahme  dem  Leben  gegenüber  als 
gegeben  erachtet  und  tatsächlich  obwaltet  nicht  einmal 
in  der  Stilisierung  (höchstens  vielleicht  in  dem  auf  die 
verschiedene  Volksschulbildung  zurückgehenden  Ductus 
der  Schrift)  ein  tiefergreifender  Unterschied  zwischen  den 
schriftlichen  Äusserungen  der  Reichs-  und  der  öster- 
reichischen Italiener.  Dass  dasselbe  liebevolle  Studium 
reichsitalienischen  Korrespondenzen  wie  denen  eigener 
Soldaten,  die  im  Feindesland  kriegsgefangen  w^aren,  ge- 
widmet wurde,  ist  selbstverständlich. 


—     10     - 

Wie  ich  die  Arbeit  lokal,  d.  h.  auf  Korrespondenzen 
in  ital.  Sprache  beschränken  musste,  so  tat  ich  es  auch 
in  zeitlicher  Beziehung:  Nur  zwei  Monate  lang  (Oktober- 
November  1915)  prüfte  ich  in  meinen  Mussestunden  durch 
meine  Hand  laufende  Schriftstücke  auf  die  mich  inter- 
essierenden Gesichtspunkte  hin.  Zur  Darstellung  des 
Typischen  genügte  allerdings  eine  so  beschränkte  Frist, 
wenn  auch  zugegeben  werden  muss,  dass  meine  Charak- 
teristik auf  Zufallsmaterial  aufgebaut  ist  und  dass  die 
Beobachtung  in  andern  Monaten  oder  in  späteren  Kriegs- 
jahren vielleicht  andere,  bessere  oder  auch  nur  anders 
geartete,  Beispiele  zu  Tage  gefördert  hätte.  Indessen 
kommt  es  ja  der  ganzen  Anlage  meiner  Arbeit  nach  nicht 
auf  dieses  oder  jenes  Detail  sondern  nur  auf  den  Durch- 
schnitt des  Gesammelten  an  und  gewiss  könnte  man  aus 
einem  Material  von  mehr  Monaten  nur  eine  grössere  Zahl, 
nicht  eine  andere  Art  von  Beobachtungen  schöpfen.  Die 
politischen  Ereignisse  und  militärischen  Schicksalsfälle 
hatten  ja  auf  die  Durchschnittsmenschheit  viel  weniger 
Einfluss  als  es  nach  der  leidenschaftlichen  Presse  und 
ihren  Berichten  über  Volksstimmungen  scheinen  könnte. 
Ich  habe  aber  im  Laufe  der  nächsten  Kriegsjahre  (bis 
November  1918)  bemerkenswerte  Stellen  weiter  exzerpiert 
und  in  die  vorliegende  Arbeit,  die  zuerst  als  Bericht  an 
die  Zensurleitung  im  Februar  1916  abgeschlossen  wurde, 
hineinverwebt.  In  späterer  Zeit  überwog  durch  Änderung 
der  Kompetenzen  der  einzelnen  Zensurstellen  gegenüber 
der  in  der  ersten  Fassung  des  Berichts  herrschenden  Be- 
vorzugung der  österreich-ital.  Korrespondenz  die  reichs- 
italienische: die  italienischen  Kgf.  in  der  Monarchie  über- 
wogen die  eigenen  Kgf.  italienischer  Zunge  im  Ausland. 
Inhaltlich  machte  sich  ein  Abnehmen  pittoresker  Züge  im 
Laufe  des  Krieges  bemerkbar,  was  auf  verschiedene  Mo- 
tive zurückgehen  mag:  vor  allem  die  mit  der  wachsenden 
Zahl  der  Kgf.  notwendig  gewordene  Korrespondenzbe- 
schränkung (nur  der  Offizier  durfte  abgesehen  von  zeitwei- 


—   11   — 

ligen  Pauseperioden  täglich  schreiben,  Mannschaft  im  Monat 
nur  vier  Korrespondenzstücke),  die  die  Schreiber  zwang, 
sich  kurz  zu  fassen  und  nur  das  Wesentlichste  mitzu- 
teilen; weiters  die  Gewöhnung  der  Schreiber  an  die 
Zensur,  von  der  sie  alles  Böse  voraussetzen  (vgl.  das  ent- 
sprechende Kapitel  im  Folgenden);  ferner  eine  gewisse 
Abstumpfung  der  Empfindungen,  wie  sie  die  Länge  der 
Gefangenschaft  mit  sich  brachte;  endlich  vielleicht  war 
auch  der  Sinn  des  Zensors  nach  mehrjähriger  Tätigkeit 
abgestumpft  und  unfähig,  das  Besondere  vom  Grau  der 
■Durchschnittskorrespondenzen  zu  scheiden:  der  Zensor, 
der  mit  noch  so  viel  Eifer  und  Freude  seine  Tätig- 
keit begonnen  hatte,  empfand  nach  ein  paar  Monaten 
bloss  mehr  das  Öd-Handwerksmässige  dieses  alltäglichen 
Lesens  von  tausenden  alltäglichen  Briefschaften;  auch 
hatte  er  bei  der  Fülle  des  Einlaufs  nicht  mehr  die  mate- 
rielle Zeit,  den  einzelnen  Karten  besondere  Beachtung  zu 
schenken.  Viele  inhaltlich  wie  stilistisch  belangvolle  Do- 
kumente sind  so  dem  Auge  des  Forschers  entzogen  ge- 
blieben. Wohl  aber  schärfte  sich  der  Blick  der  Zensoren 
im  Lauf  des  Krieges  für  die  Hungerklagen,  deren  sti- 
listische Verfeinerung  auch  bei  den  Zensoren  verfeinerte 
Prüfungsmethoden  nach  sich  zog. 

Ich  habe  auch  einige  übersetzte  Briefstellen  aus  Paul 
Kammerers  und  meinen  Berichten  an  die  Zensurleitung 
beigefügt,  denen  ich  aber  wegen  des  Übersetzungscharakters 
geringeren  Wert  beimesse. 

Eine  schwierige  Frage  ist  die  Abgrenzung  des  Indi- 
viduellen vom  Generellen  in  der  Korrespondenz.  Was  ist 
zufälliges  Erlebnis  eines  Schreibers,  was  wird  auf  Grund 
gern  einsamer  Erlebnisse  von  allen  Schreibern  oder 
wenigstens  deren  Mehrzahl  hervorgehoben?  Ich  habe  die 
„Biologie  des  Kgf.",  d.  h.  die  tatsächlichen  Mitteilungen 
über  das  materielle  und  seelische  Leben  in  der  Gefangen- 
schaft ausgeschaltet,  da  diese  Aufgabe  Paul  Kammerer 
zu  lösen  gedenkt,  und  mich  nur  auf  die  typischen  Züge 


-     12     — 

des  Gefangenenbriefes,  mit  Absehung  von  den  mitgeteilten 
Erlebnissen,  beschränkt.  Ich  hätte  natürlich  bei  dem  gele- 
gentlichen Tageseinlauf  von  100  000  ital.  Korrespondenz- 
stücken (!)  eine  viel  grössere  Menge  von  Belegen  für  jeden 
der  angeführten  Züge  und  noch  viel  andere  solche  Züge 
anführen  können  —  der  Leser  muss  sich  darauf  verlassen, 
dass  diese  Chrestomathie  volkstümlicher  Briefstücke  tat- 
sächlich einen  Durchschnitt  dar  teilt,  der  von  allem  extrem 
Persönlichen  weit  entfernt  ist.  Auch  die  Bezeichnung  dieser 
oder  jener  Belege  als  „charakteristisch",  als  „echt  volks- 
tümlich" ist  mit  grossen  Schwierigkeiten  verbunden:  wer 
je  eine  Fülle  volkstümlicher  Kundgebungen  über  ein  und 
dasselbe  Thema  zu  sichten  hatte,  wird  wissen,  wie  schwer 
es  ist,  einen  Satz  aufzustellen  wie  „Das  Volk  denkt  über 
den  Punkt  folgendermassen".  Jeder  Äusserung  in  einem 
bestimmten  Sinn  steht  eine  Gegenäusserung  in  einem  an- 
deren gegenüber,  in  unserem  Fall  ist  ein  einfaches  sta- 
tistisches Abzählen  der  Belege  unmöglich,  weil  nicht  alle 
Kgf.  geschrieben  und  alle  Korrespondenten  nicht  gerade 
über  das  in  Frage  stehende  Thema  geschrieben  haben 
oder  zumindest  in  keinem  Augenblick  der  Enquete  eine 
vollständige  Belegsammlung  vorhanden  ist.  Oft  stellte  die 
Zensurleitung  an  unsere  Lesergruppen  die  Anfrage,  wie 
über  diesen  oder  jenen  Punkt  (Behandlung  in  diesem 
Lager,  Wirkung  jenes  politischen  Ereignisses)  in  Kriegs- 
gefangenenkreisen gedacht  werde  —  fast  immer  musste 
die  Berichterstattung  zwischen  einem  Einerseits  und  einem 
Anderseits  hiii-  und  herpendeln.  Eine  opinio  communis  ist 
tatsächlich  viel  seltener  als  man  in  der  durch  die  Presse 
künstlich  vereinheitlichten  politischen  Welt  davon  spricht. 
Tot  capita  tot  sententiae  —  diese  Ansicht  kommt  dem 
komplizierten  Sachverhalt  viel  näher.  Der  Leser  darf  also 
auch  die  von  mir  als  opinio  communis  hingestellten  Belege 
nur  als  subjektive  Verallgemeinerungen  auffassen,  die  aller- 
dings aus  dem  Gefühl  für  die  Häufigkeit  der  Typen  heraus 
zustande  gekommen  sind. 


__     13     — 

Obwohl  nicht  Psychologe  von  Beruf,  suchte  ich  eine 
mehr  psychologische  Skizze  zu  zeichnen.  Es  galt  ja,  eine 
nie  mehr  sich  ergebende  Gelegenheit  auszunutzen,  und  so 
konnte,  ja  musste  ich  die  mir  eigentlich  vertraute  sprach- 
wissenschaftliche Betrachtung  zurückstellen.  Immerhin 
kann  ich  es  mir  nicht  versagen,  zu  zeigen,  wie  wertvolles 
sprachliches  Material  in  den  einzelnen  Briefen  vergraben 
liegt.  Wir  sind  nämlich  in  Bezug  auf  unsere  Kenntnis 
der  italienischen  Dialekte  auf  Wörterbücher  oder  Mono- 
graphien angewiesen.  Erstere,  meist  aus  älterer  Zeit 
stammend,  sind  entweder  nicht  vollständig  oder  übervoll- 
ständig, indem  sie  viele  Ausdrücke  der  lebenden  Sprache 
nicht  verzeichnen,  dafür  aber  viele  der  literarischen 
Sprache  eigene,  dem  Dialekt  dagegen  fremde  Wörter  mit- 
buchen, zudem  Vokabeln  aus  Nachbardialekten  ebenfalls 
aufführen:  die  zweite  Kategorie  (Monographien)  stammt 
zwar  meist  aus  der  Feder  moderner  linguistisch  geschulter 
Autoren,  welche  die  von  ihnen  untersuchten  Idiome  entweder 
selbst  sprechen  oder  eigens  studiert  haben,  ist  aber  vorläufig 
infolge  der  Jugend  solcher  Studien  noch  nicht  allzuhäufig 
vertreten.  Wir  besitzen  auch  Dialekttexte  aus  den  ver- 
schiedensten Gegenden,  aber  auch  diese  zeigen  oft  eine  alter- 
tümliche oder  halb  volkstümliche  Sprache.  Dagegen  geben 
uns  die  Briefe  ein  der  allerjüngsten  Gegenwart  entstam- 
mendes und  geographisch  genau  begrenztes  Dialektmaterial; 
Der  Poststempel  zeigt  meist  Zeit  und  Ort  des  Entstehens 
des  Briefes  genau  an  und,  wo  der  Schreiber  durch  den  Krieg 
seiner  Heimat  entrückt  worden  ist,  da  hilft  zur  genauen 
Lokalisierung  des  Dialekts  die  Adresse  des  Empfängers: 
Ein  aus  Omsk  an  seine  Leute  in  Rovereto  schreibender 
Kgf.  bedient  sich  offenbar  des  Dialekts  von  Rovereto. 

Immerhin  wäre  es  verfehlt  zu  weitgehende  Hoff- 
nungen über  die  dialektologische  Ergiebigkeit  der  Kriegs- 
korrespondenzen zu  hegen.  Aus  den  oben  angeführten 
Gründen  des  Zeitmangels,  der  fehlenden  Übung  im  Fixieren 
des  Gehörten  durch  die  Schrift,  des  Gefühls  der  Beengt- 


-    14    - 

heit  gegenüber  der  Zensur,  vor  allem  aber  der  Beengtheit 
im  Augenblick,  wo  sich  der  naive  Mensch  einem  unbe- 
schriebenen Stück  Papier  gegenübersieht,  erklärt  sich 
eine  gewisse  Scheu  in  der  Anwendung  des  Dialekts.  Der 
Dialekt  strömt  dem  Mann  vom  Lande  nur  dann  aus  der 
Seele,  wenn  er  sich  vollkommen  ungehindert  und  gemütlich 

fühlt wann  aber  bringt  der  Krieg  so  bald  eine  Situation 

hervor,  in  der  sich  der  Schreiber  „gemütlich'*  fühlt  und 
seine  Lippen  sich  zu  freier  Rede  öffnen?  Dazu  kommt, 
dass  die  wenigsten  Dialektsprecher  ihr  Idiom  auch  zu 
schreiben  gewohnt  sind^).  Für  die  meisten  Italiener 
sind  Schrift  und  Schriftsprache  miteinander  unzertrennlich 
verbunden:  schreiben  sie,  so  schreiben  sie  nach  Tunlich- 
keit  die  Laute,  Formen  und  Vokabeln  der  Reichssprache, 
wie   sie    „im   Schulbüchel   steht".    Nur  hin  und  wieder 


1)  So  erklärt  sich  z,  B.  der  Gebrauch  des  Infinitivs,  der  ja 
stets  der  bequemste  Modus  der  Verlegenheit  ist,  im  folgenden  Beleg: 
fast  scheint  es,  als  ob  der  Kgf.  das  Schreiben  an  sich  als  einen 
entfremdenden  Faktor,  der  die  Rede  verundeutlicht,  empfände, 
etwa  wie  wenn  man  mit  einem  Fremdsprachigen,  einem  Tauben 
spricht.  Merkwürdig  inkonsequent  dann  aber  doch  der  gelegent- 
liche Gebrauch  des  Futurs,  des  Präsens,  des  Imperativs,  dort  wo 
der  Schreiber  vor  allem  sich  aussprechen  will:  Sigmundsherberg — 
Sansepolcro,  Arezzo: 

Carissimi  Genitori! 

Mi  trovo  in  un  paese  piccolo,  piccolo  a  provare  la  vita, 
1a  Vera  vita. 

Voi  pregare  Gesü  e  Gesü  mandare  un  angelo  con  i  ca- 
pelli  biondi  a  riscaldare,  raddolcire,  fare  vibrare  di  voluttä, 
d'ebbrezza,  d'amore,  la  mia  esistenza  Mama!  io  .  .  .  io  bene- 
dire  la  mia  prigionia! 

Conservatemi  il  mio  posto  d'amore  nel  voatro  cuore,  ri- 
torner6  mamma!  ma  ritornerö  peccatore! 

Li  mie  mani  l'aspro  lavoro  indurire,  incallire,  il  mio 
stomaco  la  fame,  le  sofferenze  temprare  a  tutto;  ma  io  sono 
felice,  felice  felice  .  .  . 

Mamma,  babbo,  fratelli  miei  io  baciaro  tutti,  ma  voi, 
pragate,  pregate  per  me  C. 


-     15    — 

passieren  einige  „Entgleisungen"  ins  Dialektische  —  Ent- 
gleisungen, die  dem  Sprachforscher  lieb  sind  —  an  Stellen, 
denen  der  Schreiber  weniger  Aufmerksamkeit  schenkte, 
oder  bei  Wörtern  und  Formen,  die  er  für  schriftsprachlich 
hielt  oder  ohne  die  er  überhaupt  nicht  auskommt.  So 
wird  der  Venezianer  oder  Triestiner  des  tönenden  Zisch- 
lautes s  vor  der  dritten  Person  des  Verbums  „sein"  (se 
statt  italienisch  6)  nicht  entraten  können,  er  schreibt  aber 
nicht,  wie  die  literarische  Tradition  gebietet,  xe,  sondern, 
wie  er  hört,  indem  er  allerdings  den  akustischen  Unter- 
schied s  in  se  „wenn"  und  se  „er  ist"  vernachlässigt. 
Ebenso  wird  man  in  norditalienischen  Briefen  ein  Sub- 
stantiv parintä  „Verwandtschaft"  (statt  parentela) 
finden,  das  sich  deshalb  durchsetzen  konnte,  weil  es  nach 
metä,  cittä,  etä  gebildet  war.  So  gibt  eigentlich  der 
volkstümliche  Brief  nicht  so  sehr  ein  Bild  des  Dialektes 
als  das  des  Kampfes  des  Dialekts  mit  der  Schriftsprache. 
Wie  man  in  einer  modernen  Grosstadt  mit  liebevollem 
Kennerblick  die  alten  Gässchen  und  Häuser  aufsuchen 
muss  ,die  von  modernen  Bauten  verdrängt  und  überwuchert 
werden,  so  findet  sich  in  verborgenen  Winkeln  das  alte 
Dialektgut,  das  die  nivellierende  .Schriftsprache  noch 
nicht  zu  überdecken  vermochte.  Immerhin  gibt  es  einige 
lebenskräftige  Dialekte,  die  sich  noch  nicht  dem  tyran- 
nischen Einfluss  der  Reichssprache  gebeugt  haben.  So 
schreiben  die  Friulaner  (deren  linguistische  Zugehörig- 
keit bekanntlich  umstritten  ist)  und  die  Sarden  (das  Sar- 
dische  wird  ja  neuerdings  als  separate  Sprache  neben 
das  Italienische  gestellt)  ihre  fast  unbeeinflusste  Volks- 
sprache, oft  auch,  um  die  Zensur  zu  täuschen,  sie  wie 
eine  Geheimsprache  handhabend.  Unter  den  eigentlichen 
Mundarten  des  Italienischen  erscheint  vor  Allem  das 
Triestinische,  das  Neapolitanische  und  das  Sizilianische  in 
schriftlicher  Fixierung.  Der  Triestiner  schreibt :  No  staga 
bazilar  =  „non  si  dia  pensiero",  der  Neapolitaner  ge- 
braucht:   condendo,    sendire,    sordo   statt    „contenta, 


~     ]G     — 

«entire,  soldo"  und  der  sizilianische  Brief  verrät  sich  durch 
•das  i  im  Auslaut  der  im  Italienischen  auf  e  endenden 
Wörter:  cani  statt  „cane",  amari  statt  „amare".  Aller- 
dings darf  hier  eben  infolge  der  stets  entgegenarbeitenden 
Einflüsse  der  Schriftsprache  und  des  wenig  stabilen  Wort- 
bildes, das  für  den  Öchriftungewandten  charakteristisch 
ist,  nicht  auf  einheitliche  Wiedergabe  des  Gehörten  ge- 
rechnet werden:  Der  Neapolitaner  wird  also  im  selben 
Brief  sendire  und  contento,  vielleicht  sogar  im  selben 
Wort  bald  contendo,  bald  condento,  condendo  oder 
•contento  schreiben,  da  in  seinem  Sprachbewusstsein  zwei 
Formen,  die  schriftsprachliche  contento  und  die  dialek- 
tische condendo  um  die  Herrschaft  streiten,  ein  Kampf, 
der  nach  der  einen  oder  der  andern  Seite  oder  durch 
Kompromissbildungen  entschieden  wird.  Man  wird  daher 
dem  Schriftbild  keinesw^egs  unbedingt  trauen  und  die 
Dialektform  nur  unter  der  Kontrolle  linguistischer  Vor- 
kenntnisse hinnehmen  müssen.  Den  Sprachforschern  ist 
schon  längst  die  Anarchie  bekannt,  die  in  den  Schreibungen 
der  Auslautvokale  im  Neapolitanischen  und  in  den  süd- 
lichen Dialekten  herrscht:  da  diese  in  der  gesprochenen 
Sprache  verstummt  sind,  andererseits  dennoch  das  Vor- 
bild der  Reichssprache  mächtig  ist,  so  tauchen  in  der 
JSchrift  alle  möglichen  Auslautvokale  auf,  die  selbstver- 
ständlich auch  nicht  den  Schein  einer  Berechtigung  haben: 
Man  beachte  im  folgenden  aus  Mauthausen  nach  Monte- 
falcone  (Prov.  Benevento)  gerichteten  Brief  die  falschen 
Auslautvokale: 

„Amattissimo  mia  Peppine  Viscrive  questa  letera  per 
farvi  sapere  la  mie  notizio  e  per  oro  unotima  salute  bene  e 
cosi  spere  divoio  e  di  tutto  le  nostre  famiglie  che  ildio  ci- 
deve  farstare  bene." 

Um  zu  demonstrieren,  wie  linguistische  Vorkenntnise 
unbedingt  zur  sprachlichen  Interpretation  eines  Dialekt- 
textes notwendig  sind,  setze  ich  den  Rest  des  Briefes  un- 
verändert her: 


—     17    — 

poi  mia  mata  sposa  miavete  mandante  addire  che  volete 
sapere  una  cosa  di  tutto  da  qui  io  non  Vipozo  farvi  sapere 
une  Sana  cosa  diniendi  perche  noi  stiami  dendro  la  terra 
•straniere  e  quelle  ella  Canzione  che  noi  non  potimo  riceve 
notizio  primo  che  ci  troviame  londane  essecondarrio  luoco  le 
stracine  e  io  avo  molto  tebbo  che  non  ai  notizio  micrete 
iestracene  che  io  Vio  spedito  5  Cartolino  e  ai  ricevuto  una 
lettere  e  appene  che  lai  ricevuto  che  misono  messe  allegio 
■e  io  sono  rimasto  molto  aflito  nellegere  la  tuva  letere  le 
mie  occhio  sissono  abbagnata  di  lacrimo  che  mi  trovo  molto 
londane  della  nostra  famiglia  che  mi  volarebbe  truvare  un 
•solo  momento  alle  nostra  casa  inzieme  alla  nostra  famiglia 
.ma  non  occhefare  solo  cideve  metere  le  mane  Iddio  fare 
lapace  Ella  Virgine  Delcarmine  che  cidesso  saluto  e  nessuno 
oipotra  metere  le  mane  per  farvi  lapaci.  e  basto  e  poi  mi- 
facite  sapere  se  il  tuvo  padre  allasciato  letterre  essi  mavite 
venduto  il  muletto  e  vifo  sapere  di  mandarmi  unaltro  poco 
<iimunete  che  qui  cifa  dibisogno  e  basto  Vi  salute  avoio  mia 
amata  peppine  essalute  i  miei  genitoro  saluto  ivostre  genitore 
.saluto  i  miei  frattello  e  sorello  saluto  il  mio  cognato  Ag- 
gostino  e  suva  famiglia  saluto  il  tuvo  fratello  e  suva  famiglia 
sallute  zio  e  zio  salute  il  nostro  combare  e  comare  e  tutto 
la  nostra  mecizio  e  mifai  sapere  addove  si  trovo  il  mio  co- 
^nata  Aggostino  e  mi  fai  sapere  il  mio  cabbagno  Francesco 
di  m.  puro  addove  sitrovo  e  mi  faisapere  tutto.  ettermino 
lalettera  rimitentto  i  miei  distinti  salute  chevenchene  da 
tanto  londano  salute  e  bace  e  sono  il  tuvo  amato  sposo 
sembre   Viame    D.  F.  eccuanno    ritorno    ti    coconde  rai  tutto 

Wir  bemerken  als  Kennzeichen  süditalienischer  Mund- 
art ausser  der  schon  erwähnten  Reduktion  der  Auslaut- 
vokale und  dem  Wandel  von  nt  zu  nd  auch  den  Wandel 
von  mp  über  mb  zu  einem  leicht  nasalierten  gedehnten  b, 
<ias  unser  Schreiber  manchmal  durch  Doppel-b  (tebbo 
=  „tempo",  cabbagno  =  „compagno")  bald  durch 
mb  wiedergibt  (combare  =  „compare",  sembre  = 
^«empre").  Der  akustische  Eindruck,  den  der  rein  phonetisch 
schreibende  Verfasser  dieses  Briefes  wiedergeben  will,  ist 
offenbar  ein  Mittelding  zwischen  mb  und  bb.  Ohne  diese 
Interpretation  wäre  der  Widerspruch  zwischen  den  beiden 
Schreibungen  unlösbar. 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  2 


—     18     - 

Ein  weiterer  Gegensatz  scheint  zwischen  der  schrift- 
lichen Fixierung  des  schon  erwähnten  Nexus  nt  in  niendi^ 
dendro,  londano,  racconderai  und  rimitentto  (=ri- 
mettendo)  zu  bestehen.  Wir  haben  hier  mit  der  in  der 
Sprachwissenschaft  bekannten  Erscheinung  der  umge- 
kehrten Sprechung  resp.  Schreibung  zu  rechnen:  weil  in 
der  Schriftsprache  einem  süditalienischen  nd  oft  nt  ent- 
spricht, wird  dort,  wo  nd  in  der  Schriftsprache  am  Platze 
ist,  ein  pseudoschriftsprachliches  nt  eingesetzt,  zugleich 
in  konfuser  Weise  das  tt  von  rimettere  an  falsche 
Stelle  gestellt.  Der  Gegensatz  zwischen  quanno  (= 
quando),  in  dem  nach  südlichem  Brauch  nd  zu  nn  ge- 
worden ist,  und  mandare,  ven  du  to  ist  ebenfalls  aus  dem- 
schwankenden  linguistischen  Bewusstsein  des  Schreibers  zu 
erklären.  Wenn  es  facite  (aus  einem  ursprünglichen 
dialektischen  Typus  facete  statt  fate),  avite  mit  zu  i 
gewandeltem  e,  tuvo  statt  tuo,  pozzo  statt  posso,  ri- 
ceve  statt  ricevere,  ai  statt  ho  =  „ich  habe",  crete 
statt  credo  mit  d  zut,  munete,  truvare  mit  unbetontem 
o  zu  u,  inzieme  mit  ns  zu  nz,  una  sana  cosa  = 
„irgendetwas"  (ursp.  „eine  ganze  Sache")  heisst,  so  sind 
das  lauter  Eigentümlichkeiten  südlicher  Dialekte.  Im  all- 
gemeinen schreiben  die  Süditaliener  mehr  unter  dem  un- 
mittelbaren phonetischen  Eindruck  ihres  Heimatsdialektes, 
die  Ober-  und  Mittehtaliener  mehr  unter  dem  Einfluss 
lokaler  Tadition.  Vergl.  noch  den  folgenden  Brief  nach 
Poli  d'Aquila: 

Abrile  20.  1917. 
Miacara  moglie  vidolemie  buonenotizie  io  fino  algior- 
doggi  coteuna  perfetta  salude  e  nello  stesso  denpopero  che 
sio  anche  intierotella  notro  famiglie  anchetei  notre  ginidorö 
mia  mata  moglie  io  sonomotte  condette  chea  stesse  miarive 
quelloche  mi  spetisse  perriquarda  allapotte  lariceve  continiva 
mente  e  dipiuanche  anchei  pacche  della  corce  rosse  dibologge 
rnivenconorico  larmette  sigidatte  il  bonomette  apacare  che  cosi- 
vabeno  qualche  pacche  dacase  etipiu  quello  della  corcerosso 
sonobattano  mia   caramoglie   quellopacco  che  miavedo  spelido. 


—     19     — 

ilmeso  di  febbario  dacaso  non  ancore  laricevude  maspero  che 
fargiorno  che  loriceve  ma  nonperne  sunocoso  perrivete  riilpane 
della  notracasa  e  tipiu  quande  io  velomatte  achiedre  nonpiu 
diuno  oduealmeso  mapero  pirinno  chesono  ri  ceude  quello  non- 
chie  douuoaldro  perche  iozoche  porde  speso  dunchemia  cara- 
moglie  sonorice  udeanche  unvoglie  dilire  ventiginqelire 
25  il  mesodi  febbaio  dipiu  il  me  sodia  cottelanno  corzie  io 
midorvevo  allope  dale  ecosi  sonori  ceude  un  vaglio  dilire 
vettoe  20  secome  allo  spedale  cidaveno  unpola  votto  diquella 
moneda  dopeunpo  digiorno  misono  pordate  vio  allpotte  diqancen 
dramemd  eecosi  sono  aude  sotelireseo  il  retto  spoche  dorno- 
seno  0  indiedro  dutte  lasomme  sono  lire  31  miacaramoglie 
sperianne  che  quello  satte  giorno  dello  sattopace  miacaro 
Moglie  nonpiu  chedörde  unsalude  condiveroquore  daltuo  Morido 
saludele  nodrefiglie  einotre  cenidore  dutte  inodre  conpare 
dutte  difamiglie  Nonpiu  chidirde  ridon  a  saludavivoe  e  Midico 
persem  per  il  duo  Marido.  G.   S. 

(tt  =  It,  nt,  st,  nd,  Vok.  +  r  =  r  +  Vok.) 
Nun  eine  Probe  für  den  Triestiner  Dialekt: 

Fami  sapere  come  che  se  con  le  nostre  veccie  osterie 
come  che  se  con  el  Pappagal  L'Africa  tre  pompieri  e  la  luna 
6  dopo  la  luna  che  andavimo  oltre  el  ponte  rosso  e  so  per 
la  piana  della  Borsa  la  andove  che  alla  matina  sintivamo 
zigar  a  venti  al  chilo  le  babe  che  vendeva  zerlese  de  soto 
le  finestre  e  dopo  prima  che  vado  via  varda  sulla  finestra 
che  sia  qualche  dun  che  no  me  vedi  e  varda  ti  e  varda  mi 
me  tocava  primo  de  andar  via  meza  ora  de  manovra  su  e  zo 
per  la  camera  cussi  scrivime  tutto  quello  che  ti  dimando  in 
questa  lettera  .  .  .  mi  dici  che  stai  in  pensiero  che  no  mi  sia 
caduta  qualcosa  o  che  non  sia  amalto  perche  tinsogni  che 
son  morto  o  che  sono  imbriago,  quei  la  cara  Giutta  quei  se 
boni  insogni  segno  che  go  vita  longa  non  sta  bazilar  che  non 
moriremo  se  anche  staremo  via  magari  un  ano  uno  del  altro 
ma  vegnera  el  giorno  che  saremo  ancora  insieme  magari  de 
qua  cento  anno  ma  saremo  ancora  una  volta  felici.  Tu  mi 
dici  che  ieri  ai  visto  0.  e  che  la  ga  un  altro  fio  de  cinque 
giorni  dio  ge  dagi  magari  ogni  6  mesi  uno  cussi  non  man- 
chera  mai  omini  e  anche  tu  mi  dici  che  la  sta  de  casa  vizin 
de  ti  ma  no  te  medesima  andove  che  te  sta  ma  forsi  col 
tempo  te  me  dira  .  .  .  Non  pensare  ä  me  che  son  morto  perche 
prima    de    morire    abiamo    ancora    de    Divertirsi  adio  Coragio. 


—     20    — 

Ti  saluto  e  strasaluto  ti  raccomandodi  fare  giudizio  di  non 
fare  barufa  con  tua  mamma  perche  mamma  se  uno  solo  quando 
manca  quello  manca  tutto. 

Hier  ist  alles  Dialekt,  die  Laute  (de  statt  di,  el  statt 
il;  veccie  statt  vecchie;  varda  =  guarda;  fio=figlio; 
vizin  =  viciuo;  ano,  meza  =  anno,  mezza),  die  For- 
men (mi,  ti  =  me  te;  zo=giü-,  ge=gli;  dagi  =  dia;  an- 
davimo  =  andavamo),  die  Vokabeln  (zigar,  babe, 
imbriago=ubriaco,  insogni=sogni  nach  dem  Verbum 
insognare  gebildet,  bazilar),  die  Syntax  (divertirsi 
statt  divertirci,  e  varda  ti  e  varda  mi  im  Sinne  von 
„und  da  schaute  ich  hin  und  her  .  .  ."),  Stilistik  (ti  sa- 
luto  e   strasaluto) und   Weltanschauung.     Man 

beachte  auch  hier  das  Schwanken  zwischen  zwei  Ortho- 
graphien (ano  —  anno,  zo  —  so). 

Schon  aus  diesen  Proben  erhellt,  dass  in  gewissen 
Dialekten  schriftliche  Fixierung  der  mundartlichen  Eigen- 
tümhchkeiten  eher  im  Schwang  ist  als  in  andern,  wo 
mit  dem  Moment  des  Schreibens  sofort  auch  die  Schrift- 
sprache gegeben  ist.  So  weist  das  dalmatinische  Italienisch 
eine  fast  einheitliche  kroatische  Orthographie  auf.  Sebe- 
nico — Genua: 

Na  25. /X.  1915.  Karo  mijo  fratelo  Tefaco  Sapere 
Keson  Sano  iteli(?)  tefaco  Sapere  keSon  Mi  vegnuta  aprome^o 
per  sette  gorni  teigracijo  keti  mega  strito  sta  alegri  Karo 
frattelo  tesaludo  mi  e  tuta  nostra  familija  adijo  fradelo  speto 
resposta. 

Der  j-Laut  in  adijo,  das  s  als  Entsprechung  des 
italienischen  s,  das  c  =  italienisch  z  (igracijo  =  rin- 
grazio),  k  =  c  und  ch  vor  e  (karo,  ke),  g  =  italienisch 
gi  (gorni  =  giorni),  all  das  ist  der  kroatischen  Ortho- 
graphie entnommen.  Der  Laut  g  wird  in  manchen  Fällen 
durch  ein  eigenes  Zeichen  dargestellt:  h: 

Wien,  an  eine  Virginia  (geschrieben:  Vröinia)  in 
Spalato : 

Oricevuto  la  Korispondenza   e  o  Kapido   tuto   kvel  che 


—    21     — 

skrivi  noj  Tuti  uniti  stiamo  bene  e  speriamo  Un  simile  anche 
di  voj  tuti  uniti  Ariguardo  di  il  padre  luj  sta  Molto  bene 
soltanto  il  vino  Manka  e  resto  tuto  abiamo  il  Karlo  e  molto 
rimesso  e  lungo  il  ga  krompa  il  vestito  e  la  Kana  luj  ezö 
superbo  KoS  tu  vol  luj  Non  ga  pensieri  kvanto  noj  e  pasien- 
za  Pasera  anche  kvesto  a  riguardo  di  Bepo  ega  skrito  duve 
kartoline  e  stiamo  per  risponder  date  notizia  di  marija  noj 
abiamo  ricevuto  vostra  Notizia  a  riguardo  di  mia  molja  ori- 
cevudo  notizia  preso  La  vostra  Letera  Mama  se  inkonbi- 
nazion  la  molja  ge  okorese  kvalke  pikolo  Soldo  ti  prego  dage 
10  nota  e  mi  Ti  pagero  kvando  ritorno  tu  daj  Ke  mi  nongo 
njente  ke  la  kroza  Di  Dio  mama  skrivime  kome  e  E  se  la  ga 
kvalke  kosa  dela  sorela  Dela  madre  non  dimando  del  Rospo 
Ma  kvela  ßeca  mi  pagera  Non  far  uzo  njente  Ke  mi  Ti 
Strivo  kvesto  Sta  saver  kvela  Bracana  Vekia  odiossa  Non  mi 
resta  altro  ke  salutar  A  tuti  uniti  e  korabio. 

Man  sieht  aus  diesen  zwei  kroatisch-italienischen 
Briefen,  wie  jeder  Brief  gewissermassen  sein  eigenes  Al- 
phabet, seine  eigene  orthographische  Norm  hat  und  daher 
aus  sich  heraus  interpretiert  werden  muss,  wie  der  gleiche 
Laut  sogar  in  derselben  Korrespondenz  ganz  verschieden 
geschrieben  wird:  ku,  gu  bald  ku,  gu  (riguardo),  bald 
kv,  gv  (kvando),  s  bald  s  bald  s  (scrito,  skrivi),  skr 
bald  skr,  bald  str  (skrito,  strito).  Ricevuto  wird  bald 
wie  im  Italienischen  mit  c  bald  wie  im  Slavischen  mit 
c  geschrieben.  Ein  Offiziersdiener  in  Sibirien  in  einem 
Brief  nach  Bottornya  (Ungarn)  schreibt  den  c-Laut  wie- 
der c  (recevuda),  den  j-Laut  in  mio  bald  j  (Russija) 
bald  y  (mya,  molyya).  Manchmal  greifen  slavische 
Schreibgewohnheiten  in  die  italienische  Schreibweise  ein: 
Eine  Frau  in  Lovrana  nach  West- Australien  „Mi  spero 
sula  Modona  de  trsato  ke  mome  ritrovava  le  trce  feste 
de  Natal."  Nachdem  Tersatto  die  Wiedergabe  des  kroati- 
schen Trsat  ist,  wurde  umgekehrt  ein  italienisches  terze 
durch  ein  kroatisch  orthographiertes  trce  wiedergegeben. 
Hierher  gehört  auch  das  obenerwähnte  Vriöinia. 

Im  Allgemeinen  wird  ein  Minus  an  Schulbildung  ein 
Plus  an  Kühnheit  im  Nachschreiben  des  Gesprochenen  zur 


—     22     — 

Folge  haben.  Nur  ein  von  schriftlicher  Kultur  Unbeleckter 
hat  den  Mut,  die  von  ihm  gesprochenen  Laute  frank  und 
frei  wiederzugeben,  wie  der  Schreiber  folgender  nach 
Roncegno  Valsugana  gerichteter  Zeilen  getan  hat: 

y,Io  de  fago  shavere  ge  io  medrofo  a  Kansk  bresoniero. 
lo  me  drofo  sliano  ma  shon  sta  a  Losbitale  un  Meshe.  Io 
de  shaluto  gon  danti  baci  e  shaluti  del  duo  Amico  C.  B. 
mili  baci  angoro  shula   tua  boga  adio  adio  adio. 

Die  Vertauschung  der  harten  und,  weichen  Laute 
(osbitale,  danti,  gon,  boga),  die  Aussprache  von  v  als 
f,  der  Wandel  von  s  zu  s  (geschrieben  sh),  das  alles  ist 
uns  aus  der  Sprechweise  der  Südtiroler  wohlbekannt,  aber 
wohl  wenige  haben  sich  so  kühn  über  die  ehrwürdige  alt- 
ererbte klassische  Orthographie  hinweggesetzt.  Vgl.  noch 
Tambov  (Russland)— Feldkirch  (Vorarlberg): 

„Io  wenco  con  questa  mia  Kartolina  col  varwi  sapere 
ge  sto  pene  e  il  simele  sbero  di  woi  duti  assieme  duta  la 
Familia." 

Auch  hier  die  Vertauschung  der  harten  und  weichen 
Laute,  aber  das  novum  einer  vom  Deutschen  beeinflussten 
Orthographie  (Kartolina,  wenco,  varwi).  Noch  weiter 
geht  in  dieser  Beziehung  ein  Kgf.  in  Russland  im  Brief 
nach  Caldaro  (Südtirol): 

„Carissimi  Tschenitori  Mi  tschaba  5  Kartoline  tante 
grazia  per  tuti  Kartoline,  mi  sta  san  cosa  ance  per  noi  dige, 
mi  sto  sempre  strago  tanto  laborare  e  jento  maignare  e  basta 
tera  tira  i  caricola  tera  e  va  strade,  tschaba  sempre  suppa 
de  Kapusi  e  suppa  dei  Pesi  jento  zucker  e  jento  kaffe 
30  omini  tschapa  cosi  tante  carne  come  un  zeisig  ma  los  des 
il  amico  perdere  sempre  ades  sgribe  in  della  follia  e  piansere 
tuti  gvatro  jento  vale  e  pel  bere  quel  le  wale  tuti  signori 
de  amico  gai  bioki  jente  sgarbi  e  ance  manche  la  montur  e 
il  tabako  costa  prima  18  e  ades  48  il  vostro  filio  G.  tanti 
saluti  a  tuti  dre." 

Dieser  Brief  zeigt,  wie  dem  niederen,  auf  rein  mate- 
rieller Basis  ruhenden  geistigen  Niveau  ein  trostloser  Sprach- 


—     23     — 

'5:ustand  entspricht:  der  Schreiber  kann  sich  nicht  mehr 
zu  einer  richtigen  Darstellung  emporringen,  er  setzt  gleich 
einem  der  Sprache  unkundigen  alle  Verba  statt  in  ein 
bestimmtes  Tempus  in  den  Infinitiv,  er  mischt  deutsche 
Wörter  in  seine  rudimentäre  italienische  Rede  (zuck er, 
Zeisig,  montur).  Vor  allem  interessiert  uns  hier  das 
Schwanken  zwischen  verschiedenen  Orthographien  für 
denselben  Laut:  bald  wird  tschaba  bald  tschapa  ge- 
schrieben, bald  ance,  bald  manche,  bald  vale  mit  v, 
bald  wale  mit  w,  ferner  die  Übernahme  deutscher  Ortho- 
graphie: (tschenitori,  wale,  tabako,  kapusi)  und 
die  Vermeidung  der  italienischen  (jento,  gvatro, 
filio),  endlich  die  Verwechslung  von  harten  und  weichen 
Lauten  (tschenitori,  gvatro,  dre,  strago,  sgribe). 

Linguistisch  hochinteressant  ist  der  deutsch-italie- 
nische Mischdialekt  einer  Karte  aus  Schwaden  an  einem 
Flüchtling  aus  Florenz: 

Cara  A. 
I  machas  bissan  che  bior  alle  stian  gerecht  on  osö  spe- 
rarbar  von  auch  o.  Balda  dar  A.  is  partirt  vo  da  issar  gant 
gerade  catria,  on  zem  chatar  gevuntet  Sp.  o.  Dunque 
seandre  Zboa  sain  cherta  gebest  potnandar.  Dopo  dar  A.  chat 
gemacht  fenta  zaina  Crantz  allora  chansen  gelatgian  in  per- 
messo  dunque  er  is  Amezzolonbardo.  in  compagnia  patar  T. 
on  stian  alle  gerecht.  Dar  B.  is  petin  telefon,  On  Sp. 
is  no  cherta  Cartria  ina  cansellaria  is  steat  propio  gerecht 
zem.  On  se  sogetarn  sraiba  ma  de  cartolin  gian  fin  bo  da 
is  la  censura  on  dopo  sem  formarn  sase.  Dunque  nempas 
cuana  pasion  ombrom  se  stian  alle  gerecht.  Steat  di  coraggio 
che  palle  geabar  chuam.  Da  noi  tutti  saluti  e  baci  special- 
mente  da  A.  e.  P.  äff  vostra  0. 

Oft  entwickelt  der  volkstümliche  Schreiber  ein  so  fein 
phonetisches  Gehör,  dass  die  traditionelle  Orthographie 
ihm  nicht  genügt^  Eine  oberitalienische  Mutter,  die  den 
Klang  des  Wortes  „Bonbon"  im  Munde  ihres  Kindes 
nachahmen  will  (Mailand — Mauthausen),  schreibt  b umbog, 
was    so    ziemlich   an  die  Wiedergabe  des   französischen 


—     24     — 

Nasallautes  durch  ng  in  deutschen  Lehrbüchern  erinnert 
Den  nasalen  Beiklang  des  auslautenden  südtirolischen  n 
gibt  das  Schreiben  eines  Kgf.  in  Orlow  (Russland)  an  die 
Frau  in  Bozen  durch  m  wieder: 

Non  si  lavora  a  vela  ma  si  passa  la  giornata  lavo- 
rando  di  sega  di  manaroto  e  piu  semplicemente  a  dirla  en 
dialet  Rivam  taio  la  legna  come  da  noi  altri  fa  ogni 
vilam. 

Die  Verteilung  von  cu  und  c  im  Ital.  ist  in  ihrer 
historischen  Begründung  dem  einfachen  Mann  unbekannt  r 
er  schreibt  daher  bald  quore,  bald  cuesto;  ebenso  hei 
ch  und  c:  daher  schrivere  und  ance.  Während  meist 
eine  Konsequenz  in  seiner  naturalistischen  Schreibung^ 
fehlt,  stellt  er  oft  eine  Einheitlichkeit,  die  in  der  Schrift- 
sprache nicht  vorhanden  ist,  selbständig  her,  daher  da& 
häufige  Itaglia  nach  dem  Muster  von  famiglia,  aller- 
dings auch  umgekehrt  filio.  Schwierigkeit  macht  die 
Notierung  der  Diphtonge:  qui  erscheint  oft  als  ciu,  lui 
als  liu,  umgekehrt  piü  als  pui;  ein  Wort  wie  scrivere 
wird  sgri-,  stri-,  cri-,  gri-  geschrieben:  liegt  da  Schwer- 
sprech barkeit  oder  Schwerschreibbarkeit  des  Nexus 
skr-  vor  (bei  crivere  vielleicht  falsche  Rückbildung  nach 
Paaren  wie  stornare-tornare?)  Wir  haben  oben  schon 
erwähnt,  dass  der  Dialekt  in  bewusster  Absicht  nur  seltea 
angewendet  wird.  Die  natürliche  Gemütlichkeit,  die  dem 
Dialekt  günstig  ist,  fehlt  ja  im  Krieg,  anders  im  Hinter- 
land; ein  hübsches  Beispiel  hiefür  ist  der  Brief,  den  eine 
gebildete  Dame  aus  Mailand  nach  Klagenfurt  richtet :  Sie 
beginnt  in  der  Schriftsprache,  so  bald  aber  die  Intimität  und 
Verve  gewachsen  ist  geht,  sie  in  Dialekt  über: 

Egregio  signor  Adolf o,  Mentre  Le  scrivo  e  Le  comu- 
nico  che  lo  faccio  da  casa  mia  alle  ore  21,  i  riflettori  mili- 
tari vagano  per  il  cielo  e  cercano  di  scrutare  nello  spazio» 
e  neir  oscuritä  per  vedere  a  scoprire  qualche  cosa.  Per  la 
I  a  volta  a  Milano  si   teme  seriamente,  qualche  areoplano  o 


—    25    — 

qualche  bomba  malsana.  Speriamo  bene.  E  Lei  caro  solcla- 
tone  come  se  la  passa  ora?  E  tanto  dura  la  nuova  vita  ? 
Soffre  il  freddo?  Mangia  male?  Riceve  la  posta?  I  suoi 
naovi  compagni  Le  vogliono  bene  ?  A  Ziuola  ci  pensa  an- 
cora?  Non  ci  avrä  lasciato  il  cuore  eh?  Carissimo  amico, 
io  lo  voglio  sgridare  un  pö  sa?  Lei  dirä  che  sono  sempre 
la  medesima  prepotente,  ma  io  La  prego  di  perdonare  tutte 
le  mie  insolenze.  Io  voglio  darle  un  pö  di  botte  perchö  non 
scrive  piü.  Vergognia.  Non  si  dimentichi  di  Milano  sa.  E 
scriva  tutto  quello  che  puö  e  se  Le  e  appena  possibile  scri- 
vere  dettagliatamente  come  passa  le  sue  giornate  con  tutti  i 
minimi  particolari,  come  faceva  quando  era  a  Ziuola.  I  suoi 
stanno  troppo  in  pena  in  attesa  della  posta  e  una  parola  sua 
li  fa  contenti.  Se  ha  delle  cose  bru'ite  da  scrivere  scriva  a 
me  che  in  tutto  quello  che  mi  sarä  possibile  lo  aiuterö.  Si 
faccia  animo,  non  si  crucci  tanto  e  non  si  addolori  per  la 
lontananza,  stia  sicuro  che  i  suoi  stanno  tutti  bene  e  La  pen- 
sano  come  La  ricordo  io,  come  La  ricordano  i  suoi  cari  amici, 
sempre  affettuosamente  e  caramente. 

Le  raccomando  di  stare  allegro  di  non  abbandonarsi 
alle  malinconie  (Lei  e  tanto  facile)  che  il  diavolo  non  e 
brutto  come  tutti  lo  credono.  Glie  lo  assicuro  io  sa,  l'o  visto 
io  proprio  da  vicino  e  non  miha  fat^o  tanto  paura.  Ciap"u? 
L'e  semper  la  stessa,  sto  demonio  de  sta  fusa  chi.  Me  par 
de  sentil  mi.  Scimiotto.  Se  el  me  dis  ciapiu  .  .  .  io  ciapa 
sa?  Fem  la  pas?  Ma  si;  de  mes  una  bella  strengiudina  de 
man,  de  quei  quarantii,  e  con  tutti  i  me  auguri  de  tranquil'tä 
e  de  pas,  la  Colombina  che  la  inciuchi  de  rob  le  lassa  de 
per  la;  Coraggio  Bersagliere.  Avanti  Savoia.  Affettuo- 
samente Enrica  C.  Me  cunven  a  metela  in  la  busta  sta 
pora  cartulina  chi.  Se  ved  pü  gnanca  l'indirot.  Che  ci- 
ciarina  e. 

Während  im  schriftsprachlichen  Teil  Anfragen  und 
Nachrichten  herkömmlicher  Natur  stehen,  spielt  sich  hirter 
den  verschlossenen  Türen  des  Dialekts  eine  ganze  Ko- 
mödie des  geraubten  Kusses,  der  geheuchelten  Entrüstung 
und  der  gar  schnellen  Versöhnung  Colombinens  mit  ihrem 
Meneghin  ab.  Der  Dialekt  bildet  die  Wand,  durch  die 
der  unbefugte  Zensor  am  Erlauschen  süsser  Geheimnisse 
verhindert  werden  soll.  Liebessachen  werden  meist  im 
Dialekt  besprochen:  Mitterndorf — Bologna: 


2€ 


„Ti  guarantisco  che  questo  h  una  fortuna  inaspettata, 
percbö  non  ci  manca  nulla,  neanche  le  mule  (no  sta  creder, 
che  moro  devento,  se  te  fazo  un  corno)." 

Ähnlich  aus  gemütlicher  Plauderverve  heraus  ge- 
schrieben ist  der  folgende  venezianische  Brief:  Venedig — 
Mauthausen : 

Caro  zio,  mantengo  la  mia  promessa  e  te  scrivo  subito 
e  anzi  perch^  no  ti  gabi  da  perdar  l'abitudine,  te  fazo  lezar 
un  pochetin  col  nostro  bei  diaeto.  Ora  senti,  vogio  rispon- 
darte  una  seconda  volta  a  quea  cartolina  che  ti  me  ga  scrito 
al  31/8.  Prima  de  tuto,  vogio  dierte  che  so  ancora  un  po- 
chetin arabiä,,  perch^  no  la  se  maniera  quela  la  de  tratar  un 
povero  nevodo,  perch^  nol  te  scrive  de  spesso.  Lo  sO)  ti  ti 
se  smanioso,  ti  ti  se  rabioso  quando  no  ti  ga  nostre  notizie, 
ma  bisogna  che  ti  me  compatisi  anca  mi  perche  go  un  bruto 
difeto  de  no  voler  scrivar.  Na  sta  credar  che  la  sia  cativeria 
o  fiacheria  o  indolenza  come  ti  credi  ti,  questa  volta  proprio 
ti  te  sbagli,  perche  varda,  par  scrivar  una  lettara  £aso  in 
diese  scosi  la  mala,  e  in  altri  diese  la  bona,  proprio  perch6 
no  go  temparamento  a  star  tanto  cola  pena  in  man.  —  Depo 
ti  me  disi  de  privar  de  qualche  diese  minuti  una  qualche 
legiadra  Signorina  e  dedicarli  a  ti.  —  No  sta  aver  pasion,  che 
no  me  copo  no  per  lore,  e  dopo  cosa  vostu  che  te  conta, 
no  go  gnente  da  dierte  parche  qua  ]a  vita  se  sempre  la  so- 
lita.  Cine,  teatro,  cafö  a  far  una  partia  ae  carte  e  qualche 
mezz'ora,  proprio  per  straviarse  andarghe  drio  a  quelche  tosa, 
e  dirghe  qualche  dolse  parolina,  col  riscio  da  farse  anca 
mandar  a  remeng o.  —  Ma  ormai  noialtri  no  ghe  bademo, 
perch6  metemo  in  pratica  el  proverbio  che  dise :  che  dispreza 
compra;  e  alora  ze'sto  qua  el  momento  che  ti  tochi,  e  zozo 
per  ste  calete,  specialmente  adeso  che  le  scure  e  la  a  parlar 
quee  dolsi  paroe  che  ne  ga  insegnä  el  maestro  Amor,  fin 
che  para  qualchedun,  e  alora  te  toca  molarghe  sinö  la  lam- 
padina  eletrica  te  fa  far  maron.  —  Eco,  questo  que  ze  quelo 
che  poso  racontarte,  perche  altro  no  ghe  se.  —  No!  speta, 
fermite,  go  da  dierte  un'altra  roba,  sta  qua  se  proprio  bela, 
pecä  che  quando  ti  ti  vegnarä,  allora  se  finio  tuto.  —  Serte 
volte  se  ze  a  pasegio,  quando  tuto  in  un  momento  i  te  avisa 
che  ghe  se  i  Cocali.  —  Mi  no  savaria,  come  spiegarte,  el 
se  un  spetacolo  che  ze  proprio  pecä  a  no  esarghe  presenti.  — 
La  ti  vedi  gente  che  core  da  una  parte,  gente  che    core  da 


—     27     — 

l'altra,  mame  che  ciama  i  so  fioi,  tose  che  ciama  e  so  amighe 
e  noialtri  tosi  che  andemo  in  serca  de  un  per  de  bee  fie. 
per  pasar  in  alegria  soto  qualche  palaso  tuto  el  tempo  dea 
visita.  —  Ma  tuto  cio,  sucede  in  una  piü  sceta  alegria,  a 
vedar  tuta  ste  gente  che  core,  e  specialmente  e  ragazze,  che 
CO  la  moda  che  se  usa  adeso  dee  cotole  curte  fin  squasi  al 
zenocio,  ti  ghe  vedi  ste  bele  gambe  ben  tornie,  che  se  el 
momento  no  fusse  taiito  critico,  ghe  saria  da  perdar  la  testa.  — 
Apena  finio,  se  torna  fora,  e  la  se  ciacola  come  prima,  salvo 
ae  donete  che  e  ghe  ne  scominsia  a  tirar  fora  de  tuti  i  co- 
lori.  —  Dunque  adeso  sta  bon,  e  se  qualche  volta  mi  me 
intardigo  no  State  arabiar,  parche^  sinö  mi  me  stufo,  e  alora 
te  mando  in  m  alora  ti  e  la  volta  che  ti  ze  andä,  via.  — 
Varda  che  te  go  mandä  tre  libri  di  aritmetrica  e  geometria, 
e  dentro  qua  te  meto  una  mia  fotografia.  —  Spero  che  in 
un'  altra  letara  ti  me  contarä  qualcosa  anca  ti. 

Manchmal  sind  nur   einzelne  Worte  im  Dialekt  ge- 
schrieben, auf  die  aber  alles  ankommt  (Klagen  über  Hunger 
und  Behandlung,  politische  Anspielungen) :   Sigmundsher- 
'berg — Pontedecimo,  Genua: 
Caro   barba. 

Questa  lettera  che  ti  scrivo  la  farai  leggere  anche  a 
mio  padre.  Vi  dirä  che  sto  bene,  ma  che  perö  tö  nessu  u 
se  cred(dva  de  seccä  daa  bazinna.  Sarebbe  stata  brutta  depo 
aver  passato  tanto  burrasche. 

Ora  perö  va  meglio,  chan  aumen  ton  a  dose  da  sbaffa. 
Tu  ci  arresti  da  imparare  molti  paciüghi,  le  propriu  nu 
pecau  che  nu  ti  ghe  seggi. 

Qui  non  ci  manca  di  nulla  e  si  gode  di  una  discreta 
libertä,  semmu  in  t'un  pulä,  si  passeggia  e  si  discorre. 
C'e  modo  d'avere  lievi  occupazioni  per  ingannare  il  tempo  e 
tanti  sono  anche  mandato  fuori  a  lavorare  del  loro  mestiere 
coi  borghesi  Quelli  stanno  ancora  meglio  e  godono  piü  libert^ 

Tuo  nesso  e  sempre  in  partenza  e  non  parte  mai.  Spe- 
riamo   che  mi  tocchi  un  buon  posto. 

Ti  vedesci  che  spesie  de  babei  ghemmu  atturnu;  sei 
zoghemu  e  femmu  de  pans^  de  rie.     Che  deroscil 

Aspettiamo  con  ansia  la  pace  per  tornare  alle  nostre 
famiglie. 

So  che  a  sciä.  Sufia  a  so  arragia  e  che  vaa  e  pa- 
lanche  greche  e   a  me  scampu. 


-     28     - 

Salutami  tanto  le  tue  ragazze  i  miei  e  parenti  tutti, 
angela  P.   u  sciu  Giacamu  e  tutti  i  amici. 

Pensä  che  ti  ghe   tanta   roba  bunna   ca  te  va  in  malua ! 

Tante  cose  e  tanti  abbracci  dal  tuo  afP^^  nesso.. 

II  mio  indirizzo  preciso  fatelo  dare  a  casa  mia. 

Quel  che  piü  mi  rincresce  b  che  piü  non  ebbi  notizie 
di  voi,  dei  miei  fratelli  e  cugini  soldati.  Spero  perö  di 
presto  ricevere. 

Statte  bene  e  allegri  che  nuiatri  a  sustu  ghe  semmu. 
Saluti  affettuosi. 

Capuccini,  Novara — Sigmundsherberg : 

Caro  A.  intanto  di  dico  che  io  vado  nel  regg*^  di  tuo 
fratello  L.  73"^^  andia  mo  insiemi,  tammi  se  tracani  valop 
ö  muscin  se  sei  in  sahite  se  fa  freddo  o  caldo,  Caro  amore 
tamsui(?)  se  prende  le  maiunadi  si  o  no,  intanto  ti  dico  che 
devi  tapemi  se  vai  a  rusche  nella  anbruma;  perche  quando 
eri  in  gaarnigione  non  mi  ai  fatto  sapere  il  tuo  indirizzo  e 
tammi  se  sio  biAs  ai  palauru  del  nostro  magris  si  gilart. 
Amato  mio  A.  quando  sarä,  terminata  questa  guerra  allora 
si  faremo  una  bella  allegri a  tutti  insiemi  la  nostra  compagnia. 
Tralascio  da  scrivere  dando  dal  gilart  ai  sio  biäs,  col  salu- 
tarti  ricevi  i  miei  cordiali  saluti  e  affettuosi  baci  del  tuo  amico. 

Auch  sonst  dient  der  Dialekt  als  Geheimsprache: 
ein  Kgf.  in  Mauthausen  bittet  in  einem  Schre'ben  nach 
Turin  um  einen  geistlichen  Talar  und  mischt  zu  wieder- 
holten Malen  in  eine  erbaulich  klingende  Mönchsrede  an 
unauffälligen  Stellen  seines  in  der  Schriftsprache  geschrie- 
benen Briefes  die  Dialektworte:  ai  tentu  a  deila  =  io 
tento  a  dargliela,  womit  er  seinen  Angehörigen  in  der 
Heimat  die  Absicht  eines  Fluchtversuches  mitteilen  will. 
Ebenso  schreibt  ein  Kgf.  in  Mauthausen  nach  Bordighera 
am  Schlüsse  des  italienisch  geschriebenen  Briefes  die  Worte; 
vein  a  scapa.  In  dem  Buch  über  die  Umschreibungen 
der  Hungerklage  haben  wir  dem  Geheimmittel  des  Dialekts 
häufig  begegnet.  Als  Beispiel  die  folgende  Aufzählung 
des  Kgf. -Menüs:  Magyarövär — Novara,  Piemont: 

Me  car  Socis.  It  mandi  sto  strasc  at  carta  par  fat  save 
che  mi  sto  ben,  at'  salut,  ma  perö  non  stuma  mia  tirä,   man 


—    29    — 

dal  mangia  sidino  son  pastij.  Sent  eh.  la  matin  la  sveglia 
Vb  i4^/,  —  da  culazion  al  ghe  brot  at  patati,  al  lavar  ai  6  —  dopu 
al  ghe  al  puse  dificil,  un  quart  da  pan  cal  sarä,  dusent  grama, 
di  pu  al  ge  un  meschl  at  versi  bruschi,  e  mangia  li  brut 
purcie,  a  la  una  al  lavur,  e  la  sera  da  mangia  al  ghe  un  bei 
mescul  ad  brot  da  fasoi.  sempar  cundi  cun  l'aria. 

Besonders  gern  schrieben  sich  Kgf.,  die  miteinander 
in  einem  Stammlager  waren  und  an  verschiedene  Arbeits- 
orte geschickt  wurden,  im  Dialekt,  weil  sie  wussten,  dass 
diese  Korrespondenz  mit  besonderer  Aufmerksamkeit  von 
der  Zensur  gelesen  wurde:  Bosn.-Novi— Mauthausen: 

Caro  amico  T.,  e  unnaffare  serio.  Fa  molto  freddo,  e 
tutt  idi  i  calan  almang^.  Ades,  alpost  dal  po,  amdo  meschila 
ad  patac  A,  speruma  che  prest  i  smeton  la  guercia,  ie  una- 
buem.  Posta  non  ho  ancora  havuto,  solo  una  cartolina  della 
casa  del  prigioniero.  Pacchi  niente.  Saluti  tutti  i  compagni. 
vos  amico  L. 

Bemerkenswert,  wie  Eingang  und  Schluss  der  Karte 
in  Schriftitalienisch,  gerade  die  Hungerklage  im  Dialekt  ist. 
Ausdrücklich  wird  die  geheimsprachliche  Funktion  des 
Dialekts  hervorgehoben:  Szeged— Treviglio,  Bergamo: 

E.  me.  Ta  scrie  nel  nost  dialet  per  fat  sai  che  due 
sa  troe  me  ma  fa  pati  la  fam  e  ma  fa  de  toc  i  laur  se  ta 
fudesset  an  due  satroe  me  ta  restet  in  cantada  E.  ta  ma 
eviiset(?)  po  se  so  Eredo  se  o  no  ma  da  an  chilo  de  pa  an 
quater  de,  Se  garie  avegn  a  ca  te  cunte  tet  che  1  eo  pasat 
me  la  salut  sto  be  ma  go  fam  ta  salude  te  e  basi  to  A. 
Salut  la  to  Famiglia  e  la  me  Salut  toc  A. 

Ähnlich  die  Verwendung  des  Dialekts  in  dem  Schreiben 
aus  Barcis,  Udine  an  einen  Kgf.  in  Ungarn :  vor  und  nach 
dem  Dialektstück   stehen   rein  schriftitalienische   Zeilen: 

Ma  ades  a  le  in  dal  statu  magiour  parcio  che  i  non 
posse  savei  i  arioplani  ceche  e  te  dis  e  te  serif  par  Barcian 
Nosta  pentite  che  tu  sos  a  vui  pareche  a  qui  ande  quang 
che  i  slungia  la  cigherete  G.  de  f.  L.  de  C.  Gr.  de  t.  B. 
della  C.  V.  della  s.  i  son  due  a  porta  infri  colla  compagnia 
granda  ehe  i  sgialda  le  galoze  a  ciö  ehe  i  ge  esse  le  breche 
dunque  eenza  tangaltri  che  tu  savaras  angia  tu. 


—    so- 
was hier  die  areo plan i  sind  im  folgenden  die  tugnit 
(zu  Toni  »Dummkopf):   die   Österreicher:    Mailand— Sig- 
mundsherberg: 

Carls.  Carlo, 
Dal  Ronchetto  ti  saluto  caldamente  unito  tutto  ai  tuoi. 
Sem   cuntent   che   ta   ste   ben   e   chet   amparat  a  fa  ul 
paisan.     Quanda  che  i  nost  pican  da  maledet  e  che  prest  la 
mucaran  li. 

Cola  speransa  de  prest  vedet  a  cä  anca  mö  per  vedö 
se  ta  set  diventaa  gras  o  magar  e  save  se  i  tugnit  ta  da 
mangä,  a  see. 

Te  scrivi  in  dialett  per  ved6  se  anca  te  ta  set  bun  da 
scrif  in  sei,    cula  speranza  che  i  tuguit  abbia  a  capi    nient. 
De  nof  te  saludi  e  ti  ricondi  cugiuo. 

Ähnlich  inmitten  italienischen  Textes:  Mamojada, 
Sassari — Mauthausen: 

E  zai  damus  intesu  ises  semperamidu  in  cada  litera  pe- 
dinde  coccone  pare  vrigonza  ande  mostrare  a  una  persona^ 
ma  basta  che  ti  arrivi  sono  contenta  per6  di  timo  prus  de 
ora  i  ustis  minore  i  vinias  dae  oras  pane  pane  ima. 

Dialektworte  finden  sich  meist  eingeschwärzt  unter 
Namen-  oder  Adressangaben  (vgl.  Sestadecan  als  Name 
oder  Sevadeben  in  mei  (Milano)  il  20  agosto  1916 
als  Datum). 

Ich  füge  noch  ladinische  Texte  aus  Gröden  (Wengen — 
Russland)  an:  meist  begann  das  Schreiben  in  deutscher 
Sprache,  sowie  auch  die  Schrift  deutliche  Anklänge  an 
die  sog.  deutsche  Kursivschrift  zeigte. 

(14./6.  16.)  Chil  da  nos  ele  russi  che  lava  la  campagnia 
e  ne  pü  de  eres  il  tempo  le  buon  mo  tunang  aldung  ogni 
de  da  nna  o  da  altra  pert 

(9./1.  16.)  Chile  Laval  elh  Russi  fant  ben  dlung  che 
laora  la  campagna  col  laor  fescens  beng  saori  ma  ta  vodom 
stara  ben  mal  ell^  dütt  desfat  casa  campagnia  e  la  sgente 
dütta  sampada  ma  nos  so  sumpa  ben  sigus  da  chi  bomberd 
töto  pos  pa  ben  ester  content  che  tes  pie  se  todes  pa  tanti 
de  storpia  e  de  mort  cal  n  resta  e  chi  pa  se  dure  fan  e  fredo 
plens  de  piedli  e  insoma  chai  i  mör  da    düttes    les   miseries 


-     31     — 

mo  el  sara  ben  presch  na  fin  sen  eile  ben  tgi  ste  il  D^ 
cha  scrit  mo  in  sa  nia  te  tgi  pöst  chel  e  IIa  Rusia  el  e  belle 
de  Mai  un  Jahr  cal  e  pie  .  .  . 

(12./11.  16.)  Jo  ricenta  tüs  cert  il  I.  scri  itje  dala 
Rusia.  0  se  le  saveses  tji  meseries  chal  epa  tel  Austria  chila 
vendi  tütfc  caro  mo  tij  che  mas  muri  da  fam  mo  ang  spera 
chera  se  finese  prest  i  vodomi  ne  napa  plü  na  casa.  ne  ste 
pa  a  davei  festidi  de  nos  sun  sans  en  .  .  .  . 
(Übersetzung  von  einem  Einheimischen): 

.  .  ,  Qui  da  noi  vi  sono  Russi  che  lavorano  la  campagna 
e  non  puoi  credere  il  tempo  ö  buono,  ma  tuonano  continua- 
mente  ogni  di  da  una  e  dall'  altra  parte  .  .  .  cui  a  la  Valle 
i  Russi  fanno  tutti  i  lavori  di  campagna;  coi  lavori  abbiamo 
ben  finito,  ma  a  Livinallongo  la  sara  ben  magra,  e  tutto  dis- 
fatto  casa  campagna,  e  la  gente  e  tutta  fuggita,  ma  noi  qui 
siamo  ben  sicuri  dai  bombardamenti;  tu  puoi  ben  esser  con- 
tento  che  sei  prigioniero  .  .  .  Quanti  di  storpiati  e  di  morti 
qui,  poi  si  patisce  fame,  freddo,  e  pieni  di  pidocchi  e  insomma 
si  muore  di  tutte  le  miserie;  sarä  ben  vicina  una  fine; 
.  .  .  Ho  ricevuto  le  tue  cartoline;  l'I.  scrive  anche  dalla 
Russia.  Oh  se  tu  sapessi  le  miserie  che  sono  qui  in  Austria; 
qui  si  vende  tutto  caro  .  .  .  morir  di  fame;  si  spera  che  si 
finirä  presto;  quei  di  Livinallongo  non  hanno  piü  una  casa. 
Non  Stare  a  darti  fastidi  di  noi,  siamo  sani. 

Oft  genügt  ein  Wort,  um  einen  ganzen  Brief  unver- 
ständlich zu  machen,  Isle  of  Man — Fiume: 

Speriamo  che  questa  guerra  finirä,  presto,  ma  che  vadi 
pure  avanti  coi  poperdilli.  fino  che  noi  altri  ritorniamo.  perche 
noi  tutti  abbiamo  un  poco  di  ginastica  bisogno  e  forse  se 
tutto  va  bene  speriamo  di  fare  un  poco  di  ginastica  coi  po- 
perdilli scrivi  se  hai  ricevuto  questra  lettera. 

Durch dasjDialektwort (poperdilli;  zu  pappardelle) 
=  „Italiener"  konnte  der  Brief  die  englische  Zensur 
passieren. 

Alle  möglichen  gehässig  klingenden  Namen  sind  noch 
bei  der  österreichischen  Bevölkerung  für  die  Italiener  in 
Verwendung  :  ,.Nudeln"  (wie  argotfranz.  m  a  c  a  r  o  n  i 
„Italiener"):  paparelli  mit  Anklang  an  papar  „fressen": 
Braunau — Omsk  : 

a  Dro  nulla  di  nuovo,  ai  paparelli  toca  fare  come  i  gamberi. 


—     32     — 

tagorni  (Katzenau — Feldpost): 

speriamo  che  li  tagorni  non  abiano  stivali  per  pasare  il  T. 

cipolle  (Budweis— Omsk): 

Questa  volta  ti  parlerö  come  germogliano  le  cipolle 
da  noi.  Hanno  germogliato  alla  Madonna  del  Monte,  e  cosi 
piü  sopra  e  piü  sotto.  lo  perö  spero  sempre  clie  ad  onta  di 
tutto  noi  lo  rivedremo  ancora  il  nostro  paese. 

Predazzo— Russland : 

Qui  pare  he  un  poco  tempo  la  luce  siachara  le  ciole  e 
tempestate  entrano  a  finire  di  niangiarle. 

In  einem  Schreiben  im  Grödener  Dialekt  heisst  es 
„Guani  je  sul  konvin  de  kel  da  la  polenta"  ,Joh.  ist  an 
der  ital.  Grenze'. 

Pignatte  (Katzenau — Wien): 

Speriamo  che  terminera  adesse  le  pigniati  che  le  beca 
per  il  tabacco. 

Zigoloti   (zu   zigär  ,schreien*):    Sasso,   Villa  Laga- 

rina — Kirsanof  f : 

Ora  addeso  mi  dice  che  parte  da  la  e  va  sempre  piu 
vicino   ai  zigoloti. 

Gar  er  i  =  Steinbrucharbeiter:  Soldat  in  Galizien — 
Kirsanof  f : 

In  questo  anno  ö  maleditto  1  milione  di  volte  i  nostri 
convisini  ossia  i  carere  se  non  fossero  statti  quelli  sarebe 
unpezo  che  saressimo  al  nostro  nif. 

,Schirmhändler' :  Pergine,  Südtirol— Katzenau: 

Qui  si  sta  bene.  Li  ombrellari  vanno  avanti  come  i 
gamberi.      (Gli  stä,  proprio  bene  suo  danno.) 

Ich    füge   hier   einen  Text   in  Tarom,    der    altsulz- 
bergischen  (aussterbenden)  Geheimsprache,  an,  den  ein  in 
Russland  kgf.  Soldat  nach  Bozzana  (Sulzberg)  gerichtet  hat: 
Slonz^)  dai  nosi  giani. 

Tavec^)  mastin  ^)! 
Topi*)  con  sta  sfoiosetta^)  lusa  a  slacarti^)  che  i  peri 

1)  Zu  dtsch.  iands-.  2)  Zu  tabanus,  vgl.  lucca.  tanucchio 
jjunger  Bauer*.  3)  Zu  mansuetinus.  4)  Vgl.  span.  topar, 

^treffen'  dtsch.  topp!        5)  sfoiosa,  vgl.  furbesco  sfogliosa  ,Brief'. 
€)  Vgl.  die  oberital.  lagare-Formen  statt  lasciare. 


—    33    — 

dal  nos  Slonz  i  stanzia  massini  Tavegi  e  mastinere.  Stapises^)? 
Slachine  se  al  to  gian  stanzia*)    mastinera   e   se   i   smerg  da 
sbatar  lus  o  mastin.     Smergine  anca  al  to  gian  na  sfoiose  e 
slaca  se  stanzies  mastin  col  cobi^)    e    quel   che   i    smerg   da 
sbatar,    le    sfoiose    che    as    smergiu    al   to  gian  le  e  topade. 
Ciufaras  ben  le  sfoiose  che  ta  smergin  noi  tavegi.  Slachighe 
alla  pera  dal  nos  Slonz  che  al  to  gian  stanzia  mastin. 
To  Tavec  pu  ciosp. 
Übersetzung: 
Paese  dei  tuoi  zii. 

Parente  caro! 
Vengo  con  questa  breve  cartolina  a  dirti  che  tutti  quelli 
del  nostro  paese  (parenti)  sono  sani.  Comprendi?  Sappimi 
dire  se  dove  ti  trovi  la  va  bene  e  se  ti  danno  da  mangiere 
male  o  bene.  Manda  anche  al  tuo  zio  una  cartolina  e  digli 
se  stai  bene  col  dormire  e  quello  che  ti  danno  da  mangiare, 
le  lettere  che  hai  mandato  al  tuo  zio  sono  arrivate.  Rice- 
verai  bene  anche  tu  le  lettere  che  ti  mandiamo  noi  parenti. 
Di'alla  gente  del  nostro  paese  che  al  tuo  zio  va  bene. 
Tuo  parente  piü  vecchio. 

Wolhynien — Katzenau : 

Ancha  n  de  sti  slonzi  la  stanzia  lussin  cola  sbasofia, 
el  mochin  seu  ciapa  en  packet  ogni  des  di.  No  sgomentirte 
ehe  al  bindoc  ghe  stanzia  amo  splozeri  en  tiragna  come  i 
slaca  i  bacani  ne  percheu  prest.  Se  scrives  a  Baita  salu- 
dime  '1  Ciospe  e  le  manie.  Ricevi  tanti  basi  e  na  strengiuda 
de  tapine  dal  to  Tavec  Bindoc.  Riverisime  el  Bindoc  e  i 
Cobisi  e  tutti  i  giani. 
Übersetzung: 

„Anche  in  questi  paesi  la  va  male  coi  veri,  di  tabacco 
si  riceve  un  pacchetto  ogni  10  giorni.  Non  darti  pensiero  che 
al  frate  ci  sono  ancora  soldi  in  tasca  (=  che  il  frate  ha  ancora 
danari;  tiragna  propr.  =  calzoni)  come  dicono;  contadini  ne 
riceviamo  presto  (?).  Se  scrivi  a  casa  salutami  il  vecchio 
(=  padre)  e  le  donne.  Ricevi  tanti  baci  ed  una  stretta  di 
mani  dal  tuo  fratello  frate  e  riveriscimi  il  frate,  i  preti  e 
tutti  i  peasani." 


1)  zu  furb.  8 1  a  p  1  r  ,e8sen'. 

2)  stanziar  =  stare  im  Furbesco. 

3)  =  cubium. 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe. 


—     34     — 

Wo  nicht   absichtlich  gewählt,   wächst   der  Dialekt 
aus   einer  gewissen   Stimmung   heraus.     Übermannt  den 
Triestiner  die  satirische  Laune,  so  wird  er  seinen  Humor 
am  besten  in  der  durch  die  heimische  Satire  längst  tra- 
ditionell gewordenen  Mundart  entfalten;   so   schreibt  ein 
Anonymus  an  „S.  P.  R.  (=  Senatus  Populusque  Romanus?) 
mani  di  Re  Vittorio  Emanuele  Italia  via Svizzera  urgente": 
„Caro  Vittorio  mi  scometto  Toio  mio  che  nessun  triestin 
se  ricorderä  de  augurarte  el  tuo  onomastico  che  se  ai  23  sti 
fioi  de  cani  i  te    se    poco   riconoscenti   e   no  i  se  ricorda  de 
alto  che  del  23.  si,  ma,  quel  de  Magio  ....  sieche  i  vol  dir 
che  questi  due  23  se  per  ti   come  fava    e    bobba   tutto    una 
roba  in  tal  caso  i  ga  aboli    el   tradizional   13  .  .  .    e   resta  il 
tuo  lumaro  .  .  .  Se  te  sentissi  toio  mie  cossa  che  i  te  disi  .  .  ► 
a  mi  me  casca  tante  volte  le  lagrime,   solo  pensando    che    ti 
povaretto    te    se    affanni    tanto    per  .  .  .    redimerli.     Credimö 
Vittorio  che  con  sta  gente  se  come  lavarghe  la  testa  a  l'asino, 
per  questo  mi  te  consiglio  de  ciapar  le  tue  strazze,    barache- 
e  buratini  e  andar  a  casa  tua  se  no  sti  mascalzoni  sta  certa 
che  saria  capazi  de  darte  una  piada  nell'  inesprimibile." 

Wie  in  der  antiken  und  modernen  Literatur  gewisse 
literarische  Gattungen  an  eine  gewisse  Sprache  gebunden 
sind  (man  denke  an  die  altgriechische  Chorpoesie  im  do- 
rischen, die  epische  im  achäischen,  die  Geschichtsschrei- 
bung im  jonischen  Dialekt  oder  an  die  mittelalterliche 
lyrische  Sprache  par  excellence,  das  Provenzalische),  so 
ist  hier,  bei  den  bescheidenen  Elaboraten  der  Privatkor- 
respondenz, auch  in  gewissem  Masse  die  Stilrichtung  des 
Schreibens  auf  dessen  Sprache  von  Einfluss. 

Es  lohnte  die  Mühe,  an  der  Hand  unserer  Belege 
nachzuprüfen,  welche  Dialekteigentümlichkeiten  in  die 
schriftlichen  Aufzeichnungen  übernommen  werden,  welche 
nicht:  denn  offenbar  ist  das,  was  der  Schreiber  an  Dialek- 
tischem des  Niederschreibens  für  würdig  erachtet,  von  ihm 
als  korrekt  schriftsprachlich  angesehen  worden.  Wenn 
z.  B.  in  einem  Schreiben  nach  Udine,  das  sonst  in  passabler 
wenn  auch  schlecht  orthographierter  Schriftsprache  ge- 
schrieben  war,  sich  der  Satz  fand: 


—     3R     — 

ma  se  mi  vedete  in  facia  nianche  non  mi  conosete  se 
sono  cuelo  di  prima  prima  ora  cua  sono  restate  dorne  pele  e 
ossa  sono  calato  in  chili  dopo  stato  in  licensa. 

SO  wird  klar,  dass  doroe  ,nur*  als  schriftsprachlich  er- 
achtet wurde. 

Wir  haben  hiermit  schon  einen  weiteren  Überblick 
gewonnen.  Aus  den  Briefen  naiver,  stilistisch  ungeschulter 
Menschen  lässt  sich  unendlich  viel  Sprachpsychologie 
lernen.  Man  könnte  studieren,  welche  Wortkategorien  und 
Worttypen  ^)  vorzüglich  angewendet  werden,  welche  Be- 
griffe und  Worte  w^ahrhaft  volkstümlich  sind,  wie  die 
vielfältigen  Mischsprachen  (vgl.  die  obigen  Süd  tiroler  Briefe), 
die  Standes-  und  Geheimsprachen  zustande  kommen  usw. 

Scherzhafte  Augenblicksbildungen  wie  magramen- 
tissime  (statt  magrissimamente),  benissimomone 
(offenbar  =  benissim-one)  oder  sua  moglieribus  (statt 
moglie),  taffiatoribus  ,Essen^  zu  taffiare  sind  auch 
in  der  volkstümlichen  Literatur  anzutreffen. 

Manchmal  können  wir  aber  Sprachvorgänge  unmittel- 


1)  Besonders  obszöne  Bilder  und  Vergleiche,  die  in  unseren 
prüden  Wörterbüchern  nicht  erscheinen,  komraen  in  der  Korrespon- 
denz vor:  so  fand  sich  saluti  alla  tua  bicicletta  mit  einem 
bicicletta  ,natura  della  donna^  das  sich  aus  folgender  Wendung 
erklärt:  (ein  ital.  Kgf.  an  einen  Soldaten  in  Italien): 

mi  trovo  nella  mischia  di  300  e  passa  regazze  Morave, 
cicine  a  buon  mercato,  taconä  come  mui  di  monte.  Ogni 
giorno  si  fanno  dei  lavori  diversi,  e  quando  ai  voluntä.  di 
montare  in  bicicletta  ne  prendi  una  per  il  gollaro  ricamato 
e  SU  el  muset. 

Das  Wort  folle  ,Blasebalg*  erscheint  oft  obszön:  Kor- 
respondenz zweier  Kgf.  in  der  Monarchie:  Povero  rossa  se 
dovessi  aspetare  a  me  quanto  lungo  che  ci  viene  il  follo 
della  sua  armonica!,  was  eine  glänzende  Stütze  für  Brondals 
Vermutung  ist,  dass  das  romanische  f  o  1 1  i  s  , verrückt'  auf  ein 
erotisch  gefasstes  follis  zurückgeht:  allerdings  muss  man  nicht  von 
der  Bdtg.  ,Börse',  sondern  angesichts  unseres  Beleges  von  , Blasebalg* 
ausgehen. 


k 


-     36     - 

bar  belauschen,  die  sich  gewissermassen  vor  unseren  Augen 
abspielen:  wir  gewinnen  Einblick  in  die  Biologie  der 
Sprache.  Sehr  interessant  ist  es,  den  Gebrauch  der 
Fremdwörter  zu  verfolgen,  die  als  der  Volkssprache  urspr. 
fremde  und  doch  halbbekannte  Bestandteile  gar  sehr  miss. 
handelt  zu  werden  pflegen:  Mauthausen— Corbara,  Salerno: 
ölte  vi  prego  di  non  star  in  organismo  che  cio 
non  sono  ricevuto  ancora  nulla  .  .  .  io  nentre  non 
riceve  la  sua  Notizia  sto  molto  inorganismo,  wo 
w^ohl  orgasmo  in  der  Bedeutung  ,Aufregung-  vorge- 
schwebt haben  muss. 

Bezeichnungen  von  abnormalen  oder  dem  Gewöhn- 
lichen entgegengesetzten  Erscheinungen  sind  für  das  Volks- 
erapfinden  negativ:  daher  werden  sie  gern  durch  ein  hyper- 
trophisches negierendes  in-  ,un-^  ausgedrückt:  ein  indif- 
ficile  mag  sich  aus  difficile  -f-  impossibile  erklären, 
aber  auch  dadurch  verschuldet  sein,  dass  im  ItaL  das 
Paar  facile- difficile  nicht  mehr  in  so  engem  etymolo- 
gischen Zusammenhang  steht  wie  im  Lat.,  und  dadurch 
dass  possibile  und  impossibile  in  manchen  Fällen: 
gleichbedeutend  wurde:  Belgrad— Brescia:  fate  il  possi- 
bile per  mandarmi  pacchi  oder rimpossibile^).  Nun 
aber  auch  noch  incrudele  (fra  questi  ingrudeli  terre 
straniere)  =  crudele  -|-  in-  umano  und  informida- 
bile  (Eisenerz — Bologna:  La  fanu  6  enformidabile). 
Eine  Bildung  wie  indistintalmente  (noch  normalmente 
etc. :  Brief  nach  Massanzago,  Padua)  zeigt  eine  ähnliche  Er- 
scheinung wie  frz.  confus6ment.  Häufig  ist  die  Kon- 
struktion e  con  piü...  piü  ,je  mehr  —  desto  mehr*. 
(Katzenau — Böhmen:  e  con  piü  male  la  va  e  piu  sano 


,1)  So  sagt  denn  auch  an  einer  Stelle,  wo  von  einem  ,das 
Unmögliche  möglich  machen'  nicht  die  Rede  sein  kann,  ein  Kgf. 
(nach  Sarmato,  Piacenza):  facete  piü  presto  che  sia  in  possi- 
bile. Oder  impossibile  Umsetzung  aus  che  non  sia  possi- 
bile, wo  non  expletivisch  gebraucht  wäre  wie  sonst  in  Vergleichungs- 
sätzen? 


—    37     — 

livento,  Sigmundsherberg — Mailand:  Con  piu  dura  b 
da  prova  piu  grande  sarä,  la  consolazionje), offenbar 
eine  Kontamination  aus  coli'  andar  piu  male  ...  piü 
sano  divento  +  piü  male  va  piü  sano  divento. 

Für  „Adresse"  finden  sich  in  Italienischen  die  beiden 
Wörter  indirizzo  und  direzione.  In  einem  Brief  lese 
ich  nun  die  aus  beiden  entstandene  Form  indirizione, 
in  einem  andern  die  auf  gleiche  Weise  entstandene  dl- 
rizzo.  Solche  Bildungen  heissen  in  der  Sprachwissen- 
schaft Kontaminationen:  Das  Lautbild  zweier  gleichbe- 
deutender und  anklingender  Wörter  (oft  genügt  auch  bloss 
eine  dieser  Bedingungen)  verschwimmt  im  Bewusstsein 
des  Sprechenden  und  das  Resultat  ist  eine  Mischbildung, 
die  von  beiden  Mutterwörtern  etwas  geerbt  hat.  Ebenso 
sind  (syntaktische)  Kontaminationen,  Konstruktionen  wie: 
termino  di  scrivere  col  augurando  buone  feste 
natalizie  (=  augurandovi  +  coir  augurarvi)  oder: 
vengo  a  te  con  queste  mie  due  righe  onde  a  farti 
sapere  (=  onde  farti  sapere  +  a  farti  sapere). 
Manchmal  treffen  wir  Kontaminationsbildungen,  die  nur 
momentan,  durch  Entgleisung  des  Brief  Schreibers  im  Augen- 
blick des  Schreibens,  zustande  kamen.  Auch  diese  sind 
nicht  uninteressant,  insofern  solche  okkasionelle  Konstruk- 
tionen, wie  die  Sprachgeschichte  lehrt,  zu  habituellen 
werden  können.  So  finde  ich  schon  die  Konstruktion: 
abbiamo  sempre  paura  che  anche  noi  di  non 
acquistarli  piü  (Roverö  dellaLuna— Volterra,  Toscana), 
die  offenbar  =  di  non  acquistarli  piü  +  che  anche  noi 
non  li  acquisteremo  piü,  oder  e  speriamo  anehe 
di  voce  di  popolo  che  per  questa  primavera  di 
ritrovarsi  fra  le  braccia  della  mia  famiglia  (Maut- 
hausen— Sarnico  Bergamo)  zu  häufig,  als  dass  ich  sie 
als  momentane  Schreibfehler  ansehen  könnte.  Wenn  ein 
Kgf.  nach  Lurago  d'Erba,  Como  schreibt:  i  miei  soni 
eano  felice  e  tranquilitä,,  so  ist  wohl  die  Ablösung 
dines   -itä   vom    Stamm   vorauszusetzen:    felic-e  trän- 


—  •  38     - 

quilitä  (vgl.  die  vollkommene  Verselbständigung  von 
Ismo,  accio,  die  im  Ital.  zu  Substantiven  geworden  sind). 
Ist  hier  das  Suffix  als  gemeinsamer  Bestandteil  zweier 
Worte  nur  einmal  gesetzt,  so  pflegt  es  andere  Male  in- 
folge einer  Art  Trägheit  gehäuft  zu  werden,  wenn  zu  einer 
Liste  gleichartiger  Bildungen  noch  mehrere  Neubildungen 
hinzugefügt  werden:  Katzenau— Polesella,  Rovigo:  non 
siamo  che  una  manica  di  instupiditi  incretiniti 
inpocondriti  misantropiti  ecc.  ecc,  wobei  auch  eine 
Präfixhypostasierung  (in-pocondriti)in  Anschluss  an  die 
vorhergehenden  in -Bildungen  eintrat.  Eine  Neubildung 
zeigt  oft  an,  dass  die  entsprechende  schriftsprachliche 
Bildung  nicht  recht  volkstümUch  ist:  statt  ignoranza 
bildet  ein  südlicher  Schreiber  ignoranditä.  Wenn  in 
oberital.  und  österr.-ital.  Briefen  zwischen  potere,  volere 
und  dem  abhängigen  Infinitiv  sich  die  Präposition  a  ein- 
schiebt (potremo  a  vedersi,  voglio  a  sperare), 
eine  sogenannte  Analogiebildung  nach  cominciare  a, 
esser  sforzato  a,  etc...,  so  ist  das  eine  habituelle 
Wendung,  aber  eine  gegenwärtig  noch  okkasionelle 
wie  arci  che  stufo  statt  arcistufo  in  einem  Brief 
nach  Triest,  nach  dem  Muster  von  presse  che  stufo, 
meno  che  stufo  gebildet,  könnte  einmal  habituell w^erden: 
ein  ben  che  =  ,pressoch6^  habe  ich  aus  der  Kgf.-Kor- 
respondenz  in  meinen  Aufsätzen  zur  romanischen 
Syntax  und  Stilistik  S.  378  belegt,  womit  sich  hello 
che  (das  ich  einerseits  in  Pitre's  Archiv io  22,  473  si' 
bei  che  sassinö  'siete  rovinati,  spaccati' und  beiNiceforo- 
Sighele,  La  mala  vita  a  Roma  S.132  che  si  la  „trotta" 
(pattuglia)  passa  qua  vicino  e  „sgama"  (guarda)  la 
porta,  semo  belli  che  scoperti,  andererseits  aus 
einem  Kgf.- Brief  nach  Cividale:  seno  [senza  pacchi] 
sisarebe  bei  che  morto  kenne)  und  giä  che  (Brief 
nach  Canavese,  Turin:  aveva  trovato  un  bei  merlo 
e  Taveva  gia  che  inlevato)  vergleicht. 

Der   von   Salvioni  Note   di    dialettologia   corsa 


-     39     - 

S.  846  erwähnte  Typus  eines  Infinitivs,  der  asymmetrisch 
parallel  einem  mit  se  eingeleiteten  Bedingungssatzt 
steht,  findet  sich  nach  unseren  Briefen  auf  weiterem 
Gebiet:  Wr.-Neustadt— Pradamano,  Udine:  se  vk  avanti 
<iosi  e  fare  ancora  qualche  inverno  quäpercerto 
SU  novanta  nove  probabilita  forse  sarä  una  che 
io  faccia  a  tempo  a  rivedervi,  ein  Kgf.  nach  Fab- 
biano,  Lucca:  se  vuoi  che  mi  mantenga  sano,  e  un 
giorno  poterci  riunire  i  nostri  cuori.  So  dient  die 
Kgf.-Korrespondenz  zur  Erweiterung  der  geographischen 
Area  einer  Erscheinung.  Tobler  hat  in  seinem  Ver- 
mischten Beiträgen  zur  französischen  Gram- 
matik über  frz.  Dieu  possible  gehandelt  —  ich  kann 
ein  ital.  Dio  pazienza  aus  einem  Brief  aus  Pirano, 
Istrien  beisteuern:  e  vorei  e  bramerei  dopo  lungo  e 
doloroso  tempo  vederti,  ma  Dio  pazienza:  offenbar 
nach  speriamo  Iddio,  das  aus  speriamo  in  Dio  ent- 
stand. In  meinen  schon  erwähnten  Aufsätzen  habe  ich 
aus  dem  Neapolitanischen  far  +  Verb  im  Infinitiv  im 
Sinn  des  einfachen  Verbs  belegt,  nun  Belege  aus  Briefen: 
nach  Troina,  Catania:  II  bisogno  mi  fa  ecitare  questi 
discorsi,  nach  Aviano,  Udine:  qui  e  aria  molto  fina 
che  fa  fare  molto  appetito.  An  englisch  without, 
berlinisch  mit  ohne  erinnert  ein  con  senza,  das  in 
einem  Brief  nach  Alessandria  sich  fand  (io  mi  ritrovo 
qui  con  senza  forsa)  und  mir  den  Schlüssel  zu  dem  von 
Salvioni  besprochenen  dialektischen  nzenza  zu  liefern 
scheint.  Au f  sä tzeS. 71  habe  ich  ein  spanisches  enfinque 
^endlich . . .'  mit  einem  von  einem  Verbum  dicendi  abhängigen 
que  belegt:  ähnlich  das  insomma  che  in  einem  Brief 
nach  Villafranca  d'Asti:  La  razione  di  pane  che  ei 
danno  e  di  trecento  e  cinquanta  grammi  al  giorno, 
«  poi  bisogna  vedere  che  qualitä  di  pane!  In- 
somma che  iPrigogneri  Italiani  inAustria  se  non 
fosse  dei  pacchi  non  saprei  come  farebbero  an- 
dar  avanti. 


I 


—     40    — 

Manche  volkstümliche  Korrespondenten  haben  Ver- 
ständnis für  derartige  linguistische  Erscheinungen;  die 
der  Kontamination  hat  eine  Frau  in  Lachiarella(?),  Mailand 
an  ihrem  Kinde  ausgezeichnet  beobachtet: 

Tante  volte  volle  chiamarmi  me  e  sbaglia  midice  mana 
e  tante  volte  volle  dire  nona  invece  di  noma  perche  liii 
voresse  dire  mamma  e  nona  asieme  e  per  quello  £a  questo- 
parlare. 

Wissenschaftlich  ausgedrückt;  mamma  +  nonna 
=  noma  oder  mana. 

Wenn  in  Briefen  oft  voglialtri  statt  voialtri  ge- 
schrieben wird,  so  ist  das  eine  sogenannte  „Attraktion". 
Das  nachfolgende  1  erzeugt  in  der  ersten  Silbe  ebenfalls- 
ein  1.  Wenn  nun  in  einem  Brief  sich  die  Form  vogli- 
antri  findet,  so  muss  offenbar  diese  die  Nachfolgerin  eines 
voglialtri  sein.  So  gestattet  das  Brief  material  oft 
Schlüsse  auf  frühere  Sprachzustände.  Im  sizilianischen 
Brief  heisst  „er  hat"  ave,  ein  schönes  Relikt  des  lat. 
habet,  während  ital.  ha  eine  ungewöhnliche  Verkürzung 
zeigt.  Der  Deutsche  heisst  in  Südtirol  todesco,  eine 
Form,  die  sonst  nur  noch  in  dem  Eigennamen  fortlebt^ 
während  das  Appellativum  heute  tedesco  lautet,  die 
aber  auch  die  altitalienische  gleichlautende  Wortform  fort- 
setzt. Das  in  südtiroler  Briefen  begegnende  Form  spa- 
ragnare  ist  eine  gute  altitalienische  Form,  die  sich  im 
Gegensatz  zu  ital.  risparm iare  aufs  beste  an  franz. 
6p argner  (mit  n)  anschliesst.  Endlich  denke  man  an 
das  ne  im  Sinn  von  ci  ,unsS  das  in  ungehobelten  Tiroler 
Briefen  gar  trecentistisch  anmutet.  Der  gewöhnliche  Brief 
erhebt  sich  so  zur  Würde  eines  ehrwürdigen  Bewahrers 
alter  Tradition. 

Der  Krieg  nötigt  alle  Menschen,  neue  geographische 
Begriffe  sich  anzueignen.  Die  dem  Volksbewusstsein 
fremden  Eigennamen  werden  nun  verunstaltet,  indem  An- 
klänge an  bekannte,  wenn  auch  sinnlose  italienische  Wörter 
auf  gut  Glück  versucht  werden,  ein  Vorgang,  der  Volks- 


—    41     — 

etymologie  genannt  wird:  Calzenao  statt  Katzenau> 
Secatina  =  „Szegedin"  mit  einem  ominösen  Anklang  an 
seccare,  Sigmundssterberg  statt  dem  Lagerort  Sieg- 
mundsherberg  weist  eine  volksethymologische  Anlehnung^ 
an  deutsche  Wörter  auf,  ebenso  Monte  di  Lausen  = 
„Mauthausen",  eine  Adressierung,  die  die  Verschickung  des- 
betreffenden  Briefen  nach  Italien  zur  Folge  hatte.  Das- 
Wort  Mauthausen  musste  sich  manche  Vereinfachung 
oder  Umstellung  gefallen  lassen:  Mautausa,  Taut- 
mausen. 

Die  Orthographie  spiegelt  oft  die  Art  wieder,  wie  int 
Volksbewusstsein  die  einzelnen  Wörter  verbunden  sind» 
Es  ist  eine  bekannte  linguistische  Tatsache,  dass  die  von 
der  Schule  gelehrte  Worttrennung  nichts  Ursprüngliches, 
sondern  ein  Produkt  der  Analyse  ist.  Naive  Schreibweise 
pflegt  daher  im  Bewusstsein  vereinte  Begriffe  auch  zu"^ 
sammen  zu  schreiben.  Ein  nach  den  Marche  gerich- 
teter Brief  beginnt  so: 

Venche  con  questa  lettera  perfarte  sapere  lotomi  bono 
statte  della  mia  salute  .  .  .  non  poi  sapere  11  dispiacere  il 
dispiacere  che  io  trovo  di  te  che  non  posso  ancora  ricevere  letue- 
notizie  .  .  .  io  tiscrive  ogni  settimana  e  non  posso  ricevere  letue- 
notizie  non  so  come  vanno  affenire,  Di  mia  Madre  o  recivute  una- 
lettere  e  una  cartolini,  E  dove  con  lalettere  mia  Madre  mi~ 
dice  che  aripresse  la  Caretta,  che  latrovato  a  ventere,  e  vo- 
lute  sapere  il  prezzi,  E  ore  con  una  cartoline  che  dove  mi- 
dicce  .  .  . 

Man  sieht,  gewisse  Verbindungen  sind  in  fast  ein- 
heitlicher Weise  zusammengeschrieben,  so  Präposition  mit 
dem  abhängigen  Wort  (perfarti,  dite,  affennire),  Ar- 
tikel und  Substantiv,  resp.  Adjektiv  (lotomi  =  Totti mo,. 
letue,  lalettere,  unalattere),  Pronomen  und  Verb 
(latrovato,  tiscrive,  midicce),  Copula  und  Partizip 
(orecivute,  latrovato).  Sehr  begreiflich  ist,  wenn  der 
elidierte  Artikel  eher  mit  dem  Substantiv  verschmolzen 
wird  als  der  unelidierte  (lotomi,  aberj  il  dispia- 
cere,   il    prezzi);    weil,!  eben   durch  das  Nichteintreten 


—     42     — 

•der  Elision  der  Artikel  il  eine  grössere  Selbständigkeit 
erlangt.  Dass  con  +  Subtantiv  stets  getrennt  wird,  a  + 
Subst.  aber  nicht,  erklärt  sich  ebenfalls  aus  der  grössern 
Lautfülle  der  ersteren  Präposition.  Vollkommene  Kon- 
sequenz kann  man  auch  hier  nicht  verlangen,  wie  a  ven- 
tere,  una  cartolini  zeigen.  Auch  non  posso  sollte 
Terbunden  erscheinen,  wie  in  anderen  Korrespondenzen. 
Wie  inbezug  auf  das  Bewusstsein  für  das  Zusammengehörige 
so  kann  die  Orthographie  auch  über  das  dem  Schreibenden 
Wertvolle  Aufschlüsse  geben.  Während  die  Schulgram- 
matik den  Gebrauch  der  Majuskeln  und  Minuskeln  nach 
bestimmten  Regeln  festlegt,  versieht  der  naive  Brief- 
schreiber alles  ihm  persönlich  Wichtige  mit  der  Majuskel. 
Der  Karren  ist  dem  obigen  Briefschreiber  wichtig,  daher 
wird  Caretta  durch  einen  grossen  Anfangsbuchstaben 
geehrt,  Personen,  hier  z.  B.  die  Mutter^  vor  allem  aber 
die  Gottheit  (die  Ildio  geschrieben  wird),  die  Madonna 
{es  wird  sogar  Madonna  Di  Trapani  geschrieben),  die 
Heiligen,  werden  ebenfalls  mit  der  Majuskel  bedacht. 
Dies  Prinzip  wird  von  einem  andern  rein  formalen  durch- 
kreuzt, dem  der  Grosschreibung  aller  Zeilen-  und  Absatz- 
Anfänge  (daher  Di  in  unserem  Brief)  oder  überhaupt  jedes 
einzelnen  Wortes  (es  gab  Schreiber,  die  nach  jedem  Wort 
Punkt  setzten,  so  dass  die  Majuskel  gewissermassen  be- 
rechtigt war).  Um  den  Affektwert  eines  Wortes  zu 
steigern,  wird  oft  die  Druckschrift  nachgeahmt,  so  schreibt 
«in  Kgf.  in  Mauthausen  nach  S.  Nicolö,  Lecce:  „MADRE 
AMADA,  adio",  indem  er  durch  die  monumentalen  Buch- 
staben die  Grösse  seiner  Empfindung  zu  malen  sucht.  In 
«iner  Karte  an  eine  mit  dem  Vornamen  Addolorata  heissende 
Dame  wird  der  Vorname  auf  der  Adresse  ebenfalls  in 
Druckschrift  geschrieben,  um  in  der  Empfängerin  einen 
schmerzlich  bedauernden  Nebensinn  anzuregen.  Die  Aus- 
«einanderschreibung  von  Buchstaben  soll  offenbar  längeres 
Verweilen  auf  einem  Wort  ausdrücken,  die  Aufmerksam- 
keit des  Lesers  länger  auf  das  künstlich  zerdehnte  Wort 


—     43     — 

bannen:  ba-ci-oni  oder  a  f  i  zio  nati  si  rao.  In  meinem 
Hungerbuch  kann  man  die  verschiedensten  Schreibungen 
-des  Wortes  Fame  (z.B.  Faame)  oder  seiner  Stellvertreter 
finden.  Ein  österreichischer  Kriegsgefangener  in  Russland 
schrieb  folgendes  Gedicht: 

Feiice  ritorno. 

Ed  ora  son  richiuso  alle  murate. 

E  cara  mia  madre  son  ritornato 

Ho  una  ferita  grave  e  insanguinata. 

Sia  maledetto  il  di  che  io  sono  nato. 

Leggi  queste  e  parole  scritte 

Con  sangue  mio 

Prega  che  il  cielo  vuole 

Prega  per  sempre  in  Die 

0  Madre  mi  i  i  i  aaa. 

Ritorno  da  battaglia,  o  madre  mia. 

Quando  verrä  quei  giorni 

Quei  giorni  piu  felici 

Un  di  passati  insieme 

In  compania  di  amici 

Ti  do  la  di  i  i  i  io. 

Die  Interpunktion  kann  zur  Erklärung  einer  Kon- 
struktion beitragen.  Bekannt  ist  die  italienische  Konstruk- 
tion: dormire  dormo  su  un  pagliericcio.  Da  haben 
die  Romanisten  zwei  Erklärungen  geäussert:  1.  das 
Verb  dormo  wäre  eingesetzt  statt  eines  faccio,  das 
gebraucht  wäre  wie  deutsch  „tun"  in  „schlafen  tue 
ich  auf  einem  Strohsack",  2.  es  handelt  sich  um  einen 
fragenden  Infinitiv:  „schlafen?",  auf  den  die  Antwort: 
„ich  schlafe  auf  einem  Strohsack"  folgt.  Die  Voraus- 
setzung der  Richtigkeit  der  zweiten  Erklärung  ist  eine 
Pause  nach  dormire  und  diese  Pause  wird  einwandfrei 
bewiesen  durch  die  Interpunktion,  die  eine  Frau  in  Wagna 
bei  Leibnitz  anwendet:  dormire:  dormo  su  un  paglie- 
ricccio.  Wie  ein  Apostroph  latente  Sprach  Veränderungen 
zeigen  kann,  habe  ich  in  Umschreibungen  etc.  gezeigt. 


~     44     — 

Von  allen  Interpunktionszeichen  ist  das  beliebteste^ 
weil  einfachste,  der  Punkt,  der  auch  inmitten  des  Satzes, 
sogar  nach  jedem  Wort  untergebracht  wird.  Als  Panazäe 
gilt  aber  der  Beistrich.  Die  meisten  Korrespondenten 
verwenden  gar  keine  oder  nur  eine  Interpunktion  (ent- 
weder Beistrich  oder  Punkt,  nicht  beide  zusammen).  Nur 
bei  nicht-behauptenden  Sätzen  tritt  ein  Frage-  oder  Ruf- 
zeichen ein,  wobei  wieder  meist  entweder  Frage-  oder 
Rufzeichen  (für  Ausruf  wie  Frage)  verwendet  wird.  Das 
Fragezeichen  deutet  nicht  nur  die  Frage,  sondern  über- 
haupt das  Dubitative,  die  Unsicherheit  an :  Magyarövflr — 
Martellago,  Venedig: 

Noi   siamo   sempre    col   pensiero    rivolto   alla   pace.   m£u 
non  sapiamo  nulla? 

Das  Nichtwissen  als  ein  Schwanken  zwischen  ver- 
schiedenen Möglichkeiten  wird  sehr  logisch  wie  eine 
Frage  ans  Schicksal  behandelt. 

Die  Unterstreichung  oder  die  Gedankenpunkte  sind 
sehr  beliebt,  besonders  wenn  ein  Wort  doppelsinnig  ge- 
fassf^ist,  eine  Abweichung  vom  gewöhnlichen  Sprach- 
gebrauch, eine  besondere  stilistische  Leistung  angedeutet 
w^erden  soll,  also  entsprechend  dem  Anführungszeichen 
oder  Kursivdruck.  Die  Klammer  dient  oft  als  Hervor- 
hebung. Fast  ganz  unbekannt  ist  der  Strichpunkt.  Ein 
typisches  Schreiben  ist  in  Bezug  auf  die  Interpunktionen 
das  folgende:  Innsbruck— Vailate,  Como: 

Innsbruch.  22  Gennaio.  1.  1916. 
Caro  Padre  senti!  Scrivo.  Itagliano.  0  Tedesco.  in  che 
Maniera  ricevo  mai  Niente.  Jo  in  conto,  di  quello  o  gia  fatto. 
diquistioni.  reclamare.  sempre  andar  a  Pariare.  come.  e^ 
scusate  non  sapete.  se  o  la  grasia  di  Ritornar.  sucede  qualche. 
cosa.  e  lö  facciö!  sei  Matto  :  dirmelo  se  sono  il  tuo  filio.  si 
0  nö.  a  veder  un  filio  in  queste  condisione.  aver.  di  bisogno' 
del  Pane.  non.  vi  chiedo  niente  daltro.  Pane.  e  non  man- 
darmelö!  b.  io  vedo  qui  che  ce  di  familie  e  anno,  venduto. 
il  letto.  Per  il  suo  filio?  guai.  guai!  e  non  Possio  di  Piü  a. 
spiegarmi.  guai.    sonö.  farei    un   giornale !    Per   farvela   capir 


—    45    — 

Bene.  o  che  siete  Morti!  piü  poverö  che  il  M.  Vedi  e  Pure. 
le  giä  quello.  di  4  Mesi.  che  riceve  Pane.  e  Pacchi  di  casa. 
0  Mai  creduto  che  fossi  stato  cosi.  e  pure.  Mandatemi  anche 
un.  gile.  fassoletti  calse.  Vedete.  e  Poi  Vedi  che  continua 
a  chiamar  elasso.  cosi  giovani.  Pensa.  manco  oi  me  quelli  al 
fronte  puö  scusare. 

Wie  der  Unterschied  zwischen  Bericht  und  direkter 
Rede  graphisch  nicht  markiert  wird,  zeigt  folgende  Schil- 
derung des  Todes  eines  Kriegskamaraden:  Sigmundsher- 
berg— Calciavacca,  Turin: 

Dunque  gli  notifico  che  il  giorno  10.  Giugnio  abbiamo 
fatta  la  vanzata  lui  e  ra  il  mio  fianco  sotto  i  riticolate  alla 
di  stanza  da  lora  10.  hö  15  metri  pleno  giorno  liu  midisse 
Matta  diamo  via  io  ciörisposto  mate  ti  lasie  perdere  troppo 
di  coraggio,  Cio  detto  senti  Rosso  diamo  via  questa  sera 
quando  sia  buio  cosi  non  siamo  colpite :  Lui  midisse  vado 
via  di  corsa,  a  fatto  10.  opure  15  metri  e  poi  sento  il  poro 
amico  Rosso  che  grida  ho  Mama  mia  miagamba  poi  non  lo 
sentito  piu.  Dunque  io  dopo  meza  ora  son  restato  prigioniere, 
e  liü  nonso. 

Diese  auf  gut  Glück  herausgesuchten  Beispiele  mögen 
beweisen,  wie  hohen  Wert  die  Briefe  für  die  Sprach- 
forscher haben.  Der  Literaturforscher  wird  in  den  Ab- 
schnitten über  die  Grussformen  und  in  den  Variationen 
der  Klagen  über  Hunger  reiche  Ausbeute  finden.  Ich 
schreite  nun  zum  eigentlichen  Thema,  der  Skizzierung 
der  Psychologie  der  Korrespondenzen. 

Vorläufig  sei  aber  noch  etwas  über  die  Art  der  An- 
führung von  Belegstellen  bemerkt.  Schon  in  den  obigen 
sprachlichen  Untersuchungen  zeigte  sich  die  Wichtigkeit 
der  Adresse.  Das  eine  Wort  Napoli  auf  der  Korrespon- 
denz eines  in  Mauthausen  Kgf.  orientiert  uns  sofort  über 
den  mutmasslichen  Dialekt  des  Briefschreibers.  In  dem 
Weltkrieg,  der  die  Völkerverschiebungen  liebt,  ist  bald 
die  Adresse  des  Empfängers,  bald  die  des  Adressaten  zur 
Bestimmung  der  Mundart  des  Schreibens  massgebend. 
Auch  für  den  psychologischen  Gehalt  des  Schreibens  sind 
die  Adressen  von  Absender  und  Empfänger  wichtig.    Zwar 


-     46     — 

Wäre  es  eine  Utopie,  eine  geographische  Abgrenzung  ge- 
wisser Empfindungsnuancen  zu  versuchen;  immerhin  be- 
gegnen wir  regionalen  Variationen  der  Empfindungen  und 
der  Ausdrucksweise  derselben,  z.  B.  im  Kapitel  über  die 
Grussformen,  so  dass  man  doch  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  von  „psychologischen  Dialekten"  sprechen  kann. 
Zum  Zwecke  der  Einheitlichkeit  wird  daher  bei  jedem  ein- 
zelnen Beleg  Aufenthaltsort  des  Absenders  und  de» 
Empfängers  genannt,  umsomehr  als  so  Aufschlüsse  über 
die  Stimmung,  aus  der  das  Schreiben  hervorgegangen  ist, 
gewonnen  werden  können.  Ein  Brief  aus  Mauthausen 
(Kgf.-Lager)  und  einer  aus  Katzenau  (Intern.-Lager)  sind 
in  ihren  Obertönen  so  verschieden  wie  Kgf.-  und  Intern.- 
Korrespondenz  überhaupt;  dort  hat  manchmal  Selbstzu- 
friedenheit im  Bewusstsein  erfüllter  Pflicht,  hier  Missver- 
gnügen im  (echten  oder  geheuchelten)  Bewusstsein  ver- 
folgter Unschuld  das  Wort.  Ein  Schreiben  eines  österr.- 
ital.  Kgf.  in  Malta  wird  ganz  anders  klingen  als  eines  au& 
Sibirien,  hier  spricht  das  Gefühl,  am  Ende  der  Welt  an- 
gelangt zu  sein,  dort  die  Freude  an  einer  schön  geregelten 
Lebensordnung.  Den  in  meinen  Aufzeichnungen  und  dem 
amtlichen  Bericht  enthaltenen  Namen  von  Empfänger  und 
Adressat  habe  ich  aus  Diskretionsgründen  unterdrückt. 
Die  Belege  selbst  sind  stets  wörtlich  in  der  Gestalt  des- 
Originals  mit  vollkommener  Beibehaltung  von  Ortho- 
graphie, Worttrennung  und  Interpunktion  angeführt,  erstens 
um  des  Prinzips  der  wissenschaftlichen  Treue  willen,  zweitens 
weil  durch  diese  äusserlichen  Dinge  ein  Kriterium  für 
das  Bildungsniveau  des  Schreibers  gegeben  ist,  drittens 
weil  oft  gerade  in  dem  Gegensatz  zwischen  feinem  Emp- 
finden und  ungehobelter  Schreibweise  ein  besonderer  Reiz 
liegt  (man  denke  an  unorthographische  Damenbriefe!). 
Den  letzten  Grad  der  Treue  dem  Original  gegenüber,  der 
in  Wiedergabe  der  Schriftzüge  bestände  und  auf  Kultur- 
grad wie  momentane  Stimmung  schliessen  Hesse,  müssen 
wir  uns  leider  versagen. 


—     47     - 

Die  Belege  sind  durchwegs  aus  volkstümlich  gehal- 
tenen Briefen  herausgehoben.  Wo  irgend  eine  Absicht 
literarischer  Einkleidung  der  Gedanken  oder  irgend  eine 
Beeinflussung  durch  Bücher  und  Zeitungen  bemerkt  wurde, 
habe  ich  Bedenken  getragen,  irgendwelche  Schlüsse  auf 
die  Volkspsyche  zu  ziehen.  Daher  wurden  (im  Gegensatz 
zum  Verfahren  im  Hungerbuch,  wo  der  Gebildete  wie  der 
Ungebildete  in  einer  umschriebenen  Form  seine  Empfin- 
dung mitzuteilen  suchte),  Offiziersbriefe  und  Korrespon- 
denzen gebildeter  Internierter  nur  ausnahmsweise  heran- 
gezogen. Ich  bin  mir  natürlich  darüber  klar,  dass  eine 
von  literarischen  Einflüssen  unberührte  schriftliche  Nie- 
derlegung von  Gedanken  ebenso  unmöglich  wie  eine  von 
gelehrten  Einflüssen  unberührte  Sprache  ist:  setzt  doch 
der  Gebrauch  der  Schrift  an  und  für  sich  schon  eine  ge- 
wisse Schulbildung  und  „Verbildung",  daher  Abkehr  vom 
rein  Spontanen,  Natürlichen,  Volkstümlichen  voraus.  Es 
w^urde  aber  nach  Tunlichkeit  getrachtet,  die  literarischen. 
Einflüsse  von  dem  bodenständigen  Gut  zu  sondern. 

Um  die  Arbeit  auch  dem  Laienpublikum  zugänglich' 
zu  machen,  habe  ich  jede  wissenschaftliche  Terminologie 
und  alle  bibliographischen  Hinweise  vermieden.  Die  Kom- 
mentare, die  ich  zu  den  einzelnen  Belegen  hinzufüge,, 
mögen  bloss  als  „verbindender  Text"  aufgefasst  werden: 
eine  öde  Aufzählung  von  kapitelweise  angeordneten  Be- 
legen wäre  bei  der  feinen  psychologisch  nuancierten  Ma- 
terie ermüdend  gewesen  und  hätte  den  Eindruck  eines 
unbekleideten  Gerippes  gemacht.  In  vielen  Fällen  machte 
die  Einordnung  der  mannigfaltigen  Beispiele  dem  Ver- 
fasser Schwierigkeit  und  der  Leser  wird  oft  diesen  oder 
jenen  Beleg  nach  seinem  subjektiven  Geschmack  an  einer 
andern  Stelle  erwarten  als  ihm  durch  den  Verfasser 
zugewiesen  worden  ist.  Bei  der  unzusammenhängenden 
Schreibweise  des  Volkes  lässt  sich  jeder  Beleg  von  den 
verschiedensten  Seiten  anpacken,  ja  oft  wird  ein  Leser 
Stimmungsgehalt  und  Tenor  einer  Brief  stelle  ganz  anders- 


k 


—     48     - 

interpretieren  als  der  andere.  Um  gerade  in  dieser  Be- 
ziehung dem  Leser  nicht  vorzugreifen,  habe  ich  auch  von 
-einer  Übersetzung  der  Briefstellen  Abstand  genommen, 
die  eine  Deutung  als  die  allein  richtige  hingestellt  hätte. 
Viele  und  wertvolle  Belege  verdanke  ich  den  in 
Umschreibungen  S.  10  genannten  Herren. 


Zwei  Drittel  der  Korrespondenzen  sind  wie  nach 
•einem  Briefsteller  konzipiert.  Es  lässt  sich  gewissermassen 
ein  Canevas  feststellen,  der  je  nach  Stilgewalt,  Laune, 
Bildungsgrad,  momentaner  Situation  ausgeschmückt  wird. 
Merkwürdigerweise  stellt  sich  trotz  der  weltbewegenden, 
Herz  und  Sinne  erschütternden  Ereignisse,  deren  Zeugen 
die  Kriegsgefangenen  waren,  eine  traditionelle,  in  der 
Schule  erlernte  Einkleidung  der  Gedanken  als  einzige 
Ausdrucksform  ein,  als  ob  alle  Eindrücke  von  Krieg, 
Schlacht  und  Gefangenschaft  nicht  so  stark  wären  wie 
der  aus  der  Schule  mitgebrachte  dürftige  Bildungskrempel. 
Die  überkommenen  Floskeln  sind  es,  die  der  Kriegskor- 
respondenz jenen  obenerwähnten  unpersönlichen  Charakter 
verleihen.  Fast  unfehlbar  beginnt  ein  Kriegsgefangenen- 
brief mit  der  Formel:  „Vengo  con  questo  due  righe  onde 
farti  sapere  l'ottimo  stato  di  mia  salute".  Schüchtern 
wie  ein  Kind,  tritt  gewissermassen  der  Schreiber  vor  den 
Empfänger  hin  und  entschuldigt  sich  ob  der  unwillkom- 
menen Störung  durch  den  Hinweis  auf  die  Kürze  des  fol- 
genden Schreibens  (due  righe,  auch  wenn  der  Brief  vier 
und  mehr  Seiten  umfasst!).  Schon  aus  letzterem  Detail 
erhellt,  dass  diese  Formel  vollkommen  erstarrt  ist  und 
nicht  mehr  in  ihrem  ursprünglichen  Sinn  empfunden  wird. 
Es  handelt  sich  nur  um  eine  Eröffnungsformel,  um  ein 
bequemes  Mittel,    „das   Eis   zu   brechen".    Wie   wir  bei 


-     49     - 

Besprechung  der  dialektischen  Einflüsse  auf  die  Sprache 
der  Briefe  konstatieren  konnten,  dass  der  Schreiber 
zwischen  natürlicher  und  künstlicher  Sprache  schwankt, 
zwischen  beiden  Kompromisse  schliesst  oder  sich  zu 
Gunsten  einer  der  beiden  Richtungen  entscheidet,  so  bildet 
die  von  der  Schule  ererbte  Stilisierung  einen  Fremdkörper 
in  der  volkstümlichen  Ausdrucksweise.  Als  Kompromiss 
zwischen  den  beiden  Stilrichtungen  muss  man  Entstellungen 
der  Formel  fassen  wie:  (Mauthausen— Campodarsego): 
L'ottimo  stato  di  mia  buona  salute,  wo  das  für  uns 
überflüssige  buona  den  Superlativ  ottimo,  der  dem 
Schriftitalienischen  entstammt,  daher  nicht  recht  ein- 
drucksvoll klingt,  verstärken  musste,  oder  (Mauthausen — 
Sondrio,  Valtellina) :  Carissima  Moglie  ti  mando  an- 
cora  queste  duve  righe  per  darti  lottima  del  mio 
Buonstato;  (Dabrova—Chiavari,  Genua):  sono  sempre 
in  ottima  di  buona  salute,  wo  eine  vollständige  Ver- 
wirrung in  dem  Wortkomplex  ottimo  stato  della  mia 
salute  angerichtet  wurde;  (Russland— Orsera,  Istrien): 
Vengo  con  questo  mio  scritto  farti  sapere  il  mio 
bene  di  salute,  wo  il  mio  buon  stato  di  salute  mit 
il  mio  benessere  zusammengeflossen  ist.  Das  doch  so 
nötige  vengo  wird  auch  vollständig  weggelassen:  Bozen — 
Como:  Mia  carissima.  onde  farti  sapere  Tottima 
mia  salute. 

Die  Formel  setzt  sich  gewöhnlich  fort:  e  altre- 
tanto  spero  dite,  wohl  eine  fortgeerbte  Entwicklung 
der  lateinischen  Eröffnungsformel:  si  tu  vales  bene 
est,  ego  valeo,  die  eine  kurze  vorläufige  Orientierung 
über  das  Befinden  des  Absenders  mit  einer  Freundlichkeit 
für  den  Empfänger  verbindet.  So  lautet  der  eben  ange- 
führte Beleg  in  seiner  Fortsetzung:  come  spero  un  si- 
mile  di  te.     Ähnlich:  Mauthausen — Porta  di  Ripi,  Rom: 

lo  vengo  ascrive  questa  mia  lettera  perfarti  Sapere 
lottemo  stato  del  mia  buona  Salute  che  io  e  gli  mio  Cam- 
pagno  stanno  molto  bene  e  acosi  io  spero  anche  di  voi  e  di 
Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  4 


—     50     — 

mia  Madre  e  di  mia  Cognata  di  mia  Nipote  e  dutto  di  nostra 
casa  io  spero  che  gotete  anottema  salute, 

was  bloss  eine  weitschweifige  Erweiterung  des  eben  an- 
geführten Themas  ist.  Den  stereotypen  Cherakter  ersieht 
man  auch  daraus,  dass  die  Versicherung  des  Wohlbefindens 
selbst  dann  gegeben  wird,  wenn  der  Schreiber  gerade  das 
Gegenteil  sagen  möchte :  nach  der  notwendigen  Eingangs- 
formel lasst  er  erst  seinen  Gefühlen  freien  Lauf:  ein 
Flüchtling  in  Wagna  bei  Leibnitz  nach  Cervignano : 

Carissimi  genitori  Io  co  le  lagrime  alli  occhi  vengo  ad 
antecipare  il  mio  ottimo  stato  di  salute  e  cosi  spero  un  al- 
tretanto  da  voi  della  cognata  e  la  norina  e  la  zia  e  Io  zio 
vecchio  ... 

und  nun  bricht  ein  wüstes  Klagen  los.  Manchmal  kon- 
trastieren mit  der  literarischen  Formel  bäuerliche  Akzente 
wie  die  Erwähnung  von  Rindern  neben  den  Menschen  im 
Schreiben  eines  Flüchtlings  in  Lokavec  nach  Farra: 

Cara  Molia  sono  darti  noto  che  mi  trovo  coi  manzi 
sempre  e  semo  per  le  stalle  chosi  io  stagho  bene  di  salute 
cosi  spero  di  te  e  di  tutti  di  familia. 

Ganz  selten  durchbricht  eine  etwas  individuellere  Sti- 
lisierung, ein  frischerer  Rhythmus  die  kalte  Steifheit  der 
Norm:  dem  Heranrauschen  einer  lustig  neckenden  Fee 
gleicht  der  Beginn  des  folgenden  Frauenbriefes  (Monte- 
cosaro,  Macerata — Mauthausen): 

Eccomi  di  nuovo  a  te  A.  mio  carissimo  ho  scelto  questa 
giornata  perche  ho  un  pö  di  tempo  per  dirti  tante  belle  cose 
e  darti  mie  notizie. 

Die  wenigsten  Briefschreiber  kommen  auf  den  ein- 
fachen stilistischen  Kunstgriff,  die  Situation,  in  der  der 
Brief  verfasst  ist,  an  die  Spitze  zu  stellen.  Ein  verein- 
zelter Fall  sei  immerhin  erwähnt,  wo  aus  der  Beschreibung 
der  einen  Südtiroler  Soldaten  umgebenden  Situation  die 
seiner  ganzen  Lebensweise  hervorwächst: 

Con    queste   due   rige   gli   faccio    sapere   tutto   il  bensier 


—    51     - 

della  mia  vita.  A  colpo  di  cannone  col  al  sion  della  ghever 
marsina  ci  sveglia  alla  matina  ed  io  mi  son  messe  a  scrivere 
questa  letterina  che  giä  e  tanto  a  lei  gradita  che  vie  su  tutto 
il  pensier  della  mia  vita.  Sapete  che  mi  trovo  in  una  pro- 
fonda  caverna  che  a  scrivere  chi  vuol  una  lanterna  sono  sca- 
vatta  neltereno  quatro  metri  se  fosse  tempo  di  pace  starei 
meglio  dl  i  signori.  Ma  invece  e  tempo  di  guerra  e  bisogna 
servir  la  Bandiera.  II  mio  lavoro  consiste  di  giorno  col 
mangiar  fumare  patate  cocinar  di  notte  poi  un  duro  servizio 
che  per  un  soldato  e  un  gran  suplizio  mi  tocca  sorvegliar 
che  i  taliane  sui  monti  passa  quando  essi  mi  vidono  sbarano 
il  Dundun  che  se  la  palla  mi  piglia  mi  mando  in  piano  ma 
in  ora  devo  Id  DIO  devo  ringrasica  che  mi  han  lasciato 
Star.  Poi  finito  il  mio  servisio  ritorno  nela  mia  cela  e  di 
niovo  scaldo  la  Gamela.  caffe,  supa  patate  mi  place.  Da  pro- 
curar  di  mangia  del  resto  io  godo  buona  salute.  anche  di 
quore  desidero  a  lei.  Noi  altri  stiamo  col  quor  a  spetar  che 
un  giorno  o  laltro  le  tronbe  di  guerra  la  pace  suonar  noi 
siamo  riparati  di  grossi  mantelli  ma  son  gelati  come  gli 
ucelli  e  vego  lora  di  poter  ritornar  boterci  darsi  la  mano  e 
poterci  bacciare. 

Wie  von  einem  Gewissensbiss  geplagt,  kehrt  der  über- 
mütige Reimer  nach  der  Beschreibung  der  Situation  zu 
dem  stereotypen  Formelausdruck  (delresto  .  .  .)  zurück. 
Manchmal  steht  im  Gegenteil  die  Beschreibung  der  Situa- 
tion am  Ende  des  Briefes,  nachdem  die  Zahl  der  drin- 
genden Mitteilungen  erschöpft  ist  und  das  Auge  des  Schrei- 
benden vom  Papier  abzuirren,  auf  die  Dinge  um  ihn  zu 
schweifen  beginnt  (Capodistria— Russland): 

diman  e  san  Nicolo  ei  fioi  se  adormir  e  mi  ghe  pre- 
paro  ireghali  per  san  Nicolo. 

(Katzenau— Liebenau  bei  Graz): 

cossi  termino  Col  salutarti  A.  mi  dice  e  papa  quando 
viena  casa  dove  pepa  mama  io  volio  che  il  papa  mi  scrivi 
anche  ame  ma  non  e  tanto  cativo  povero  cosa  vuoi  e  mal- 
tenuto  qua  Giulio  poi  se  tu  Io  vedesi  mi  da  mi  pisiga  mi  fa 
di  tuto  e  caro  e  anche  cativo  vuole  stare  sempre  in  braccio 
e  sta  in  pie. 


—    52    - 

Nächtliches  Schreiben  wirft  seinen  Schatten  auf  die 
Stimmung  des  Briefes  (Cadine,  Tirol — Volterra,  Toscana) : 

Ora  e  vicino  alla  mezzanotte  e  gli  occhi  mi  si  chiude 
e  11  mio  caro  marito  ove  sara   saro    sano,    Iddio   solo   lo    sa. 

Friedensstimmung  gibt  dem  Schreiben  versöhnlichen 
Ausgang : 

Mentre  sto  scrivendo,  guardo  con  piacere  un  vapore  che 
naviga  per  il  Danubio;  di  qui  11  Danublo  sl  vede  benissimo. 
Bisogno  pol  notare  che  oggl  fa  una  splendida  giornata  di 
prima vera;  gll  Itallani  cantano  a  squarciagola  e  pensano  che 
la  pace  e  vlclna. 

Wie  jede  Korrespondenz  ihre  normierte  Eröffnungs- 
formel so  hat  sie  auch  ihre  vorgeschriebene  Schlusswen- 
dung. Dem  Mann  aus  dem  Volke  genügt  es  nicht,  den 
Brief  abzuschliessen,  er  muss  auch  sein  „dixi"  sprechen, 
sagen,  dass  er  schliesst.  Wenn  oft  der  Brief,  trotz  der 
Versicherung  des  nun  kommenden  Abschlusses,  sich  noch 
über  ganze  Zeilen  und  Seiten  fortsetzt,  so  erinnert  das  an 
jene  lästigen  Besucher,  die  mit  dem  Hut  in  der  Hand 
einen  immer  ihrer  Absicht,  nun  nicht  mehr  stören  und 
den  Besuch  schon  abbrechen  zu  wollen,  versichern,  dabei 
aber  noch  lange  nicht  gesonnen  sind,  ihre  Worte  in  die 
Tat  umzuwandeln.     Mauthausen — Nerini,  Mailand: 

Altro  no  ml  lugugna  di  laslarte  tantl  salutl  e  fame 
sapere  tante  belle  cose  e  mandeme  lapace  e  faml  sapere  sete 
qua  mal  rlce  vutto  notisle  da  mla  sorella  scolastica.  Altro 
no  ml  lugna  dlsalutare  mi  flrmo  per  sen  pre  tu  marito  Adio 
Salute  ml  tuogl  slgnori  [nun  endlich  Unterschrift], 

Der  italienische  Briefsteller  enthält  eine  sehr  poe- 
tische Formel  für  den  Briefschluss,  die  leider  durch 
ihre  Abgeleiertheit  die  Wirkung  einbüsst:  vi  lascio  coUa 
penna  ma  non  col  cuore,  die  in  allen  möghchen  mehr 
oder  weniger  sinnlosen  Variationen  wiederkehrt:  tra- 
lascio  da  scrivere  colla  penna,  ma  non  col  cuore 
oder:    vilascio    col   scrito,   ma   non    col   cuore,   vi 


-     53     - 

lasio  colle  lagrime  agli  occhi.  Die  Pose  des  Weinens, 
die  hier  als  würdiger  Abschluss  hinzugefügt  wird,  ist  sehr 
häufig,  vgl.  auch  den  folgenden  Beleg  (Spormaggiore, 
Tirol— Jekaterinoslav) : ' 

dunque  io  termino  caro  Bepi  col  lasciarvi  colle  lagrime 
alli  occhi  e  un  grande  dolore  al  cuore; 

nun  völlig  sinnlos  (Triest— Kirsanof f ) : 

io  e  il  tuo  bambino  ti  salutiamo  con  la  penna,  ma  non 
col  cuore, 

wo  die  Schreiberin  das  Gegenteil  des  Gemeinten  aus- 
spricht. Eine  stilistisch  talentierte  Frau  schreibt  einfach 
und  wirkungsvoll: 

Per  ora  tralasciama  con  il  pennino  son  sempre  con  te. 
Viel  nüchterner  ist  die  Formel:  termino  il  mio 
scritto  col  salutarvi  oder  non  mi  resta  altro  da 
scrivere  oder  non  mi  resta  che  di  salutarvi  oder 
einfach:  non  altro.  Auch  hier  entstehen  die  sonderbarsten 
Missbildungen,  die  zeigen,  wie  fern  diese  zeremoniellen  Wen- 
dungen, wahre  „Fremdsätze"  (wie  es  Fremd  Wörter  gibt),  dem 
volkstümlichen  Empfinden  stehen  (Mauthausen — Mailand): 
Mi  hai  detto  se  posso  farti  sapere  di  piü  ma  e 
inutile  a  dirti  queste  cose  ti  lascio  che  di  salu- 
tarti  di  vero  cuore,  wo  der  letzte  Satz  aus  ti  lascio 
per  salutarti  +  non  mi  resta  che  ti  salutarti  ent- 
standen ist,  oder  (Sernaglia,  Treviso— Innsbruck) : 

Altro  non  mi  allunga  di  salutarti  di  vero  cuore  tutta 
la  intera  famiglia 

(=  altro  non  mi  resta  che  di  salutarti  +  non  mi 
allungo).  Der  mehr  kanzleiartige  Abschluss  (sotto)  mi 
firmo  il  Suo  nipote  etc.  taucht  auch  in  Briefen  auf. 
Oft  wird  eine  ganz  dumme  Begründung  des  Ab- 
schlusses des  Briefes  für  nötig  erachtet.  Den  kärglichen 
Raum  ihrer  Karte  verkürzt  sich  eine  Schreiberin  durch 
die  Bemerkung: 

termino  il  mio  scritto  perchfe  non  piu  spassio  di  scri- 
Tere  ti  saluto  e  ti  dono  Mille  bacci  sul  tuo  bei  viso. 


-    54     - 

Tränen    lassen    die    Gattin    nicht    weiterschreiben: 
Canazei,  Südtirol— Omsk: 

Ora  termino  perche  le  lagrime  offuscono  troppo  la  mia 
mente. 

Einen  banaleren  Grund  gibt  eine  andere  Korrespon- 
dentin an:  Uttendorf— Katzenau: 

termino  perche  devo  £are  ii  caffe  alla  mia  cara  mama 
di  rivederci  presto. 

Die  barscheste  und  bedeutungsloseste  Formel,  die 
einfach  abbricht,  ohne  Begründung  und  Entschuldigung, 
ist  das  aus  mündlicher  italienischer  Rede  wohlbekannte 
basta.  Oft  gebraucht  der  im  Gedankenablauf  schwer- 
fällige Schreiber  ein  basta,  um  ein  neues  Kapitel,  eine 
neue  Gedankenfolge  einzuleiten,  das  basta  vertritt  die 
neue  Zeile,  den  neuen  Absatz  bei  einem  gewandteren 
Skribenten  (Mauthausen— Paesana,  Piemont): 

vi  saluto  tanto  voi  due  e  i  suoi  di  casa.    Basta  —  — 

und  nun  wird  zu    einem   andern  Punkte    übergegangen. 
(Mauthausen— Canavese,  Turin) : 

siamo  cinque  o  sie  Basta  ti  fo  sapere  unaltra  charto- 
lina  ti  faro  sapere  linderizzio  Basta  tanti  saluti  e  bacci  a  te 
e  mie  fancilii. 


II. 

Die  geläufigste  Abschlussform,  in  der  der  Brief- 
schreiber gleichzeitig  sein  Interesse  an  den  ihm  fernen 
Lieben  zum  Ausdruck  bringt,  ist  die  des  Grusses,  für 
den  zu  sentimentalen  Ausbrüchen  wenig  geneigten  Men- 
schen eine  bequeme  Clicheform,  um  seinen  Gefühlen  Luft 
zu  machen.  Immerhin  ist  auch  hier  eine  feine  Nuancie- 
rung der  Grussform  je  nach  der  Innigkeit  der  Beziehungen 


-     55     - 

Üblich.  Die  Eltern  begrüsst  man  in  dem  patriarchalischen 
Süden  Italiens,  indem  man  um  ihren  Segen  bittet  und  die 
Hand,  aber  auch  den  Fuss  (und  zwar  den  rechten)  küsst, 
der  Gattin,  der  Geliebten  und  näheren  Verwandten  sendet 
man  Küsse  und  Umarmungen,  sonst  werden  Grüsse  ver- 
teilt. Der  Süditaliener  ist  sehr  freigebig  mit  diesem  Ar- 
tikel und  oft  füllen  die  Höflichkeiten  und  Komplimente 
die  Hälfte,  ja  zwei  Drittel  des  Briefes  aus.  Es  wäre  ja 
eine  Beleidigung,  Gevatter  soundso  oder  gar  Gevatterin 
Dingsda  in  dem  kleinen  Heimatsdorf  von  der  Begrüssung 
auszuschliessen.  Der  Pfarrer  und  der  Messner,  aber  auch 
der  Raseur,  die  Nachbarn,  „alle  die  nach  mir  fragen", 
„alle  die  da  sind,  wenn  der  Brief  ankommt"  werden  be- 
grüsst. Dabei  findet  der  Briefschreiber  kein  Ende,  schon 
hat  er  dreimal  addio  oder  ciao  gerufen  und  immer 
wieder  drängt  sich  ihm  ein  neuer  Name  auf,  den  er  bei- 
nahe knapp  vor  Torschluss  vergessen  hätte.  (Mauthausen — 
Portadiripi,  Rom:  ich  lasse  in  diesem  Abschnitt  absichtlich 
die  Namen  stehen): 

vi  rimetto  gli  mio  Saluto  a  voi  Caro  Padre  che  Sono 
i]  tuo  figlio  e  mi  dai  milli  baci  alla  mia  Cara  mamma  e  mi 
Saluto  tanto  la  mia  cognata  e  coli  milli  bacirio  alla  mia 
Nipote  e  mi  Saluto  il  mio  Fratello  se  e  casa  e  mi  Saluto  la 
mia  Sorella  e  col  mie  Nipote  Vitorie  e  mi  Saluto  zio  mi- 
mitto  e  zia  Angela  e  ]a  mia  cognata  Nunziata  e  con  tutto  di 
casa  e  mi  Saluto  zio  Augelo  e  zia  Resalva  e  mio  Cogino  e 
la  sua  moglie  e  figlia  e  tutta  di  casa  e  mi  Saluto  tanto  il 
Padino  Regno  e  la  padena  Nunziata  e  tutto  di  casa  e  mi 
Saluto  Antonio  Rione  e  la  sua  moglie  e  mi  fai  Sapere  se  il 
mio  amico  Giuseppe  se  scrive  e  acosi  mi  Saluto  Zie  Mine- 
caccia  e  tutto  di  casa  e  mi  Saluto  il  Padino  .  .  .  e  tutto  di 
sua  casa  e  mi  Saluto  tanto  Pasquale  e  Pamiglia  e  mi  Saluto 
amici  e  parende  e  chi  domanda  di  me  ritorno  a  salutare  a 
voi  Caro  Padre  che  sono  il  tuo  figlio  L.  Vincenzo. 

Die  Grüsse  an  den  Empfänger  bilden  die  Einrahmung 
der  auszurichtenden  Grüsse.  Im  folgenden  Beleg  wird 
pedantisch  la  famiglia  bei  jedem  einzelnen  Namen  mit- 
erwähnt (Mauthausen — Prepo,  Perugia): 


-    56    - 

Salutami  ala  famiglia  pallazzetti  quando  mi  scrivete 
fatemi  Sapere  dove  Sitrova  il  mio  fratello  felice  ...  e  mi 
farete  tanti  Saluti  alagioconda  etutti  in  famiglia  dipiu  tanti 
perfetti  Saluti  araffino  elottavio  dipiu  la  famiglia  pitore 
dipiu  lafamiglia  tomassini  edante  dipiu  lafamiglia  mergone 
dipiu  lafamiglia  ciafetta  ....  dipiu  lafamiglie  manchaio 
elagiemma  ditariolo  e  dipiu  tanti  saluti  alafamiglia  paracini 
epoi   tutti   chi   domanda   dime   mifarete    Sapere    dove  Sitrovo 

giulio  e  marino  e  felice e  mifarete  tanti  Saluti  aipad- 

roni  chemia  scritto  ladalgisa  Se  posso  glimandero  notizi  Ora 
ritorno  asalutare  lemie  Sorelline  e  illmio  padre  evimando  la 
mia  benedizione  evibracio  evi  bacio  atutti  iffamiglia  e  sono 
vostro  figlio  c.  Astorre. 

Im  nächsten  Beleg  wird  versichert,  dass  der  schrift- 
liche Gruss  ebenso  innig  ist,  wie  wenn  sich  die  Begrüssung 
in  leibhaftiger  Gegenwart  beider  Teile  vollzöge.  Diese 
Versicherung  wird  nun  aber  bei  fast  jeder  einzelnen 
Person  wiederholt,  damit  offenbar  niemand  sich  über  die 
Kälte  eines  bloss  schriftUchen  Grusses  beklagen  könnte . . . 
(Mauthausen— Corleone,  SiziUen) : 

cara  sposa  ie  non  a  ventoti  altro  ch6  diri.  ti  dono  i 
piü  Affituose  baci  e  strette  di  mano  di  vero.  Cuore  come 
sefusimo  di  presenza,  bacio  lemano  ai  3  care  nostre  genitore 
di  vero  cuore  come  pure  alla  Madna  Rosalia  come  sefusimo 
di  presenza,  e  chedo  la.  Santa  B.  saluto  asai  mia  fratello  e 
sposa  Particolare,  bacio  sue  babini  bacio  mia  sorella  Pepinä 
Particolare  come  pure,  Lucia  Marie  Antonina  saluto  tuo  fra- 
tello Pepino  e  Teodoro  particolare,  bacio  Mariete  e  Biagio 
bacio  lemano  a  comare  Vincenza  e  sposa  saluto  ai  sue  figlio 
bacio  lemano  ai  nostre  Parrini  saluto  a  copare  Nicolo  e  sposo 
saluto  ai  sue  sorelle  saluto  a  tutte  gliamici  ä  Parente  vicini 
di  stata  e  tutte  quelle  che  domantano  dame  quinti  Cara  sposa 
io  di  nuovo  bacio  le  mano  ai  nostre  3,  cari  genitori  di  vero 
Cuore  come  sefusimo  di  presenza  saluto  a  tutte  i  nostre  fra- 
telle  ö  sorelle  e  baci,  e  baci,  di  vero.  Cuore.  Cara  sposa 
di  nuovo  tidono  un  milioni  di  baci  ^  baci  e  abraci  di  vero 
cuore  e  strette  di  mane  come  sefusimo  di  presenza  b  midi 
sempre  il  tuo  Affizionatissimo  sposo  chö  tamo  e  penzo  piü 
della  mia  vita  tuo  sposo  G.  B.  Adio.  Adio.  Pronte  R. 
buone  Notizie.  tagurio  una  buona  saluta  come  pure  a  tutta 
la  nostra  familia  baci  e  baci  Adio. 


—    57     - 

Auch  der  Pfarrer  und  der  Cooperator  werden  ge- 
grQsst  (Mauthausen— Roccafarte,  Cuueo): 

Vi    raccomando    di    salutar   tutti    i   parenti    e    vicini   a 
nomo  mio,  il  parroco  ed  il  vicecurato. 

Eine  Korrespondentin  schreibt  die  Küsse  an  die  ein- 
zelnen Personen  untereinander  wie  die  Posten  einer  Ad- 
dition (Mariani— Laibach) : 

Baci  Marie 

baci  Adelgise 

baci  Gregorie 

baci  Peppi 

baci  Albina  tua  sincer* 

Molie  adio  adio 

presto 

quado  lalletera  cole  agrime  ai  ochi  non 

poso  piu. 

Der  Trieb  zu  architektonischer  Anordnung  der  Gruss- 
worte bringt  folgendes  Bild  hervor  (Katzenau — Triest): 

Milione         Umberto        ^^^ci  infiniti 
Ardenti  Addio 

Die  meisten  Variationen  muss  die  Zahl  der  Küsse 
sich  gefallen  lassen.  Aus  der  Fülle  der  Empfindung  heraus 
steigert  der  Schreiber  die  Zahl  übermässig:  Die  Lust,  sich 
selbst  zu  übertreffen  und  zu  steigern,  treibt  zu  literarischen 
Neuerungen,  zu  Bildern,  die  entschieden  den  Vorzug  der 
Originalität  in  Anspruch  nehmen  können  (Mauthausen — 
Gregnano,  Neapel): 

cento  b«ci 
mille  Baci 
un  milione  di  baci  a  te  e  Galizia. 

Man  sieht  förmlich,  wie  der  Schreiber  in  einem 
Rausch  kommt,  in  dem  er,  ein  Kuss-Millionär,  immer 
mehr  und  mehr  von  der  leichten  Ware  verschenkt. 

Ein  armer  Gefangener  ist  wenigstens  reich  an  Küssen. 


~    58    -• 

^Eine  Gruppe    von    Küssen"    dünkt    uns   vielleicht   noch 
prosaisch  (Anina,  Ungarn— Oleggio,  Novara): 

invio  un  gruppo  di  saluti  e  baci  ai  nopotini  e  Agostina. 
(wenn  nicht  vielmehr  an  groppo  =  „Haufen,  Knoten"  zu 
denken  ist);  „Säcke  voll  Küsse"  (Triest — Raschalaa): 

tua  moglie  amalia  ti  manda  un  saccone  di  baci  un'  altro 
di  saluti. 

Die  moderne  Technik  gibt  dem  Verliebten  neuartige 
Maassein  die  Hand;  un  vagone  di  baci  ist  an  der  Ta- 
gesordnung, der  Waggon  wird  zum  Bahnzug  gesteigert 
(Eine  Frau  in  Vallarsa  an  ihren  Mann  an  der  Front): 

ricevi  un  treno  di  baci  ed  abraci. 

Vielleicht  ist  für  die  Älpler  ein  Bahnzug  noch  etwas 
Poetischeres  und  Eindrucksvolleres  als  für  den  blasierten 
Städter.  Aber  auch  un"*  automobile  di  baci,  una  nave, 
tonnellada  di  baci,  habe  ich  gelesen.  Der  Krieg  selbst 
liefert  verschiedene  anschauliche  Bilder:  der  Soldat,  der 
die  aus  einem  Areoplan  fallenden  Bomben  beobachtet  hat, 
verwendet  dies  Bild  in  seiner  Liebeskorrespondenz  (Russ- 
land— Braunau) : 

io   vi  mando  un  areoplano  di  bacci  a  voi  e  a    tutta   la 
famiglia  zii  parenti  conoscenti  e  paesani. 

Das  Zerplatzen  eines  Schrapnells  in  viele  Spreng- 
stücke liefert  den  wunderbar  anschaulichen  und  wahrhaft 
poetischen  Vergleich:  uno  shrapnell  di  baci.  In  das 
Treiben  der  Grosstadt  versetzt  uns  der  Ausdruck  un  em- 
porio  di  baci,  auch  er  aus  dem  realen  Leben  ge- 
boren. Zum  alterprobten  Bestand  der  poetischen  Sprache 
gehören  Wendungen  wie  un  mare  di  baci  oder  das 
leidenschaftliche  un  torrente  di  baci  (Valle  Aosta — 
Mauthausen),  ferner  die  mit  dem  Kosmischen  spielenden 
Vergleiche:  un  moiido  di  saluti  (Favera — Omsk),  das 
ein  wenig  bescheidenere  un  mezzo  mondo  di  baci,  das 
schöne  un  cielo  di  baci;  neben  dem  „Firmament  von 
Küssen"  distoniert  ein  wenig  der  Waggon  (Avio — Feldpost): 


-    59    - 

saluta  per  me  tutti  questi  e  manda  a  loro  per  me  un 
vagone  di  baci  .  .  .  i  tuoi  cari  figli  ti  manda  un  firmamento 
di  baci 

Poetisch  ausgedrückt  ist  folgende  Angabe  (Chiusa  San- 
Michele,  Turin— Mauthausen): 

Caro  Virginio  hiudo  questa  lettera  mandandoti  sahiti  e 
baci  quanto  non  ti  puöi  indovinare  piii,  degli  uccelli  che 
volano  per  aria  piü  di  quante  goccie  d'acqua  e  arena  vi  e 
in  mare. 

mit  sichtlicher  Nachwirkung  des  Bibelstils. 

Alle  Zahlen   sind    dem  Küssenden   feil    (Prossnitz  — 
Katzenau) : 

ti  mando  5  miliardi  di  baci, 
Während  sonst  meist  tausend  oder  eine  Million  Küsse  ver- 
schenkt   werden.     Unerreicht    aber    ist    ein    Kuss-Multi- 
milliardär,  der  aus  Russland  nach  Riva  in  Tirol  schreibt : 

Le  mie  preghiere  sono  tante  che  ci  fassia  presto  a 
terminare  questo  castigo  di  Dio.  che  almeno  tenero  a  poterti 
abraciare  e  baciarti  e  in  quelle  dolci  labbra  che  tantto  amo 
e  almeno  posso  dirti  il  tutto  quello  che  ho  pasatto  in  questo 
ano  de  14  e  il  15.  Dunque  fatti  coragio  che  io  mi  facio 
coragio  piü  che  tu  Termi  col  salutarti  di  vero  cuore  con  un 
stretta  di  mano  e  un  lOOOOOOOOOOOÜOOOOOOÜOOOOOOOOOOOO 
0000000000000000 00000000000000000000000 OOOOUO' iOOOO 
0000000000000000  00000000000000000000000  00000000000 
0000000000000000  OOOOOUOOOOOOOOOOOOOOOOO  00000000009 
di  bacci  a  quel  cuor  che  tanto  tama.  Adio  Adio  Tue  Per- 
sempre  L.  B. 

Ins  Unermessliche  wagt  sich   ein  Kgf.    in  Russland: 

Intanto  cara  sposa  ti  lascio  coi  piä,  languidi  baci  e  caldi 
saluti  un  infinito  No.  di  baci  ai  nostri  cari. figli, 

wobei  höchstens  die  an  Hausnummern  erinnernde  Schrei- 
bung des  Wortes  numero  etwas  aus  dem  Rahmen  fällt. 
Angenehmes    und  Nützliches    verbindet    folgender  Gruss: 

Ti  mando  mille  baci  e  cento  franchi. 
was  an  das  wienerische  „Schau  mir  ins  Auge  und  leich 
mir  an  Gulden"  erinnert. 


-     60     - 

Genügen  die  baci  in  noch  so  grosser  Anzahl  nicht, 
80  werden  bacioni  als  Draufgabe  verteilt  (Sicciole, 
Istrien—  Sibirien) : 

Arrivederci  ti  mando  millioni  di  saluti  e  Bacci  con 
Baccioni  tua  N.  V. 

Manche  Korrespondentin  hat  ein  geschärftes  Empfin- 
den für  solche  Suffixunterschiede  (Mauthausen— Rom): 

Dio  mio!  .  .  .  Ma  Ginetta  cara,  ti  appigli  veramente  a 
delle  sciocchezze!  Ti  dispiace  d'averti  scritto  baci  invece  di 
bacioni!!!!  Piangi  per  questo?!  Va  bene:  al  mio  ritorno 
sentirai  se  sono  baci  o  bacioni:  ti  struggerö!  ... 

Das  Schmatzen  ist  eine  Handlung,  die  man  nicht 
ganz  laut  ausführen  will.  Verschämte  Keuschheit  führt 
zu  Abkürzungen  (B . . .)  oder  Geheimschrift,  so  Ersetzung  der 
Buchstaben  des  Wortes  durch  die  entsprechenden  Zahlen 
(Mauthausen— Vicenza) : 

Saluti  e  2— 1— 3— 9— 13--12— 9  (=  bacioni). 

Sehr  oft  wurden  die  Küsse  oder  sonstigen  Liebes- 
beteuerungen unter  die  Marke  geschrieben  —  zur  grossen 
Enttäuschung  der  nach  staatsgefährlichen  Mitteilungen 
fahndenden  Zensoren. 

Beim  Küssen  wird  entweder  Zahl  oder  Intensität 
geschätzt.  Oftmaliges  Wiederholen  des  Wortes  Küssen 
soll  offenbar  wiederholte  Küsse  andeuten  (S.  Andrea, 
Parma — Mauthausen)  : 

Adio,  ti  bacio  ti  bacia,  ti  bacia  le  mille  volte  la  tua 
affezionata  sposina  che  perdutamente  t'ama  e  desidera.  Ciao. 

Ein  intensiver  Kuss  wird  bacio  fisso  genannt  und 
durch  Vervielfachung  der  Konsonanten  dargestellt.  Die 
der  Erwähnung  des  Kusses  folgenden  Punkte  in  dem 
nächsten  Beleg  sollen  wahrscheinlich  die  unaussprechliche 
Länge  und  Süsse  des  Kusses  malen :  wo  die  Worte  fehlen, 
da  stellt  zur  rechten  Zeit  der  Punkt  sich  ein  (Samara — 
Russland) : 


-    61    - 

Dame  ricevete  un  fisso  baccio  e  dalla  picola  Marta 
che  vie  presente  che  tio  scrivo.  Un  destinto  saludo  dalla 
lontana  casa  paterna,  che  sempre  memora  di  voi  ....  ti 
saluto  da  papa  e  tutti  di  casa  saluto  da  nuovo  e  nonni, 
genitori,  sorelle,  cugnate,  avecini^  altri  fratteli  addio  addio 
un  bacccccccio 


Was  im  letzten  Beispiel  die  Punkte  bedeutet  im  fol- 
genden die  Majuskelschrift:  ein  langer  Kuss  wird  durch 
Sperrschreibung  des  Wortes  Bacio  dargestellt  (Maut- 
hausen— Butrio,  Udine): 

io  gli  mando  un  mondo  intiero  di  Baci  e  grossi  ab- 
bracci  .  .  .  E  non  mi  resta  altro  che  di  salutarvi  e  dandovi 
a  tutti  un  milione  di  Baci  e  dandovi  Coraggio  Forte  e  non 
avilirsi  che  ^  peggio.  e  mi  firmo  il  Vostro  Caro  Figlio 
Gaetano  di  Giusto  Salutate  an  che  ....  Adio  Dunque  datevi 
Coraggio  e  Coraggio  a  tutti  spero  che  non  andrä,  piü  tanto 
a  lungo   queste  con    Baci    infiniti. 

In  überaus  poetischer  Weise  wird  der  Gruss  als  vom 
Herzen  kommend  und  auf  den  Flügeln  des  Gedankens 
schwebend  dargestellt  (Ujvid^k— Gragnano,  Neapel): 

e  poi  ti  raccomante  di  rispettare  ad  i  nostri  Genitori 
e  non  altro  che  dirti  solo  che  ti  saluto  tanto  caramente  con 
una  stretta  di  mana  che  parta  dal  mio  misero  cuore  che  ora 
si  ritrova  tanto  lontano  come  pur  saluta  tanto  a  tutta  la 
famiglia  zii  zie  cugini  e  a  tutti  i  parenti  che  domante  di  me. 

Prosaischere  Korrespondenten  schmuggeln  unter  deii 
Gruss  eine  Bitte,  die  dem  Zensor  nicht  in  die  Augen 
fallen  soll  (Zavidovic— Oflda,  Ascoli): 

0  piacere  che  misaluto  tutti  signori  di  Ofida  ma  io  coi 
saluti  noD  cidivento  sazio  conzidere  cuesta  parola  e  non  och© 
dirti. 

Eine  umschriebene  Hungerklage,  wie  ja  solche  ge- 
rade unter  den  „Grüssen"  oft  anzutreffen  sind  (Umschrei- 
bung des  Hungers  passim). 

In  einem  der  früheren  Belege  konnten  wir  die  merk- 


-     62    — 

würdig  geschraubte  Ausdrucks  weise :  un  destinto  saluto 
dalla  lontana  casa  paterna  bemerken.  Der  Mann  aus 
dem  Volke  betrachtet  die  Grüsse  als  eine  zeremonielle  Sache 
und  hüllt  sich  linkisch  in  eine  Toga  der  Feierlichkeit,  die 
ihm  nicht  recht  passen  will.  Der  abbraccio  genügt  ihm 
nicht,  es muss  ein  klassischer  amplesso  gegeben  werden 
(Pizzol[?] — Mauthausen): 

Baci  da  tutti  di  famiglia  con  tutto  l'amplesso  del  el 
nostro  Brofonto  quore  uno  per  uno  tutti. 

In  welchem  Kontrast  steht  die  grammatische  Des- 
organisation des  Satzes  (del  el)  mit  der  vornehmen  Gebärde! 
Die  zeremoniellen  Begrüssungen,  die  eigentlich  dem  Volks- 
empfinden fernstehen,  werden  meist  in  der  Schriftsprache 
oder  dem,  was  der  Schreiber  für  Schriftsprache  hält, 
redigiert,  wenn  auch  das  übrige  Schreiben  im  Dialekt 
abgefasst  ist,  wie  wir  ja  auch  von  der  mündlichen  Rede 
des  Volkes  her  jenen  krassen  Unterschied  zwischen  der 
natürlichen  Sprechweise  und  der  ungeschickt  pathetischen 
kennen,  in  der  eine  Gratulation  oder  sonstige  zeremonielle 
Ansprache  vorgetragen  wird. 

Nicht  immer  werden  Grüsse,  Küsse  und  Umarmungen 
ausgeteilt,  manchmal  dienen  Püffe  und  Boxer  als  Zeichen 
wohlwollender  Gesinnung  (Mauthausen— Sestri  Ponente, 
Genua) : 

fami  sapere  lenotisie  di  tuo  fratello  Giacomo  e  di  pietro 
e  di  tutta  la  tua  famiglia  e  salutami  Giacomoe  diglii  che  io 
mitrovo  inostria  e  che  lo  saluto  tanto.  bena  daglii  un  ben 
speliasigone  a  Nenin  per  me  e  un  pugno  apietro  e  alla  ca- 
nalia  diglii  umpocosece  ancora  andato  a  Roma  per  quelli 
affari  che  sarebbe  Tempo,  bene  altro  non  miresta  adirti  che 
augurarti  buone  feste  del  santo  Natale  ate  e  atutta  latua 
famiglia  ancora  mille  strete  dimano  e  mille  saluti  e  mille 
baci  damia  Bocca  atte  e  atutta  la  tua  famiglia  e  anche  alla 
mia  e  mi  firmo  per  sempre  tuo  Affesionatisimo  Sposo.  ciao. 

Nach  dem  Puff  die  Umarmung !  (Strebersdorf — Triest) : 
me  saluti  tanto  quella  dispettosa  di  sua  figlia  e  la  ghe 
dia  acconto  mio  due  forti  pizzigoni  nella  ganasce, 


—     63     — 

was  wohl  in  der  schriftsprachlichen  Übersetzung  des  harm- 
losen Triestiner  Dialekwortes  ganase  gröber  klingt  als 
es  gemeint  ist. 

Grüsse  und  Verabschiedungen  werden  in  Italien  meist 
vom  Rufe  evviva  begleitet.  Auch  im  Brief  lassen  sich 
solche  Hochrufe  auf  den  König,  das  Vaterland,  die  Jugend, 
und  andere  volltönende  Begriffe  vernehmen,  indem  sich 
das  Kraftgefühl  und  die  Schreilust  des  Südländers  auf 
irgend  einer  Weise  liUft  machen  will  (Mauthausen — 
Amerika) : 

....  salutando  a  te  distintamente  tuo  amico  A.  F. 
saluto  il  Presidente  della  nostra  societä  VV  L'Italia. 

(Wien — Rom) : 

tante  salute  di  partia  nostra  Viva  1.  Italia  Viva  la 
France  God  Savy  di  King  ai  fackin  Bledy  Germania  e  Vivi 
Belgic  respondem  urgentisihmo  Giuseppe. 

Den  Nationen  entsprechend  wird  die  Sprache  gewählt, 
in  der  der  Hochruf  ertönt:  (Italia-France-God  save. . ., 
Belgien  erscheint  aber  durch  englische  Sprachbrille  ge- 
sehen!) (Parenzo— Cistodolie,  Russland): 

saluti  a  B.  scrivi  spesso.  Saluti  da  nostro  frat  Antonio 
e  gia  18  mesi  al  campo.  viva  noi  che  siamo  giovani, 

letzteres  ein  richtiger  Ausbruch  jugendlicher  Daseinslust 
ähnlich  dem  Triestiner  Scherzwort:  Viva  noi,  che 
semo  puti.  Auf  diese  Weise  wird  das  kalt  Zeremonielle 
des  traditionellen  Grusses  mit  Lebenswärme  erfällt,  ebenso 
wie  wenn  Anspielungen  auf  die  den  Schreiber  umgebende 
Situation  mit  dem  Gruss  verflochten  werden  (Simski,  Russ- 
land—Is.ola,  Istrien): 

ricevi  i  cordiali  e  fredi  Saluti  del  tuo  cognato 
oder 

Ricevi  un  milioni  di  baci  dal  tuo  morto,  vivo  sposo  ed 
Affno  La  V.  C.  Mi  chiamo  morto  vivo  che  mi  ai  creduto 
morto  e  io  so  vivo. 

Bei  dieser  Gelegenheit  sei  anhangsweise  die  für  den 


—    64    - 

Mann  aus  dem  Volk  typische,  immerhin  liebreizend  wir- 
kende Ungeschicklichkeit  der  ümkehrung  von  Formeln 
erwähnt:  weil  A  den  B  „unvergesslich"  nannte,  unter- 
schreibt sich  B  als  „Dein  unvergesslicher  .  .  .",  was  für 
uns  wie  eine  selbstbewusste  Vorwegnahme  des  Urteils, 
das  der  Andere  erst  abgeben  soll,  klingt  (Mauthausen — 
Ponte  del  Giglio,  Lucca): 

col  desiderio  di  presto  riabracciarsi  mi  dico  vostro  in- 
dimeticabile  figlio  A.  C. 

Brescia — Mauthausen : 

saluti  e  baci  infiniti  da  chi  sempre  ti  ricorda  la  tua 
adoratissima  sorella  M. 

Besonders  das  Wort  caro  wird  ebenso  vom  Adressaten 
wie  vom  Absender  gebraucht  (Mauthausen —  Nola,  Caserta): 

Mia  cara  moglie  tirispondo  il  tuo  caro  marito  per  farti 
sapere  

Aus  Galesano,  Istrien: 

Mi,  firmo  il  tuo  Caro  sposo. 

Die  Ansprache  mit  caro  dient  überhaupt  als  Ein- 
leitung jedes  neuen  Gedankens.  Es  ist  als  ob  der  Brief- 
schreiber, der  nicht  wie  im  Gespräch  die  Wirkung  seiner 
Worte  auf  den  Partner  verfolgen  kann,  denselben  vor 
jedem  neuen  Gedanken  zu  erneuter  Aufmerksamkeit  an- 
spornen, sich  diese  sichern  wollte.  Dazu  kommt  eine 
beim  Brief  schreiben  gesteigerte  Höflichkeit,  die  den  Partner 
mit  viel  mehr  Unterwürfigkeit  und  Freundlichkeit  behan- 
delt als  dies  im  mündlichen  Verkehr  der  Fall  wäre.  Die 
relativ  kultivierte  Form  des  Schreibens  bringt  kultiviertere 
Umgangsformen  mit  sich.  Die  letzte  Konsequenz  dieser 
Tendenzen  ist  ein  Schreiben  wie  das  eines  Kgf.  in  Russland : 

Carisimo  mio  carisimo  iriio  conpare  io  mivifaciosapere 
chestago  bene  disalute  ecozimispero  divoi  altricari  carisimo 
mio  carisimo  conpare  iomivifaciosapere  che  mitrovo  inrusiapre- 
gioniere  oh  carisimo  mio  carisimo  mio  carisimo  mio  carisimo 


—    65    — 

conpare  vi  prego  femisapere  indove  se  ritrova  mia  carisimo 
fioso  vostro  carisimo  nipote  vostro  carisimo  filio  e  se  savete 
quallcinova  di  vostro  carisimo  nipote  emio  carisimo  cognato 
mio  carisimo  cognato  femisapere  se  savete  quellcinova  di  lui 
carisimo  mio  carisimo  compare  io  non  mi  resta  chedisalutarvi 
divero  quore  resto  ilvostro  conpare  M.  B.  Adio  Adio  Carisimo 
mio  Carisimo  conpare  ecarisimamiacarisima  compare  Adio 
Adio  e  coragio  speremo  indio  elamadona  benedetta  di  ve- 
dersi  presto  Adio. 

In  der  Welt,  in  der  Schreiber  dieser  Zeilen  zu  leben 
scheint,  gibt  es  nicht  Holde  und  Unholde,  sondern  nur 
liebe  und  doppeltliebe  Geschöpfe. 


III. 

Am  Schlüsse  der  Korrespondenzen  pflegt  meist  eine 
Entschuldigung  wegen  der  Belästigung  mit  dem  „elenden 
Schreiben"  sich  einzufinden  (Mauthausen — Orvieto): 

Scusa  del  male  scritto 
und  es  Hessen  sich  hunderte  von  Beispielen  solch  demü- 
tiger Geständnisse  anführen.     Oft  wird  die  Formel  durch 
«ine  nicht  immer  wahrscheinliche  Begründung  erweitert 
(die  Frau  an  einen  österr.  Soldaten  an  der  Front); 

Scusa  il  mio  male  scritto  perche  devo  scrivere   a   salti 
di  volpe 

oder  (aus  Mauthausen): 

Scusi  del  mal  scritto  che  ho  freddo. 

Bei  dieser  Formel  muss  man  der  schon  oben  gewür- 
digten Schwierigkeiten  gedenken,  die  dem  ungebildeten 
Briefschreiber  entgegentreten. 

Oft  wird  das  Zittern  beim  Schreiben  aber  nicht  auf  die 
eigene  Unbildung,  sondern  auf  Hunger  und  Schwäche  ge- 
schoben : 

„mi  trema  la  mano  sono  ubbriaco  dalla  fame" 
war  eine  verschmitzte  Form  der  Hungerklage. 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  5 


-     66     — 

Manche  Korrespondenten  lassen  sich  ihre  Briefe  von 
kundiger  Hand  schreiben,  suchen  aber  die  beim  Empfänger 
möglicherweise  entstehende  Besorgnis  durch  ein  Gekritzel 
am  Schlüsse  des  Schreibens  zu  beseitigen  (Mauthausen — 
Udine) : 

Cara  Moglie  non  pensare  male  senon  e  lamia  caligrafia 
lo  fata  scrivere  perche  laricevi  piu  sicuro  Adio. 

Durch  die  Mühe,  die  dem  Schreiber  die  Kalligraphie 
verursacht,  wird  es  begreiflich,  dass  dies  Wort  nicht  mehr 
„Schönschreibekunst"  sondern  „die  Handschrift",  „dia 
Schrift"  bedeutet:  was  man  erstrebt,  wird  verwechselt 
mit  der  faktisch  ausgeführten  Handlung.  Ja,  calligrafia 
nimmt  sogar  den  Sinn  von  „Brief schreiben"  an  (Laibach — 
Modena)  : 

Sono    un    poco    piü   contento   avendo   ricevuto    una   tua 
caligrafia  (=  un  tuo  scritto). 

Schreiben  bedeutet  eine  Leistung,  ein  Erlebnis  (Bo- 
logna— Mauthausen) : 

Agostino    conquesto    pezzettino    di    carta    bagnata    coit 
questo  inchiostro  ti  vorei  spiegarti  un  po  di  nostra  condiscioni. 

Dass  die  Entschuldigung  wegen  schlechter  Schrift 
und  schlechten  Stils  nur  Formel  ist,  sieht  man  daraus^ 
dass  in  einem  Brief  einer  Frau  in  Nuoro,  Sassari  an  den 
kgf.  Bruder  in  Göding  die  Worte  stehen; 

Scuserai   della   calligrafia    e    del  poco   senso  perche    10- 
non  sono  istruita, 

worauf   ein   sauber  geschriebenes  Gedicht   in   sardischer 
Mundart  folgt. 


67    - 


IV. 


Wir  haben  in  den  drei  vorhergehenden  Kapiteln  die 
Eröffnungs-  und  Abschlussformen  des  Briefes  (zu  welch 
letzteren  die  Begrüssungen  und  die  Entschuldigungen 
wegen  schlechten  Schreibens  gehören)  kennen  gelernt  und 
damit  den  Rahmen  gezeichnet,  in  den  sich  jede  volks- 
tümliche Korrespondenz  einfügt.  Gehen  wir  nun  zum 
eigentlichen  Inhalt  des  Schreibens! 

Bestätigung  des  Empfangs  eines  Briefes  gehört  zu 
den  wesentlichen  Bestandteilen  der  Geschäfts-  und  der 
Privatkorrespondenz.  Die  Freude  über  den  Brief  eines 
lieben  Menschen,  die  von  jeher  zu  den  erlesensten  Ge- 
nüssen gehört  hat,  ist  in  Kriegszeiten  zu  einem  wahren 
Paroxysmus  gelangt.  Kriegsgefangene  wie  Internierte, 
Soldaten  im  Felde  wie  Flüchtlinge,  sie  alle  hatten  ja  an 
dem  Wunder  Anteil,  dass  sie  über  den  Wall  von  Bajo- 
netten und  Feuerschlünden  hinweg  mit  ihren  Lieben  Ge- 
dankenaustausch pflegen  konnten  —  jedes  Schreiben  ist 
daher  Himmelszeichen,  Offenbarung,  Wunder,  Schicksal, 
Herold  von  Leiden  und  Freuden  und  wenigstens  der  einen 
Freude  der  Gewissheit,  dass  der  Schreiber  im  Augenblick 
des  Schreibens  gelebt  hat.  Diese  Tatsache  bleibt  un- 
verrückbar und  wird  von  der  Flut  konfuser  Adressen- 
worte, offizieller  Stempel,  herzloser  behördlicher  Vermerke 
nicht  erschüttert.  Die  bekannten  Schriftzeichen  erscheinen 
dem  Empfänger  wie  eine  lichte  Schrift  auf  dem  dunkeln 
Grunde  des  Zeitgeschehens.  Die  Freude  im  Moment  des 
Briefempfangens  lässt  die  vergangenen  Leiden  der  Un- 
gewissheit  nur  in  verklärter  Erinnerung  erscheinen. 
(Sterntal  bei  Pettau — Grado): 

Mia  Carissima  Maria  quando  ricevete  questa  Leterina 
di  tua  Sorela  L.  lapro  e  vidi  dentro  Latua  calegrafia  nonpoi 
inmaginarti  lamia  contetteza  dopo  quatro  Messi  che  non  sa- 
peva  nesuna  nova  niente  date. 


—     68     — 

Mit  einer  Art  Selbstgefälligkeit  im  Leiden  und  einer 
Pedanterie,  wie  sie  nur  der  in  sein  Unglück  Verbohrte 
kennt,  rechnet  der  ohne  Brief  gelassene  Korrespondent 
die  Tage  nach,  die  er  nach  einer  Zeile  schmachtend  ver- 
brachte, und  die  eigenen  Briefe,  die  den  andern  nicht 
oder  ach  so  spät  erreichten.  Vergleiche  mit  dem  Dürstenden 
und  Hungernden  werden  laut  (Campomarina,  Campo- 
basso— Mauthausen) : 

Carissimo  P.  Mi  hai  promesso  che  mi  scriverai  in  capo 
di  15  giorni  invece  non  e  vero  sono  gik  18  giorni  che  non 
ricevo  tua  cartolina  sono  42  giorni  priva  di  tue  nuove  Tultima 
cartolina  tu  hai  scritto  g  31  Settembre  che  io  ho  ricevuto 
giorno  23  Ottobre  quante  volte  P.  mio  ti  ho  spiegato 
che  esser  priva  di  tue  nuove  e  il  mio  maggior  tormento? 
Per  caritä  ti  chieggo,  appena  puoi  scrivere  non  far  passare 
nemmeno  un  minuto  di  tempo,  perche  tu  giä  comprendi  in 
che  condizione  si  trova  il  nostro  cuore  almeno  le  tue  belle 
notizie  ci  solleveranno  un  poco.  Mio  Tesoro  io  ti  scrivo 
sempre  perche  considero  che  lostesso  tu  sei  al  par  di  noi, 
quando  saprai  le  nostre  nuove  stai  piü  contenta,  dunque  Ti 
raccomando  non  lasciarmi  sempre  in  queste  simili  condizioni, 
che  io  questa  mattina  aspettavo  come  aspetta  un  povero 
affamato  un  tozzo  di  pane,  cosi  io  aspettavo  la  tua  cartolina 
poi  che  il  postiere  passo  dritte  a  mi  niente  consegnö  io  non 
ho  fatto  altro  che  piangere  P.  Caro  tutti  si  vedono  coi  loro 
cari  o  feriti  o  ammalati  e  tornano  in  licenza  e  noi  quando 
sarä  quel  sospirato  giorno  che  ci  potremo  vedere  mai  piu 
disepararci  o  mio  dio  sia  presto. 

(Russland — Görz) : 

Vengo  oggi  giorno  di  Natale  a  farti  sapere  che  io  mi 
trovo  a  pensando,  disperatamente  a  te,  sono  con  il  cuore  in 
mano  per  ricevere  qualche  tuo  scritto. 

Zuckt  hier  das  gemarterte  Herz  in  der  Qual  der  Er- 
wartung, so  wird  ihm  im  folgenden  Fall  eine  ebenso  schmerz- 
liche Tortur  auferlegt  (Dolo,  Venedig— Mauthausen)  : 

Quando  eri  in  Italia  scrivevi  sempre  ed  ora  non  rice- 
vere piü  niente  non  puoi  immaginarti  il  mio  cuore  sono  messo 
in  messo  lanqudine  il  martello. 


—    69    — 

Erst  das  Eintreffen  eines  Briefes  bringt  Ruhe  in  das 
erschütterte  Gemüt  (Borso,  Treviso  —  Kuf stein;: 

Finchö  non  vedo  la  tua  caligrafia  non  mi  metto  in 
quiete. 

Der  routinierte  Zensor  weiss,  dass  jeder  Brief  Klagen 
über  des  Schreibers  besonderes  Pech,  über  seine  Verfol- 
gung durch  das  Schicksal  enthält:  „Alle  Kameraden  be- 
kommen Briefe,  nur  gerade  ich  nicht"  —  —  aber  alle 
Kameraden  schreiben  gleichfalls  diesen  Satz  (Theresien- 
stadt— Rö,  Ferrara): 

Quando  io  rimango  all'  oscuro  di  vostre  notizie  non  vivo 
nemmeno  contento  fammi  il  piacere  di  scrivermi  piü  spesso. 
Quaudo  vedo  agli  altri  che  spesso  ricevono  notizie  dalle  loro 
cari  io  mi  gerne  il  cuore,  e  dico,  ma  quand'  ^  che  posso 
averne  una  anchio. 

und  doch  ist  der  Brief  nur  ein  armseliges  Surrogat  leben- 
diger Rede  (nach  Mauthausen): 

Resto  colla  penna  in  mano  e  colle  lagrime  agli  occhi 
al  dover  parlavi  colla  carta  e  non  colla  bocca 

Aber  die  toten  Schriftzüge  beleben  sich  vor  dem  Auge 
der  Liebe  und  in  den  für  den  kaltsinnigen  Zensor  unbe- 
holfenen Schnörkeln  sieht  der  Empfänger  die  teure  Gestalt 
des  fernen  Angehörigen  (Molveno—Krasnojarsk, Russland): 

scrivete  piü  dispesso;  che  quando  veddiamo  una  vostra 
riga  1  e  come  si  vedessa  in  persona,  io  spero  che  frä,  poghi 
mesi  avrä,  termine  anche  la  guerra. 

Der  Eindruck  des  Briefes  verbindet  sich  mit  dem 
einer  mitangesehenen  Szene  (Braunau — Kirsanoff ,  Russl.) : 

quando  ricevo  vostri  scritti  mi  pare  di  vedere  la  vostra 
cara  persona  non  pensate  per  noi  que  stiamo  molto  bene  qua 
vi  sono  molti  russi  prigionieri  a  vedere  questi  mi  pare  di 
vedervi  voi  e  dicö  anche  il  mio  marito  srä  cosi  povereto. 

Das  Lesen  des  Briefes  erscheint  sehr  poetisch  als 
ein  Zwiegespräch  mit  dem  Herzen  des  Geliebten  (österr. 
Feldpost— Visco) : 


—     70    — 

Cara  N.  puoi  pensare  tu  che  gioia  io  che  ho  adesso 
che  ti  scrivo  della  gioia  mi  pare  di  essere  vicino  al  tuo 
cuore  che  parlassi  chon  lui,  quando  torneranno  quei  giorni 
che  abbiamo  passato  asieme  qua  non  passa  sera  che  io  mi 
sogno  a  te  mi  pare  sempre  di  essere  a  quelle  belle  sere 
che  abiamo  pasato. 

Hier  mischt  sich  zum  Glück  des  Augenblicks  die 
Erinnerung  an  Vergangenes  wie  im  vorvorigen  Beispiel 
die  Hoffnung  auf  die  Zukunft. 

Man  wird  schon  bemerkt  haben,  wie  ganz  im  Gegen- 
satz zur  Gebundenheit  am  Anfang  und  Schluss  des  Briefes 
die  uns  in  diesem  Kapitel  beschäftigenden  Eindrücke  beim 
Empfangen  des  Briefes  mit  einer  gewissen  Ausführlichkeit 
und  stilistischen  Bewegungsfreiheit  zum  Ausdruck  gebracht 
werden,  wie  die  Psychologie,  die  Betrachtung  des  eigenen 
Schicksals,  reichlich  zu  Worte  kommt.  Da  ist  nicht  mehr 
der  linkische  Sklave  einer  ihm  fremden  Tradition,  der  mit 
den  überkommenen  Formeln  ringt,  sondern  der  fühlende 
und  sein  Fühlen  analysierende,  im  Ausmalen  seiner  Em- 
pfindung schwelgende  Mensch,  Der  Moment  des  Brief- 
erhaltens  wird  mit  historischer  Gründlichkeit  festgehalten 
(Pratomorone,  Alessandria — Mauthausen) : 

Siamo  istati  piu  di  40  giorni  indoloriti  che  non  potevo 
sapere  delle  tuve  notizie,  puo  inmagginarti,  che  dolor!  in 
questi  tempi.  Finalmente  la  la  notizia  tuva  l'abbiamo  rice- 
vuta  dal  cugino  L.  P.  che  e  venuto  in  festa  Pratomorone  sula 
porta  della  chiesa  ho  quanto  mi  son  ralegrato  me  e  tuva 
caramadre  e  poi  tutti  tutti  cera  anche  tuvo  fratello  G.  in 
permesso.  conquesta  notizia  abbiamo  passato  lafesta  di  buon 
umore. 

Ein  Brief  von  einem  Kgf.  in  Österreich welches 

Ereignis  für  eine  italienische  Ortschaft!  Der  Vater,  der 
ihn  bekommen  hat,  ist  Gegenstand  begeisterter  Ovationen 
(Monteleone,  Perugia — Laibach) : 

A  Monteleone  su  questa  circostanza  hai  avuto  un  popolo 
solo,  oggi  tutto  a  venire,  a  farmi  i  rallegramenti  e  tutti  a 
dirmi  di  salutarti,  incominciando  dal  sindaco,    tutto    il   paese 


—    71     - 

lia  saputo  della  tua  cartolina,  e  tutti  ti  salutano,  e,  prende- 
vano  parte  alla  mia  gioia,  di  aver  avuto  tue  notizie:  si, 
figlio  tnio,  la  gioia  di  aver  visto  i  tuoi  cari  scritti. 

Am  liebenswürdigsten  ist  die  Freude  über  den  Empfang 
-eines  Briefes  im  folgenden  Beleg  gemalt,  in  dem  sowohl 
die  Details  bei  der  Austeilung  der  Post  wie  die  Wirkung 
der  guten  Nachrichten  auf  die  Stimmung  des  Empfängers 
in  volkstümlich  plastischer  Form  hervortreten  (Siena— 
Ümago,  Istrien): 

Miacara  mollie.  o  Giariccevutto  la  tua  Cara  dezideratta 
Lettera  Conmolto  piacere  a  sentire  che  godette  la  buona 
jalutte  e  gozi  e  un  simille  di  me  stesso  Cara  mollie  ti  noto 
che  lao  ricevutta  che  giero  in  lavoro  per  che  alla  dimenicha 
si  lavora  fino  alla  una  dopopranzo  e  se  ga  la  giornatta  intira 
«  vieni  la  posta  e  dice  e  qui  Luigi  D.  e  ti  puoi  in  magi- 
narti  la  mia  Consolazione  e  dicevo  a  sabatto  di  sera  che 
vuol  dire  che  mia  mollie  non  scrivi  e  poi  me  gomeso  a  scri- 
vere  un  cartolina  e  ti  di  cho  che  non  la  o  neanche  in  postata 
Mia  Cara  mollie  tu  me  scrivi  se  mi  acori  qualche  cosa  e  ti 
dicho  mi  faria  di  bizogno  un  pera  di  brage  e  un  gile  e  se 
lo  podaria  trovare  un  Capoto  di  sotto  man  per  ora  qui  non 
e  tanto  fredo.  Mia  Cara  mollie  quando  che  me  gomesso 
alegere  che  tu  me  spiegi  delle  mie  fatiche  della  legria  me 
go  in  gropatto  il  quore  e  sono  rimasto  con  tento  a  sentire 
che  gavemo  fatto  piu  che  lano  scoso  o  poi  ti  di  co  pena 
mangiato  me  gomeso  subito  a  scrivere  e  i  miei  Compagni  me 
diceva  gigi  andiamo  a  bevere  la  bira  in  bottel  e  i  mi  diceva 
ti  puol  essere  Con  tento  e  mi  dicevo  ringrassi  Idio  e  poi 
dalla  Contentessa  go  bevudo  4  litri  di  bira. 

Der  Brief  wird  mit  einem  hieratischen  Rituell  ver- 
w^ahrt.  Wie  aus  der  Zelt  der  Empfindsamkeit  tönen  die 
folgende  Worte  (Montecosaro,  Macerata — Mauthausen): 

Mio  caro  se  vedesti  come  son  raggiante  gi  goia  cuanto 
aprento  le  tue  care  lettere.  appena  le  ho  nelle  mani  le  leggo 
e  rileggo  piü  volte  e  che  riguardo  che  glio.  Le  tenco  in 
una  cassitina  chiusa  a  chiave  e  nelle  ore  triste,  apro  con 
■dolcezza  tutto  ciö  che  mi  sta  a  cuore  e  la  rileggo  ancora 
allora  mi  rassereno  pensanto  al  tempo  futuro  che  saremo 
filici. 


-     72     — 

Eine  Mutter  bedeckt  den  Brief  des  Sohnes  mit  Küssen^ 
„zangengleich"  halten  ihre  Hände  das  teure  Pfand  (Italien  — 
Mauthausen) : 

Caro  figglio  non  puoi  maginarti  quando  ricevo  il  tuo 
foglio  dico  questo  foglio  6  stato  in  mano  del  mio  figlio. 
Eloricopro  di  bacci  e  lo  scringo  fra  le  mie  manni  come  ta- 
naglie. 

Die   folgende  Tirade    empfinden    wir   vielleicht   als 

weitschweifig,  unsachlich  und  langweilig und  doch, 

wie  wichtig  mussten  dem  Schreiber  seine  Empfindungen 
sein,  wenn  er  zwei  Drittel  seines  Briefes  der  Variation 
des  einen  Themas  widmet:  „Solange  ich  keine  Nachricht 
von  Dir  hatte,  gings  mir  schlecht,  jetzt  bin  ich  glücklich". 
Kleinliches  Nachrechnen  der  empfangenen  und  geschrie- 
benen Briefe,  deren  Bilanz  natürlich  immer  zu  Ungunsten 
des  Empfängers  ausfällt,  wechselt  ab  mit  der  Schilderung 
des  plötzlichen  Szenenwechsels,  den  ein  einfacher  Brief 
im  Innern  des  Empfängers  hervorrief  (Reichenau—Pil- 
cante,  Tirol): 

Non  puoi  immaginarti  la  mia  grande  gioia  quando 
ricevo  un  tuo  schritto  che  eravamo  stati  tanto  tempo  senza 
poterci  darci  nessuno  scritto  e  sansa  poterci  sapere  dove  siamo 
ne  uno  ne  laltro  ah.  Cara  mia  non  poscio  per  tanto  che  ti 
dica  non  poscio  tirti  nulla  confronto  la  pascione  grande  che 
provai  in  questi  5  mesi  passatti,  il  mio  pensiero  del  giorno 
6  notte  non  era  altro  che  sopra  di  te  e  apensare  di  non 
potere  sapere  nulla  di  te  come  anche  della  mia  famiglia.  Ah. 
Per  il  mio  misero  quore  sono  stato  5  mesi  di  coltelate 
di  continuo  Dopo  poi  a  forsa  di  tanto  desiderare  e  aspe- 
tare  mi  arivai  una  tua  lettera  permeso  di  tuo  cugino  B., 
quande  la  ho  ricevuta  tremevo  tutto  dalla  consolazione  non 
mi  pareva  neppure  la  verita  che  e  una  tua  lettera  scrita 
colle  tue  mani  nel  legerla  mi  cascava  le  lagrime  dalli 
occhi  come  quando  il  tempo  b  imborasca  e  che  piove  forte. 
Ah  per  tanto  che  ti  dica  non  saro  mai  abbastansa  a  piegarti 
tutto  il  mio  dolore  passato.  Poi  dopo  alcun  tempo  ricevetti 
ancora  unaltra  tua  lettera  che  ai  schritto  la  prima  incom- 
pagnia  di  mio  compagno  C.  S.  anche  allora  perme  mi  ai  so- 
lavato  da  una  grande  pena  che  ho  detto  fra  me,  adesso  forse 


—     7.]     — 

se  Dio  vuole  dopo  tanto  tempo  iucommincio  aricevere  ancora 
un  tuo  scrito.  E  poi  dopo  neo  ricevuto  in  tutto  10  tue 
lettere  e  2  dai  miei  genitori  una  che  anno  indirizato  a  Gr. 
P.  e  poi  altre  due  che  mi  sono  venute  dirette  a  me,  lo 
te  neo  schritto  15  ate  e  10  alla  mia  famiglia  dunque  non 
so  poi  quanto  ne  avette  ricevuto  intute  voialtri  delle  mie. 
Ti  prego  cara  mia  se  vuoi  soUevarmi  da  questa  bruta  pena 
di  schrivermi  difrequente  che  quando  ricevo  un  tuo  schrito 
ame  mi  pare  che  mi  dai  10  anni  di  vita  di  piü  ogni 
lettera  che  mi  schrivi.  Ti  prego  cara  mia  conzola  questo 
miserabile  quore  che  tanto  piange  e  soffre  per  te  pensando 
che  chisa  siddio  mi  conceda  questa  grande  grazia  di  ritornare 
ancora  al  mio  paese  ed  a  vedere  ancora  quel  fiore  che  da  3  anni 
coltivo  e  che  coltivero  sempre  infine  che  Dio  mi  alascia  su 
questa  terra  di  lagrime  .  .  .  qua  cantano  suonano  e  ridono 
tutti  sono  tutti  alegri.  Ma  io  in  5  me  non  oridesto  nepur 
1  volta  che  tutti  me  domandava  che  cosa  o  io  che  sono  cosi 
avelito  Adesso  insoma  melapaso  alla  menomale  che  ricevo 
qualche  tuo  schritto. 

Wenn  die  Angehörigen  nicht  schreiben,  so  sind  sie 
tot,  böse  —  —  oder  haben  kein  Papier:  zu  dieser  zwin- 
genden Schlussfolgerung  gelangt  ein  Kgf.  (Mauthausen — 
Massa  Carrara): 

Pino  a  questo  tempo  non  sono  ancora  statte  il  caso  di 
ricevere  le  vostre  nottizie  ene  quelle  della  famiglia.  e  per- 
questo  non  so  ne  se  siette  tutti  morti,  ho  rosia  vi  manca  la 
carta  ho  che  non  siette  piü  il  caso  di  scrivere  due  righe  per 
darmi  notizia  delle  condizione  della  famiglia  ho  che  vi  siette 
sgomentitti  nel  settire  le  mie  nottizie  di  essere  rimasto  prig- 
gioniere  perchö  il  resto  nonposso  acapire  niente  perche  i  miei 
compagni  tutti  ano  ricevuto  nottizie  dalla  loro  famiglia,  e  io 
sempre  nis.  nis.  per  me. 

Am  Schlüsse  der  meisten  Korrespondenzen  steht  der 
sehnsüchtige  Ruf  pronta  risposta  e  buone  notizie 
oft  auch  abgekürzt  p.  r.  Die  Formelhaftigkeit  dieses  Aus- 
druckes ersieht  man  nicht  nur  aus  dieser  Abbreviatur, 
sondern  auch  aus  einem  gelegentlich  sinnlos  eingeschobenen 
„und"  (pronta  e  risposta),  das  sich  offenbar  nach  dem 
Muster  von  Beispielen  wie  addio  e  arrivederci  einge- 


—     74     - 

t'unden  hat.  —  Derjenige,  der  bald  schreibt,  bekommt  vor- 
sqhussweise  einen  Gruss  (Mauthausen— Manduria,  Lecce): 

Una   Pronta  risposta  Arivederci   tutti    Sahiti    chi    legge 
e  chi  sente  e  chi  scrive. 


V. 

Das  Briefschreiben  tiberbrückt  die  Entfernung.  Die 
Schreibenden  können  sich  nicht  genug  tun  an  Beteuerungen, 
ein  wie  böser  Feind  die  Entfernung  sei.  Dieses  lyrische 
Thema  wird  in  nicht  endenwollenden  Variationen  bear- 
beitet. Rührend  wie  ein  Gedicht  ist  die  zarte  Klage  der 
Frau  eines  Kgf.  in  Russland,  wenn  sie  auch  durch  den 
in  den  Bereich  häuslicher  Verrichtungen  herabsteigenden 
Schluss  etwas  veMorben  wird,  rührend  vor  Allem  die 
naive  Enttäuschung  darüber,  dass  der  Krieg,  den  man  vor 
der  Ernte  1914  beendet  glaubte,  nun  schon  das  zweite 
Jahr  dauere: 

Mio  Carro  Marrito  apensare  a  tuto  e  roba  di  'npazire 
och  Cuor  mio  Quanti  dolori  och  quanti  pensieri  che  pasano 
per  la  mia  testa  ma  si  ricordi  mio  Caro  quanto  bene  franor 
opure  adesso  apensare  La  nostra  distanza,  la  lontananza  fra 
noi  miserri  e  disgraziatti  ma  sia  tuto  la  Volonta  di  nostro 
Carro  dio  Cuor  mio  quando  il  Crudele  destino  Vuoleva  cossi 
franoi  pazienza  Ma  chi  diceva  mio  Carro  un  giorno  che  si 
troveremo  cossi  lontani  un  del'altro  och.  no  mai  lo  avessi 
apensato  telo  giuro  Marito  mio  ti  recordi  tesoro  mio  quando 
mi  dicevi  a  Trieste  che  per  le  Vendeme  riverai  acassa  in 
Vecce  sono  pasate  due  e  ancora  siamo  cosi  lontani  un  del'altro 
e  penso  almeno  che  mi  potesse  dare  questa  grazia  il  mio 
Carro  dio  che  potessi  venir  acasa  per  coparmi  il  porcco  e  che 
lo  potessimo  agoderre  insieme. 

Der  Krieg  hat  für  alle  Menschen  eine  wahrhaft 
lyrische  Situation  geschaffen:  aus  Ruhe  und  Glück  ist  die 
Menschheit  in  Unruhe  und  Gefahr  gerissen  worden,  aber 


das  Letzte  im  Krieg  ist  nicht  der  Krieg  und  so  werden 
die  Zeiten  der  Ruhe  und  des  Glückes  wiederkehren.  Augen- 
blicklich ist  die  Erde  von  einem  duro  flagello,  einer 
Plage  Gottes,  heimgesucht,  augenblicklich  ist  die  Erde 
una  dolorosa  valle  di  lagrime,  ein  Jammertal,  aber 
am  Beginn  und  am  Ende  des  Tales  liegen  die  Gefilde  des 
Glückes  und  der  Zufriedenheit.  Zwei  Grundelemente  der 
Lyrik,  Erinnerung  und  Sehnsucht,  hat  der  Krieg  das 
menschliche  Herz  doppelt  empfinden  gelehrt.  Jeder  Kriegs- 
brief enthält  daher  einen  Rückblick  ins  Vergangene  und 
einen  Ausblick  in  die  Zukunft. 

Durch  den  würzigen  Reiz  der  friaulischen  Mundart 
ausgezeichnet  ist  die  Sehnsuchtsklage  eines  Arbeiters,  der 
mit  dem  Gedanken  an  die  adorada  morosa  den  an  den 
Heimatsflecken  verbindet  und  mit  dem  Epitheton  bene- 
detto  Geliebte  und  Heimat  umschliesst  (Ungarn — Bor- 
gnano,  Friaul): 

Mio  adorade  morose,  cön  chiste  raio  lettere  vegni  a  fatti 
save  che  dopo  süs  mess  soi  simpri  san,  e  content,  ma  cio  mi 
displas  lostess,  di  iessi  vie  tant  timp,  dal  tö  cur  benedet,  e 
dai  nostriss  ciars  paiss,  che  spererai  in  Dio  di  viodiü  anchemö 
una  volte  chel   benedet  Borgnan. 

Die  Entfernung  durch  den  Brief  zu  besiegen  ist  nicht 
immer  eine  so  einfache  Sache :  zum  Schreiben  gehört  Zeit 
und  Lust  und  Beides  fehlt  ja  dem  Menschen  im  Krieg. 
(Bratainisa— Perteole,  Cervignano): 

Caro  padre  a  mi   uon  mi  occorri   niente  perche    non    ai 

una  idea  de  tanto  lontano  che  sono  via  de  casa  se  fossi  piü 

-  vicino  allora  si  caro  pardre  mi  ti    scrivero    sempre    se    posso 

ma  non  avvilirti  se  non  ti  scrivo  perche  non  o  tempo  qualche 

volta  oppure  non  o  coraggio. 

Der  Gedanke  an  die  Entfernung  nagt  wie  ein  inneres 
Gift  an  der  Seele  des  Kgf.,  der  schUesslich  die  Flucht 
versucht :  wieviele  Kgf.  sind  so  den  Lagern  oder  Arbeits- 
orten entflohen  und  dann  teils  wieder  eingebracht  teils 
nicht    zurückgefangen    worden!     Die    Gefühle    der    Ent- 


—     76     - 

täuschung  über  einen  derartigen  missglückten  Fluchtver- 
such malt  der  folgende  Brief  (Mauthausen — Forlij: 

Avevo  tentato  di  porre  afine  questa  lontananza  che  ci 
divide  purche  anche  qua  prigioniero  sono  rispetato  e  tratato 
abastanza  bene  ma  sai  che  ml  place  la  liberta  e  11  9  marzo 
tentai  la  fuga  riuscii  a  fugire  din  mezzo  alle  sentinelle  e 
ragiungevo  i  confini  della  Riimania  inentre  stavo  per  traver- 
sare  il  Danubio  sono  stato  preso  dai  bulgari  e  ricondotto  al 
concentramento  finora  non  o  sobito  nesuna  pena  cone  spero 
di  non  sobirne  ne  anche  perche  la  fuga  ai  prigionieri  di  guerra 
e  amessa.  Non  puoi  in  maginare  qiianto  dolore  e  quanta  con- 
tentezza  o  provato  nella  mia  fuga  sognavo  la  liberta  vedevo 
in  mezzo  ai  campi  i  fiori  che  cominciavano  a  sbociare  sentivo 
la  via  libera  sognavo  di  rivedere  fra  poco  la  mia  birichina  che 
tanto  lo  amato  mentre  vedevo  la  liberta  che  mi  apariva  avanti 
gli  occhi  mentre  non  avevo  che  il  danubio  da  traversare  e  poi 
ero  libero  i  gendarmi  bulgari  mi  presero.  In  quel  momento 
rimasi  di  pietra  vidi  i  mie  sogni  che  faghegiavo  a  svanirsi 
vidi  che  ancora  non  potevo  ragiungere  la  mia  birichina  che 
tanto  Tamo.  Ebene  pazienza  vene  anche  quel  giorno  in  qui 
sarö  libero  e  ritornero  date  e  allora  saremo  felici  eternamente. 

„La  mia  birichina  che  tanto  Famo"  —  das  er- 
innert ein  wenig  an  die  altfranzösische  Nicolette,  „la  cose 
ke  plus  aim". 


VI. 

„Lontano  dagli  occhi  lontano  dal  euere"  sagt  be- 
kanntlich das  italienische  Sprichwort.  Keinem  Vorwurf 
sucht  der  Briefschreiber  so  sehr  zu  begegnen  wie  dem 
der  Unbeständigkeit,  des  Vergessen s.  Trotz  der  Ent- 
fernung —  und  der  Krieg  hat  viele  hunderte  Kilometer 
Entfernung  zwischen  den  Liebenden  geschaffen  —  ist  die 
Treue  nicht  schwankend  geworden:  „Nie  werde  ich 
dich  vergessen",  ein  ständiger  Refrain  in  den  Kriegskor- 
respondenzen. Meist  hat  A.  die  Frage  „Hast  du  mich 
schon  vergessen?"  bloss  gestellt,    um   die    so   süsse    ver- 


-     77     — 

neinende  Antwort  des  B.  zu.  provozieren  und  die  Musik 
der  Worte  „Ich  hab'  dich  lieb"  nochmals  rauschen  zu 
lassen.  B.  hat  denn  auch  das  Manöver  des  A.  ganz  gut 
durchschaut,  besonders  wenn  B.  eine  Frau  ist  (Triest — 
Drosendorf ) : 

Mi  dici  di  non  diinenticarti  tu  lo  sai  meglio  di  me  che 
raai  e  poi  mal  la  tua  Gigia  potrebbe  fare  un  tanto,  e  se  non 
mi  restasse  un  ora  di  vita  l'ultimo  mio  pensiero  e  l'ultimo 
mio  sospiro  sarebbe  pel  mio  caro  pepi  che  tutto  ha  sacrifi- 
cato  per  me. 

Aber  auch  der  Gatte  w^eist  derartige  Anwürfe  schnöde 
zurück  (Drosendorf —Prossnitz) : 

Senti  cara  mia  Rucci  di  scrivermi  un  po  melio  e  di  non 
rimpro verarm i  che  io  non  lo  o  mai  scrito  a  mia  sorela  e  non 
ne  penso  perche  io  o  rivolto  il  mio  amore  soltanto  verso  a 
te  e  tu  Sarai  sempre  il  mio  idolo  e  non  ti  dimentichero  mai 
e  non  mi  stanchero  di  scriverti  fino  a  quando  saro  a  vicino 
saro  sempre  il  tuo  Torio  come  che  sono  statto  adesso  sempre 
fedole  cosi  lontano  da  te. 

(Krain— Cervignano) : 

Queste  parole  me  fa  asai  dispiacere  il  quäle  mi  dici 
che  sono  dimenticato  di  te,  questo  non  devi  dir,  anzi  io  ti 
penso  ogni  giorno  te  e  la  nostra  cara  famiglia. 

Der  Vorwurf  der  Vergesslichkeit  wird  mit  „Retour- 
kutsche" zurückgeschleudert  (Asti,  Piemont — Krain): 

Cara  M.  tu  mi  scrivi  che  io  sono  dimenticato  dati 
einvece  mi  pare  che  voi  altri  siate  dimenticati  dime  ma  non 
solo  ti  matuta  la  famiglia,  peche  io  vigo  scrito  gia  tante 
volte  e  da  voi  siriceve  molte  poche  notizie  percuesto  io  dico 
che  voi  siete  tuti  dimenticati  dime  e  vego  scrito  diverse  volte 
che  procure  di  mandarmi  soldi.  soldi  e  voi  altri  non  senti 
niente. 

Wird  hier  der  ziemlich  materielle  Grund  der  Ver- 
stimmung, das  Ausbleiben  der  Geldsendung,  ohne  weiters 
klar,  so  wird  oft  die  Geldsendung  ebenso  wie  das  Schreiben 
als  Beweis  treuen  Gedenkens   aufgefasst,   immerhin   das 


-     78     — 

Schreiben  als  wertvoller  denn  die  Unterstützung  hinge- 
stellt (Wien — Ledec,  Böhmen): 

Mia  cara  Moglie,  Ogi  o  rigevuto  10  Cor  Speditemi  da 
ti  li  2/11  8on  molto  contento  perche  in  questa  magniera  ai 
dimostrato  di  non  averti  dimenticato  di  mi,  Cara  L.  il  tuo 
pensiero  e  grande  in  mio  riguardo,  ma  non  dovevi  mai  far 
un  simile  sacrifio.  mi  saro  molto  piu  contento  quando  mi 
scriverai  tu  stesso. 

Dirne nticare  ist  ein  grausames  Wort,  eine  abge- 
härmte Frau  sagt  es  ausdrücklich  (Vigolo  Vattaro— Penza, 
Russland) : 

Modesto  mio.  Di  nuovo  ti  scrivo.  No  riceverai  qualcnna? 
Lo  spero.  —  E  te  perche  non  scrivi.  Sono  rari  i  tuoi  scritti, 
rari  e  freddi  como  i  ghiacci  d'inverno.  Mi  dimenticasti? 
Questa  crudela  parola  me  la  dice  il  tuo  lungo  silenzio,  Pazienza. 

Die  Schreiberin  folgender  Zeilen  hat  die  Eindrucks- 
kraft der  Wörter  ricordare  und  scordare  instinktiv 
erfasst  (Jesi— Mauthausen): 

Caro  Enrico  ti  lascio  solo  tidico  non  ti  scordare  riccor- 
deti  di  me  riccordeti  del  bene  riccordeti  di  tutto.  lo  non 
faccio  altro  che  piange  pensando  il  bene  tuo  che  mi  volei 
di  tutto  mia  scordero  ma  di  te  non  mi  scordo  mai  notte  e  giorno. 

Ti  penso  sempre  —  um  diesen  Kehrreim  hat  ein 
südländischer  Kgf.  ein  halb- dialektales  Gedicht  verfasst 
(nach  Cantanzaro): 

Ti  penzo  sempre  omam  mamia 

di  questa  mia  prigionia 

curaggio  sempre  tu  farai 

che  qua]  che  giorno  torner  ai 

trembola  il  mio  pinsiero 
palpita  suspira  ilseno 
sempre  attö  io  penzerö 
sevive  ancora  vitrovero 


sempre  forte  nelcuore  mio 
ti  penzo  pure  opatre  mio 
lavorando  solo  tuserai 
perte  io  sempre  pregerai. 


-     79     - 

Die  Rhetorik  des  Erinnerns  schwingt,  mit  zarten  Ein- 
drücken abwechselnd,  durch  die  Worte  eines  kgf.  Haupt- 
manns in  Mauthausen,  der  von  flüchtigen  Soldatenerinne- 
rungen zum  Gedanken  an  Italien  aufsteigt: 

Aicico  mio  Caro,  Come  stai?  come  stanno  gli  amici? 
le  belle  tote  di  cotesta  deliziosa  cittadina?  cosa  si  fa  costi? 
scrivemi  qualcosa,  scrivemi  spesso  e  mi  farai  sempre  un  gra- 
ditissimo  favore.  —  Quaoto  a  me  di  salute  sto  bene:  riguardo 
al  morale,  pensa  un  po'  tu  come  possa  esse  il  morale  di  un 
povero  esiliato  lontano  da  tutti  e  da  tutto,  nulla  sapendo  mai 
della  patria,   dei  parenti,  degli  amici. 

Eigurati  delle  estese  praterie  con  in  mezzo  un  largo 
recinto  di  doppia  rete  metallica  guardata  da  numerose  senti- 
nelle;  ebbene  dentro  questo  recinto  ci  sono  io  con  altri  in- 
felici  compagni,  i  quali  durante  il  giorno  non  fanno  altro  che 
passeggiare  intorno,  come  tante  bestie  feroci  nella  loro  gabbia, 
fiutando  col  naso  per  aria  la  cara  libertä,  che  ancora  tarda 
a  venire.  L'unica  consolazione  e  che  l'occhio  puö  spaziare 
lontano,  ammirando  il  primo  ridestarsi  della  natura  all'uscire 
dei  languori  della  fredda  stagione,  i  colli  che  vanno  copren- 
dosi  di  un  bei  manto  verde.  I  fiori  imbalsamano  l'aria  col 
loro  delicato  profumo:  i  faggi,  i  pini  e  gli  abeti  rinvigoriti 
dalla  bella  stagione,  s'innalzano  superbi  e  rigogliosi;  ed  i 
fruttari,  tutti  bianchi  per  la  loro  fioritura,  sembrano  aver  con- 
servata  della  neve  sui  rami  nodosi.  Perö  se  l'occhio  si  de- 
lizia,  se  il  petto  si  gonfia  respirando  dalla  finestra  aperta  l'aria 
pura  e  fresca  della  matina,  Tanima  si  annoia,  il  cuore  si 
rattriata  ed  il  pensiero  vola  lontano  lontano  senza  quiete, 
senza  pace.  —  Oh!  come  ricordo  volentieri  i  bei  giorni  trascorsi 
costi,  le  belle  serate  passate  insieme  con  te  e  con  tanti  cari 
amici!  come  ricordo  volentieri  le  belle  signorine,  che  con  il 
loro  sorriso,  con  la  loro  gaiezza  ci  facevan  trascorrere  piü  lieto 
la  vita!  Ricordo  la  biondina  dei  caffe  (semo  tuti  fradei): 
quanto  era  carina,  simpatica,  affabile,  tutta  allegria,  tutta 
sorriso!  Ricordo  le  due  sorelle  sigaraie:  l'una,  con  un  bei 
dominio  d'anche,  l'altra  piü  scarmolina,  ma  tutta  nervi,  tutta 
lingua,  la  loro  padrona  dalle  forme  rigogliose;  la  futura  S. 
dalla  ricca  plastica  di  poppe;  la  M.  snella,  sciolta,  dalla 
testa  miracolo  di  eleganza,  e  di  finezza;  le  due  insepara- 
bili,  nelle  quali  rimane  il  desiderio  piü  giovane  degli  anni. 
Vedo  Colei  che  mi  inebbriava  col  suo  fascino,  la  vedo  in 
tutta   la   sua    persona   continua  musica  soave:   la  sua  bella  e 


—     80    — 

forte  giovinezza  fu  per  me  un  palpito  d'amore.  Dico  di  tua 
cugina  fina,  che  forma  tntt'ora  il  mio  Capriccio,  Tassedio 
delle  mie  notti,  il  rifugio  del  mio  pensiero.  Tutte,  tutte  in 
questo  momento  passano  davanti  ai  mici  occhi  le  belle  signorine 
e  le  simpatiche  signore  di  costi:  e  vedo  voi,  Giovani  for- 
tunati  e  scapoli  impenitenti,  bearsi  dei  loro  sguardi,  dei  loro 
sguardi,  dei  loro  sorrisi  —  mentre  io  qui  non  vedo  anima 
nata,  mentre  che  a  me  di  qualsiasi  piacere  non  rimane  che 
il  puro  desiderio!  Basta:  speriamo  che  il  consulto,  tenutosi 
a  Parigi,  fra  i  piü  grandi  chirurghi,  sia  riuscito  a  trovare 
l'infallibile  medicina  per  guarire  l'Europa  dalla  peste,  che  la 
dilania.  Intanto  pazienza  e  rassegnazione.  NuUa  6  il  patire 
purche  la  gloria  d'Italia  risplenda  piü  bella,  piü  fulgida, 
purch^  si  adempino  i  grandi  destini  della  nazione  che  ,1'Apenin 
parte,  il  mer  circonda  e  l'alpe'. 

Weinen  und  Klagen  —  nur  das  kann  das  Los  der 
schönerer  Zeiten  gedenkenden  Frau  sein  (Cadine — Volterra, 
Toscana) : 

I.  marito  mio,  Oh,  come  ansiosa  ne  sarei  delle  tue 
consolanti  parole,  mi  sembra  perfino  impossibile  che  tu  torni 
ancora  a  compiere  la  gioia  della  tua  amata  F.,  che  depo 
che  tu  sei  partito  da  Cadine  non  pregustai  un  ora  lieta  piü 
benche  tutti  mi  ama,  ma  saprai  che  come  la  compagnia,  dei 
bei  giorni  passati  con  te  non  ho  piü  ....  Sto  sempre  sola 
qui  a  casa  nostra  lavorando  un  po  piangendo  e  tu  mio  Carlo 
ne  soffri  stranio  della  tua  compagna.  Ma  preghiamo  non 
stanchiamoci  che  Idio  ponga  fine  a  tanto  soffrire.  La  vita 
mi  ^  di  peso  ma  solo  a  pensare  al  tuo  ritorno  mi  rianimo 
6  prego  il  dolce  bambino  Gesü  che  sia  apportatore  di  pace 
desiderata. 

Noch  eindrucksstärker  als  die  bei  giorni  sind  le 
belle  serate,  die  holde  Liebes worte  mit  ihrem  Dunkel 
umhüllten  (Nimburg— Cesena,  Forli): 

A  me  mi  pare  sempre  mille  anni  che  non  ti  abbia  visto 
dove  che  ero  abbituvato  a  vederti  tutte  le  sere  e  si  passava 
quelle  belle  serate  con  quelle  dolce  parole  che  risanavano 
la  mia  persona  ora  invece  il  destino  ci  ha  divisi  senza  sapere 
cuanto    si   rivedremo   speriamo    presto   ma  chi  lo  sa  cuando. 

Die  Erinnerung  an   die  Vergangenheit  ist  eine  der 


-     81     — 

bitteren  Freuden,  die  der  Gefangene  mit  wehmütiger  Wol- 
lust schlürft:  „Heute  vor  einem  Jahr,  was  war  da  wohl?" 
Besonders  der  zu  Hause  verlebten  Feste  wird  eindringlich 
gedacht  und  jedes  Detail  breit  ausgemalt  (Katzenau — 
Udine) : 

Cara  T.  Vengo  a  farti  memoria  dell'  anno  venture 
della  prima  festa  di  natale  in  Piazza  San  Francesco  vicino 
al  portone  dove  tu  abitavi  che  tu  con  quei  labbri  sorridenti 
e  con  quei  occhi  cosi  belli  si  attendevamo  chi  si  abbassa 
prima  sotto  la  pioggia  con  la  tua  ombrella  aperta  dove  e 
stato  il  primo  tuo  bacio  che  quando  mi  ramento  non  posso 
dimenticarmi  e  di  quei  giorno  sempre  piu  ti  amavo  oramai 
siamo  lontani  l'uno  l'altro  appena  che  saremo  liberi  speriamo 
"di  unirci  insieme  prima  possibile  buone  feste  buon  anno  mille 
baci  tuo  L. 

Ein  Weltkrieg  vermag  nicht  die  sonnige  Erinnerung 
an  jenen  Regentag  und  den  Kuss  unter  dem  Regenschirm 
auf  jenem  dunkeln  Triestiner  Platze  zu  verlöschen.  Auch 
festliche  Genüsse  des  Gaumens  werden  nicht  ungern  der 
Vergessenheit  entrissen  (Villa  Lagarina— Omsk): 

Oggi  hö  ricevuto  anche  nuove  di  G.  dove  mi  disse 
che  gli  manda  un  pachetto  per  fare  le  sante  feste  che  Tanno 
scorso  le  abbiamo  passate  insieme,  e  abbiamo  fatto  carnovale 
dopo  tanto  tempo  che  non  veniva  a  casa  nostra  e  ramenta 
quei  gotto  di  vino  bevvuto  in  quei  4  giorni. 

(Böhmen — Genua): 

Caro  padre  questo  anno  non  si  pesta  il  bacala  oggi  la 
vigilia  abbiamo  mangiato  patate  col  sale  perche  qua  non  se 
ne  conosce  oglio  e  per  non  cundire  colo  lardo  abbiamo  man- 
giato questo  e  questa  sera  caffe  questa  e  la  nostra  vigilio 
del  Santo  Natale.  0  Caro  padre  dove  e  quelle  sante  feste  che 
fasevimo  a  nostra  casa,  ma  tutto  questo  non  faria  niente 
niente  bastaria  di  unirsi  un  giorno  assieme  a  casa  nostra. 

(Mauthausen — Casorate,  Pavia): 

Oggi    giorno    di  Natale    mi   ramento   lanno   scorso    che 
Bella  sborgnia  con  voi  altri  ma  oggi  addio  vino  che  mi  paace 
cosi  molto.    Ebbene  Pasiensa  verra  un  giorno  in  qui  Bevero 
sensa  alcun  danno  e  faro  a  una  delle  mie  sborgne. 
Spitzer,  Ital,  Kriegsgefangenenbriefe.  6 


-     82     - 

Auch  an  Exzesse  erinnert  man  sich  also  nicht  un- 
gern: „Dulce  est  desipere  in  loco."  Fest  haftet  in  der 
Erinnerung  ein  Ausflug  (Cantrida — Wagna  bei  Leibnitz): 

Ti  ricordi  quel  giorno  che  siamo  andate  io  e  la  D.  a  fare 
quella  scampagnata  con  tutta  la  pioggia  e  che  avevi  ä  venire 
anche  tu  chisa  dove  e  N.  chissa  in  che  passi  si  ritrova 
quello  che  aveva  d'andar  con  te  sai  R.  quel  piccolo  si 
ritrova  qui  a  Fiume  assieme  a  tanti  altri,  quanti  bei  putei 
che  perderemo  e  che  abbiamo  peryi  non  si  avra  chi  piu  guar- 
dare  ma  pazienza  sara  quel  chel  destino  ci  prepara. 

Diese  Betrachtung  über  das  Weltleid  ist  nicht  ganz 
unegoistisch 


VII. 

Aus  Erinnerung  an  die  Vergangenheit  und  Hoffnung 
auf  die  Zukunft  setzen  sich  die  Lyrismen  der  Kriegskor- 
respondenz zusammen.  Vielleicht  kann  man  bei  den  Er- 
innerungen eine  gewisse  Farblosigkeit,  eine  vage  Allge- 
meinheit der  Stilisierung  anmerken,  die  sich  mit  Aus- 
drücken wie  dem  eben  gelesenen  „ricordati  di  tutto" 
begnügt,  während  beim  Ausmalen  der  Zukunft  plastischere 
Gedanken,  schärfer  umrissene  Bilder,  charakteristischere 
Worte  lebendig  werden.  Der  Mensch  ist  eben  für  das 
Genossene  nicht  so  empfänglich  wie  für  die  Bilder  seiner 
Phantasie.  Die  Vergangenheit  gelangt  allerdings  doch  zu 
ihrem  Rechte,  indem  das  Zukunftsidyll  ihr  einzelne  Züge 
und  Farben  entlehnt.  Die  Freude  des  Wiedersehens  wird 
in  breiten  Tiraden  besungen,  die  Hoffnung  auf  den 
Frieden  als  den  Beglücker  des  Menschenlebens  enthu- 
siastisch verkündet.  Eine  naive  Kriegsfeindlichkeit  ver- 
bindet sich  mit  politischer  Indifferenz:  es  ist  in  der  Regel 
nicht  die  primitive  Philosophie  der  Soldaten  bei  Barbusse,  die 
zur  Verdammung  des  Krieges  führt  (immerhin  habe  ich 


—     83    — 

im  Wiener  „Friede"  unter  dem  Titel  „Weisheit  der 
Kriegsgefangenen"  einige  Aphorismen  mit  philosophischer 
Tendenz  veröffentlichen  können),  sondern  ein  rein  instink- 
tiver Pazifismus:  Der  naive  Mann  spricht  es  frank  und 
frei  aus  (Feldpost — Campolongo  bei  Cervignano): 

vado  bene  ami  non  mi  occore  gnente  che  la  Santa  Pace. 

Wie  ein  Zugvöglein  wartet  er  auf  den  Tag  der 
Abreise  (nach  Mirano,  Venedig): 

e  mi  ritrovo  andove  si  raduna  per  il  giorno  di  sangia- 
coma  tutte  lesizile  6  rondinelJe  che  lo  sai  quando  fanno  il 
passaggio,  noi  siamo  in  quei  posti  che  anche  noi  si  aspetta 
abbracia  apperte  quel  caro  giorno  di  potere  fare  il  passaggio. 

Der  Kriegsgefangene  bittet  Gott  um  Frieden,  damit 
er  seine  Familie  wiedersehen  kann,  oder  gibt  seiner  Fa- 
milie den  Auftrag,  für  den  Frieden  zu  beten  (Mauthausen — 
San  Martino,  Perugia): 

prega  iddio  che  venga  presto  la  pace  che  cosi  passe- 
remo  qualche  giorno  insieme. 

Der  Wunsch,  dass  bald  Frieden  werden  möge,  ver- 
kehrt sich  oft  in  den  Gedanken,  dass  bald  Frieden  sein 
werde:  auch  hier  ist  der  Wunsch  der  Vater  des  Ge- 
dankens. Mit  einer  bemerkenswerten  Naivität,  die  man 
von  Kämpfern  an  der  Front  nicht  erwarten  würde,  spricht 
der  Kriegsgefangene  vom  baldigen  Frieden  als  einer  un- 
umgänglich notwendigen  Tatsache,  als  ob  ihm  überhaupt  die 
Erkenntnismöglichkeit  für  die  objektiven  Vorbedingungen 
desselben   gegeben   wäre   (Mauthausen— Subbiaco,   Rom) : 

Cara  madre  cercate  di  stare  tutti  alecri  e  contenti  e 
tutto  in  pace  che  presto  finisce  qnesta  guerra  e  cosi  ritor- 
nera  la  gioia  per  tutte  le  famiglie. 

Ganz  eigentümlich  ist  das  Terminsetzen:  obwohl 
schon  durch  einen  mehrere  Jahre  dauernden  Krieg  eines 
Besseren  belehrt,  hat  man  sich  noch  immer  nicht  das 
Prophezeien  des  Datums  des  Friedensschlusses  abgewöhnt: 


—    84    — 

„Zu  Weihnachten,  zu  Ostern,  etc.  wird  Frieden  sein" 
(Mauthausen— Castel  di  Sangro,  Aquila): 

Finora  se  sente  buona  speranza  che  per  natale  speriamo 
che  ritorniamo  alle  nostre  case. 

(Mauthausen— Sestu,  Cagliari): 

ripetto   di   stare    sempre    contenta,    che   spero   per    San 
Natale  di  essere  assieme. 

Nach  jedem  Weihnachten  konnte  man  Briefstellen 
lesen,  wie  (Feldpost — Russland): 

si  spera  che  nel  prossimo  Marzo  devi  scoppiare  qualche 
cosa  per  pace, 

dabei  verrät  der  Ausdruck  „das  Ausbrechen  des  Friedens" 
gar  nicht  geringe  Einsicht  in  die  Entwicklungsmöglich- 
keiten des  Weltkrieges.  Dieselbe  Drapierung  des  Friedens 
in  kriegerische  Formen  zeigt  auch  der  folgende  Beleg 
(Mauthausen — Corneliano,  Como): 

Addio  tesor  inio,   soltanto  mi  auguro  che  presto  tuonerä, 
il  cannone  della  pace  e  della  vittoria, 

wo  wohl  an  die  Salutschüsse  der  Freudenkundgebungen 
gedacht  wird. 

Sehr  häufig  sind  die  Fragen  an  den  Adressaten,  ob 
nicht  im  Lande,  wo  dieser  sich  aufhält,  mehr  über  den 
Frieden  bekannt  sei  als  im  Aufenthaltsorte  des  Absenders. 
Hier  wiederholt  sich,  w^as  wir  alle  im  Laufe  des  Krieges 
so  oft  im  Privatleben  beobachten  konnten:  Jeder  hält  sich 
für  politisch  weniger  unterrichtet  und  aufgeklärt  als  die 
Nebenmenschen.  Der  Mann  an  der  Front  glaubt,  sein 
Vetter  in  der  Hauptstadt  „wisse",  dieser  dasselbe  vom 
Frontsoldaten.  Nur  wenige  Menschen  ertrugen  die  Fata- 
lität des  Ignorabimus  und  begnügten  sich  damit,  zum  Problem 
des  Friedens  ein  Fragezeichen  zu  setzen.  Nur  wenige 
sind  soweit  zu  wissen,  dass  wir  nichts  wissen  können, 
wie   der  Schreiber   folgender   pessimistischer  Zeilen,    der 


-    85    - 

Übrigens  wahrscheinlich  auch  nur  einem  augenblicklichen 
Pessimismus  gehorcht  (Russ.-Asien — Slavonien) : 

kvi  per  la  pace  non  sisa  niente  kome  il   primo   giorno 
ke  son  rivato  kvi  kisa  kvando  kesi  vedremo. 

Ein  feiner  Kopf  hat  unser  aller  Nichtwissenkönnen 
in  poetische  Worte  gekleidet: 

Quando  meno  ci  pensiamo  dovrä  giungere  la  pace  come 
fulmine  a  ciel  sereno. 

Ein  skeptischer,  gebildeterer  Gefangener  weiss,  dass 
die  Frage  nach  dem  Zeitpunkt  des  Friedens  nur  in  den 
Büchern  mit  sieben  Siegeln  zu  finden  ist  (Mauthausen — 
Savona^  Genua): 

i  progetti  per  Tawenire  sono  come  nn  raggio  di  sole  ma 
ci  vorrebbe  la  Sibilla  di  Parigi  per  poter  sospirare  un  poco 
meno   o  con  piü  certezza. 

Es  gibt  aber  unbedachte  Charaktere,  die  Getratsche 
für  Wahrheit  nehmen  und  sogar  der  Mühe  wert  finden, 
ihre  sogenannten  Neuigkeiten  aus  einem  Tiroler  Dorf 
nach  Kussland  zu  schreiben  —  als  ob  der  internationale 
Telegraph  eine  tatsächlich  wahre  Botschaft  nicht  schneller 
nach  Russland  gelangen  liese  als  die  Post  die  Kriegs- 
gefangenenkorrespondenz eines  armen  Schmiedes  in  Cam- 
pitello  an  seinen  Sohn  (in  Petropawlowsk) : 

denovita  le  L'Italia  a  dimandato  pacce  e  tutti  la  sperra 
la  pacce. 

An  diesem  frischfröhlich  dahinhüpfenden  Sätzchen 
kann  man  »o  recht  die  Wahrheit  des  Wortes  von  Wunsch, 
dem  Vater  des  Gedankens,  erhärten:  statt  der  richtigen 
Formulierung  „Wir  erhoffen  den  Frieden,  aber  er  ist  nicht'' 
wird  geschrieben:  „Alle  erhoffen  den  Frieden,  also  ist  er". 
Cogito  ergo  est,  so  denkt  der  Mann  aus  dem  Volke. 

Das  Motiv  ist  gar  nicht  vereinzelt  (Mauthausen — 
Campodarsego,  Padua): 


—    86    — 

Mia  etterna  felicita  Con  gioia  e  contentezza  ti  dico  una 
gran  bella  cosa  che  sono  certo  che  quando  la  senti  ti  ralegri 
il  cuore  come  mi  sono  ralegrato  anchio  quando  lo  sentita. 
Sappi  mia  cara  che  cui  siamo  molto  contenti  perche  si  sente 

da  tutti  che  dentro  di  pochi  giorni  fanno  la  pace.   Ah 

mia  cara  che  gioia  sara  per  noi  cuel  caro  giorno  che  avremo 
la  fortuna  di  potersi  stringer  la  mano  .  .  .  spero  che  al  mas- 
simo  per  le  feste  di  Natale  mi  abbia  congedato. 

Ganz  Genaues  über  den  Frieden  weiss  ein  Kgf. 
(Braunau— Stura,  Cuneo)  vorherzusagen: 

lo  sono  adirvi  che  qui  i  soldati  ed  i  borghesi  di  questo 
paese  ne  parlano  tutti  della  pace  anzi  dicono  tutti,  qui  che 
il  giorno  27  di  questo  mese,  dicone  che  ce  le  trattative  di  pace. 

Wir  wussten  bisher  nicht,  dass  die  Soldaten  und 
Zivilisten  von  Braunau  soviel  Ingerenz  in  die  Haupt-  und 
Staatsaktionen  haben! 

(Bärge,  Cuneo — Feldbach): 

„Einige  in  unserem  Dorfe  sprechen  von  einem  gün- 
stigen Friedensschluss  aber  man  weiss  nicht,  ob  es  wahr 
ist  oder  ob  die  Fabel  erfunden  wurde,  um  alle  Leute  zu 
besänftigen.  Man  muss  eben  Geduld  haben!  Wenn  Gott 
will,  wird  man  bald  Frieden  schliessen." 

Es  gibt,  wie  wir  noch  weiter  unten  sehen  werden, 
naive  Gemüter,  die  die  Absendung  eines  Paketes  noch 
im  2.  oder  3.  Kriegsjahr  abhängig  machten  von  Friedens- 
gerüchten in  Italien  (Lajkovaz— Mazzo): 

Se  per  Settembre  e  no  ^  finita  la  guerra,  e  i  giornali 
non  parlano  di  fare  la  pace,  all'ora  lo  [il  pacco]  mandi  Se  poi, 
e  finita,  o  pura  stä  per  finire,  non  lo  mandi  piü,  speriamo 
che  nel  mese  d'Agosto  finirä  tutto,  Cosi  posso  venire  ancora 
una  volta  nelle  tue  Maderne  braccie,  e  darti  un  forte  bacio, 
infiammato  D'Amore  A.  Mia  Cara  Non  puoi  Credere  quando 
desidero  di  vederti.  Ti  giuro  per  quanto  t'ama,  tutte  le  notte, 
mi  sogno  di  essere  abbracciato  Con  te.  E  nel  Svegliarmi,  che 
mi  vedo  che  sono  ancora  tanto  l'ontano  da  te  resto  imbam- 
bito  con  tanta  arrabbia,  e  dico  frä,  me  stesso !  .  . .  A.  Mia. 
Dove    sei,    che    non   posso    darti   piü  un  bacio  Come  prima? 


—    87    — 

Quando  verra  Verra  quel  giorno,  la  quäle  posso  ritornare, 
da  te,  a  tranquillizzare  ancora  una  volta  i  nostri  Cuori  Corae 
prima?  E  ti  giuro  A.,  che  solo  nel  nominarti  mi  scendono 
le  racrime  dagli  occhi  pieno  di  Dolore  Non  posso  prolun- 
garti  Gioia  mia,  che  non  basterebbe  il  Cielo  di  Carta,  h  il 
Mare  d'inghiostro,  per  scriverti  il  Bene  che  ti  voglio. 

Ein  köstlich  poetischer  Liebesbrief,  wie  ihn  nur  die 
unverdorben  reine  Seele  eines  Unkomplizierten  schreiben 
konnte. 

Die  geläufigste  Form,  in  der  sich  die  Freude  am 
Wiedersehn  der  Lieben  äussert,  lautet  ganz  homerisch: 
„Wann  wird  der  Tag  kommen,  wo  .  .  .?"  oder:  „Der  Tag 
muss  kommen,  wo  . . ."  (Russland— Mezzolombardo,  Tirol): 

Quando  verä  quel  giorno  che  potremo  dinuovo  riabra- 
ciarci  e  vivere  assieme  felici?  Speriamo  non  sia  tanto  lon- 
tano,  tutto  si  finisce,  finirano  anche  questi  giorni  di  terribile 
angoscia. 

Mit  dem  allzu  „philosophischen^  Trost,  dass  alles  ein 
Ende  hat,  daher  auch  der  Krieg,  wird  der  Briefempfänger 
nicht  viel  anzufangen  wissen,  ebensowenig  übrigens  wie 
mit  der  Feststellung,  dass,  ob  nun  1915  oder  1916,  einmal 
doch  der  Frieden  kommen  müsse  (Australien — Pola): 

Qui  e  bene  di  tutto  solo  la  libertä,  che  voio  mi  mancha 
ma  Vera  presto  spero  seno  per  questo  an©  sara  sto  altro  1916. 

Manchmal  war  der  sonderbar  ruhige  Satz  zu  lesen: 
E  venuta  la  guerra  verrä,  anche  la  pace, 
als  ob  das  Alternieren  von  Krieg  und  Frieden  der  Perio- 
dizität unterworfen  wäre.     „Alles  hat    ein  Ende    nur   der 
Krieg  nicht": 

Quelle  che  stanca  di  piü,  ö  la  conoscenza  che  tutto  ä 
une  fine  meno  la  guerra  che  non  termina  piü  —  alla  pace 
non  bisogna  pensare  per  non  pasare  giorni  tristi. 

Den  Frieden  erleben  und  dann  sterben,  diese  Va- 
riation einer  bekanntlich  auf  Neapel  angewendeten  Re- 
densart, kehrt  in  den  Kriegskorrespondenzen  oft  wieder 
(Feldpost— Visco): 


-     88     — 

Qui  e  abastanza  bene  che  lo  sai  anche  tu,  solo  che 
forei  vederti  ancora  una  volta  e  poi  saria  contento  di  morire 
vorei  darti  ancora  nn  bacio  sulle  tue  labbra  ardenti,  allora 
si  che  il  mio  cuore  saria  asai  contento  di  morire,  ma  coraggio 
che  verrä  anche  quel  giorno  che  potrö  baciarti ;  e  tu  potrai  a  me. 

In  dieser  liebeglühenden  Tenorarie  finden  wir  einmal 
etwas  von  dem  südlichen  Temperament,  von  dem  Tem- 
perament derjenigen,  die  sterben  wenn  sie  lieben  —  oder 
wenigstens  denen  die  Beteuerung  des  SterbenwoUens  für 
die  Liebe  so  wichtig  ist  wie  diese  selbst.  (Mauthausen — 
Compodarsego,  Padua) 

Ah  ....  mia  cara  che  gioia  sira  per  noi  cuel  caro 
giorno  che  avremo  la  fortuna  di  potersi  stringere  la  mano. 
Oh  e  mia  cara  ti  dico  il  vero  che  perme  non  ce  piu  niente 
al  mondo  che  mi  sia  desideroso  come  mie  desideroso  il  mo- 
mento  di  vedermi  a  te  vicino  io  non  facio  altro  che  dire 
quando  sira  cuel  caro  momento  che  mi  mettero  sedere  vicina 
alla  mia  etterna  £el'  'ta;  spero  che  sia  pocco  lontano  cuel 
caro  giorno  e  poi  spero  di  ritornare  acasa  e  di  passare  an- 
cora dei  momenti  felici  come  li  ho  passati  prima  della  mia 
triste  partenza  e  spero  che  al  massimo  per  Ye  feste  di  Natale 
mi  abbia  congedato  ed  allora  speriamo  di  mettere  i  nostri 
cuori  impace  ediunirsi  presto  per  poi  vivere  content!  e  felici 
per  tutta  la  vita. 

Das  Leben  ist,  so  lange  die  Welt  besteht,  voll  Mühe 
und  Plage  gewesen  und  die  Menschen  scheinen  hienieden 
nicht  zum  Glück  geschaffen  zu  sein.  Aber  in  den  extremen 
Situationen,  die  der  Krieg  hervorruft,  erscheint  alles  Ver- 
gangene als  ein  Rosentrar.:  von  Glückseligkeit,  Verträg- 
lichkeit und  Wonne  und  der  einzige  Wunsch  des  Menschen 
geht  nur  dahin,  das  entschwundene  Glück  wiederzuerlangen. 
Der  Krieg  hat  die  Menschen  das  was  sie  besassen  schätzen 
gelehrt.  „Vivere  contenti  e  felici  per  tutta  la  vita", 
„eterna  felicitä;",  das  sind  wieder  Opern worte,  wie  sie  auf 
der  Bühne  in  dem  Augenblicke  fallen,  da  der  Held  die 
Geliebte  durch  Kampf  erobert  hat  oder  einem  dunkeln 
Geschick   sich   zu  entreissen   sucht.     Der  Krieg   hat   die 


—     89    — 

Menschen  heldischer,  pathetischer  gemacht,  zugleich  aber 
die  häuslichen  Freuden,  die  Sehnsucht  nach  den  amori 
am  eigenen  Herd  zu  Ehren  gebracht  (ein  Soldat  nach 
Villesse)  : 

Non  sta  disperarti  che  gia  io  spero  loene  in  breve 
tenpo  spero  da  andare  a  ritrovare  la  mia  famiglia  io  lo  facio 
del  tutto  che  potessi  andare  per  sempre  ma  serra  dificille  ora 
seno  andro  in  '  permesso  esseno  speriame  in  breve  tenpo  che 
Vera  la  finne  anche  di  qnesta  guera  di  ritornare  a  nostri 
amori  vicini  non  come  da  desso  da  non  potere  avere  nemeno 
notizia  ora  m.  mia  non  sta  disperarti  datti  coragio  che  gia 
ritorneremo  felici  di,  nostri  amori. 

Das  Idyll,  das  für  die  Zeit  nach  dem  Krieg  ausge- 
malt wird,  enthält  stets  ein  Ideal  der  Häuslichkeit,  des 
ewigen  ungetrübten  Zusammenseins,  einer  geradezu  tauben- 
haften  Liebe  (Mauthausen — Neapel): 

Non  aver  pensier  o,  sul  mio  conto  che  lo  sto  benissimo 
prega  solo  che  venga  presto  la  pace,  cosi  tornero  nnovamente 
fra  le  tue  braccia  per  non  alontanarmi  mai  piü,  e  raccon- 
tarti  tante  belle  cose  .  .  .  Tu  stai  allegro  che  il  tempo  passa 
e  noi  saremo  eternamente  felici. 

Die  Erzählungen  werden  die  Leistungen  des  Helden 
genügend  herausstreichen  (Mauthausen — Schaffhausen) : 

Cara  sorella  gi  sono  passatte  tante  cose  chisa  che  passi 
anche  cuesta  malefita  a  di  venire  ancora  in  vostra  compagni 
e  di  racontare  tutti  i  miei  patimenti  tutti  i  miei  sacrefigi, 
per  la  mia  bella  Patria  che  tanto  lanno  (  =  l'amo)  che  che  volarebe 
sofrire  anche  piu  non  miliporta  niente  abasta  che  un  giorno 
si  riunisca  tutta  intera  e  di  firmare  una  pace  eternamente  e 
di  non  dichierare  guerra  a  nessuno. 

Der  pazifistische  Schreiber  dieser  Zeilen  beschliesst 
für  seinen  Teil  keine  Kriege  mehr  zu  führen  .  .  . 

Über  das,  was  die  Kgf.  und  Int.  nach  dem  Kriege 
tun  wollen,  sind  sie  sehr  gesprächig;  der  eine  will  zu 
Hause  ein  Fest  feiern  (Mauthausen— Ancona): 

Oaro  Padre  fativi  coragio  che  speriamo  adio  che  presta 
finera  cuesta  guera  che  posiamo  fare  le  feste  di  pascua  insieme. 


—     90     — 

Der  andere  will  mit  seinen  Leuten  zusammen  lustig 
sein  (Mauthausen— Roccaforte-Prea,  Cuneo): 

Ora  ci  facciamo  un  poco  piü  coraggiosi  e  speriamo  che 
fra  non  molto  tempo  potremo  tornare  tutti  a  Prea  e  £are  una 
bella  allegria  insieme. 

Lustig  sein  bedeutet  gut  essen  und  trinken  und  so 
werden  wir  in  dem  Abschnitt  über  die  materiellen  Wünsche 
der  Kgf.  auch  das  häufige  Gelöbnis  finden,  bei  der  Rück- 
kehr Magen  und  Gaumen  ausgiebig  zu  fröhnen.  Für  den 
Augenblick  sei  nur  ein  Beispiel  für  derartige  Schlaraffen- 
wünsche  hergesetzt  (aus  Azzate,  Como): 

Speriamo  presto  di  ritornare  prepara  una  gallina  che 
voliamo  fare  un  mese  di  festa 

ob  allerdings  eine  Henne  für  ein   einmonatiges  Festessen 
ausreichen  wird?  (Triest — Katzenau): 

Dio  voglia  quel  giorno  che  seremo  uniti  tutti  assieme 
che  feremo  una  buona  a  costo  de  dar  via  anche  el  dadrio 
anzi  ti  raccomando  de  non  darlo  via  prima  del  teppo  capissi 
Adio  tuo  suocere. 

„Esst  nicht  alles  auf  —  [(sendet  etwas)  oder:]  hebet 
etwas  auf  für  den  Kriegsgefangenen"  (nach  Rom): 

Augurovi  a  voi  tutti  di  passarla  [la  Pasqua]  bene  se  ci 
fossi  io.  e  disgrazia  mia  che  non  ci  sono,  e  a  te  ti  racco- 
mando di  non  mangiare  tante  uova  e  salame  penza  anche  per 
tuo   marito   che  ti  e  lontano  ? 

(Gardolo — Mauthausen) : 

Qui  ove  io  sono  insoma  si  sta  molto  bene  anche  ierri 
fra  noi  aiutanti  di  Sanitä  abbiamo  fatto  un  piccolo  spuntino 
Paparelle  con  Ragü  e  poi  tubi  e  tubi  anzi  tuo  f rateile  scrive 
che  quando  andremo  a  casa  si  berra  tanto  ed  io  gli  risposi 
che  dovremo  bere  tanti  tubi  che  unirli  gli  uni  sopra  gli  altri 
dovranno  ragiungere  la  Torre  di  S.  Martin  tipare? 

Gründliches  Vergessen  der  schrecklichen  Kriegszeit 
wird  auf  radikale  Weise  erzielt  (Mauthausen— Rom): 

Pensa   a   preparare    quattro   o  cinque  palli  (polli?),    ed 


—     91     — 

una  quantitä  di  fettucine  con  l'uova  al  mio  ritorno.  Pill  una 
purga  d'oglio  dirigine  per  levarmi  tutto  ciö  che  ora  qui  sto 
mangiando. 

Mit  dem  Abgehen  der  genossenen  Nahrung  wird 
offenbar  auch  die  Erinnerung  an  soviel  Böses  abgehen  . .  . 
Statt  des  Lethebrunnens:  das  Rizinusöl  der  Vergessenheit! 

Der  Wunsch,  an  einem  Feiertag  unter  dem  eigenen 
Dache  zu  schlafen,  wird  oft  geäussert  (Krain— Cervignano): 

Di  piü  ti  racomando  di  dirli  ha  mio  frattello  L.  che 
al  staghi  contento  e  che  inbreve  verö  a  chasa  e  che  al  preghi 
per  mi  accioche  che  Iddio  mi  daghi  la  salute  di  ritornar  ha 
dormir  assieme  a  chasa,  queste  feste  di  Natale. 

Die  Angehörigen  mögen  sich  an  den  Feiertagen  gut 
unterhalten,  der  befreite  Kgf.  wird  es  im  nächsten  Jahre 
schon  nachholen  (Theresienstadt — Santarso,  Vicenza): 

Vi  aguro  buone  feste  natalisi  Almeno  voialtri  che  potete 
Affarie   divertite  anche  per  mi.   che  io  le    farö    unaltro  Ano. 

Mit  erhöhter  Zärtlichkeit  denkt  der  Kgf.  an  seine 
gewohnten  Feiertage  im  Vaterland  (Grossari  bei  Salz- 
burg— Torre  Pellice,  Turin): 

Allora  cari  miei  Genitori  rivengo  a  dire  che  e  il  giorno 
disqua  ma  per  me  mi  pare  di  nö  per  che  non  posso  far  pas- 
qua  e  non  posso  festigiarla  per  niente  ma  pure  bisogna  avere 
pazienza  per  questanno  mi  töcca  fare,  cosi  e  allora  o  pazienza 
e  in  mentre  il  tempo  passerä,  e  questo  finira  spero  di  andarla 
poi  fare  il  paese  tranquilamente  e  festegiarla  con  tutti  quanti 
voialtri  mi  cari  ma  oggi  mi  tocca  avere  pazienza  con  il  tempo 
e  la  pazienza  il  ten  po  passerä  e  io  acasa  ritornerö  a  conso- 
larvi  tutti  quanti  o  miei  cari  Genitori. 

Ein  musikalischer  Kgf.  wird  nach  der  Rückkehr  — 
ein  selten  spiritueller  Zug  in  der  sonst  so  materialistischen 
Gefangenenkorrespondenz  —  wie  in  vergangenen  Zeiten 
Kammermusik  betreiben  (Omsk — Volano,  Südtirol): 

Caro  M.  spero  che  forse  ci  rivederemo  o  presto  o 
tardo  e  che  potremmo  ancora  suonare  la  mezanella  e  la  me- 
zana  e  la  grossa  insieme,  ed  el  r.  suonerä  la  piccola. 


—    92    - 

Feierlich  und  ernst  klingt  folgendes  Arbeitsprogramm 
(Mauthausen — üdine) : 

Voglio  sperare  che  un  giorno  pur  lontano  possa  aver 
la  felicitä  di  rittorno  fra  voi  b  con  la  forza  delle  mie  braccia 
ö  col  sudor  della  mia  fronte  rigoder  di  nuovo  quella  felicitä; 
che  per  la  fatalitä,  del  destino  abbiamo  perduto. 

Der  Tag  der  Rückkehr  wird  ein  Festtag  sein  und 
bleiben:  alljährlich  muss  er  festHch  begangen  werden 
(Mauthausen  — Caltanisetta,  Sizilien): 

Ha!  —  amata  mia  quanto  serä  quel  giorno  di  vedermi 
di  presenza  e  riabracciarci  Ha!  quel  giorno  ei  farö  sempre 
feste  ogni  anno.  Fatti  coraggio  amor  mio  che  io  spero  che 
la  pace  e  vicino. 

Ein  Kgf.  malt  sich  nicht  nur  seine  und  seiner  An- 
gehörigen sondern  auch  der  ganzen  Menschheit  Freuden- 
schwall aus,  in  dem  Augenblick,  da  in  Europa  die  Friedens- 
glocke geläutet  werden  wird.  Alle  Kriegsgreuel  w^erden 
sein  wie  eine  lange  gefahrvolle  mit  Gottes  Hilfe  über- 
standene  Reise.  Eine  weihevolle  Stimmung  ist  über  die 
Worte  des  süditalienischen  Vaters  gebreitet,  in  denen 
die  Gefühle  des  Einzelmenschen  sich  in  denen  der  All- 
gemeinheit spiegeln  und  mit  ihnen  übereinstimmen  (nach 
Poggio  imperiale,  Foggia): 

Stiamo  colla  Speranza  da  Dio  che  facesse,  cessare  questa 
guerra  e  di  tare  venire,  una  Sanda  pace  per  le  tutte  li  Na- 
zione  che  cosi  ongni  padre  di  famiglia  ritorna  alla  sua  fa- 
miglia  e  che  legria  sarä  quelgiorno,  che  condandeza  per  tutto 
il  mondo  che  sarä  E  ogni  padre  di  famiglia  che  festa  fara 
agiunda  alla  lora  famiglia  dopo  di  un  viagio  lungo  divita  che 
ogniune  iera  partito  per  per  pericolo  della  vita  e  puoi  arri- 
tornare  dinuovi  al  mondo  che  condandezza  Sarä  tande  per  lui 
e  quande  per  la  moglia  e  figlio.  Ha  Dio  e  che  gioia  di 
condandeza  Sarä,  quel  momende,  che  io  mi  deve  vedere  e  mi 
deve   braciare  aquillo. 

Zu  einer  Betrachtung  des  vom  Krieg  verursachten 
Menschheitsleidens  schwingt  sich  auch  ein  anderer  Kriegs- 
gefangener auf  (Theresienstadt — Altavilla,  Vicenza); 


-     93     — 

Spera  Cara  Molie  che  vada  terminata  quest  a  guerra  mi- 
cidiale  che  invece  di  diminuire,  va  allargandosi  sempre  piü 
e  fa  piangere  Madri,  Padri  Molie.  Figli.  Tratelli  e  Sorelle  di 
tutto   quelli  che  si  ritrov4.no  in  detta  guerra. 

Ganz  Europa  besteht  heutzutage  aus  Millionen  von 
Helden,  die  die  Hände  einander  brüderlich  entgegenstrecken 
möchten,  aber  durch  einen  Riesenkordon  von  Bajonetten 
an  der  Berührung  verhindert  werden:  So  ungefähr  denkt 
eine  Frau  in  Isola,  Istrien  (an  ihren  internierten  Mann  in 
Mittergrabern)  ; 

Quella  pace  che  come  tu  dici  purtropo  esce  da  milioni 
di  petti  perö  senza  risultato. 

Demokratische  Allüren  nimmt  eine  Stelle  an,  die  eine 
Beendigung  des  Krieges  durch  Plebiszit  zu  fordern  scheint 
{Mauthausen— Sarnico,  Bergamo): 

E  speriamo  ancho  divoce  di  popolo  che  per  questa 
primavera  di  ritrovarsi  fra  lebraccia  della  mia  famiglia, 

wenn  man  nicht  annehmen  will,  dass  die  voce   del  po- 
polo „im  Volke  herumlaufende  Gerüchte"  bedeutet. 

Oft  werden  auch  drohende  Töne  gegen  die  Anstifter 
des  Krieges  laut  (Mauthausen — Marigliano,  Caserta): 

Supriamo  il  nostro  buon  Dio,  che  anche  Lui,  farebbe 
commuovere  un  pö  cuei  cuori  che  sono  cosi  brutale,  verse 
Lumanita,  e  cosi  nefarebbe  venire  presto  la  S.  pace. 

Sehr  häufig  waren  Schreiben  an  die  Minister  (Salandra, 
Sonnino)  oder  das  Königspaar  mit  bitteren  Vorwürfen  ja 
Invektiven  wegen  ihrer  angeblichen  Schuld  an  Entstehen 
oder  Fortsetzung  des  Krieges. 

Der  Frieden  wird  meist  wie  im  obigen  Beispiel  „la 
Santa  pace"  genannt,  wobei  oft  das  Wort  „heilig"  seinen 
sakralen  Charakter  verliert  und  wie  die  parallelen  Aus- 
drücke „benedetta"  und  „maledetta  pace"  einen  gewissen 
ironisch  ungeduldigen  Beigeschmack  gewinnt:  „Der  ver- 
flixte Frieden,  der  so  lange  auf  sich  warten  lässt!" 
Ständige  Epitheta  des   Wortes   Frieden    sind   auch:    „der 


—     94     - 

von  allen  ersehnte"  (quella  pace  da  tanti,  da  noi 
tutti  sospirata).  Der  Friede  wird  auch  personifiziert: 
da  pace  im  Italienischen  Femininum  ist,  so  stellt  sich 
leicht  das  Bild  der  Dame  ein,  die  lange  beim  Rendez- 
vous sich  erwarten  lässt  (Pergine—Jekaterinoslaw,  RussL): 
Noistiamo  tutti  bene  ed  aspettiamo  la  Signora  Pace  che 
si  fa  tanto  desiderare  da  tutti. 

Pochen  wir  an  den  harten  Türen  Gottes  —  und  die 
Friedenspforte  wird  uns  aufgetan  werden  (Comasine  Val 
di  Sole — Rochefort  s.  Mer,  Frankreich): 

Pregiamo  con  grande  fervore  Iddio  che  apri  quelle  porte 
indurite  e  ostinate  che  tutti  sospirano. 

Der  Italiener,  der  gerne  flucht  und  aus  dem  Gläubigen 

in  einer  Minute  zum  Lästerer  werden  kann,   stellt  auch 

Gott  ein  Ultimatum:  „entweder  du  schickst  Frieden  oder 

du  bist  ein  Lazzarone"  (Mauthausen — Forlimpopoli,  Forli) : 

Se   Dio    non   sarä    un    lazzarone   del    tutto    speriamo   di 

rivederci  presto. 

Christus  hat  keine  Macht  mehr,  daher  nimmt  der 
Krieg  seinen  Fortgang  (Laibach— S.  Ilario  Jonio,  Reggio 
Calabria) : 

Mia  Cara  R.  A!  scriverti  sempre  e  viderte  mai  non 
vieni  mai  non  vieni  mai  il  giorno ;  piu  pregati  —  a  cristo  — 
piu,  non  vieni  mai  la  pace  perche  adesso  cristo  evecchio  enon 
sa  piu  quello  che  fd  sia  ribambito  —  adesso  al  consiglio  scade 
evieni  puo  piu  giovane  elui  fara  qualche  cose. 

Eine  Art  Orakel  scheint  der  folgende  Beleg  anzu- 
deuten (Mauthausen— Rom) : 

Anche  Pasqua  e  passata.  Nella  domenica  delle  Palme  ho 
frugato  £ra  le  palme,  ma  la  nostra  desiderata  non  v'era!  Chissä 
quando  uscirä  fuori! 

Gläubig  erwartet  ein  Flüchtling  vom  Erlöser  den  er- 
lösenden Frieden: 

Speriamo  Gesü  Risorto  non  vora  vederci  tutti  rovinati 
dopo  che  per  noi  mori  nela  croce  per  salvarci. 


—    95    — 

Bezeichnender  Weise  wird  nie  der  Krieg  als  persön- 
liches Wesen  dargestellt,  obwohl  gerade  die  Kunst  mehr 
Darstellungen  des  Krieges  als  des  Friedens  popularisiert 
hat:  der  Begriff  des  Friedens  ist  eben  beliebter,  volkstüm- 
licher. Der  Krieg  wird  meist  als  eine  Plage  Gottes  (duro 
flagello,  immane  flagello,  tremendo  flagello)  dar- 
gestellt, mit  den  härtesten  Ausdrücken  gebrandmarkt. 
Mit  lakonischer  Bestimmtheit  nennt  ein  Kgf.  (nach  Caserta) 
das  Kriegsjahr  1915  „infame": 

Cogliane  nuove  speriame  di  pasaglia  meglio  diquello 
scorso  che  pertutto  il  monde  stato  infame. 

Auffällig  ist  der  biblische  Charakter  der  Ausdrücke, 
mit  denen  der  Krieg  bezeichnet  wird:  Es  sind  eben  jetzt 
Verhältnisse  wie  zur  Zeit  jener  grossen  Völker  dämm  er  ung, 
die  die  biblischen  Schriften  schildern,  eingetreten,  ander- 
seits muss  man  bedenken,  dass  unsere  italienischen  Kor- 
respondenzen aus  christgläubigen  Gegenden  kommen.  Die 
Erde  scheint  heutzutage  ein  „Jammertal":  valle  di  do- 
lori,  valle  di  lagrime  (Katzenau— Wien) : 

lo  sono  sempre  melanconico  atrovarmi  qui  in  questa 
valle  di  lagrime, 

als  Land  des  Kainfluches  (terra  di  caino),  das  irdische 
Los  als  Kette  (catena),  als  Kreuz  Jesu  (croce  di  Dio), 
vor  Allem  aber  als  Purgatorium  (limbo),  dem  möglichst 
bald  das  Paradies,  der  Frieden,  folgen  möge.  Dem  letz- 
teren, dem  Italiener  besonders  naheliegenden  Gedanken 
können  wir  sehr  häufig  belegen  (Mauthausen— Serena 
Lucera) : 

Chissä  che  cosa  direte  per  il  fatto  che  vi  scrivo  sempre 
delle  anime  del  Purgatorio  Dantesco.  E  cosi:  il  paragone 
mi  viene  sempre  sponteaneo:  poi  dopo  ricordo  di  avervelo 
scritto  gik  altre  volte  e  chi  sa  qnante  volte  l'ho  detto  e 
scritto:  anche  dal  fronte,  mi  pare,  e  se  ricordo  bene.  Ricordo 
bene  anzi  che  fra  le  tante  cose  sequestrate  c'era  una  carto- 
lina  scritta  e  disegnata  [da  parecchi  giorno  per  B.  dove  era 
detto  che  quelle  montagne  dove  si  combatte  ricordavano  gesti 


—     96     — 

atti  situazioni  dantesclie:  ed  era  vero.  Come  vedete  dunque 
purgatorio  purgatorio  purgatorio  dovunque.  Yerrk  il  Paradiso, 
come  verra,  oh  se  verrä!  ,  .  .  .  . 

(Orlov,  Russland— Görz): 

II  mio  pensiero  corre  a  voi,  fra  e  con  voi  vive  il  mio 
spirito,  in  questa  terra  di  dolore  non  vive  che  l'ombra  mia, 
la  quäle  stentatamente  si  muove  perch^  forza  maggiore  l'im- 
pone  e  con   la  speranza  darrivederci  un  di, 

WO  die  spirituelle  Ausdrucksweise  in  den  hier  behandelten 
Zusammenhang  passt.    (Mitterndorf — Voronec,  Russland): 

Adesso  mi  trovo  proprio  nell  purgatorio    in    tutto    le   ma- 
niere  e  il  mangiare  poco  e  come  i  ruganti, 

WO  die  weniger  spirituelle  Ausdrucksweise  zeigt,  dass  der 
Sinn  für  die  Feierlichkeit,  die  der  danteschen  Reminiscenz 
innewohnt,  dem  Volke  abhanden  gekommen  ist.  (Maut- 
hausen— Rieti,  Perugia): 

Noi  siamo  Come  leanime  sante  del  purgatorio  che  aspeta 
quelle  giorno  charo   chee  tanto  desiterato  da  noi. 

(Mauthausen — Bericina(?),  Reggio): 

Si  patisce  continuamente  non  so  come  devo  fare  se  non 
si  apre  qualche  porta  del  paradiso  le  cose  vanno  male  basta 
si  spera  sembre  il   bene  ma  non   viene  mai. 

Der  Friede  ist  etwas  so  unerreichbar  Schönes  und 
Hehres,  dass  seine  Verkündigung  wie  eine  Botschaft  aus 
Himmelssphären  klingen  wird. 

Jetzt  aber  umgibt  den  Kgf.  die  Hölle  (Feldbach — 
Bacino,  Turin): 

Credilo  pure  che  linferno  ce  che  io  sto  dentro  ora,  ma 
vedo  le  fiamme  e  tutto  quel  che  esiste  dentro,  che  in  prima 
non  lo  credevo  ma  ora  lo  provo. 

(Feldbach — Candiolo,  Turin) : 

Non    posso    racontarti   tante    cose   ti   dico   solo    che    sono 
caduto  nell'inferno  sensa  morire, 

(Nach  Ponte  Valleceppi,  Perugia): 

Tifacio  che  io  facio  una  belesima  vita  come  quella  chefa 
glio  Capo  diavole  alinferno.  manon  miporta  nulla. 


-     97     — 

Über  Anspielungen   auf  Dantes    Gedicht    vgl.  „um 
Schreibungen"  S.  l60ff. 

Biblische  Reminiszenzen  sind  wiederum  die  Fanfaren, 
die  ein  Engel  aus  Himmelshöhen  blasen  wird.  Europa 
lauscht,  ob  nicht  schon  in  diesem  Augenblick  die  Engels- 
posaunen ertönen  (Katzenau—Artegna,  Udine): 

...  e  sempre  in  aspettanza  di  sentire  la  tromba del angelo. 

Von  der  Front  her  kommen  Wünsche,  dass  die 
Friedensposaune  den  Waffenlärm  übertönen  möge  (Feld- 
post— Reichersberg) : 

Noi  altri  stiamo  col  quor  a  spetar  che  un  giorno  laltro 
le   trombe  di   guerra  la  pace  suonar. 

Wie  in  den  Zeiten,  da  Gott  auf  Erden  wandelte,  ge- 
schehen im  Krieg  Zeichen  und  Wunder:  alle  Augenblicke 
las  man  mehr  oder  weniger  kirchlich  patronisierte  Visionen, 
die  jene  Frau  oder  dieser  Priester  gesehen  haben  wollte. 
Die  Weiterverbreitung  der  überirdischen  Friedensprophe- 
zeiungen wird  dringendst  angeraten  (Padua— Mauthausen): 

Era  un  uficiale  che  andava  in  giro  per  andare  in  chiesa 
e  andando  via  trovö  un  frate,  dopo  andando  via  per  la  strada 
con  qnel  frate  frate  discorendo  su  per  la  guera,  entravan  in 
chiesa  e  quado  arivati  in  sacristia  il  frate  e  scomparito  e  lia 
detto  prima  da  scomparire  che  presto  venera  la  la  pace.  fai 
sapere  la  tua  vita. 

(Tiovo,  Prov,  Pavia— Mauthausen,  am  10.  IV.  1917): 
„Wenn  Du  wüsstest,  welches  Wunder  sich  in  Caso- 
rate  in  der  Via  San  Protasio  ereignet  hat!  Eine  Henne 
legte  ein  Ei,  in  dessen  Innern  geschrieben  steht:  1917, 
26.  Mai  Friede.  Lache  mich  nicht  aus,  denn  es  ist  die 
reine  Wahrheit.  Alle  laufen  hin  um  es  zu  sehen:  Reiche 
und  Arme  aus  jeder  Stadt  und  jedem  Dorf,  alle  sagen, 
dass  es  kein  Betrug  ist.  Man  hat  das  Ei  untersuchen 
lassen  und  alle  erklären,  dass  es  ein  wirkliches  Ei  sei  und 
kein  Mensch  imstande  wäre  etwas  derartiges  zu  machen. 
Ach,   welch  Wunder!    Wir   hoffen,   dass   es   wahr   wird; 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  7 


-    98    - 

wir  sind  alle  davon  überzeugt  und  erwarten  mit  ausge- 
breiteten Armen  den  26.  Mai.  Doch  wenn  uns  Gott  eine 
solche  Gnade  erweist,  wie  können  wir  Ihm  das  vergelten? 
Ich  wiederhole  Dir:  glaube  an  das  Ei,  ich  habe  es  mit 
eigenen  Augen  gesehen." 

(Valenzano,  Prov.  Bari — Mauthausen,  am  1.  IV,  1917): 
„Bei  uns  hat  sich  folgendes  ereignet:  eine  Mutter 
Gottes  aus  Noicattaro,  welche  die  Mutter  Gottes  von  Lo- 
retto  heisst,  ist  einer  Frau  im  Traume  erschienen  und  hat 
ihr  die  Botschaft  verkündet,  dass  der  heilige  Friede  im 
Mai  kommen  werde.  Mehr  als  100  Personen  sind  hinge- 
gangen (zur  Mutter  Gottes)  und  auch  ich  bin  zu  Fuss 
hingepilgert.  Wer  weiss,  vielleicht  verleiht  uns  diese 
Jungfrau  die  Gnade  eines  heiligen  Friedens.  Du  solltest 
sehen,  was  für  Geschenke  der  Mutter  Gottes  dargebracht 
werden  und  wie  viel  Geld  die  Pilger,  die  sie  besuchen^ 
ihr  opfern.  Wir  hoffen,  dass  die  Jungfrau  uns  diese 
Gnade  erweisen  wird,  und  wir  wollen  sie  noch  einmal 
besuchen  gehen." 

(Bari-  Mauthausen,  am  23.  IV.  1917): 

„In  Torre  Pelosa  wurde  ein  Bild  entdeckt,  das  viele 
Wunder  vollführt,  uud  man  behauptet,  dass  der  Friede 
im  Mai  kommen  muss;  ich  hoffe,  dass  die  Mutter  Gottes 
un«  diese  Gnade  erweisen  wird." 

An  den  Schluss  dieses  Kapitels  stelle  ich  die  Er- 
zählung von  einer  Gefechtspause,  die  ganz  in  die  Wehmut- 
stimmung des  neuerlichen  erzwungenen  Abschieds  vom 
Frieden  getaucht  ist  (österr.  Front— Katzenau): 

Oggi  la  S.  f esta  di  risurezione  ne  cia  portato,  anche  a  noi 
poveri  soldati  al  fronte  alcune  ore  di  quella  Pace  da  tanto 
tempo  sospirata.  Sul  far  del  giorno,  il  fuoco  va  scemando. 
verso  le  nove  del  matino  - —  nemeno  un  colpo  di  fucile  si  fi 
piü  sentire.  delle  bandieruole  biancho  sventolano  dalla  parte, 
del  nemico.  e  dei  gruppi  si  stacano  dal  suo  stelle,  venindo 
verso  noi.  Faciamo  anche  noi  altretanto,  andiamo  incontro  a 
loro.  li  incontramo.  ci  diamo  amichevolmente  la  mano   scam- 


99 


biandos  i  dei  zigarreti  e  tabaco,  e  pane.  pa$iamo  alcune  ore  per 
il  campo  pasegiando  asieme.  che  per  noi  era  divenuto  un 
paradiso  terestre.  Ma  ai  che  un  colpo  di  canone  tirato  in 
aria  da  una  parte  e  dallatra.  si  iä  sentire  il  segnale  della 
separazione  ci  separamo  mal  volentieri  perche  sapevamo  che 
tornevarao  nemici. 


vm. 

Die  Entfernung  wird  durch  den  Brief  überwunden. 
Er  ist  ein  sinnlich  wahrnehmbares  Zeichen,  das  die  Tat- 
sache der  Existenz  des  Briefschreibers  in  unwiderleglicher 
Weise  verbürgt  Aber  die  Schriftzeichen  selbst  leben 
nicht,  sie  sind  für  den  Empfänger  insofern  tot,  als  er,  ein 
der  Schrift  mehr  oder  weniger  fremder  Mensch,  mit  ihnen 
keine  lebendigen  Begriffe  verbindet  und  für  ihn  die  Worte 
in  der  gezwungenen  Stilisierung,  welche  die  Unbeholfen- 
heit hervorbingt,  wie  Worte  einer  fremden  Sprache  oder 
Übersetzungen  aus  einer  solchen  klingen.  Der  ferne  An- 
gehörige ist  ihm  nicht  als  Literat  und  Briefschreiber, 
sondern  als  Mensch  von  Fleisch  und  Blut  geläufig.  Den 
ihm  teuren  Menschen  hervorzuzaubern  kann  nicht  dem 
elend  beklecksten  Stück  Papier,  sondern  nur  der  Einbil« 
dungskraft  gelingen.  Der  Entfernte  sieht  das  Bild  des 
geliebten  Wesens  Tag  und  Nacht  vor  sich,  vor  Allem  aber 
in  der  Nacht  in  den  Stunden,  die  dem  Spiel  der  Phantasie 
am  holdesten  sind:  als  Traum.  Der  Traum  spielt  in  den 
Kriegskorrespondenzen  eine  viel  grössere  Rolle  als  man 
bei  der  sonstigen  Nüchternheit  derselben  annehmen  sollte. 
Er  entstammt  einer  der  feineren  geistigen  Funktionen, 
die  über  den  Rindfleischhorizont  der  nur  auf  materielle 
Dinge  eingestellten  Psyche  hinausweisen.  Innig  verknüpft 
ist  das  alte  dichterische  Requisit  des  Traumes  mit  der 
Volksseele,  innig  verschlungen  die  Fäden,  die  von  Volks- 
gemüt zu  Volksdichtung  hinüberführen:  Es  wird  sich  nicht 


—     100     — 

entscheiden  lassen,  wer  in  diesem  Falle  gebend,  wer 
nehmend  war,  ob  das  Motiv  des  Traumes  aus  der  volks- 
tümlichen Dichtung  in  den  volkstümlichen  Vorstellungs- 
kreis gekommen  oder  umgekehrt  ob  ein  Bestandteil  der 
Volksphantasie  in  der  Dichtung  zum  Ausdruck  gelangt  ist. 
Den.  Traum  als  Wahrtraum  zu  nehmen,  ist  wenig  ori- 
ginell und  wenig  poetisch,  kann  daher  als  blosser  Aberglaube 
betrachtet  werden.  So  hat  der  Schreiber  des  Folgenden 
von  seinem  Sohn  geträumt  und  bittet  die  Angehörigen  auf 
diesen  aufzupassen  (Mauthausen— Poggio  Imperiale,  Foggia) : 
Questa  notte  mi  soiio  sogniato   che  P.  Caminavi   Solo  e 

tandi    chö  iero  fatto  grande  dunque  Abatatelo   di  non  lufare 

patire  di  farlo   stare  bene. 

Der   folgende   Korrespondent    hofft,    dass  die  bösen 

Träume  sich  nicht  bewahrheiten  werden  (Bozen— Genua): 

ora    la    tua    lontanansa    mi    sembra    ancora    piü    dura, 

perche  non  ricevo  tue  notizie  come  prima  e  poi  faccio  sempre 

dei  brutti  sogni   contro  di  te;   spero   che  non  sarä  vero  di  ciö 

perche  al  mio  ritorno,   allora  sarei  di  nuovo  infelice. 

Viel  hübscher  ist  es  schon,  wenn  intensives  Denken 
an  das  geliebte  Wesen  sich  zum  Traum  verdichtet.  Der 
Traum  ist  dann  die  Apotheose  des  liebevollen  Gedenkens 
(Ungarn— Borgnano,  Friaulj: 

Quant  che  iö  ti  viodevi,  nänce  tant  no  basilavi  ma  qumo 
quant  che  duarmi  il  tal  stran,  min  pensi  simpri  intä  to  bel- 
lezze  e  £asi  tanc  biei  suns  di  te  che  no  ie  une  maräve,  mi 
par  di  vioditi  simpri  vizin. 

Aus  der  Erinnerung  steigen  liebe  altgewohnte  Bilder 

auf;  besonders  die  Festtage  sind,   wie  wir  schon  sagten, 

dem  Gemüt  unauslöschlich  eingeprägt  (Ujvidek— Codroipo): 

25  Dicembre   euna    festa   che    tutti  lo  sano ;    Ed  io  ri- 

cordo  laniversario  come    ero    contento    framezo    la    mia    tanto 

sospirata  famiglia  che  niente   mi    mancava,    e    con    dipiu    ero 

framezzo  chi  mi  voleva  bene  eche  tutto  il  necesario  io  avevo 

Genitori  Genitori  quante  volte  io  vi  chiamo  tutte  le  notte  io 

vi  sogno  emipare  proprio  vero  ma  tutto  invano  le  mie  fracie 

le    mie    lusioni;    mi    svegho  e   mi  trovo    framezo  altra  gente 


~     101     - 

Der  Traum  als  Vorspiel  glückseligerer  Wirklichkeit: 

mö  tutte  li  notte  mivieni  insognio  (mein  Sohn)  e  mi- 
pare  tande  grande  nel  sognio  considero  quando  miludeve 
braciare  nelle  mie  bracie,   che  condanzeza  Sarä,  se  Dio  Vuole. 

Gewisse  Individuen  neigen  mehr  zu  phantasievoller 
Vergegenwärtigung  des  Zukünftigen  als  andere.  Senti- 
mentalität prädisponiert  zu  Halluzinationen,  zu  Glaube 
und  Aberglaube  (Mauthausen — Butrio,  Udine): 

intesi  con  una  certa  malinconia  nel  mio  misero  cuore 
che  il  fratello  e  andato  a  compiere  ü  suo  dovere  da  militare, 
oh  in  questi  momenti,  cosi  di  grandi  sucessi,  e  nell'impensarmi 
mi  cascano  le  lagrime  dagli  occhi,  ma  11  Buon  Dio  lo  com- 
pagni  alla  Fortuna,  e  preghiamo  di  cuore  che  gli  passa  bene, 
ma  veramente  i  sogni  che  £o  di  notte  portano  gravi  dispiacieri, 
ed  ora  lo  devo  propprio  dire  che  i  sogni  sono  propprio  giusti, 
sognandomi  in  fiori  in  cimiteri  in  croci  in  tanti,  e  che  mi 
pare  d'essere  nei  grandi  pericoli.  insomma  sogni  straordinari, 
mi  Rivolgo  AI  Buon  Dio  Oh  Dio  Buonissimo  Aiutici  a  darci 
Coraggio,  Fate  tutto  ciö  alla  vostra  tanta  Volonte  Fate  che 
possiamo  di  nuovo  rivederci  ed  abbraciarsi. 

Seiner  besonderen  divinatorischen  Veranlagung  be- 
wusst  ist  sich  ein  Tiroler  (nach  Verla,  Südtirol): 

trovandomi  sul  mio  lett  o  di  legno  cosi  pensieroso  ai 
giorni  felici  passati  a  casa  e  in  sua  compagnia  .  .  .  Godo  un 
dono  speciale,  mi  par  sempre  di  vedere  quel  bei  telegrama 
col  quäle  si  chiama  alla  nostra  cara  patria  assieme  ai  nostri 
cari  compatriotti. 

Das  Erwachen  aus  dem  Traum  hinterlässt  einen 
bittern  Nachgeschmack.  Den  Gegensatz  zwischen  der 
Süsse  des  Traumes  und  der  Nüchternheit  des  Erwachens 
zur  schnöden  Wirklichkeit  hat  sehr  fein  eine  Frau  heraus- 
gearbeitet. So  lebhaft  ist  ihr  Phantasiebild,  dass  sie  wähnt, 
der  Gatte  müsse  sie  im  Traume  sehn  so  wie  sie  ihn 
(Italien  —  Mauthausen) : 

Non  passa  un  minuto  che  il  mio  pensiero  non  sia  su 
di   te;    lontano    sono    molto    lontano  ma,    a    te  sempre  il  mio 


—     102     - 

car  pensiero;  non  vedi  forse  guardandoti  attorno  e  vedrai, 
mi  vedrai  sorridente  con  te  non  mi  par  d'esser  cosi  lontano 
mi  sembra  invece  che  minuto  per  minuto  tu  abbia  ad  entrare, 
sorridermi  bacciarmi  abbracciarmi  cosi  fortemente  in  segno 
di  tua  felicita.  Quando  poi  sogno!:  che  allora  sembra  che 
io  abbia  a  rinasere  e  dico  a  me  stesso :  questa  non  ö  un  sogno 
e  proprio  veritä.  Ecco  la  mia  felicita  finalmente  dopo  tanti 
aospiri  sono  giunto  a  ciö  che  desideravo.  Ora  ti  credo  fedele 
o  diletto.  mio  Ma  or  che  nel  ridestarmi,  vedo  che  e  un  sogno 
sento  aller  nel  mio  peto  l'oddio  d'aver  sognato,  le  delizie 
floride,  e  gioie  inmense  perche  debbo  ancor  ritornare  nel 
mesto  ed  oscuro  pensiero  che  e  verita  la  tua  lontananza  e 
non  tutto  quel  che  la  mia  mente  fantasticava  di  bene. 

In  einem  andern  Fall  wird  der  Traum  als  etwas 
"Wichtiges  und  Höhergeordnetes  den  Bagatellen  der  öden 
Wirklichkeit  gegenübergesetzt  (aus  Russland  nach  Riva 
in  Tirol): 

Carissima  I.  Mi  scuserai  di  questo  mio  lungo  silenzio  nel 
darti  mie  notizie  non  ne  estatto  per  la  mala  volia  che  e  statto 
per  che  sono  statto  a  lavorare  a  bacani  e  cosi  non  no  avuto 
tempo  di  scriverti  e  non  aveva  pace  jie  giorno  ne  notte  avevo 
sempre  da  lavorare  per  solo  12  Rubel  al  mese  ma  cosa  voi 
fare  per  il  bisogno  di  denaro  bisogna  lavorare  anche  per 
poco.  Non  sono  a  lavorare  vi  sono  asieme  mio  Fratello  A.  Frae 
C.  F.  e  presto  2  mesi  che  siamo  a  lavorare  o  ne  pare  un 
ano  che  si  lavora.  a  mia  casa  non  mun  ano  (?).  Lasio  queste 
begatele  parliamo  daltre  cose. 

Si  mi  cara  I son  gia   un  ano  che    non    ti    vedo. 

e  nemeno  poderti  abracciarti  al  mio  seno.  Mi  pare  un  Se- 
eolo  e  anche  piu.  Ma  pero  nei  miei  dolci  Sogni  io  ti  vedo 
speso  e  parlo  asieme  come  quando  era  acasa  e  vicino.  Nei 
miei  sogni  si  fa  sempre  piu  lamore  Forte. 

Nei  giorni  di  lavoro  mi  lasio  pasare  questi  pensieri  ma 
quando  che  viene  la  Festa  mi  dano  dale  rabie  a  pensare  a 
ripensare  a  quele  belle  Feste  cheche  pasava  a  Fianco  a  t# 
si.  le  ramento  pur  tropo  e  pur  tropp  o  Mapero  vera  quoU 
belisima  pace  che  poi  torneremo  di  nuovo  alle  nostre  cas« 
poveri  prigionieri  per  trovare  le  nostre  care  Amanti  e  i  nostri 
cari  Genitori. 

Hierher  sei  auch  eine  ziemlich  hausbackene  Traum- 


—     103     — 

szeDe  —  ein  den  Kaffee  verlangender,  nicht  findender 
und  darauf  ins  Wesenlose  verschwindender  Gatte  ist  nicht 
gerade  poetisch  —  mitgeteilt,  die  von  der  ebenfalls  sehr 
hausbackenen  Umgebung,  in  der  sie  steht,  sich  immerhin 
als  einzig  transzendentales  Element  abhebt: 

Carisimo  U. !  ho  ricevuto  la  tua  cartolina  del  4.  e 
contenta  sono  nela  tua  salute  il  Steso  anche  di  me  ades  stago 
un  poco  meglio.  Caro  B.  io  destinato  a  fare  il  inverno  cvi 
ormai  perce  capita  il  presto  la  neve  ce  il  fredo  le  ormai 
perda  zorni  polito  cvi. 

E  poi  anca  cvesta  ce  le  kr.  salta  basta  afahre  un  passo 
ades  ormai  il  afito  di  tereno  me  tocato  apagare  il  fratereno 
e  le  Steiyer  zcvazi  50  kr.  le  via  Karo  B.  Sparagnare  ma 
il  soldi  vano  il  steso  sempre  e  gvadani  non  intra  le  negra  le 
cane  tengo  acadena  pece  le  cativo  fino  le  vace  taca  mordere 
ma  di  note  le  bravo. 

Cvante  volte  me  linsonijo  di  Te  caro  b.  anca  sta 
note  Te  go  visto  avenire  domandare  un  kaffe  e  mi  Te  rispösto 
non  ge  e  Te  gera  ormai  spari  e  mi  ho  gvardato  intorno  ma 
gera  mi  sola  fati  non  posso  lasjarmela  apasate  come  me  It 
cumpano  ma  se  crede  ce  passe  anca  cvesta. 

Manchmal  ist  der  Traum  nur  eine  raffinierte  Form 
des  Wunsches  (Mauthausen— Avvezzano,  Aquila): 

mi  dai  tanti  cari  saluti  a  zia  c.  e  digli  che  una  nett« 
mi  in  sognavo  che  per  forza  mi  volevafar  manciare  i  gniochl 
con  li  cieci  mi  sveglai  e  mi  trovavo  a  Mautausen  e  passa  il 
tempo  e  pure  deve  venire  un  giorno  che  li  posso  rimanciar«. 


—     104    - 


IX. 

Der  Traum  ist  ein  Produkt  der  Phantasie.  Er  zer- 
stiebt wie  Flaum,  wenn  die  Wirklichkeit  ihn  schüttelt. 
Er  stellt  sich  auch  nur  in  den  Stunden  der  Ungestörtheit 
von  äussern  Einflüssen  ein.  So  schwer  er  kommt,  so 
leicht  schwindet  er  und  lässt  den  Nachgeschmack  eines 
nur  vorübergehend  geschauten,  dann  wieder  grausam  ent- 
rissenen Glücks.  Für  alle  Tage  und  Stunden  bedarf  die 
Phantasie  eines  Substrats,  an  dem  sie  sich  aufranken  kann, 
eines  sinnlich  wahrnehmbaren  Behelfs,  der  Träume  und 
Erinnerungen  auf  Wunsch  jederzeit  rege  werden  lässt. 
Da  hat  nun  die  moderne  Technik  ein  unschätzbares  Hilfs- 
mittel geschaffen:  die  Photographie.  Von  der  Popula- 
rität der  Photographie  macht  man  sich  keine  Vorstellung. 
Die  Vervielfältigungsmöglichkeit  der  eigenen  Persönlichkeit 
übt  auf  den  naiven  Menschen  einen  tiefen  Eindruck  aus, 
vielleicht  denselben  wie  auf  den  Zwerg  bei  Oskar  Wilde 
der  erste  Anblick  seines  Bildes  im  Spiegel.  Ganz  unklar 
begreift  der  Mann  aus  dem  Volk,  dass  die  Photographie 
ein  Stück  seiner  eigenen  Persönlichkeit,  das  Herschenken 
einer  Photographie  also  gewissermassen  das  Überlassen 
eines  Stückes  vom  Ich  an  die  Person  des  Beschenkten 
bedeutet.  Daher  lassen  sich  naive  Menschen  so  gerne 
photographieren  und  schenken  so  gerne  ihr  Konterfei 
—  daher  die  Beliebtheit  von  Momentphotographen  an 
allen  volkstümlichen  Ausflugsorten.  Dazu  kommt  noch, 
dass  der  naive  Mensch  mit  sich,  auch  mit  seinem  kör- 
perlichen Teile,  nicht  unzufrieden  zu  sein  pflegt  und  die 
Eitelkeit  auf  die  eigene  Körperlichkeit  grade  bei  un- 
geistigen Menschen  besonders  stark  entwickelt  ist.  So 
haben  also  Schenker  wie  Beschenkte  Freude  an  einer 
Photographie,  diesem  Surrogat  der  presenza,  der  kör- 
perlichen Anwesenheit.  Der  tausende  von  Meilen  von 
seinen  Angehörigen  relegierte  Flüchtling,  Internierte  oder 


—     105     — 

Kriegsgefangene  verlangt  gewöhnlich  als  Erstes  nach  der 
Ankunft  am  Bestimmungsort  ein  Bild  seiner  Lieben.  Der 
Frontsoldat  hat  vielleicht  im  Tornister  nicht  für  die  Pho- 
tographie Platz  gehabt,  auch  Hess  der  Wirbel  der  Bege- 
benheiten ihm  weder  Atem  noch  Zeit  zu  Träumen  der 
Erinnerung.  Umso  reger  wird  in  der  endlos  langen  ge- 
zwungenen Untätigkeit  der  Gefangenschaft  oder  Inter- 
nierung der  Gedanke  an  die  Lieben  und  der  Wunsch, 
sie  wenigstens  im  Bilde  bei  sich  zu  haben.  Immerhin 
begehrt  in  vereinzelten  Fällen  auch  der  längere  Zeit  an  der 
Front  kämpfende  Soldat  die  Photographie:  sieben  Monate 
im  Schützengraben  sind  wie  sieben  Jahre,  da  ist  man  der 
Familie  ganz  entrückt  und  macht  sich  von  ihrem  Aus- 
sehen keine  Vorstellung  mehr,  so  hiess  es.  Der  Wunsch 
nach  der  Photographie  ist  aber  am  meisten  aus  der  Ge- 
fangenen- und  Interniertenkorrespondenz  zu  belegen  (Maut- 
hausen—Mailand) : 

ora  un'altra  cosa  desidero  da  voi  e  poi  hasta,  altri- 
menti  direte  che  barba,  ed  e  una  vostra  fotografia  tiitti  uniti 
compreso  il  Sig.  M.  che  io  possa,  bench^  molto  loiitano 
contemplare  i  miei  cari  e  darvi  dei  baci  a  sazietä,  non  rae 
lo  negate  ve  ne  prego. 

(Katzenau  —  Arezzo)  : 

Presto  sarä  anche  la  m.  Prosima  Per  meterla  in  qual- 
che  occupazione  Perche  nel  mio  esere  mi  Pare  che  sian 
gia  Pasati  7  anni  e  cosi  dovranno  esere  divenuti  grandi  perchö 
non  mi  venite  tuti  in  fisunomia  e  Per  questo  mia  cara  moglie 
mi  e  venuto  il  desiderio  di  unirti  coi  miei  figlioli  e  mandarmi 
la  fotografia  se  non  ti  disturba  e  se  non  ti  costa  tanto  per 
che  mi  Pare  che  non  siano  tutti  di  venti  specialmente  la 
m.   che  e  cosi  Brava  di  scrivere. 

„Ihr  kommt  mir  nicht  ins  Gesicht"  —  ein  Ausdruck, 
der  einfach  und  sinnig  das  Verlieren  der  inneren  Ver- 
trautheit mit  den,  gewohnten  trauten  Gesichtern  infolge 
der  langen  Entfernung  ausdrückt.  Wie  eine  unfreiwillige 
Naivität  mutet  dabei  die  volkstümliche  Verballhorn ung 
des  Wortes  fisionomia  an  (Russland— Pergine,  Südtirol) : 


-     106     - 

Alla    fin©    dopo   4  Mesi   o    ricievuto   una   tua   cartolina 
.    cola  quäle  Ja  fotografia  e  sodo  restato  contento  al  vederti  che 
non  ti  avevo  piu  in  filosomia. 

Gerade  dies  teuerste  Unterpfand  wird  dem  Kgf.  ge- 
stohlen:   Aus  Gorni  Milanovac: 

„Das  Schicksal  hat  gewollt,  dass  ich  Deine  Photo- 
graphie nicht  mehr  am  Herzen  trage:  nachts  wurde  sie 
mir  von  meinen  Kameraden  zusammen  mit  15  Lire,  die 
ich  mir  durch  meine  Arbeit  verdient  hatte,  gestohlen:  es 
tut  mir  nicht  so  sehr  ums  Geld  leid  als  um  das  Bild." 

Wie  ein  Vöglein  möchte  der  Kriegsgefangene  hin- 
fliegen zur  Liebsten,  aber  er  ist  ja  im  Käfig  —  „come 
uccello  in  gabbia"  lautet  ein  häufiger  Vergleich  —  und  so 
bleibt  nur  als  Erleichterung  der  Qual  der  Entfernung  die 
Photographie  (Mauthausen — Mailand) : 

e  vorrei  essere  un  uccello  per  vedere  e  sapere  tutte  s 
potervi  aiutare,  ma  non  posso  mi  toccha  sofrire  nel  cuore. 
Quando  mi  trovo  cosi  levandomi  il  mio  portafogli  ci  trova 
un  conforto  una  bella  fotograffia  di  te  e  di  mia  piccina  ck© 
per  me  e  sempre  lunica  consolasione. 

Aus  der  Photographie  erkennt  die  besorgte  Gattin 
Aussehen  und  momentane  Adjustierung  ihres  Mannes 
(Katzenau — Liebenau  bei  Graz): 

tu  mi  dici  sula  letera  che  mimandera  una  fotografia  eh« 

sei  fato (unleserlich)  come  sei  fato  in  civile    con  eh» 

vestito  tu  mi  dici  che  chredi  che  mi  dispiacera  ho    dio   mi© 
vuoi  che  mi  dispiaci  sono  contentisima  non  vedo  lora  di  vederti. 

Auf  die  besorgte  Anfrage  gab  der  Kgf.  meist  eine  für 
die  Gefangenenbehandlung  wenig  günstige  Auskunft  über 
die  Gründe  des  Abmagerns,  der  schmutzigen  oder  zer- 
lumpten Kleidung  usw. 

Dem  Bilde  schenkt  weibliche  Sorge  oft  keinen  Glaubem 
und  begehrt  noch  ausdrückliche  Bestätigung  dessen  wä» 
im  Bilde  zu  sehen  ist  (aus  der  Flüchtlingskorrespondenz) : 

ho  ricevuto  quella  cartolina  indov©  siete  fotografati  ti- 
eino  quelle  baracch©  tiho  trovato  subito  stai  in    piedi  viciao 


-     107     — 

i  militari  non  potessi  credere  quanta  impresione  mia  fatto  ti 
prego  di  scrivermi  se  sei  cosi  ingrassato  avrei  piacere  sapere 
qualche  cosa  dopo  cinque  mesi  io  non  faccio  altro  che  sempre 
pensare  che  quando  ti  rivedrö. 

Eine  photographische  Aufnahme  ist  für  eine  andere 
arme  Flüchtlingsfamilie  nicht  immer  eine  so  einfache  Sache 
(Ledec,  Böhmen— Klosterneuburg) : 

caro  filio  ancha  miavedo  di  andarmi  choi  fioi  fotogra- 
farmi  ma  adeso  non  poso  sortire  fuori  coi  fioi  per  che  abiamo 
molta  neve  fina  oltre  i  ginochi  cosi  chuado  potro  andro  e  poi 
tanto  a  te  come  papa  vi  mandero  La  nostra  fotografia  e  cosi 
avrete  tuta  La  familia  vicino  di  voi. 

Der  gefangene  Vater  verlangt  ein  Bild  seines  neu- 
geborenen Sohnes  als  Vorfreude  vor  dem  ersten  Anblick 
des  niegesehenen  Kindes  (Ujvid^k— Codroipo,  üdine): 

in  riguardo  alla  sua  fotografia  potresti  mandarmela 
perche  le  speranze  d'un  breve  ritorno  sono  ignote  e  cosi  sono 
molto    curioso    di    vedere   il   primo   frutto    del  nostro  sangue. 

In  den  Beziehungen  zwischen  den  Geschlechtern  ist 
die  Photographie  ein  süsses  Pfand.  So  z.  B.  in  dem  frisch- 
geknüpften, mehr  als  seelischen  Freundschaftsbund  zwischen 
einem  italienischen  Kriegsgefangenen  und  einer  öster- 
reichischen Pflegeschwester  (Theresienstadt — Triest): 

tu  mi  diedi  un  giorno  di  grande  consolacione  nel  ric6- 
▼ere  la  tua  fottografia  AI  improvisa  mi  pareva  di  parlarti 
certe  cose  di  cio  che  desiderie  di  parlarti  ora.  Ora  io  ti 
ringrassio    assai   del   tuo    desiderato   ricordo   in  questi  giorni. 

Ein  Internierter  träumt,  dass  seine  Gattin  seine  Photo- 
graphie in  der  Hand  hält  (Katzenau — Cilli^ : 

horicevuto  la  tua  tanto  cara  cartolina  ilustratta  della 
datta  19/12  che  ame  mifecce  un  in  pressione  profonda  esend» 
che  mipare  di  vederti  con  la  mia  fottografia  in  mano.  E  molt» 
Pensierosa  io  a  vederla.  E  mi  senbrava  di  vederti  a  te  im 
per  sona  e  dovetti  a  piancere.  6  pianse  di  quore. 

Manchmal  erregt  der  Anblick  der  Photographie  den 


-     108    — 

armen  Exilierten  so  sehr,  dass  seine  Lieben  ihm  vom  all- 
zuhäufigen Betrachten  derselben  abraten  müssen  (Do- 
mamys,  Böhmen— Wien): 

Caro  marito  dati  coragio  nou  ramentarti  dei  giorni  pa- 
sati  caro  marito  non  guardare  sempre  la  mia  fotografia  e 
piangere  e  pensare  lasia  tutto  pasare  perche  setu  piangi  tu 
puoi   prendere  una  malatia  e  per  questo   dati   coragio. 

Ein  allmählicherÜbergang  von  Sehnsucht  beim  Anblick 
der  Photographie  in  sinnliches  Begehren   (Göding— Rom): 

Riguardo  alla  tua  fotografia  (Auslassung)  vedo  sempre 
queir  occhi  sinceri  pieni  d'amore  verso  di  chi  sta  soffrendo 
e  non  vede  Tora  di  riabbracciarti  e  darti  tanti  di  quei  focosi 
bacioni  che  tu  vai  bene?  Quanta  sete  tu  mi  dici  mentre  in- 
vece  io  ne  ho  molta  fame  di  b  .  .  .  Tralascio  subito  questo 
discorso  si  no  mi  dole  troppo  la  testa  del  moro  e  son   guai. 


X. 

Eine  jedem  Menschen  eigene  Interessensphäre  und 
eine  der  wichtigsten  Triebfedern  menschlicher  Handlungs- 
weise ist  die  Liebe  zur  Familie.  Gerade  von  diesem 
Teuersten,  das  den  Menschen  in  ein  Milieu  einordnet,  das 
sein  Verantwortlich keits-  und  Kraftgefühl  hebt  und  ihm 
das  Leben  lebenswert  macht,  wird  der  Kriegsgefangene 
und  oft  auch  der  Internierte  abgeschnitten.  Auf  Schritt 
und  Tritt  begegnet  uns  daher  in  der  Korrespondenz  die 
Sehnsucht  nach  dem  Heim.  Schon  in  dem  Abschnitt  über 
die  Bitten  um  Photographien  konnten  wir  bemerken,  wie 
der  vom  Krieg  Verschleppte  das  Bild  seiner  Angehörigen 
nur  verblasst  sieht,  wie  die  anschaulichen  Details  seines 
Familienlebens  ihm  nicht  mehr  gegenwärtig  sind.  Ganz 
anders  die  zurückbleibenden  Frauen:  Sie  bleiben  mit  ihren 
Schutzbefohlenen,  den  Kindern,  zurück  und  haben  Ge- 
legenheit,   das    Wunder    des    Wachstums    und    der   Ent- 


-     109    — 

Wicklung  einer  menschlichen  Kreatur  vor  sich  werden  zn 
sehen.  In  diesem  Abschnitt  sind  vorzüglich  Frauenbriefe 
zu  zitieren;  jeder  einzelne  von  ihnen  ist  der  Wirklichkeit 
abgelauscht  und  daher  vielfältig  wie  diese;  in  keinem 
Kapitel  werden  wir  eine  solche  gesunde  Realistik,  charak- 
teristische Farbenfülle  und  epische  Breite  der  Darstellung 
finden  wie  in  diesem.  Jede  Bewegung,  Äusserung  oder 
Neigung  des  kleinen  kapriziösen  Wesens  wird  mit  der 
Pedanterie  eines  Chronisten  verzeichnet  und  gewinnt  für 
die  Schreiberin  welthistorische  Bedeutung.  Gerade  die 
kleinen  Details,  das  erste  Lallen,  die  Versprechungen, 
die  tollen  Streiche,  können  den  fernen  Vater  am  ehesten 
über  das  Schicksal  seines  Kindes  beruhigen  und  im  treu- 
lichen Warten,  liebevollen  Beobachten  und  jubelnden  Ver- 
herrlichen des  Kindes  findet  die  Gattin  wiederum  Trost 
für  des  Mannes  Abwesenheit  (Capodistria— Kirsanoff): 

tempo  dl  pensar  malamente  non  gavemo  perche  bisogaa 
che  ti  pensi  che  gavemo  otto  fioi  e  tutti  otto  sta  in  tun 
cariol  e  quei  ne  fa  andar  via  tutti  i  brutti  perisieri  che  ti 
sarie  ti  con  un  canton  ti  inollassi  tanto  de  quelle  ostie  a 
sentire  quel   concerto. 

Je  lauter  der  Lärm  der  Kinder,  je  lauter  das  Fluchen 
des  Vaters  über  den  Lärm,  desto  inniger  tönt  im  Herzen 
der  Mutter  die  süsse  Gewissheit:  ich  habe  Kinder  von 
Fleisch  und  Blut,  Kinder,  die  leben,  tollen  und  gesund  sind. 

Manchmal  tröstet  das  Kind  die  Mutter  (Male— Roche- 
fort s.  Mer,  Frankreich): 

II  nostro  E.  e  un  mese  che  a  in  cominciate  andar 
ascuola  e  impara  e  tutti  i  giorni  midice  mama  non  piangere 
che   il  nostro  papa  el  viene  ancora;  mi  fa   ben  coragio. 

Meist  wird  die  Sehnsucht  nach  dem  Vater  durch 
einfaches  Rufen  seines  Namens  ausgedrückt  (Ruda — 
Feldpost): 

Caro  marito  noi  stiamo  bene  di  salute,  cara  la  nostra 
picia  giama  tata. 


-     110    — 

(Mitterndorf — Castello  Rocchero,  Alessandria): 

Mio  caro  Marito  i  figli  continua  anominarti  ma  special- 
mente  il  D.  continua  tuti  giorni  a  dimandare  dove  ö  il 
suo  papä  e  io  li  dico  che  sei  melitare  a  elo  si  presenta  a  me 
e  mi  fä  il  presentier.  Caro  Marito  se  avesi  da  vedere  il 
D.  che  grande  che  e  venuto  resteresti  meraviliato. 

Die  Äusserungen  des  Kindes  stimmen  die  Erwach- 
senen wehmütig:  (Muggia — Tamboff,  Russland): 

La  sua  bella  e  cara  I.  serapre  la  chiama  pappa  e  la 
disi  che  pappa  e  in  Russia  e  che  la  ghe  a  suo  pappa  e 
sempre  la  disi  che  suo  verra  a  casa  doman  e  ogni  giorno  la 
disi  doman. 

(Vimercata,  Mailand — Mauthausen) : 

tuo  figlio  E.  che  si  trova  molto  bene  e  tanto  parla  con- 
tinua a  chiamare  mamma  e  di  piü  il  papä,  e  ti  fa  tanti  baci 
e  dice  il  papä  ce  piü  povero  innocente  e  mi  fa  straziare  il 
cuore  sentendolo  parlare  ma  pazienza  tutto  passa. 

(Nizza — Mauthausen) : 

il  tuo  bambino  stabene  e  sifa  grande  chiama  papa  e 
mamma  quando  vede  il  tuo  padre  subito  civuol  andare  in- 
sieme;  e  chredendo  che  sii  te  infine  stabene. 

Besonders  das  Vorüberziehen  von  Militär  erregt  die 
Sehnsucht  von  Kindern  und  Mutter  (Fai,  Südtirol— Tambow): 

Ogi  e  il  giorno  dell  oliva,  dale  ore  3  6  arivato  una 
moltittu  dine  di  militari  io  non  gredeva  che  cifosa  ancora 
tanto  uomini  cosi. 

Tuti  sani  e  robusti  i  piu  picoli  son  come  il  nostro  pappa 
di  2  metri.  6co  e  le  ore  11  di  note  parte  tutti,  e  un  fracaso 
di  16  mila,  Dio  mio  che  4  piedi  pasa  a  4*  e  le  12/2  pasa 
ancora  suona  la  fanfora  il  Gr.  chia  ma  il  zio  M.  e  bino 
la  T.  a  paura  scampa  il  G.  chiama  pappa  dice,  quando  sara 
che  pasa  il  nostro  pappa  midi  manda. 

Ebene  coragio  speriamo  di  vederci  ancora  se  Dio  vuole? 

Man  sieht  schon  aus  dieser  Zusammenstellung,  wie 
turmhoch  das  Niveau  der  Frauenbriefe  über  dem  der 
Männer  steht.     Wieviel   naiver  Reiz  —  eine  auch  roma- 


—    111    - 

nische  Tugend!  —  wieviel  Delikatesse  spricht  aus  Kor- 
respondenzen von  weiblicher  Hand!  Gerade  der  Krieg*, 
der  nur  vom  männlichen  Teil  der  Menschheit  geführt 
wird,  zeigt  die  spirituelle  Macht,  die  Macht  des  Gemütes, 
die  den  Frauen  innewohnt.  Die  eigentümlichen  Verhält- 
nisse der  Kriegskorrespondenz  bringen  es  übringens  mit 
sich,  dass  die  Frau,  ihrem  Interessenkreis,  der  Familie, 
nahe,  über  eben  die  sie  umgebenden  rein  familiären 
Ereignisse  von  der  staatlichen  Kontrolle  ungehindert  be- 
richten darf,  während  der  in  den  Krieg  ziehende  Mann 
den  Kontakt  mit  der  Familie  verloren  hat  und  gerade 
Über  die  Dinge  zu  berichten,  die  er  vor  Augen  hat, 
durch  die  Zensur  verhindert  wird. 

Ich  lasse  nun  noch  einige  der  von  Mutterhand  ge- 
zeichneten Kinderportraits  folgen.  Gerühmt  werden  an 
den  Kindern  vor  allem  gerade  jene  Züge,  die  der  unbe- 
teiligten Menschheit  lästig  fallen,  Lebhaftigkeit,  Schlimm- 
heit, Gefrässigkeit,  Frechheit,  allerdings  auch  das  schnelle 
Wachstum,  das  alle  diese  Eigenschaften  hervorbringt 
(Stegen  bei  Bruneck — Russiand): 

Noii  puoi  nemeno  credere  quanto  che  sono  appasionata 
vendendomi  qua  solo  abbandoiiato  da  tutti.  A.,  A.,  una 
consolazione  ho  della  nostra  bambina.  Non  posso  nemeno 
descriverti  quanto  che  h  viva  che  ti  dico  il  vero,  non  ho  mai 
visto  una  creatura  di  9  mesi  a  fare  cosi,  uno  solo  minuto 
non  ^  capace  di  star  fermo, 

(Lovrana — West- Australien) : 

el  pikolo  tonöiö  el  ze  una  graude  kanaja  e  sempre 
bastoua  ala  povera  M. 

(Rover6  della  Luna — Russland): 

II  nostro  piccolo  A.  diventa  tutti  i  giorni  piü  grande 
e  grasso  ma  la  cattiveria  supera  la  sua  grandezza,  e  gli  vo- 
rebbe sempre  essere  in  strada  oppure  in  stalla  colle  bestie, 
non  teme  nessuna  beatia.  Altro  non  mi  resta  che  dirti  che 
se  non  vieni  per  quando  ritorni  lotrovi  piü  grande  di  te. 

Der  zurückkehrende  Vater  wird  vor  Allein   für  das 


—     112     - 

Kind  der  Spender  von  Bonbons  sein  (Katzenau — Liebenau 
bei  Graz): 

A.  mi  dice  e  papa  quando  viene  a  case  dove  papa 
mama  io  volio  che  il  papa  mi  scrivi  anche  ame  ma  non  e 
tanto  cativo  povero  cosa  vuoi  e  maltenuto  qua  G.  poi  se 
tu  lo  vedesi  mi  morde  mi  da  mi  pisica  mi  fa  di  tuto  e  caro 
e  anche  cativo  vuole  stare  sempre  in  bracio  e  sta  in  pie  solo 
io  chredo  che  non  stara  tanto  prima  di  caminare  per  che 
£.  lui  mangia  alla  matina  cacaö  e  a  messo  giorno  minestra 
alla  sera  anche  ho  pure  cafe  a  e  piu  delicato  a.  parla  poco 
ma  la  parla  giusto  fami  rompere  il  cnore  come  che  dice 
che  lui  vuole  il  pappa  che  li  porti  bonbon. 

In  diesem  reizenden  Kinderportrait  voll  quellender 
Frische  und  lebensvoller  ürsprünglichkeit  sind  humo- 
ristische Züge  umrahmt  von  sentimentalen  Betrachtungen 
der  sich  nach  dem  Gatten  sehnenden  Mutter.  Sehr  häufig 
geht  die  Verehrung  aller  Lebensäusserungen  des  gött- 
lichen Sprösslings  so  weit,  dass  selbst  lallende  Sprech- 
versuche mit  der  Treue  eines  Biographen  aufgezeichnet 
werden.  Manche  Mutter  registriert  hiebei  phonetische  Be 
Sonderheiten  der  Kindersprache,  wie  man  sie  sonst  nur  in 
wissenschaftlichen  Werken  finden  kann.  Den  Schluss 
des  folgenden  Passus  konnten  wir  schon  früher  als  Muster 
einer  genauen  sprachwissenschaftlichen  Analyse  anführen 
(Lacchiarella,  Mailand — Mauthausen) : 

Carissimo  Marito  Ti  fosapere  che  il  tuo  figlio  mi  dice 
sempre  che  quando  vieni  a  casa  il  Pa  mi  porta  accasa  il 
bumbone  e  i  castagni  e  tutto  il  giorno  continua  questa  mar- 
ciada  ho  che  mi  dice  mamma  crumpum  i  castei  e  il  bumbog 
0  che  dice  vegniu  no  il  pa  cui  bombog  dunque  ti  fo  sapere 
quando  vieni  accasa  di  portarmi  accasa  tanti  che  ti  conos- 
cierä  presto  che  lui  quando  sitrata  da  mangia  la  gula  fa 
prest  farsi  amici  guardau  ha  lui  e  sempre  di  avere  le 
tasce  piene  dunque  pense  di  ritornare  presto  che  ie  sodis- 
ferai  tu  plamino  (?)  sta  sentir  che  lenghuasa  chisa  che  gioia 
che  proverete  nel  tuo  cuore  asentire  quel  portamento  e  mi- 
dice  la  mamma  la  mamma  la  bela  e  il  Pa  le  bei.  la  nona  le 
bela  il  cie  le  bei  e  tante  volte  volle  chiarmi  me  e  sbaglia 
midice    mana   e    tante    volte    volle    dire  nona  invece  di  noma 


—     113    — 

porche  lu  voresse  dire  mamma  e  nonna  assieme  e  per  quello 
fa  questo  parlare  insomma  sto  per  dire  che  e  la  nostra  legria 
tante  volte  le  dico  ma  va  in  del  tuo  pa  farlo  un  po  ridere 
anche  lui  in  soma  pensa  di  ritornare  presto  che  allora  col 
tuo  figlio  riderai  la  parte  da  desso  tralascio  di  scrivere  col 
darvi  miglioni  di  baci  del  tuo  figlio  che  non  si  dementica 
mai  di  te. 

(Katzenau — Lieben  au) : 

A.  ha  tanto  apetito  che  tu  non  chredi  lui  mi  domanda 
sempre  mamma  volio  pan  ed  io  li  dago  e  dopo  quando  an- 
demo  dal  nono  e  dice  nono  volio  polenta  e  lo  prega  con  le 
mani  ma  il  male  e  .  .  .  se  tu  sapesi  G.  a.  come  e  cocolo 
comincia  parlare  setu  sapesi  ogni  carta  che  trova  corre  e  dice 
mama  e  papa  lui  mi  mostra  che  tu  mi  ai  scrito  quando  viene 
il  postino  cori  dal  capo  e  dice  io  volio  il  papa  tuti  ridono 
al  sentirlo  come  dicono  io  sarei  contenta  che  tu  venisi  a  tro- 
varmi  e  tu  potesi  vedere  i  tuoi  figli  come  sono  cari. 

(Arnau  a.  d.  Elbe,  Böhmen — Mittergrabern) : 

S.  parla  un  poco  il  tedesco  non  puö  vedere  li  ebrei  e 
le  dice  geh  weg  Jud  marsch. 

(Fiurae — Pottendorf) : 

di  Salute  stago  bene  e  cosi  anke  la  E..,  se  ti  la  sen- 
tisi  che  giakolona  che  la  se,  la  se  coma  un  papagal,  ella  la 
vol  ander  solo  a  pupu  o  in  trono  e  come  che  lo  conosi  la 
pastegiaria. 

(Strassoldo^Kärnten) : 

abbiamo  fatto  fotografare  la  v.  ma  non  e  acora 
pronta  quanto  prima  sarä  posibile  u..:\  manderö,  essa  tien  su 
le  sue  manine  e  prega  pel  papä  e  dice  pua  papä  bie,  essa 
e  cattiva  e  gia  invisiata  e  superba.  come  la  sua  zia  vuole 
bei  vestitini  belle  cufiete  e  andar  a  spaso. 

Sonst  wird  das  Kind  dem  Vater  meist  in  einer  Si- 
tuation gezeigt,  in  der  es  Gelegenheit  hat,  seine  Liebe 
zum  abwesenden  Vater  zu  beweisen  (beim  Einlangen  eines 
Briefes,  beim  Erscheinen  des  Briefträgers)  und  so  wird  es 
auch  oft  als  „Kind  des  Vaters"  von  der  Mutter  bezeichnet, 
die  hiemit  alle  Vorzüge  des  Kindes  bescheiden  als  väter- 
liches Erbteil  bezeichnet. 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  8 


»-     114     . 

Nikolo  (bezw.  S.  Lucia)  und  Weihnachten  sind  die 
Zeiten,  da  das  Kind  besonders  zärtlich  des  sonst  so  schenk- 
, freudigen  Vaters  gedenkt  (Isola  d'Istria— Bologna): 

E.  ti  bacia  sempre  e  i  aspeta  una  granda  pupa  un  caval 
per  S.  Nincolo  dunque  datti  coregio  e  penza  a  un  felice  ritorno. 

(Villa  Lagarina— Omsk): 

Lanno  scorso  lö  passato  male  per  Marino  che  sono  stato 
mallato  gravemente  specialmente  le  feste  Natazie  e  ora  godo 
al  vedere  che  stä.  benissimo,  e  che  prepara  per  fare  su  il 
presepio,  e  prega  tanto  anche  per  t^,  e  aspetta  anche  che  il 
Bambinello  Gesü  gli  porta  qualche  cosa  perche  santa  Liicia 
era  povera. 

Eines  der  meisterhaftesten  Kinderporträts  ist  in  auto- 
biographischem Ton  gehalten  und  wird  von  der  den  Brief 
stilisierenden  Mutter  dem  Kind  in  den  Mund  gelegt: 
das  Kind  gibt  scheinbar  nur  seine  eigene  Charakteristik, 
flicht  aber  auch  gutmütig  neckende  Bemerkungen  über 
den  Vater  ein,  die  offenbar  von  der  Mutter  soufhert  sein 
müssen  (Triest — Samara,  Russland;  mit  einer  Photographie) : 

Mio  caro  papa  Viene  a  salutarti  e  darti  tanti  e  tanti 
bacci  la  tua  picolla  Marj  che  ancora  non  ti  conosce,  ma 
bensi  prega  tanto  per  ti  acciocche  potessimo  vedersi  presto, 
ed  allora  saremo  tutti  content!,  e  vero  mio  caro  papa,  che 
anche  tu  mi  vorai  tanto  bene  come  la  mamma  minpara  vo- 
lerti  a  te,  papa  mio  datti  coraggio  e  abbi  pasiensa  anchora 
questi  pocci  di  giorni,  e  poi  tutto  canbierä  Senti  mio  caro 
papa  qui  ti  mando  la  mia  fotografia  ma  non  badar  se  qui 
son  brutta  e  con  quella  gamba  cosi  fosca  perche  mi  son 
mossa,  e  il  fotografo  non  ha  volutto  tornarmi  a  far  giache 
non  sto  mai  ferma,  ma  la  nonna  dice  che  son  un  diavolin 
come  era  il  mio,  papa.  Ora  basta  e  speriamo  ricevei  queste 
assieme  al  danaro,  ed  abbi  giudizio.  lo  ti  salutto  a  nome 
anche  della  mamma  e  della  nonna  e  ti  mando  due  millioni 
di  bacci,  la  tua  piccola  Merj  che  desiderera  tanto  vederti 
dio  mio  caro  papa  ritorna  presto  salutti  infeniti  anche  della 
nonna  che  e  qui  dietro  di  me. 

Die  nahende  Geburt  eines  Kindes  wird  dem  fernen 
Gatten  mit   zaghafter   Scheu   mitgeteilt:    er   hat  ja   über 


--     115    — 

Paten  und  Namen  des  Kindes  zu  entscheiden  (Bologna — 
Mauthausen) : 

Carissimo  mio  Marito  Ti  scrivo  questa  cartolina  per 
farti  sapere  delle  mie  notizie  che  grazia  al  Cielo  godo  una 
perfetta  salute  e  come  spero  il  simile  di  te  che  godrai  una 
perfetta  salute  Dunque  caro  marito  ti  vogho  dirti  come  vanno 
i  nostri  interessi  io  per  adesso  sto  molto  bene  lo  sai  come 
mi  trovo  io  in  questi  momenti  sono  gi^\  due  mesi  che  io 
sono  gia  a  casa  che  non  posso  piu  lavorare  Dunque  caro 
mio  marito  lo  sai  anche  tu  che  sara  a  giorni  a  giorni  che 
mi  tocchera  aver  famiglia  guarda  pure  caro  mio  marito  di 
star  tranquillo  che  subito  che  avro  famiglia  io  te  lo  mando 
dire  subito  basta  che  tu  potessi  avere  delle  mie  notizie  o  per 
intanto  mi  mandara  dire  come  ho  da  fare  io  se  il  nostro  ban- 
bino  a  la  fortona  di  vivere  che  ho  da  mettere  per  il  padrino 
e  la  madrina  famelo  sapere,  Altro  la  tua  moglie  ti  lascia  i 
piu  cordiali  saluti  e  guarda  di  far  coraggio  e  star  tranquilo 
perche  adesso  ho  da  pensare  fin  che  voglio  altro  non  so  piu 
che  dirti  —  solo  che  di  salutarti  di  vero  cuore  sono  e  saro 
per  sempre  tua  moglie   C.   M. 

Für  deutsches  Gefühl  ist  hier  die  Förmlichkeit  und 
die  zurückhaltende  Umschreibung  des  Wesentlichen  be- 
merkenswert. Als  Gegenstück  sei  nun  der  Brief  eines 
Gatten  an  seine  demselben  glücklichen  Ereignis  entgegen- 
sehende Frau  hierhergestellt,  in  dem  mit  einer  bald  humor^ 
vollen,  bald  sentimentalen  aber  imuier  offenherzigen  Aus- 
drucksweisc  „das  Kind  beim  richtigen  Namen  genannt" 
wird  (Katzenau — Triest): 

Ai  30  ho  ricevuto  la  tua  cara  lettera  e  non  posso 
spiegarti  Timmenso  piacere  e  consolazione  che  ho  provato  in 
quella  sera  Tavrö  letta  almeno  venti  volte.  M.  mia  credime 
semega  aperto  proprio  al  cuore  a  leger.  Camina  per  l'ottavo 
mese  che  son  via,  ma  mai  non  temega  manda  una  compagna 
gho  devudo  proprio  ridere.  quando  che  te  me  gä  nominä  che 
mia  soreliastra  le  se  meravigia  che  te  se  son  svelta  e  leg- 
gera  e  te  me  nomini  le  strazute  de  mio  fio-  Me  immagino 
che  in  quel  giorno  doveva  esser  uno  de  quei  rari  che  non 
te  son  avvelida.  Ma  mia  cara  mamma  gho  prova  gran  piacere 
perche  vedo  che  te  ghä  coraggio,  perche  te  gha  ascoltä  le 
mie  preghiere,   e  pö  se  giustissima,  percbe  guai  se  te  se  perdi 


—     116    - 

de  coraggio  in  questi  terribili  tempi.  Se  inutile  cara  M. 
te  sk  ben  che  tutto  el  mondo  soffre,  e  allora  bisogna  com- 
battere,  contro  questo  perfido  destino  ....  Cara  M.  forse 
che  al  giungere  di  questa  lettera  ti  troverai  all'ospedale  Ora 
ascoltime  bene.  Ti  non  te  vai  in  ospedal,  come  un  solito 
ammala,  ma  beasi  perche  non  te  gä  i  mezzi  de  poder  rimaner 
a  casa,  come  che  te  gha  fatto  sempre.  Allora,  andando  in 
ospedal  te  raccomando  de  non  spaurirte  o  impressionarte  se 
te  vedi  qualche  povera  in  stato  grave.  Non  te  devi  smaniarte 
del  pensier  della  casa.  che  sarä  zä  chi  che  stä  attento  Per  i 
fioi  meno  che  meno  perche  credo  che  N.  te  lo  mandi  de 
Gr.  e  R.  de  M.  e  poi  sb  question  che  el  M.  in  8  giorni 
tu  vien  fuora  e  te  se  porti  a  casa  uno  de  piü  e  te  racco- 
mando se  non  te  me  fä,  un  mulo  che  nol  sia  bei  al- 
meno  come  el  babbo,  te  pesto  quando  che  torno  a  ti  e  anche 
el  mulo  cosi  te  son  avvertida  prima.  Ma  mi  so  M.  che  ti 
son  brava  e  svelta  in  questi  lavori,  me  ricordo  che  4  ore 
prima  de  far  el  bobbo  te  gä  fregä  la  cucina.  Per  questo 
credo  che  un'altra  zottina  brava  come  ti  se  stenti  a  trovar. 
Dunque  mia  cara  M.  non  perderte  de  coraggio  non  avve- 
lirte,  pensa  che  presto  verrä  el  giorno  che  se  ritroveremo  e 
mangiaremo  magari  la  polenta  sutta  ma  saremo  vicini  e  fe- 
lici  con  la  nostra  piccola  familia.  Per  ora  non  poso  che 
augurarti  tutto  il  bene  possibile  che  puoi  desiderare  e  di  fare 
un  buon  parto  come  il  tuo  solito  di  questo  son  certo.  Ti 
raccomando  appena  che  te  lo  gavrä,  in  man  el  primo  baso 
per  ti  e  un  milion  per  mi. 

Ein  Knabe  muss  es  um  jeden  Preis  sein,  aber  dem  fait 
accompli  der  Geburt  eines  Mädchens  gegenüber  Kann  der 
Vater  nicht  umhin,  ebenfalls  seine  wenn  auch  leise  ge- 
dämpfte Freude  zu  äussern  (Mauthausen — Palermo): 

Carissima  mogli,  tio  risposto  con  il  cartolino  che  mi 
faceva  sapere  che  grazie  a  Dio  ai  avuto  una  bambina  mi 
sono  rallegrato  tanto  che  tu  non  ti  puoi  immaginare  con  quäle 
pensiero  io  stavo,  poi  sono  piü  rallegrato,  nell  sentire  che 
e  femmina  che  me  dispiace  che  ci  sono  io  uomo  che  si  fossero 
cosi  che  si  potessero  cambiare  mi  cambiarei  per  tutto  il  tempo 
della  mia  vita  per  non  sentire  nomini. 

Kein  Bund  im  Leben  ist  so  sehr  wie  der  der  Ehe  auf 
ein  Drittes    eingestellt:    das  Kind   konzentriert   auf   sich 


—    117     - 

Sorgen,  Freuden  und  Interessen  seiner  beiden  Erzeuger 
und  eint  durch  Freuden  und  Leiden  diese  selbst.  So  wie 
die  Frauenbriefe  die  der  Männer  an  Innigkeit  und  stilisti- 
scher Vollkommenheit  weit  übertreffen,  so  sind  wieder 
unter  den  von  Männern  herrührenden  Korrespondenzen 
die  Briefe  an  die  Erwählte  die  eindruckvollsten.  Briefe 
desselben  Kriegsgefangenen  an  seine  Eltern,  Geschwister, 
Freunde  stehen  ohne  Ausnahme  an  Wärme  des  Tones 
und  Originalität  der  Gedanken  hinter  denen  an  die  Gattin 
oder  Geliebte  zurück.  Ganz  naiv  spricht  ein  Kriegsge- 
fangener es  aus,  dass  in  seinem  Herzen  an  erster  Stelle 
die  Frau  steht  (Mauthausen— S.  Canziano,  Lecce): 

P.  cara,  Apunto  oggi  mi  ha  communicato  il  tuo  cu- 
gino  De  J.  che  tu  non  hai  ricevuto  mia  corrispondenza 
ci6  mi  meraviglia,  perch^  io  sempre  t'ho  scritto,  anzi  scriyevo 
primo  a  te  e  poi  a  mio  padre. 

Richtige  Liebesbriefe  finden  sich  indessen  nicht  so 
häufig  als  man  denken  möchte,  was  vor  Allem  wieder 
an  dem  nicht  zur  Liebe  stimmenden  „ambiente"  des  Krieges 
liegen  mag.  Für  den  Italiener  vollends,  der  seinem  heimat- 
lichen Klima  entrückt  ist,  kann  es  im  nebhgen  Norden 
nicht  feurige  Liebesgedanken  geben,  höchstens  Sehnsucht 
nach  dem  Süden  und  den  Zeiten,  da  man  die  Kunst  des 
far  Famore  ungehindert  ausüben  konnte.  Umso  bemer- 
kenswerter ist  die  leidenschaftliche  Epistel,  die  aus  San- 
domierz  in  Russ.-Polen  ein  Kriegsgefangener  an  seine  Liebe 
in  Jesi,  Ancona  sendet: 

0  Mia  dolce,S.  De  te  sono  innamorata  e  lo  confesso 
Perche  nessun  aldra  fanciulla  AI  mondo  a  saputo  incatare 
questo  cuore,  I  tuoi  belli  occhi  di  fada,  coi  i  tuoi  neri  ca- 
pelli.  Perme  e  una  continua  tortura.  Che  mi  affascina  sempre 
di  piu  Nel  contrastare  il  mio  bene  Col  tuo  amore  Verra  quel 
giorno  che  uniti  saremo  Dove  si  podrano  dirci  felici  un  con 
Taldro  E  che  i  nostri  Baci  si  sorrideranno.  Sülle  uostre  dolci 
e  rose  boche,  Io  son  geloso  delle  tue  chiomere,  Dove  tuposi 
le  tue  Nere  chionre  Io  per  te  dare  il  cuore  e  perte  darei 
lavita.   ciao. 


-     118    — 

Diese  lyrischen  Expektorationen  entstammen  jener 
liebegiühenden  Atmosphäre  des  südlichen  Italien,  die  Lieder 
wie  das  an  unsern  Text  anklingende  „vorrei  baciar  i  tuoi 
capelli  neri"  geschaffen  hat. 

Die  Offiziere,  die  täglich  schreiben  durften  und  über- 
haupt gebildeteren  Kreisen  entstammten,  hatten  eher  Zeit 
und  Lust,  Psychologie  zu  treiben,  sich  selbst  und  ihre 
Liebesgefühle  zu  analysieren:  es  war  dann  wie  eine  an- 
dere Welt,  wenn  man  die  literar?schen,  für  unser  Gefühl 
zu  literarischen  Ergüsse  dieser  „Schriftsteller"  las,  in 
denen  Ton,  Übertreibung,  Pathos,  Ironie  dick  aufgetragen 
waren.  Diese  Korrespondenz  fällt  aus  dem  Rahmen  un- 
serer Betrachtungen  heraus.  Hier  sei  nur  ein  Beispiel 
wegen  der  delikaten  Zurückhaltung  und  ritterlichen  Dank- 
barkeit angeführt: 

Gentile  Signorina,  proprio  oggi,  mentre  compiono  i  sei 
mesi  della  mia  dolorosa  prigionia,  arriva  la  sua  lettera  come  un 
sorriso  fresco  di  giovinezza  nello  squallore  triste  della  nuova  vita. 
Le  mando  caldo  ringraziamento  che  vuole  esprimere 
anche  il  desiderio  di  ricevere  altre  mie  lettere  cosi  buone  e 
affettuose!  riusciranno  per  ine  sempre  di  conforto,  di  incita- 
mento,  di  speranza  —  Ne  ho  tanto  bisogno,  specialmente  ora, 
dopo  lo  schianto  che  mi  ha  portato  la  notizia  iinprovisa  della 
fine  eroica  di  mio  fratello  E.    — 

Ormai  che  mi  resta  piü  a  provare? 

lo  conosco  la  morte,  ero  cosi  abituato  a  fissarla  in  volto 
che  il  suo  mistero  non  mi  spaventa  —  La  palottola  o  la 
scheggia  micidiale  mi  ha  sfiorato  troppe  volte:  ho  anche  ver- 
sato  il  mio  giovine  sangue  ho  dormito  sulla  nuda  terra,  sotto 
il  grande  libero  cielo;  ho  vegliato  le  mie  notti  di  guardia 
all'estremo  lembo  della  patria  amata   — 

Ed  ora,  in  questa  solitudine,  in  qnesta  inerzia  snervante, 
vorrei  afforzare  l'animo,  che  non  ha  temuto  la  morte,  e  pre- 
pararlo  nel  ricordo,   nel  proposito,  nel  sogno   — 

Hitornerö  sicuramente  cambiato,  poichö  la  guerra  —  che 
tutto  travolge  —  modifica  e  rigenera  gli  uomini,  ma  dopo 
avere  passato  tanti  giorni  senza  sentire  fremiti  di  vita,  senza 
ascoltare  voci  di  bontä,  e  di  affetto,  senza  vedere  sorrisi  di 
grazia  e  di  gentilezza,  potrö  io  esprimere  e  udire  la  parola 
dell'amore  sotto  l'azzurro   cielo  della  nostra  patria  divina? 


—     119    — 

Chi  sa!  intanto  vivo  di  trepide  speranze  e  di  illusioni: 
cose  6  necessario ;  la  realtä  per  me  e  stata  troppo  brutale  — 

Ma  perö  che  vale  lamentarsi  e  affligere  gli  altri  con  le 
nostre  querimonie ! 

Ml  scusi  quindi  e  Lei  continui  a  sorridere,  come  sempre, 
nell'esuberanza  della  sua  giovinezza,  scrivendomi  ancora  se  vuole 
e  se  puö,  le  sue  lettere  —  e  siano  pure  allegre  e  speiisierate ! 
mi  porteranno  un  po'  di  gioia  affettuosa.    — 

Wie  ein  Troubadourgedicht  des  Mittelalters  mutet 
dagegen  das  Liebesultimatum  eines  wohl  ganz  ungebildeten 
Istrianers  an  (nach  Galesano,  Istrien): 

i  vostri  cari  ochi  dicono  che  non  potete  eser  versa  di 
chi  vi  ama  crudele,  cio  mi  promete  la  vostra  bella  immagine 
si  ne  son  certo,  quindo  ho  risolto  di  volermi  chiaramente 
parlare,  che  un  amante  piu  fido  di  me  non  potete  trovare, 
dite  se  avete  qualche  altro  amante  sesiete  impegnata  e  se 
avete  qualche  altro  federazione  dedestata  e  se  siete  libera 
poi  dalle  ultime.  ferite  amorose  io  vi  atende  con  molto  piacere 
qualora  non  abiate  alcun  impegno  datemi  La  finale  e  deci- 
siva  risposta  conportandovi  di  vera  amica.  Mi  firmo  il  tuo 
Caro  sposo  S  P  S  P. 

(Man  beachte  das  Schwanken  im  Intimitätsgrad : 
voi  ~  tuo !). 

Die  im  italienischen  Volke  so  reich  entwickelte 
dichterische  Begabung  kann  man  bei  einem  der  Gattin 
gesandten  Kompliment  in  der  Form  einer  Sentenz  be- 
obachten, die  D'Annunzio  alle  Ehre'  gemacht  hätte  (Maut- 
hausen— Genua) : 

II  soldato  ha  bisogno  della  spada,  il  regnante  del  trono, 
il  filosofo  dei  libri,  il  poeta  della  penna.  -  la  donna  com- 
batte  e  vince  con  uno  sguardo. 

Dass  der  Italiener  nicht  bloss  schwärmt,  sondern  auch 
fluchen  kann,  zeigt  der  folgende  brutale  Brief,  der  der 
Frau  an  theatralischen  Beschimpfungen  nichts  erspart 
(Brück  a.  d.  Mur— Cervignano)  : 

Moglie?  vi  dico  moglie  per  rispetto  publice  seno  vi  dire 
Carogna.   Sentite  unpo.   Come  avete  fatto  adarli  questa  butta 


—     120    — 

notizia  a  queste  povero  uomo  a  questa  vostra  povera  vittima 
avete  proprio  deciso  di  farmi  morire  non  poteva  parteciparmi 
la  morte  dei  miei  bambini  quando  venivo  a  casa.  i  miei  po- 
veri  genitori  da  voi  tanto  sfrutati  mi  dicono  in  vece  che  i 
miei  bambini  godono  salute  i  miei  genitori  anno  core  su  dime, 
voi  mi  partecipate  la  morte  dei  miei  poveri  e  vendurati  bam- 
bini ma  non  mi  partecipate  la  notizia  che  voi  siete  donna 
prostituta.  si  prostituta.  Siete  in  un  abbergo  serva  una  donna 
di  famiglia  che  gli  vuol  bene  a  suo  marito  a  suo  marito. 
quello  sarebero  i  ultimi  esstremi  piu  tosto  che  morire  di 
fame.  ma  voi  siete  carogna  volete  vendicarvi  verso  di  me. 
Divertitevi  pure  anche  perme  e  fate  pure  cio  che  la  vostra 
persona  vi  spira.  Mille  baci  dei  vostro  Amatb  Conpare  n.  ra- 
mentatevi  quei  dispiacere  chegli  avete  fatto  a  vostro  povero 
marito. 

Unterlassung  von  Paketsendung  erregt  einen  Inter- 
nierten zu  den  wütendsten  Verwünschungen  und  Drohungen : 
der  förmliche  Anfang  (Ansprache  der  Frau  als  , Gemahlin^, 
Bestätigung  des  Empfangs  von  Karten  etc.)  steht  im  Wider- 
spruch zu  der  tierisch  ausfallenden  Fortsetzung: 

Chatzenau   10.   10.  1916. 
P.  Consorte 

Hieri  Ricevetti  le  care  cartoline  dei  cari  figli  e  sono 
stato  molto  contento  che  tutti  stano  bene  di  salute.  tutto  vanno 
bene.  Grli  ripeto  che  non  credevo  mai  mai  e  mai  una  simile 
cosa.  che  con  tante  cartoline  che  io  ho  scritto,  che  doman- 
davo  qualche  cosa  almeno  un  chilo  di  farina  di  polenta,  non 
si  ha  mosso  il  cuore?  non  avete  piü  coscienza.  ma  questo 
non  dimendico  mai  e  mai  piü,  basta.  il  piü  infimo  amico  il 
piü  infimo  parente  ha  mandato.  se  benanche  un  che  avesse 
amazzato  pure  si  moveva  il  suo  cuore  d-opo  unanno  e  mezzo 
che  mi  trovo  internato.  anche  una  bestia  si  muove  con  il  suo 
cuore"  volta  ma  voglialtri  no  sicuro.  avete  il  cuore  di  leone. 
ora  mi  tocca  ha  me.  non  fa  nulla  dopo  terminato  questa  guerra 
toccherä  a  te  non  ti  posso  scrivere  tanta  robba  ma  tu  sai 
bene  come  e  cosa  ti  vorrei  mandare  che  tu  sarrai  e  sei  la 
mia  rovina  ho  la  mia  morte  basta  passerä  anche  questa  che 
dopo  farremo  i  conti  infame  e  porca.  se  fossi  con  te  e  che 
rifletti  un  poco  e  che  pensi  un  poco  di  piü  non  ti  resta 
altro  da  amazzarti  ho  da  negarti,  altro  non  so  che  dirti.  che 


k 


121 


ti  ripeto   questa  e  lultima  cartolina  che  io  ti  mando.    perche 
non  merita  neanche  a  sprecare  ne  anche  linchiostro. 

Entsetzliche  Martern  werden  der  untreuen  Gattin 
angedroht  —  wie  im  Mittelalter  eine  Art  Homöopathie  in 
der  Strafe  (Dobrowa— Rom): 

Dunque  ancora  non  sono  persuasi  di  me  [dass  ich  lebe]. 
Ma  verrä  il  giorno  della  mia  Vendetta  non  si  merita  altro 
che  mettergli  un  ferrro  rotondo  arroventato  dentro  la  sua 
natura  per  levargli  quel  bruciare  che  a  avuto  nel  tempo 
della  mia  assenza  se  11  destino  vuole  che  mi  mantiene  sempre 
cosi  carmo  non  avete  paura  che  non  mi  rovinerö  per  una 
simile  donna  ma  sono  gli  darä  una  semplice  lezione  di  una 
specie  di  come  vi  citp.to  sopra. 


XI. 

Der  Ton  gegen  die  Eltern  ist  ein  ganz  anderer  als 
gegen  die  Frau,  zwar  respektvoller  und  feierlicher,  aber 
auch  kälter  und  farbloser.  Die  Frau  wird  geliebt,  die 
Eltern  verehrt:  dieser  Unterschied  ist  in  der  Korrespondenz 
deutlich  zu  fühlen.  Ermahnungen  zur  Ehrfurcht  gegen 
die  Eltern  erinnern  uns  an  das  vierte  Gebot  (nach.Mon- 
tona,  Istrien): 

ma  rispetare  i  genitori  specialmente  la  povera  mama. 
che  se  lavessi  maza  i  suoi  genitori  non  doveva  tocarghe  si- 
mili  dolori. 

(Ujvid6k — Gragnang,  Neapel)  : 

e  poi  ti  raccomante  di  rispettare  ad  i  nostri  Genitori 
e  non  altro  che  dirti. 

Wir  haben  schon  die  zeremoniöse  Form  der  Begrüssung 
der  Eltern  erwähnt:  es  wird  ihr  Segen  erbeten,  die 
Hand,  im  Süden  gar  der  Fuss  geküsst.  Von  den  beiden 
Eltern    steht,    wie    die    Belege    zeigen,    die    Mutter    im 


—     122     ~ 

Vordergrund:  daher  die  in  unzähligen  Korrespondenzen 
vorkommende  Aufforderung  an  die  daheimgebliebenen 
Kinder,  die  Mutter  gebührend  respektvoll  zu  behandeln. 
In  einem  schon  erwähnten  Belege  aus  Triest  finden 
sich  Worte: 

ti  raccomando  difare  giudizio  di  non  fare  sempre  barufa 
con  tua  mamma  perche  mamma  se  una  solo  quando  manca 
quello  manca  tutto. 

Ein  ziemlich  vereinzelter,  in  rührender  Herzenseinfalt 
und  kindlicher  Innigkeit  geschriebener  Brief  ist  von  einem 
Kgf.  in  Mauthausen  an  seinen  bisher  nicht  gekannten 
Vater  in  Amerika  gerichtet: 

Caro  Padro  teneprego  di  mai  dimenticarmi  eppensa  che 
ai  lasciato  un  figlio  initalia  e  eche  ora  peramore  della  nostra 
patria  sitrova  prigioniero  in  austria,  pensa  pure  che  ora 
chessono  sensa  padre  circa  undici  anni  che  nesonostato  sempre 
desideroso  di  essere  vicino  a  mio  padre  come  pure  chredo 
chettu  Sarai  pure  desideroso  che  ai  unfiglio  anventi  anni  e 
chessei  privo  di  vedermi,  ma  prega  il  dio  che^  presto  sifaccia 
lapace  e  pooi  speriamo  di  venirti  attrovare  eccosi  potere, 
essere  un  poco  felice,  no  caro  padre  essere  felice  colloscopo 
di  fare  il  vaccabondo  manbensi  di  lavorare  effare  il  mio  do- 
vere  verso  dite  e  la  famiglia  mati  prego  caro  padre  di  mai 
dimenticarmi  che  sse  sempre  sono  tuo  figlio  fino  alla  morte, 
come  lostesso  desidero  essere  tu  verso  di  me  dinondimenti- 
carmi  mai  che  sempre  sono  tuo  figlio  che  sempre  ti  pensa,  pensa 
caro  padre  ancora  una  volta  che  sse  unpoco  grandotto  e  che 
oggi  domani  tipotro  essere  utile  pertuo  avvenire  eperquesto 
ossempre  pregato  aldio  di  io  potere  venire  inamerica,  prima 
pensare  perte  eppoi  pensare  perme  a  madre  e  glialtri  due 
miei  fratelle  chessono  pure  desiderosi  di  avere  il  padre  vicino 
dopo  tanti  anni  chessiamo  lontani. 

Wie  Liebesbriefe  einen  kindlichen  Ton  zeigen,  so 
klingen  oft  umgekehrt  Briefe  an  die  Eltern  wie  Liebes- 
briefe: es  mag  das  darin  liegen,  dass  die  Liebe  einfachen 
Geschöpfen  die  Zunge  löst  und  die  Sprache  der  Liebe  fürs 
ganze  Leben  und  allen  Menschen  gegenüber  die  Sprache 
des  Gefühles  bleibt.    Der  naive  Korrespondent  hat  es  ge- 


-     123    - 

Wissermassen   nicht  in  der  Hand,   die   „richtige"  Nuance 
„einzuschalten"  (Tunis— Mauthausen) : 

Babo  dello  mio  cuore  Benche  io  non  tiposso  ofererite 
il  mio  lappro  su  la  tua  carra  bocca  che  mi  bacciava  tanto 
maio  tio  agurio  Babo  mio  una  buona  salutte  ed  uiia  benve- 
uuta  e  di  finire  presto   cheusta  benedetta  guerra. 


XII. 

Wir  haben  in  den  letzten  Kapiteln  die  Korrespondenz 
mit  Eltern  und  Gattin  besprochen  und  haben  nun  jener 
Teile  der  Kg*f.-  und  Intern.-Briefe  zu  gedenken,  in  denen 
der  Abwesende  seine  Angehörigen  im  Hinterland  über 
sein  Befinden  beruhigt. 

Der  moderne  Krieg  arbeitet  in  Dimensionen,  die  alle 
hergebrachten  Begriffe  erschüttern,  die  Phantasie  des  Ein- 
zelnen überbieten  müssen.  Überall  starren  die  allerschreck- 
lichsten Gefahren  und  Entbehrungen.  Indes  nur  wenig 
von  der  so  begründeten  Gemütsdepression  findet  sich  in  der 
Korrespondenz  der  in  den  Gefahren  tatsächlich  schwe- 
benden, die  Entbehrungen  tatsächlich  durchmachenden 
Soldaten.  Diese  scheinen  den  Krieg  und  seine  Kon- 
sequenzen als  eine  ganz  selbstverständliche  Voraussetzung 
ihres  augenblicklichen  Lebens  zu  betrachten  und  nur  über 
das  Befinden  der  doch  vollkommen  sicheren  Angehörigen 
beunruhigt  zu  sein.  Fast  ist  es,  als  ob  die  mitten  in  Not 
und  Gefahr  Lebenden  die  ruhig  hinter  dem  Ofen  Sitzenden 
zu  trösten  suchten.  Jeder  zweite  Soldatenbrief  zeigt 
eigentlich  eine  edle. Hintansetzung  des  eigenen  Schicksals 
hinter  das  der  Anverwandten.  Diese  eigentümliche  Er- 
scheinung wird  sich  nicht  so  sehr  aus  dem  Edelmut  der 
Menschheit  im  Allgemeinen  oder  der  kämpfenden  Mensch- 
heit im  Besonderen  erklären  —  denn  an  Proben  rücksichts- 


—     124    - 

losen  Egoismus  fehlte  es  gerade  in  diesen  Zeiten  der  Ent- 
faltung der  rohen  Kraft  keineswegs !  — ,  sondern  erstens 
daraus,  dass  alle  diejenigen,  die  in  den  Krieg  zogen,  sich 
wohl  an  die  letzten  Momente  in  der  Heimat,  an  den  pein- 
vollen Abschied  von  der  Familie  erinnern,  während  ihnen 
jene  deprimierte  schicksalsdüstere  Stimmung  der  ün- 
gewissheit  mittlerweile  im  Drang  der  Ereignisse  ent- 
schwunden ist  —  zweitens  daraus,  dass  „der  Mensch  ein 
Gewohnheitstier  ist",  wie  die  banale  Redensart  lautet, 
oder,  wie  Schiller  meint,  der  Mensch  mit  seinen  höheren 
Zwecken  wächst  d.  h.  die  Grösse  des  täglich  mitgeschauten 
Weltgeschehens  das  Einzelschicksal  klein  und  nichtig  er- 
scheinen lässt,  —  drittens  und  vor  allem  daraus,  dass  der 
Mensch  eben  infolge  seiner  Anpassungsfähigkeit  und  Routine 
im  Tosen  des  Kriegslärms  alles  Diskutieren  über  den  Krieg, 
seine  Berechtigung,  seine  Entwicklung,  die  Möglichkeit 
der  Gefahr  etc.  unterdrückt,  den  Krieg  als  etwas  nun 
einmal  Gegebenes,  mit  dem  man  rechnen  muss,  auffasst: 
nur  im  Hinterland  waren  noch  Debatten  über  theoretische 
Fragen  lebendig,  im  Kriege  selbst  herrschte  die  rauhe 
Notwendigkeit  des  Krieges,  die  unabweisbar  ist  wie  ein 
Naturereignis.  In  ganz  Europa  bestand  fünf  Jahre  lang 
eine  geographische  Zweiteilung  in  Kriegsgebiet  und  Hinter- 
land: die  im  Hinterland  bedauern  die  im  Kriegsgebiet  und 
diese  suchen  jene  über  ihr  Schicksal  zu  beruhigen. 

Die  klassischen  Redensarten,  die  von  den  Italienern 
zur  Beruhigung  und  Tröstung  der  Angehörigen 
angewendet  werden,  lauten:  Non  farti  pensieri,  non 
avvilirti,  (vergl.  in  den  franz.  Korrespondenzen:  ne 
vous  faites  pas  de  mauvais  sang,  oder  ne  vous 
en  faites  pas),  datti  coraggio,  si  i  allegre  e  tran- 
quillo:  Mut  und  Nichtdenken,  das  sollen  die  Panazäen  in 
diesen  schrecklichen  Zeiten  sein,  d.  h.  es  werden  gerade 
die  Dinge  dem  Menschen  als  Heilmittel  empfohlen,  die 
ihm  augenblicklich  fehlen.  Nichtdenken,  Nichtsichden- 
kopfzerbrechen,    das    bedeutet:    die    vielen    unheilvollen 


-     125    - 

Möglichkeiten,  die  auf  den  Soldaten  lauern,  aus  dem  Ge- 
danken ausschalten,  Gerüchte  nicht  glauben  etc.  „Denken 
ist  gesundheitsschädlich"  —  eine  banale  Wahrheit,  die 
in  allen  Tonarten  variiert  wird  (Mauthausen— Porta  dl 
Ripi,  Rom) : 

Caro  Padre  acosi  io  vidico  che  non  pensate  aniende  a 
niende  fattevo  coraggio  di  non  pensate  a  niende. 

(Oberhollabrunn— Triest) : 

Stai  bene?  Guarda  a  non  pensare  a  nulla  e  cosi  vivrai 
piü  anni.    Sta  sempre  bene  e  non  avvilirti  mai,  spera. 

(Asti— Böhmen): 

Inteso  che  tu  midici  che  tu  hai  sempre  il  pensiero  volto 
alla  nostra  casa,  per  questo  ti  prego  di  non  prenderti  pen- 
sieri,  perche  e  inutile  io  il  medesimo  desidre,  ma  e  invano, 
il  cappo  principale  e  la  salutte,  il  rimanente  vaga  tutto  alla 
raalora,  basta  ritrovarsi  presto  alla  nostra  casa,  questo  h  la 
mia  desidrazione. 

Mit  dem  Argument  „denke  nicht  weil  es  nichts  nützt" 
lassen  sich  natürlich  die  Gedanken  ebensowenig  ver- 
scheuchen, wie  Krankheiten  durch  den  Hinweis  auf  ihre 
Schädlichkeit. 

Der  Soldat  im  Felde  hat  es  ja  tatsächlich  besser  als 
die  Daheimgebliebenen:  er  steht  im  tätigen  Leben  inmitten 
gleichfalls  tätiger  Kameraden,  das  nicht  immer  reichliche 
Brot  ist  für  ihn  mit  dem  Salz  des  Bewusstseins  erfüllter 
Pflicht  gewürzt;  die  Angehörigen  zu  Hause  fröhnen  dem 
kontemplativen  Schmerz  inmitten  von  ebenfalls  wehkla- 
genden, traurigen  und  verlassenen  Menschen  und  lesen  die 
Lügen  und  Übertreibungen  der  Zeitungen,  die  Einmaliges 
als  Stetiges,  Extremes  als  Normales  ausgeben  und  im 
Rausch  der  Zahlen  und  Sensationen  an  die  natürlichen  Dimen- 
sionen vergessen  machen.  Es  bildet  sich  im  Schützengraben 
€ine  gewisse  humorvoll  resignierte  Gemütlichkeit  heraus, 
für  die  wir  einen  glänzenden  Beleg  in  der  in  einem  früheren 
Kapitel  erwähnten    gereimten   Feldpostkarte    eines  öster- 


-     12«     - 

reichischen  Soldaten  besitzen.  Die  Schmerzen  des  Hinter- 
landes empfinden  alle  jene  Kriegsteilnehmer,  die  nicht 
unmittelbar  in  der  Feuerhnie  weilen:  also  auch  die  Inter- 
nierten und  Kriegsgefangenen:  sie  werden  durch  Lang- 
weile und  Weltschmerz  langsam  und  systematisch  geknetet 
und  geknebelt.  Ein  kgf.  ital.  Leutnant  in  Mauthausen 
hat  auch  die  relativ  geringe  Berechtigung  derartiger  Klagen 
erkannt  (nach  Serena,  Lucere): 

Donna  M.  molto  gentile,  avrete  pensato  le^gendo  la 
mia  letterina  di  ieri  che  e  proprio  una  cosa  stupida  lamen- 
tarsi  di  piccoli  mali  quando  altra  gentre  soffre  in  modo  ben 
diverso.  Ci  ho  pensato  anche  io  e  ho  riso  di  me  stesso  e  mi 
son  giudicato  cosi  male,  che  oggi,  per  attenuare  le  cattiva 
impressione  che  avrete  ricevuta  dalla  mia  lettera  di  ieri, 
torno  a  scrivervi  per  dirvi  che  .  .  .  sto  bene.  Sto  bene  e  bi- 
sogna  crederci:  sono  io  il  primo  a  impormi  qnesto.  In  fondo 
tutta  la  vita  non  e  che  uno  sforzo  perenne  per  quanto  a  volte 
violento,  di  addattamento.  A  me,  tante  volte,  non  sembra 
neanche  illogico  la  relazione  che  taluno  istituisce  tra  noi  che 
siamo  qui  e  quelli  che  sono  in  trincea:  se  uno  si  lagna  per 
qualche  cosa,  Io  si  richiama  subito  a  pensare  quelle  che  si 
soffre  in  trincea:  ed  e  giusto.  Quante  volte  si  avea  l'im- 
pressione  di  star  bene,  proprio  bene,  adagiati  o  accovacciati 
in  una  trincea  dove  fossero  pochi  i  sassi  a  premere  sulle 
ossa,  e  quando  si  trovava  del  fange  indurito  su  cui  qualcuno 
prima  aveva  lasciato  una  forma  concava,  era  una  festa.  Ora 
ci  si  lamenta  del  materasso  che  e  .  .  .  di  paglia:  no  no  no: 
ci  si  lamenta  se  la  notte  non  si  puö  dormire  perche  il  corpo 
si  riscuote  con  una  ritrazione  di  nervi  e  con  un  palpito  al 
cuore:  no  no  no.  Oi  sono  di  quelli  morti,  che  non  torneranno 
mai  piü  alle  case  loro:  o  non  sono  morti  e  torneranno  senza 
le  gambe,  senza  gli  occhi  e  non  vederanno  mai  piü  il  sole. 
Non  e  vero?  Ditemi  che  e  vero,  e  che  io  ho  ragione,  e  che 
ho  torto  a  lamentarmi  e  che  faccio   bene  a  giudicarmi   male. 

Der  Soldat  lebt  im  Krieg  inmitten  der  Kameraden 
und  auch  ein  Kgf.  und  Intern,  sind  nicht  allein  (Feldpost — 
Cuneo,  Italien): 

Vi  dico  ancora  che  assieme  dime  ce  il  Cucino  B.  il 
quäle  saro  il  dolore  della  nostra  cara  zia  M.  Ecco  le  come 
che    io  vedessi    nel    leggere    queste    due   righe   si   metton o  a 


-     127     - 

piaiigere  ma  non  piangote  donete  care  che  noi  siamo  qua  tutti 
sani  e  il  cucino  B.  lavora  in  una  calda  stua  del  suo  mistiere 
e  non  pensa  alle  fiere. 

Kameraden  erleuchten  mit  ihrer  Gegenwart  die 
Dunkelheit  der  Gefangenschaft.  Sie  bilden  sofort  ein 
Milieu,  ein  einheitliches  Ganze,  in  das  sich  der  Einzelne 
mühelos  einfugt:  mitten  im  fremden  Lande  schlingen  ge- 
meinsame Sitten  und  vor  allem  gemeinsame  Sprache  ein 
einigendes  Band  um  die  Leidensgenossen  (compagni  di 
s Ventura).  Fast  jeder  Kgf.  hält  es  zur  Beruhigung  seiner 
Lieben  für  angebracht,  die  Mitgefangenen  namentlich 
aufzuzählen  und  zu  schildern  (Mauthausen— Merigliano, 
Caserta) : 

Con  cussto  viaggio,  clienoi  abbiamo  fatto,  dipartire,  di 
Mauthausen  neanche,  cisiamo  disseparati,  noi  paesani,  ed  io 
miritrove  lostesso  cosi  Spero  eanche  conuno  dei  Camandoli  e 
anche  due  di  Savitaliano.  Solo  mi  sono,  dispiaciuto  che  quando 
son  partito  da  Mauthansen  mi  sono  disseparato,  con  A,  C.  11 
figlio  del  bottaio  in  Strada,  S.  Vito,  Carissimi  Genitori  oggi 
stesso  il  giorno  del  S.  Natale  io  riunito  con  ipaesani  celab- 
biamo,  passate,  molte  bene,  b  ciconfortavamo  tranoi,  stessi, 
persorevare,  questi  cuori,  che  come,  höre,  siritrovamo  cosi 
hoscure. 

Im  Unglück  gibt  es  nur  eine  Freude:  socios  habuisse 
malorum.  Dies  Römerwort  wird  auf  folgende  Weise  in 
einem  Gefangenenbrief,  natürlich  unbewusst,  paraphrasiert 
(Mauthausen — Borge  San  Fermo,  Bergamo): 

Ho  saputo  che  e  arrivato  qui  anche  Tr.  L.  ma  non  io 
ancora  di  vedere.  Spero  £ra  pochi  giorni  di  andare  a  trovarlo. 
Sono  molto  contento  perche  il  proverbio  dice  che  il  piacere 
dei  disperati  e  avederne  anche  unaltro. 

Mit  einem  Kameraden  bildet  der  Kgf.  ein  Dioskuren- 
paar  (Mauthausen— Borge  San  Lorenzo,  Florenz): 

Ora  vi  £o  sapere  che  mi  trovo  in  sieme  con  certo  A.  A. 
di  Sagodeazo.  Nun  potete  imaginäre  che  bene  mi  vole  se  mia 
navesi  lui  che  mi  aiuterebe  sarebero  dolori  e  ci  teniamo  come. 
Due  Frateli. 


—     128    — 

Die  Zeit  der  Gefangenschaft  vergeht  schneller,  wenn 
man  sich  etwas  aussprechen,  wohl  auch  ausschimpfen 
kann:  „Abreagieren"  schafft  Erleichterung  (Mauthausen— 
Paesana,  Piemont): 

Caro  padre  e  madre  vi  dico  che  cisono  giorni  fä,  sensa 
pensare  mi  sono  trovato  irisieme  con  mio  Oompagno  (unleser- 
licher Name)  A.  e  si  siamo  alegrati  molto  atrovarsi  due 
del  paese  insieme  Cosi  iltempo  pasa  piu  presto.  Lui  e  gia 
tre  mesi  che  sitrova  qua  era  ferito  ora  e  guarito  evi  saluta 
tanto  voi  due  e  i  suoi  di  casa. 

Mit  den  Freunden  aus  dem  Heimatort  wird  vor  allem 
der  gemeinsame  Hunger  besprochen:  alle  die  aufgezählten 
Kameraden  sprechen  von  den  heimatlichen  Gerichten 
(Mauthausen — Kriegszone) : 

Caro.  A.  vengo  con  nie  notizie  che  mi  trovo  in  Austria 
Prigioniero,  e  siamo  una  Ventina  di  Seregno,  fra  questi  la 
mico  (S.  Gr.)  e  M.  lamico  S.  suoi  discorsi  di  tutto  il  giorno 
sono  riso  alla  Milanese  e  pasta  asciuta,  e  anche  me  mi  ri- 
cordo  sempre  di  Stochetta  e  del  carpentiere  speriamo  che 
presto  vengono  ancora  qui  bei  giorni,  e  anche  lamico  N.  dis- 
core  sempre  del  mangia  mich,  io  mi  trovo  sempre  in  ottima 
Salute  altretanto  spero  di  te.  Ora  non  o  altre  che  Salutandati 
caramente  abraciandoti  lamico  che  ti  ricorda  Fr.  0.  Saluti  da 
lamico,   S.   e  M.  e  N.   e  conpagnia  deH'apetito. 

Gemeinsames  Leid  löst  sich  bei  besonders  feierlichen 
Anlässen  in  Tränen  auf,  die  die  Verbannten  zusammen- 
kitten (Bozen— Cittiglio,  Como): 

Io  passai  un  natale  cosi  triste  che  non  puoi  inmaginarti 
errevamo  parecchi  emici  a  sieme  del  mia  compagnia  ditanto 
intanto  si  guardevamo  in  viso  uno  con  altro  si  vedevano 
scorrere  la  lagrime  sugli  occhi  il  perche  le  sofferenze  errano. 

Nicht  immer  stellen  die  Freunde  gemeinsame  Fragen 
ans  Schicksal,  nicht  immer  ist  die  Freundschaft  ganz  un- 
eigennützig: der  eine  Kamerad  ist  der  gebende  der  an- 
dere der  selig  nehmende  (Taschkent— Triest) : 

Cara  A.    qua    mi  trovo    per    fortuna   con    un  signor  da 


—     129    - 

Trieste  il  quäle  almeno  mi  provedi  per  qualce  spangloleto 
poi  dei  amici  se  auche  Fl.  che  lavorava  in  magazin  a  Trieste 
con  mi.  II  sellai  di  Br.  C,  V.  S.  si  trova  in  Ospitale  di- 
verse tempo  e  poi  un  per  di  altri  conosenti  e  la  vita  che  si  fa. 

(Katzenau — Spalato) : 

Otrovato  un  giovani  chemi  vuol  tanto  Bene  che  spende 
per  me  tanto  chee  inpiegato  di  Banca.  E  so  lä  sempere  a 
come  non  mi  lasia  nisun  logo  sinza  dilui  semo  statti  al  (un- 
leserlich) Concierto  che  gecie  di  tutti  divertimenti  lo  non 
spende  uncientezimo  fino  Ogi  perche  spende  tutto  Lui  ge- 
dispiece  che  vada  in  Italia  masi  scriveremo. 

Manchmal  ist  allerdings  beim  Herrn  Gevatter  auch 
nichts  zu  holen:  die  Enttäuschung  über  die  Baisse  in  der 
fremden  Kasse  wirft  einen  vorübergehenden  Schatten  über 
die  Beziehungen  (Mauthausen— Forli): 

Se  non  avevo  il  mio  compagnio  M.  di  Farsina  me  la 
passavo  male  £in  qui  a  sempre  fatto  asieme  me  amomenti  a 
pulito  anche  lui. 

Dass  unter  die  Kameraden  und  Compari  oft  auch 
mythologische  Figuren  eingeschwärzt  werden  (Famico 
Appettito,  la  zia  Farne),  wird  in  meinem  Hungerbuch 
ausführlich  dargestellt. 

Zwischen  den  Angehörigen  verbündeter  Nationen 
herrscht  selbstverständlich  gutes  Einvernehmen.  Den 
kriegsgefangenen  Italiener  verbindet  mit  dem  kgf.  Serben 
die  Musik  (Mauthausen — Bernaldo,  Potenza): 

lavoro  ha  presse  il  Magazine  di  Sarti  e  Calzolaia  siamo 
un  po  tra  Italiani  e  Serbi  e  stiamo  melde  bene  tanto  che 
lufficiale  e  fatto  il  divisorio  dal  magazino  ha  dove  ci  col- 
chiamo  per  avere  piu  comoditä  dunque  non  viapenate  che  qui 
il  giorno  quando  si  lavora  ci  sono  i  Serbi  che  suonano  dendro 
il  magazino  con  violini  e  chitarra  poi  la  sera  non  ti  voglio 
parlare  il  divertimenti  che  facciamo  dentro  la  Baracca. 

Oder  aber  das  Trinken  (Serbien — Rom): 

Qui  i  Serbi  stanno  sempre  in  allegria  martedi  e  venerdi 
fiera    di  tutti  generi,    bevono  la  grappa  piü  di  noi  del  vino, 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  9 


I 


-     130     — 

la  fanno  con  le  Prugne  e  la  chiamano  Racckia,  dai  P  Maggio 
si  vedono  spesso  sposi  tutte  le  Domeniche. 

Dass  die  Angehörigen  tatsächlich  beruhigt  sind,  wenn 
der  gefangene  Verwandte  in  Gesellschaft  von  Landsleuten 
ist,  ersieht  ncian  aus  folgendem  Beleg  (Cavalese— Omsk): 

Abbiamo  sentito  dalla  tua  cartolina  che  ti  trovi  con 
molti  da  Cavalese  siamo  statti  molto  contenti  che  almeno  ai 
dei  patriotti  in  tua  compagnia.  saluti  a  tutti, 

wobei  der  Gebrauch  des  Wortes  patriota  bei  unseren 
österreichischen  Italienern  anzumerken  ist:  patriota  in 
Welschtirol  bedeutet  compatriota,  paesano,  nicht 
„Patriot"  wie  im  Schriftitalienischen. 


XII. 

Ein  anderes  Mittel,  die  Angehörigen  zu  trösten, 
ist  der  Hinweis  auf  die  Pflichten,  die  ihrer  zu  Hause 
warten.  Sehr  sinnig  tröstet  ein  Kgf.  seine  Mutter,  indem 
er  sie  bittet,  sie  möge  im  Gedanken  an  ihren  Sohn  das 
Enkelkind  küssen  (Mauthausen— Acqualunga,  Brescia): 

Cara  mamma,  Voi  forse  piangete  ogni  giorno  la  mia 
scomparsa  della  patria,  penzerete  che  forse  non  mi  rivedrete 
piu.  Ma  io  vostro  figlio  non  penso  mal  a  questo.  Piango 
tanto  Tessere  da  voi  lontano  ma  sono  sempre  forte  sono  sempre 
stato  ben  fornito  di  spirito  e  di  salute  fino  at  oggi  e  vedrete 
che  presto  si  abracieremo.  Dunque  non  piangete  perme  che 
io  sto  bene,  fatemi  piuttosto  il  piacere  di  tener  occhio  alla 
mia  bambina  che  piaugo  ogni  giorno  la  sua  sventura.  Quando 
vi  sentite  pensieri  per  la  testa  che  riguarda  la  mia  prigionia, 
datici  pure  un  bacio  alla  mia  bambina  che  troverete  la  tran- 
quilitä  come  aver  baciato  me  stesso.  Mamma  cara  presto  ci 
rivedremo  e  saro  sempre  con  voi  non  pensate  a  me. 

Wie  hier  der  Gedanke  an  das  Enkelein,  so  soll  in 
andern  Fällen  der  Gedanke  an  die  Liebe  alle  Besorgnis 


—     131     - 

verscheuchen:  denn  die  Liebe  ist  stärker  als  der  Tod 
(Russland — Mähren) : 

Oh!  quanto  bramerei  un  tuo  scritto  mia  buona  sposa 
fatti  di  buon  coraggio  che  il  destino  ci  aiuterä,  lungo  sofrire 
ma  amore  non  deve  piü  morire. 

Rücksicht  auf  die  eigene  Gesundheit  soll  die  Ange- 
hörigen vor  unnützen  Aufregungen  bewahren.  Gift  und 
Galle  sind  der  Gesundheit  schädlich  (Nimburg — Bernaldo^ 
Italien) : 

sto  meglio  Quinti  ti  prego  di  non  prenderti  veleno, 

was  wieder  an  das  französische  ne  vous  faites  pas  de 
mauvais  sang  erinnert.  Das  französische:  Ne  vous 
chagrinez  pas!  kehrt  andererseits  wieder  in  dem  Vo- 
kabel sagrinare  eines  pieraontesischen  Briefes  (Maut- 
hausen— Avigliano,  Turin) : 

prendo  pazienza  perche  siamo  lontani  e  non  sagrinarvi 
di  Salute  sto  molto  bene. 

Als  Zeichen  der  Ruhe  gilt  normale  Zusichnahme  von 
Speise  und  Trank  (Vallarsa — Feldpost): 

i  tnoi  stanno  tutti  bene  e  anche  tutti  i  prosimi  parenti 
e  tu  non  pensare  a  nulla  mangia  e  bevi  che  noi  viviamo 
pacifichi  come  la  Pasqua  qua  va  come  una  America, 

Vallarsa,  das  angeblich  im  Schlaraffenland  liegen  soll 
(una  America!),  war  damals  von  den  Italienern  besetzt. 
Eine  merkwürdige  Haltung  bewahrt  der  naive  Mensch 
aus  dem  Volke  den  Leiden  gegenüber:  er  klagt  und 
schätzt  gleichzeitig  seine  Leiden  als  unbedeutend!  ein. 
So  kommt  es  zur  paradoxalen  Stilisierung:  „Ich  leide, 
aber  das  macht  nichts".  Ein  gewisses  Bescheidenheits- 
gefühl gebietet  ihm,  die  eigenen  Schmerzen  nicht  zu  sehr 
in  den  Vordergrund  zu  rücken:  es  handelt  sich  ja  nur 
um  ein  kleines  armes  nichtiges  Mensche'nschicksal.  Den 
stets  etwas  arroganten,  sich  unbewusst  hochwertenden,  auf 
seine  Kultur  eingebildeten  Stadtmenschen  frappiert  viel- 


-     132     — 

leicht  die  Gelassenheit,  mit  der  der  einfache  Mann  seine 
Leiden  auf  sich  nimmt,  das  Schicksal,  das  ihm  der  Krieg 
bereitet,  als  berechtigt  anerkennt.  Diese  passive  und  fa- 
talistische Stimmung  ist  es  ja  auch,  die  ganz  Europa 
willenlos  unter  die  Gewalt  der  kriegerischen  Regierungen 
beugte.  Für  uns  bedeutet  die  Formel  non  interessa 
iiiente,  basta,  mit  der  der  Schreiber  folgender  Zeilen 
sein  Ungemach  von  sich  abzuschütteln  scheint,  keine 
Tröstung  (Kiew — ümago,  Istrien): 

dipiu  dichiaro  che  io  son  pregioniere  in  Rusia  perquesto 
iion  interesa  niente  percosa  finora  non  sto  male  .  .  .  son  molto 
sconsolatto  che  non  poso  ricever  notizie  di  voi  ma  per  questo 
p.on  intereza  niente  basta  datevi  Coragio  £ino  che  idio  vole 
che  speriamo  a  la  fine  Col  aiutto  del  altisimo. 

Die  fatalistische  Weltauffassung  des  Kismet  ist  durch 
diesen  Krieg  ja  näher  gerückt  als  durch  frühere  Kriege: 
während  in  früheren  Kriegen  der  Sieger  bald  seine  Anstren- 
gungen vom  Triumph  gekrönt,  seinen  Willen  sich  erfüllen 
sah,  waren  in  diesem  Kriege,  wo  Mächtegruppen  jahrelang 
mit  einander  rangen,  alle  Völker  davon  überzeugt,  dass 
Europa  sich  selbst  zerfleischt  und  ein  böses  Schicksal  die 
Kadmossaat  der  Zwietracht  ausgestreut  hat. 

Eine  häufige  Form  der  Tröstung  ist  daher  der  Hin- 
weis auf  das  sich  erfüllende  Weltgeschehen  (Triest — 
Gravesan,  Frankreich): 

Conprendiamo  eccelentemente  che  lei  si  ritrova  nelle 
strettoie,  ma  ci  perdoni  neanche  noi  non  nuotiamo  nella  li- 
berta  e  felicitä  per  conseguenza  gli  consigliamo  coraggio  e 
rassegnazione  11  tempo  e  galantuomo  come  pure  gli  dica  all 
nostro  caro  A.  che  siamo  corrazatti  di  corraggio  che  nasca 
quello  che  sa  da  nassere.  In  questi  tempi  calamitosi  ove 
tutto  si  sconvolge  ove  nulla  si  comprende  non  resta  che  la 
personalita  gli  posso  perciö  garantire  che  noi  non  siamo 
sgomenti  di  nulla  in  una  parola  siamo  fatalisti  e  perciö  che 
il  destino  si  compie.  Signor  P.  un  desiderio  solo,  nutriamo 
e  invochiamo  che  prima  della  tottale  distruzione  di  questa 
decrepita  Europa  potessimo  per  pochi  istanti  stringersi  la 
mano  come  veri  amici  senza  fini  reconditi. 


—     133    - 

In  diesem  schon  fast  philosophisch  gehaltenen  Briefe 
ist  die  Verherrlichung  der  wahren  Freundschaft  ohne  Neben- 
zwecke und  Hintergedanken  als  der  einzig  aufrechtblei- 
benden Säule  in  dem  allgemeinen  Zusammenbruch  Europas 
nicht  ohne  Schönheit. 

Oft  ist  die  versöhnliche  Stimmung  gegenüber  den 
Weltgeschehnissen  in  einer  Weise  ausgedrückt,  die  für 
uns  schon  an  Frivolität  grenzt:  der  Trost  „es  kam  der 
Krieg,  so  wird  auch  der  Frieden  kommen"  wurde  von 
einem  nicht  allzusehr  spekulativ  veranlagten  Kopfe  aus- 
gedacht (ein  Kgf.  in  Omsk  nach  Fiume): 

Cara  Mimi  non  smaniarsi  per  mi  pur,  e  venuta  la  guere 
Europea  Viniera  a  paze,    100  bazi  a  dolze  tu  boca.   Bog  Mimi. 

Das  schrecklichste  Unglück  wird  oft  zur  Beruhigung 
der  Angehörigen  mit  anscheinendem  Gleichmut  ertragen 
(Katzenau— Arezzo) : 

mi  ai  dato  la  triste  notizia  della  rovina  della  nostra 
casa  non  avelirti  Per  questo  che  qualcheduno  la  tornerano  a 
construire  e  cosi  la  avremo  nuova. 

Das  Desinteressement  am  eigenen  Schicksal  wird 
allerdings  in  vielen  Fällen  in  ganz  stereotyper  Weise, 
ge Wissermassen  nur  anstandshalber  gezeigt:  Klagen  wer- 
den schliesslich  nur  mehr  in  der  Einkleidung  „ma  non 
fa  niente"  laut  (Witkowitz,  Mähren— Garsa,  Tunis): 

ti  mandero  una  lettera  alla  setimana  per  che  non  si 
pole  mandare  altro  che  una  ma  non  fa  niente.  basta  che  ai 
notisie  ....  non  si  pole  ocire  ce  il  cortile  grande  e  giriame 
dintro  ma  non  fa  niente  speriamo  che  si  finira  presto. 

Nichtsdenken    führt    zu  heiterer  Lebensauffassung: 
La    miglior    cosa    e    di    farsi    sempre    coraggio.    di  non 

pensare  a  nulla  e  di  non  far  ridere  i  cavalli  zoppi  .  .  . 

In  qualunque  congiuntura  bisogna  essere  sempre  allegro, 

che  e  proprio  vero  che  uomo  allegro  il  ciel  l'aiuta. 

In  die  heiter-mutige  Stoik  tönen  plötzlich  kirchliche 
Töne  (Leopoldau — Ceriale,  Genua): 


—    134    - 

ma  basta  sempre  coraggio  dice  il  proverbio.  nell'  uomo 
allegro  ce  laiuto.  sun  simcorda.  ame. 

Spi'achstudium,  das  man  später  nicht  brauchen  wird 
können,  tröstet  einen  vielleicht  vorübergehend  (Neu-Pross- 
nitz,  Mähren — Omsk: 

Ebbene  portiamo  pazienza  che  si  finirä,  anche  questa 
infame.  Intanto  impariamo  il^boemo  e  quando  lo  sappiamo  per 
intiero  speriamo  di  andare  in  giü. 

„Sich  keine  Gedanken  machen"  ist  für  den  naiven 
Menschen  gleichbedeutend  mit  philosophischer  Haltung. 
Allerdings  haben  nur  die  wenigsten  Menschen  Kenntnis 
von  dem  Ausdruck  Philosophie;  der  Italiener  benennt  die 
stoische  Haltung  den  Leiden  gegenüber  mit  dem  Worte 
„pazienza".  (Über  die  historischen  Wandlungen  des  Be- 
griffes der  „pazienza"  habe  ich  vor  Jahren  in  derZeit- 
schrift'für  romanische  Philologie  1912,  S.  695  geschrieben): 

Pazienza,  Standhaftigkeit  im  Leiden,  ist  die  Tugend 
des  christlichen  Helden :  sie  ist  ebenso  mit  der  Entsagung 
(rassegnazione)  wie  mit  dem  Mute  (coraggio)  ver- 
wandt. Pazienza  und  coraggio  gehören  denn  auch 
zu  den  am  häufigsten  vorkommenden  Worten  der  italie- 
nischen Korrespondenz.  Pazienza  ist  die  passive  Seite, 
coraggio  die  aktive  einer  und  derselben  Charakterhal- 
tung, der  Festigkeit  im  Ertragen  des  Ungemachs.  Pa- 
zienza ist  die  Eigenschaft  des  Märtyrers,  coraggio  die 
des  Helden  —  —  Heldentum  und  Märtyrertum  sind  aber 
im  Kriege  voneinander  kaum  zu  unterscheiden,  gehen  in- 
einander über.  Oft  hat  der  Kämpfer  sein  Heldentum  er- 
wiesen bevor  er  das  Martyrium  der  Gefangenschaft  erlebt 
—  aber  nicht  nur  in  der  Feuerlinie  gibt  es  Helden  und 
nicht  nur  in  der  Gefangenschaft  Märtyrer. 

Die  rassegnazione  ist  ebenfalls  eine  notwendige 
Konsequenz  des  Krieges.  Wer  begriffen  hat,  wie  in  ganz 
Europa  mit  einer  geradezu  uhrmässigen  Gleichförmigkeit 
die  Einzelindividuen  in  den  Mechanismus  des  Staatsganzen 


—     135     - 

gezwungen  werden,  wie  der  doch  aus  Einzelmenschen 
bestehende  Organismus  seine  eigenen  Bestandteile  be- 
herrscht, wie  jeder  Mensch  dem  Willen  des  übergeord- 
neten Systems  gehorchen  muss,  weil  er  einsieht,  dass  nur 
durch  Unterordnung  unter  das  Ganze  die  eigene  Existenz 
gesichert  werden  kann  —  dem  muss  mehr  denn  je  die 
Erkenntnis  aufdämmern,  dass  die  Stärke  des  Mannes  nicht 
in  Auflehnung,  sondern  nur  in  willentlichem  Ertragen  des 
Gesamtwillens  bestehen  kann.  Seine  Kraft  besteht  also 
vor  allem  in  der  Knebelung  seines  Egoismus.  Ganz  philo- 
sophisch ausgedrückt  ist  dieser  Wille  zum  Durchhalten  in 
den  folgenden  Zeilen  (Mauthausen— Busto  Arsizio,  Mailand) : 

Sta  tranquillo  che  sopporterö  rassegnato  la  mia  prigione 
che  del  resto  non  ö  tropo  cattiva;  eppoi  purtroppo  ho  impa- 
rato  in  qnesta  guerra  a  portare  pazienza  e  a  fare  filosofa- 
mente  quello  che  mi  viene  ordenato. 

(Mauthausen — Ozieri,  Sassari) : 

lo  qui  prendo  il  tempo  con  filosofia.  Che  si  vuole  fare, 
in  certi  momenti  sono  anche  allegro,  specialmente  quando  mi 
si  rispecchia  nella  mente  la  tranquillitä  di  famiglia.  Verra 
pure  quel  giorno! 

Philosophie  ist  fürs  Volk  gleichbedeutend  mit  Stoi- 
zismus. 

Der  Hinweis  auf  das  allgemeine  Leiden  muss  den 
einzelnen  Menschen  über  seine  Privatschmerzen  hinweg- 
trösten: „alle  Leidenden  auf  dieser  Welt  sind  schliesslich 
nicht  schlechter  als  Du"  (Triest— Drosendorf) : 

Abbi  coraggio  e  pazienza  ti  prego  pensa  che  non  sei 
il  solo  a  soffrire  ma  tutto  il  mondo  e  con  te. 

Coraggio  e  pazienza!  Der  Krieg  wird  nicht  ewig 
dauern,  alles  hat  ja  ein  Ende  (Mauthausen— San  Giorgio 
di  Nazaro,  Udine): 

Cara  molie  darti  coraggio  tu.  e  porta  pazienza  tu  anche 
per  me,  vedi  di  stare  alegra  di  Non  appassionarti,  che  passe- 
ranno  anche  questi  giorni. 


-    136    - 

(Chiusa  San  Michele,  Torino— Mauthausen) : 

Oh!  Dio  mio  verrä  ancora  quel  giorno  he  protremo  ri- 
vederci  e  parlarci  e  strincerci  forte  fra  le  nostre  braccia  ah 
quanto  sarä  lontana  quella  idea  non  e  vero  ma  speriamo 
sempre  he  con  laiuto  del  Signore  venga  presto  quel  giorno 
desideratto.  Caro  mio  V.  pensa  a  he  tanto  ti  vuol  bene 
prendi  con  panzienza  fa  sempre  coragio  he  tutto  passa  passera 
anche  questo. 

Gelegentlich  wird  aber  der  Mut  von  aufrührerischen 
Elementen  als  aktives  Stimulans  zu  tollen  und  unüber- 
legten Taten  gefeiert  (Cetinje — St.  Polten) : 

Mi  scrivette  che  io  stö  ubidiente.  ma  chredo  che  mi  co- 
nosciette  giä  da  molto  tempo  che  sono  Matto,  da  quella  volta 
che  vi  0  scritto  o  fatto  giä  6  ore  diferri  cosa  volette  che  sia. 
e  tutto  il  coraggio  che  fa  il  morbim  e  che  paga  Pierin. 

(Vallarsa — Feldpost) : 

e  tu  stai  bene.  ei  tuoi  Padroni.  abia  pasienza  in  tutto 
che  con  la  pasienza  si  vince  tutto  e  tutto  avra  fine  speriamo. 

Verschiedene  Belege  variieren  den  Trost  von  der 
alles  heilenden  Zeit  (vergl,  ausser  früheren  den  Beleg 
Drosendorf — Trapani)  : 

portar  pasienza  e  coraggio  che  il  tempo  e   galantuomo. 

Geduld  gebührt  der  Jugend,  nur  der  alte  Mensch  hat 
ein  Recht  auf  Ungeduld  (Orsera,  Istrien — Russland): 

Dunque  zenza  che  tu  miscrivi  cosidero  anche  le  tue 
ideie  mio  caro  marito  ma  per  intanto  coragio,  e  verro  che 
siamo  ancor  giovani  per  pazientare  tute  queste  tristeze  ma  e 
in  nuttile. 

Neben  dem  Wort  vom  tempo  galantuomo  er- 
scheinen andere  Sprüche: 

pazienza  infino  cho  uno  a  denti  bocca  sa  cosa  gli  tocca 
dice  proverbio  si  vede  il  nosto  destino  era  questo.  Stai  allegro 
il  tempo  galantuomo  passa  presto, 

wo  die  banalen  Plattverse  des  Spruches  zwei  ebenso  ba- 


—     137     - 

nale  und  platte  Verse  nach  sich  zogen.  Vgl.  den  schon 
zum  Teil  in  anderem  Zusammenhang  zitierten  Beleg 
(Grossari  b.  Salzburg — Torre  Pelhce,  Turin): 

Allora  cari  miei  Genitori  vivengo  a  dire  clie  e  il  giorna 
disqua  ma  per  me  mi  pare  di  nö  per  che  non  posso  far  pas- 
qua  e  non  posSo  festegiarla  per  niente  ma  pure  bisogna  avere 
pazienza  per  questanno  mi  tocca  fare  cosi  e  allora  e  pazienza 
e  in  mentre  il  tempo  passerä  e  questo  finira  spero  di  andarla 
poi  fare  il  paese  tranquilamente  e  festegiarla  con  tutti  quanti 
voialtri  mi  cari  ma  oggi  mi  tocca  avere  pazienza  ebbene  pa- 
zienza con  il  tempo  e  la  pazienza  il  ten  po  passerä  e  io  acasa 
ritornerö  a  consolarvi  tutti  quanti  o  miei  cari  Genitori. 

Geduld,  Geduld,  nichts  als  Geduld! 

Die  Sprüche,  mit  denen  ein  leidendes  Herz  getröstet 
werden,  sind  weder  besonders  geistreich  noch  auch  beruhi- 
gend —  der  Trost  besteht  höchstens  darin,  dass  etwas  Liebe- 
volles und  Wohlgemeintes,  ja  dass  überhaupt  etwas  gesagt 
wird,  wie  auch  die  Kondolenzen,  die  wir  zu  sprechen 
pflegen,  wertlos  sind  und  nur  durch  die  Tatsache,  das& 
sie  gesprochen  werden,  woltuend  wirken.  „Fassung!", 
„Du  musst  es  halt  ertragen!",  „Sei  doch  gescheit!",  das 
pflegen  wir  einem  in  seinem  Schmerz  niedergebrochenen 
Freunde,  ihm  auf  die  Schulter  klopfend,  zuzurufen  — 
während  wir  selbst  die  ohnmächtige  Ironie,  die  nichts- 
sagende Bedeutungslosigkeit  unserer  Rede  erkennen. 
Ebenso  nichtssagend  ist  die  gelegentlich  der  Mitteilung 
des  Todes  eines  Vaters  beigefügte  Ermahnung  „ci  vuol 
pazienza"  (bezeichnenderweise  am  Schluss  des  Briefes!): 

Con  dispiacere  di  devo  scrivere  che  Domenica  lAgosto 
abbiamo  fatto  sepoltura  a  tuo  padre  era  nialato  soll  tre  giorni 
ti  srä   una  sorpresa  ma  ci  vuole  pazienza. 

Der  Schreiberin  fehlt  der  Sinn  für  die  Abstufungen 
der  Gefühle  je  nach  Intensität  und  Wichtigkeit:  sie 
schreibt  zum  Schluss,  was  für  feiner  Empfindende  an  den 
Anfang  gehört;  sie  nennt  eine  „Überraschung",  was  wir 
als  „erschütterndes  Ereignis"  bezeichnen  würden. 


k 


—     138     — 

„Es  hätte  noch  viel  schlimmer  kommen  können", 
mit  dieser  Wahrheit  sucht  man  über  materielle  Verluste 
hinwegzutrösten.  „Wenn  man  nur  gesund  ist!"  pflegen 
wir  bei  einem  Unglück  zu  sagen.  Ebenso  der  Triestiner: 
„basta  salvarci  la  pelle"  (Katzenau— Triest) : 

Gran  dispiacere  sento  per  via  dei  veci,  lori  per  non 
lasciar  la  sua  casa  i  si  faria  an  che  copar,  i  poteva  andar  via 
e  lasciar  chei  rompi  tutto  magari!   basta  salvar  la  pelle. 

Oder  noch  drastischer: 

basta  salvar  la  panza  per  i  fichi. 

Dass  eine  schlechte  Weinlese  noch  immer  besser  ist 
als  der  Tod,  gegen  den  kein  Kraut  gewachsen  ist,  mag  eine 
Wahrheit,  zugleich  aber  ein  dürftiger  Trost  für  das  Zu- 
grundegehen der  Weinlese  und  den  Entfall  in  den  Ein- 
nahmen eines  Bauern  sein  (Castellina,  Siena — Mauthausen) : 

Abbiamo  vendemmiato  e  il  raccolto  e  stato  poco  cioe 
40  some.  A  tutto  si  rimedia  fuori  che  alla  morte. 

Auch  dass  das  Sterben  in  Wagna  bei  Leibnitz  an 
der  Tagesordnung  ist,  dass  jedermann  auf  der  Welt,  reich 
und  arm,  sein  Kreuz  zu  tragen  habe,  ist  kein  Trost  für 
den  Tod  einiger  Angehörigen  in  jenem  Flüchtlingslager 
(Wagna — Katzenau) : 

io  li  dico  che  non  si  stia  meter  in  testa  questi  pensieri 
che  la  lasci  da  parte  queste  cose  che  la  se  fasi  coragio  che 
qui  si  muore  facile  dunqui  li  racomando  di  farsi  coragio 
anche  lei  essa  se  avelisce  anche  per  lei  li  pare  che  li  venise 
male  dunque  li  racomando  di  farsi  coragie  di  nuovo  che  gia 
non  e  rimedio  ...  Mi  scrive  che  le  appar  so  un  fulmine  ia 
notizia  dela  sua  cara  n.  ma  cosa  vuole  in  questo  mondo 
tutti  anno  le  sue  croci  il  Signore  non  bada  in  faccia  ne  po- 
veri  ne  richi  non  e  soltanto  la  sua  cara  N.  ghe  ne  sono 
a  centin  aia  di  bambini  che  muore. 

Gott  legt  dem  Menschen  das  Kreuz  auf  —  Gott  ver- 
leiht ihm  auch  die  Standhaftigkeit  es  zu  ertragen.  Der 
croce   di  dio  entspricht  die  pazienza   di   dio;   dieser 


~     139    - 

Ausdruck,  der  an  das  Leiden  Christi  zu  erinnern  scheint, 
findet  sich  in  einem  allerdings  recht  unfromme  Gesinnung 
verratenden,  Tod-  und  Teufel  anrufenden  Passus  (Lov- 
ran  a — W  estaustrali  en) : 

ti    tisa    pure    ke    kvesto    ze    un   poko  tropo    permi  ma 

pacienca  de  dio  mi  devo  prekurar  mangari  in  kaza   del  dia- 

volo  ...    G.    mio    ke   amare    kele    meze   mi  soke    nanke    ati 

nonle    sara    bone   tanto   tenpo  Ma    pacienöa  de    idio   mispero 
sula  Madona. 

Wie  wunderbar  zu  denken,  dass  von  den  Küsten  der 
Adria  bis  an  die  Australiens,  inmitten  stilistischer  Ver- 
wahrlosung und  orthographischer  Anarchie,  ein  Wort 
dringt,  an  dessen  Entwicklung  die  ganze  christliche  Kultur 
des  Trecento  mitarbeitete! 


XIV. 

Die  Notwendigkeit,  sich  unter  den  Weltwillen  zu 
beugen,  ist  durch  den  Krieg  dem  Multimillionär  wie  dem 
letzten  Ackerknecht  beigebracht  worden.  Hatte  man  im 
Rausch  der  technischen  Fortschritte,  im  rationalistischen 
Dünkel  wissenschaftlicher  Errungenschaften,  im  Hoch- 
gefühl der  unumschränkten  Freiheit,  die  das  allbezwin- 
gende Geld  gibt,  wähnen  können,  die  Welt  werde  vom 
Willen  des  Individuums  regiert,  so  ist  diesem  jetzt  ad 
oculos  demonstriert  worden,  dass  es  „nichts"  ist  und  dass  sich 
Hierarchien,  mit  denen  er  sich  innerlich  nicht  immer  aus- 
einandergesetzt hatte,  domgleich  über  ihm  wölben.  Wenn 
auch  von  Menschen  gezeugt,  so  lässt  sich  der  Krieg  nicht 
restlos  auf  bestimmte  Urheber  zurückführen.  Alle  krieg- 
führenden Mächte  bemühen  sich,  ihre  Gegner  als  die  hin- 
zustellen, die  den  Krieg  gewollt  haben.    Aber  jeder  kleine 


-     140     — 

Bürger  oder  Bauer  weiss  ja  heutzutage,  dass  der  Krieg 
unvermeidlich  war,  dass  „es"  so  gekommen  ist.  Dieses 
geheimnivolle  „es"  ergründen  zu  wollen  kann  vielleicht 
die  Sache  der  Diplomaten  und  Theoretiker  sein,  nicht  aber 
die  des  einfachen  Mannes,  der  den  Krieg  als  eine  gege- 
bene Tatsache  hinnimmt.  Dieser  einfache  Mann  hat  für 
das  „es",  das  den  Krieg  entfachte,  einen  alten  Namen, 
ein  Wort,  das  ihm  heilig  ist  und  ihn  dabei  des  Nach- 
denkens überhebt:  Gott. 

Inmitten  des  vom  Krieg  geschaffenen  Materialismus 
ist  es  ein  tröstlicher  Gedanke,  dass  die  transzendente 
Seite  der  menschlichen  Psyche,  der  Glaube,  nicht  erstorben, 
sondern  im  Gegenteil  erstarkt  ist.  Grade  die  Riesendi- 
mensionen, die  menschlicher  Geist  und  Menschenhände 
dem  Krieg  zu  geben  vermögen,  könnten  eine  Religion  des 
krassen  Bejahens  von  Zahl  und  Masse,  von  Körper  und 
Materie  herbeiführen,  die  alles  feinere,  geistige  Leben 
lahmlegen  könnte  —  anstatt  dessen  hat  der  Krieg  das 
Problem  des  Göttlichen  weiten  Kreisen  wieder  näher  ge- 
rückt, ja  nahezu  eine  Renaissance  des  Glaubens  gezeitigt. 
Grade  die  Riesendimensionen  menschlicher  Kraftentwick- 
lung legen  dem  Intellekt  der  Masse  die  Frage  nach  dem 
Woher  solcher  Entwicklung  vor  —  und  andererseits  zeitigt 
das  Übermass  der  der  Menschheit  auferlegten  Entbehrungen 
und  Leiden  ein  Anlehnungsbedürfnis  an  den  unendlichen 
Tröster.  Ein  Blick  in  unsere  Gefangenenbriefe  zeigt  auf 
jeder  Seite  die  Erwähnung  Gottes,  des  Heilands,  der  Ma- 
donna —  wenn  wir  auch  nicht  übersehen  wollen,  dass 
die  religiöse  Inbrunst,  nicht  immer  uninteressiert,  oft  mit 
sehr  konkreten  Bitten  und  Wünschen  verknüpft  erscheint 
(passato  11  pericolo  gabbato  il  Santo,  sagt  das  italienische 
Sprichwort!),  und  dass  gerade  Italien  und  Südtirol  alt- 
ehrwürdige Sitze  des  katholischen  Kirchenglaubens  sind. 

Besonders  die  entnervende  Gleichförmigkeit  und  die 
erzungene  Untätigkeit  der  Gefangenschaft  treiben  die  bis 
zum  Wahnwitz  gepeinigten  Geister  in  die  Arme  des  Glaubens: 


-     141     — 

den  Seelen  zerrüttenden  Kampf  spiegelt  ein  Brief  eines  kgf. 
Kadetten  in  Mauthausen  an  eine  wohltätige  Dame  in  der 
Schweiz  wieder: 

AI  triste  mio  stato,  airinesplicabile  mestizia  che  tutto 
mi  prende,  la  mancanza  di  notizie  mi  da  un  colpo  rüde.  Vi 
sono  dei  momenti  in  ciii  angosciosamente  mi  domando  se  li 
rivedro  ancora. 

Lei  mi  fa  coraggio,  grazie  delle  sue  buone  parole,  che 
mi  sono  necessarie,  grazie. 

Si,  comprendo  che  devo  lottare  contro  me  stesso,  che 
debbo  vincermi,  e  cercherö  di  poterlo  e  lotterö,  dovessi  pure 
alla  vittoria  trovarmi  martoriato  e  sanguinolente,  dovessi  pure 
riaprire  certe  piaghe  che  paiono  chiuse,  ma  che  pur  son  vive, 
e  che  mi  lacerano  a  brano  a  brano  il  mio  io. 

Oh!  perche  non  hö  il  temperamento  e  l'animo  di  un  bi- 
folco?! 

Questa  priggionia  mi  strugge  e  mi  annienta,  sento  para- 
lizzata  in  me  ogni  forza,  ogni  resistenza,  mi  sento  debole  e 
chino  il  capo,  io,  io  che  un  giorno  mi  credetti  nella  schiera 
dei  forti.  Ma,  ahime,  sotto  la  sferza  del  dolore  morale  ho 
chinato  il  capo,  come  un  fuscello  sotto  l'irruenza  della  tra- 
montana. 

La  mia  salute  non  accenna  miglioramenti.  Vi  fu  qualche 
giorno  in  cui  il  tempo  ridente  mi  diede  una  speranza,  ora 
che  e  ritornato  piovigginoso,  ed  il  celo  cinereo,  mi  pare 
d'esser  di  prima. 

Mi  chiede  cosa  potrebbe  essermi  utile? 
Io    credo   che  solo  la  forbice  delle  Parche    inst?incabili 
filatrici  delle  vite,  potrebbe  aiutarmi  recidendo   il   filo  della 
mia  vita. 

Sono  lugubre ;  che  colpa  ne  ho  io,  se  sentendomi  in 
petto  un'ardente  smania  di  vita,  mi  vedo  sul  capo  una  mano 
implacabile  che  mi  arresta  ogni  slancio  ogni  aspirazione? 

Ma  Lei  mi  ha  iudicata  la  via,  la  lotta;  lotterö;  vin- 
cerö  ?  ! 

Ora  per  distrarre  Io.  spirito  sto  commentando  il  Vangelo, 
io  il  miscredente,  Tateo  e  Io  studio  Io  faccio  sul  Vangelo! 
d'un  mio  amico,  un  evangelista.  Trovero  la  luce  di  cui  egli 
mi  parla?! 

Dem  trostlosen  Gefangenenleben  stellt  ein  schon  er- 
w^ähnter  Kgf.-Brief  die  holden  Visionen  der  Englein   und 


~     142     — 

paradiesischer  Seligkeit    gegenüber  (Siegmundsherberg— 

Sansepolcro,  Arezzo): 

pregare  Gesü,  Gesü  mandare  un  angelo  con  i  capelli 
biondi  a  risaldare,  raddolcire,  far  vibrare  di  voluttä, 
d'amore,  la  mia  esistenza.  Mamma!  io,  io  benedire  la  mia 
prigionia. 

Die  Entfesselung  der  Kriegsfurie  ist  ein  Werk  Gottes 
—  daher  bedarf  es  auch  eines  Gotteswunders,  um  den 
Frieden  herzustellen.  Gott,  das  Jesuskind,  die  Jungfrau 
und  die  Heiligen  werden  als  Bringer  des  Friedens  ange- 
rufen. Dass  eine  geistliche  Schwester  die  kirchliche  Sprache 
spricht,  ist  nicht  weiter  bemerkenswert  (Schwester  .... 
in  Tuglie  nach  Mauthausen): 

Noi  caro  figlio  preghiamo  sempre  Iddio  che  metta  sua 
Benedetta  Mano,  e  che  scenda  dal  Cielo  la  sua  santa  Bena- 
dizioue  e  mettre  la  Pace  per  tutto  il  Mondo,  intero,  che  ti 
faccia  Iddio  venire  in  casa  nostra  con  salute  e  contentezza, 
e  che  si  ritrovano  tutti  in  casa  loro,  di  ogni  parte  e  di  tutto 
il  Mondo  .  .  .  (Nachschrift)  Caro  figlio  accetta  questa  preghiera 
che  la  saluti  ogni  Mattina  La  Vergine  Santa  della  Consola- 
zione  e  Gesü  nostro  Redentore^  che  ti  esaudirä  secondo  il 
tuo  pensiero  e  di  tutti  i  nostri  fratelli  di  ogni  parte, 

aber  auch  einfache  Laien  (und  nicht  immer  Frauen)  ex- 
cellieren  in  Beteuerungen  ihrer  Gläubigkeit  und  bitten  um 
Frieden  (Mauthausen — Torre  del  Greco,  Neapel): 

Iddio  e  San  Vinzenzo  che  io  cio  molto  fede  (unleserlich) 
fare  la  crazia  di  farmi  ritornare. 

(Kolin— Omsk,  Russland): 

fino  an  ora  posiamo  ringraziare  Idio  e  Maria  SS  che 
siete  ancora  tutti  vivi  e  speriamo  che  in  breve  farä,  regnare 
la  pace ....  noi  stiamo  tutti  bene  e  pregheremo  Iddio  e 
Maria  SS  cha  vi  dia  la  grazia  a  far  ritorno  alla  vostra 
famiglia. 

(Hermanov,  Böhmen— Russland) : 

tu  non  pensare  a  noi,  che  siamo  tutti  al  sicuro  che  dopo 
questo  tremendo  castigo  se  Idio  ne  dara  la  grazia  ritorne- 
remo    tutti    lieti   eile   nostre   case.    Idio  vol  cosi  e  cosi  sera. 


-     143     — 

(Male— Rochefort  s.  Mer): 

io  non  manco  tutti  i  giorni  di  raccomandarvi  al  Beata- 
Vergine  che  mi  posiamo  rivederci  ancora,  e  che  mitiene 
tutti  sani. 

Einer  Bitte,  der  Krieg  möge  zu  Weihnachten  enden, 
gleichbedeutend   sind    folgende   Worte  (Wels— Russland): 

Speriamo  che  il  Bambino  Gesü    afretti   la   pace  che  tutti 
la  aspettiamo. 

Von  dem  himmlischen  Mächten  fällt  ein  Abglanz  auf 
den  Frieden,  den  sie  bringen  sollen:  der  Frieden  wird 
„heilig"  genannt,  diesmal  nicht  ironisch  wie  in  einem 
früheren  Kapitel  (Feldpost— Campolongo,  Cervignamo) : 

Se  Iddio  e  la  Beata  Vergine  me  aiuta  arrivederci  allar 
Santa  Pace.  Tutti  incompania.  Sia  lodato  Gesü  e  Maria  Addio. 
Addio. 

In  der  Schule  wird  der  Rosenkranz  für  die  vom  Krieg 
entführten  Lieben  rezitiert  (Capriana,  Tirol— Kufstein): 

Dunque  coraggio  che  asieme  colla  mia  buona  sorela 
giornalmente  andiamo  a  scuola  tutti  radunati  asieme  ogni 
giorno  recitando  il  S.  rosario  per  voi  mio  diletto.  Lasciandovi 
continuamente  nele  preghiere. 

So  fanden  sich  denn  in  fast  jedem  zweiten  Brief 
Heiligenbildchen  beigelegt  mit  Gebeten,  die  zu  Sieg  und 
Kettung  —  den  Gläubigen  der  betreffenden  Nation  ver- 
helfen sollen.  Das  ist  die  Tragödie  dieses  Weltkrieges,, 
dass  je^es  Volk  den  mit  den  andern  kriegführenden  Völ- 
kern gemeinsamen  monotheistischen  Gott  um  Sieg  über 
die  Glaubensbrüder  anflehte,  den  einig  einzigen  Gott  sich 
geneigt  machen  wollte,  für  sich  reklamierte,  kurz,  wie 
im  Altertum  eine  Art  Verstaatlichung  des  Gottes  vor- 
nahm —  gleichzeitig  mit  der  Vergöttlichung  des  Staates! 
Seitdem  hat  Barbusse  in  dem  Erlebnis  seines  Fliegers 
diese  Inanspruchnahme  Gottes  durch  die  verschiedenen 
Parteien  erschütternd  gezeichnet.  Der  österreichisch- 
fühlende Zensor    hatte    manchen  Gewissenskonflikt  aus- 


~     144    — 

zufechten,  in  den  er  durch  die  manchmal^  naiven,  manchmal 
gar  sehr  berechnenden  patriotischen  Gebete  versetzt 
wurde,  welche  für  Italiens  Sieg  Gottes  Segen  herabflehen  ! 
Aber  Gott  ist  nicht  immer  zufrieden  mit  dem  Welt- 
lauf. Die  folgende  Legende,  die  in  ihrer  naiven  Derbheit 
den  Herrn  der  Heerscharen  im  Mailänder  Meneghin  raison- 
nieren  lässt,  ist  leider  durch  die  italienische  Zensur,  die 
das  Ende  unlesbar  machte,  beschnitten  (Bussero,  Mailand — 
Mauthausen) : 

Caro  mio  S.  sapi  Che  sta  volta  el  pueta  el  parla  da 
mat,  perclie  el  Signur  delle  nostre  opere  le  stuf  affatt,  döpo 
1 000.  900  e  tanti  anni,  se  sentun  un  ramen  nel  muu  europam, 
se  dervi  nel  ciel  un  finestrin  rutund,  el  Signur  la  cascia  fora 
la  testa  e  la  guarda  nel  mund,  el  chee  dis  o  Pedar  son  pü 
el  Signur,  guarda  piü  in  terra  che  voran  cpmanda  l'hor,  e  cosi 
S-  Pedar  insci  pian  bei  bei  lo  cascia  fora  ancha  lü  el  c6  dal 
finestral  el  che  dis  o  Divin  maestar  cosa  le  sto  sproposit, 
che  tutta  quel  gent  voran  fa  a  suo  modo,  e  cosi  rident  e 
nostar  Signor  o  pedar  in  i  to  sucessur  man  volta  la  bibbia 
con  al  cuu  in  sü,  e  me  tratan  compang  d'un  turlulu  voat 
save  chi  1^  el  nostar  Signur  in  i  bigliet  con  su  L'Imperatur, 
e  adoran  tutta  sta  gent  i  bigliet  de  milla. 

Wie  in  den  Kriegsbriefen  gar  viel  von  Gebeten  und 
Übungen  zu  lesen  steht,  die  der  Schreiber  für  den  Empfänger 
sich  auferlegt  hat,  so  bittet  anderseits  der  in  Gefahr  oder 
Not  befindliche  Briefschreiber  seine  Angehörigen  für  ihn 
zu  beten  oder  Messen  lesen  zu  lassen  (Liebenstahl,  Böhmen — 
Vallarsa) : 

Vi  pregho  miei  cari  Nipotini  E.  e  G.  che  voi  altri 
avete  la  grazia  di  esere  nele  vostre  terre  preghate  prima  per 
vostro  Padre  epoi  pel  mio  amato  A.  chesi  trova  sul  campo 
di  bataglia  che  iDio  meloritorni  fra  le  mie  bracia  che  altre- 
tanto  faro  io  per  voi  tutti  ....  Finalmente  dopo  quatro  mesi 
senza  sapere  nula  di  voi  altri  e  voi  altri  dame  questa  matina 
dopotante  preghiere  Maria  Santisima  mi  fece  la  grazia  di  ri- 
cevere  per  mezo  di  mia  Fratello  vostre  nuove. 

Die  biblische  Ausdrucksweise  ist  besonders  häufig 
bei  Frauen  anzutreffen  (Avio  — Feldpost): 


—    145    - 

Ti  prego  A.  mio  di  pregare  perme  che  il  buon  Dio  mi 
conservi  la  salute  per  resistere  a  questo  faticoso  lavore  con 
8  figli  e  senza  di  te.  Coraggio  A.  mio  caro  che  nuUa  si  devo 
temere,  ne  paventare  ne  fame^  ene  fredo,  nulla  inssoma, 
purche  il  Signore  e  Maria  SS.  ci  faccia  la  grazia,  di  sopra- 
vivere,  per  poi  un  giorno  abbraciai  assieme  con  tutti  i  nostri 
8  cari  ....  Insomma  stä  di  buon  animo  speriamo  e  confi- 
diamo  che  se  non  sono  io  degna  il  Signore  vorrä  benedire  le 
tue  buone  azioni,  e  linnocenza  dei  nostri  bambini. 

(Krain— Cervignano) : 

ti  raccomando  di  dirli  ha  mio  frattello  che  al  staghi 
contento  e  che  imbreve  verö  ha  casa  e  che  al  preghi  per 
me  accioche  che  Iddio  me  daglii  la  salute  di  ritornar  ha 
dormir  assieme  ha  casa,  queste  feste  di  Natale. 

Obwohl  Christus  das  Kriegselend  zülässt  soll  doch 
zu  ihm  gebetet  werden  und  beten  auch  die  Kinder  (Ca- 
nazei,  Südtirol — Omsk): 

E  dove  si  trova  in  nostro  buon  Gesu  morto  in  croce 
per  noi  che  stende  la  sua  mana  pietosa?  A  che  termini  siam 
giunti!  Ma  fratello  mio  confida  in  Dio  confida  in  colui  che 
a  patito  tanto  per  noi  spero  ascoltera  anche  le  preghiere  che 
recita  il  mio  piccolo  bambino  recita  per  te  che  egli  non  ti 
conosce  eppure  chiama  sempre  Tita.  Ige  tu  una  volta  lo 
portai  fra  le  tue  braccia  lo  rammenti?  Noi  lo  facciamo  ognor 
preghar  per  i  poveri  zii  che  egli  non  conosce.  Egli  e  inno- 
cente  cosi  spero  Iddio  ascoltera  le  sue  preci  che  ti  conservi 
sano  accio  possi  ritornare  fra  i  tuoi  per  consolarli.  Caro  fra- 
tello pregha  anche  tu  che  noi  tutti  preghiamo  con  tö. 

Manchmal  soll  eine  bestimmte  Madonna  angerufen 
werden,  die  durch  geographische  Lage  und  Kulturtradi- 
tionen den  Bewohnern  eines  Fleckens  naheliegt:  Auch  am 
Kriegsschauplatz  ruft  der  Soldat  noch  die  Madonna  seines 
Heimatortes  an  (Feldpost — Grado) : 

vegne  sa  quel  giorno  che  idio  e  la  madona  di  Barbana 
midasa  la  crazia  da  ritornare  acasa  abaciarti  ...  io  ti  prego 
che  tu  pregi  acasa  coi  bambini  idio  e  la  madona  di  barbana 
e  che  tu  fassi  dire  una  messa  per  me  e  che  ritörno  acasa 
sano  e  abracciassi  ansieme. 
Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  10 


—     146     — 

(Russland — Nomi,  Südtirol)  ; 

sai  bene  che  medicina  divi  adoperare.  Tutti  i  giorni 
ricordati  di  un  requiem  ai  poveri  trapassati,  e  di  un  ave  a 
tuo  padre  che  se  Dio  mi  da  la  grazia  nn  giorno  verö  fra  le 
vostre  braccia. 

(Innsbruck — Pie  ve)  : 

Sperriamo  di  ritornare  in  braccio  alla  nostra  famiglia 
salvi  se  il  Signore  piaccerä.  Non  pensare  tanto  a  noi  che 
stiamo  bene.  ricordati  di  quache  Ave  Mar, 

(Vallarsa— Feldpost) : 
'  Anche  viprego  di  non  penzare  per  noi  altri  mangiate  e 
vevete  e  state  stranquili  alegri  pregate  sempre  Dio  la  Madona 
o  non  dimencate  quieli  vi  agiuta  in  ogni  maniera  ci  preghiamo 
anche  noi  altri  matina  e  sera  che  ildio  eidesse  lagrazia  per 
venire  alle  famiglie. 

Neben  der  Befriedigung  der  materiellen  Bedürfnisse 
geht  die  der  spirituellen  einträchtigiich  einher:  Essen, 
Trinken  und  Verehrung  Gottes  werden  häufig  als  Trost 
empfohlen  (Bozen — ?): 

lo  ti  prego  cara  g.  continua  a  pregare  perme  come 
io  continuo  tutti  giorni  chome  ti  o  promesso  ....  se  ricievi 
questa  non  pensare  piü  di  me  e  mangia  e  bevi  e  sta  con  Dio 
e  la  M.  S.  che  ti  aiutti  io  o  fatto  cielebrare  una  S.  Mesa  in 
onore  che  ti  Aiutta. 

Der  in  die  Heimat  zurückbefördernde  heilige  Nikolaus 
wird  auch  des  öfteren  angerufen  (Mauthausen — Pollica, 
Salerno) : 

appena  ricevi  la  presente  subito  farai  dire  una  messa 
cantata  alla  Madonna  della  grazia  e  ci  porterai  una  cinta 
stesso  la  mattina  e  di  piü  una  messa  letta  a  S.  Nicolo.  Appena 
ricevi  la  presente  mi  spedirai  subito  un  pacco  con  2  paia 
calzini  di  lana. 

Auch  hier  wieder  die  unnuancierte  Zusammenstellung 
von  so  heterogenen  Dingen  wie  Messe  und  Socken! 

Gar  manchem  Heiligen  (wirklichem  und  komischem) 
sind  wir  im  Hungerbuch  begegnet. 


—     1-17    - 

Aus  der  Gefangenschaft  werden  tadelnde  Stimmen 
laut,  wenn  daheim  nicht  die  richtige  Frömmigkeit  geübt 
wird  (Mauthausen— Sorrento): 

ho  ricevuto  una  lettera  del  parraco  e  si  lagno  dicendo 
che  non  vede  nessuna  della  mia  famiglia  in  chiesa  cara  madre 
nel  sentire  questo  mi  fa  molto  dispiacere  perche  io  in  sei 
mesi  due  volte  ho  avuto  la  fortnna  di  sentire  la  messa. 

Das  Gebet  ist  der  Trost  der  Bedrängten :  im  Unglück 
mögen  sich  die  Lippen  nicht  zum  Fluche,  sondern  zum 
Gebete  öffnen  (Cavalese — Omsk): 

stami  bene  enon  bestemiare  qiiel  Dio  he  cifa  del  bene 
prega.   espera. 

Glaube  und  Hoffnung  sind  die  einzig  festen  Stützen 
im  Chaos  des  Krieges   (Schwaz,  Tirol — Orlov,  Russland): 

Mio  caro  A.ü  come  ti  passasti  il  giorno,  mio  caroÜ 
Noi  qui  in  esilio,  che  sembra  an  cor  piü  duro  in  cosi  tristi 
giorni,  abbiamo,  molto  molto  pregato,  non  avendo  potuto  in 
altro  modo,  dimostrare  il  nostro  affetto  ai  nostri  poveri  cari! 
Non  un  fiore  quest'anno  ....  ma  altrettante  lagrime  .  .  .  Noi 
non  facciamo  che  pregare  e  tutto  speriamo  solo  dalla  pre- 
ghiera  come  anche  finora  non  pregavamo  invano.  A.  prega 
e  spera! 

Erschütternd  wirkt  die  durch  die  Herzensangst  sich 
bahnbrechende  Gläubigkeit  (Male — Russland): 

Mio  caro  e  dolce  B.!  Sei  vivo  o  morto?  Dimmi!  .... 
e  circa  un'anno  che  io  non  so  nulla !  .  .  . .  Che  terribile  cosa 
mi  tocca  provare.  Io  ti  riccordo  sempre,  sempre,  massime 
coUe  preghiere  ....  non  trovo  altro  conforto,  che  in  Dio  e 
e  nei  suoi  Santi. 

Der  im  Dienst  betende  Soldat  ist  gewiss  eine  rührende 
Figur  (Feldpost— Cortina  d'Ampezzo): 

E  L.  cosa  fa  stallo  sogetto  obbidisce  qualche  cosa,  ti 
prego  fa  il  possibile  tien  duro  e  fallo  ubbidire  acciö  che  non 
diventa  troppo  strambo,  fallo  pregare  in  compagnia  delli  altri, 
davanti  alla  B.  Vergine  della  difesa  acciö  mi  conservi  tutti 
sani  e  di  presto  potersi  stringersi  tutti  assieme.  ßisogna  pre- 


—     148     — 

gare  e  continuare  a  pregare  sempre,  perche  e  la  preghiera 
l'unico  nostro  solievo,  io  prego  i  giorni  e  quando  sono  in 
servizio  pregando  passano  le  ore  piü  presto,  dunque  ti  racco- 
mando  prega  tu  in  compagnia  dei  bambini. 

Alles  Gute,  das  dem  Menschen  zukommt,  ist  eine 
Onade  des  Himmels,  vor  allem  die  Rettung  aus  dem  Kugel- 
regen in  die  Gefangenschaft :  der  Italiener  ist  naiv  genug, 
der  Gottheit  begeistert  für  seine  Gefangennahme  zu  danken 
{Mauthausen — Arezzo) : 

Naturale  voi  penserete  oho  sono  morto,  pusitivo,  In  veci 
da  Gesü  e  Maria  o  questa  grande  grazzia,  che  io  non  finisco 
mai  de  de  ringraziare. 

(Mauthausen — Tunis) : 

ci  fo  saperi  che  con  la  grazzia  della  Madonna  di  Tra- 
pani  mi  trovo  sano  e  salvo  priggionero  Inaustfia  e  speriamo 
e  la  Madonna  di  Trapani  che  faccia  la  grazzia  di  .fenire 
presto  questa  guerra. 

(Mauthausen — Neapel): 

quele  giorno  fui  il  mio  desdino  Cafui  ferito  ale  Campe 
alpeto  ala  mana  sinistra  efui  fato  prigioniero  percio  io  nonti 
fece  larisposta  lamadona  mia  salvati  esperiamo  idio  una  santa 
pacie. 

Auch  die  Angehörigen  fassen  die  Errettung  aus  dem 
Feuer  als  Zeichen  der  Gnade  Gottes  (Prov.  Mailand — 
Laibach): 

caro  fratelo  e  ben  sesei  pregiungnere  vol  dire  che  idio 
ti  iutera  Io  stesso  preghi  sempre  idio  che  ti  iutera  sempre 
ei  morti  del  lazareti. 

Heilige  werden  sogar  zur  Vermittelung  von  Kor- 
respondenzen bemüht  —  ein  trauriges  Zeichen  für  unsere 
Zeit,  dass  ein  Brief  einem  Heiligen  anempfohlen  werden 
musste,  um  seinen  Bestimmungsort  zu  erreichen!  (Male, 
Südtirol— Russland) : 

Ti  giungerä  questa  nostra?  Te  ne  sono  giunte  ancora 
delle  altre?  E  il  danaro  Thai  ricevuto?  Questa  speriamo  la 
riceverai  perche  la  raccomandiamo  a  St.   Antonio. 


-     149     — 

Häufiger  werden  natürlich  die  geliebten  Personen  selbst 
dem    Schutze    der  Gottheit    empfohlen   (Klausen— Omsk) : 

Ti  lasio  fra  le  Braccia  di  Gesü  e  Maria  che  in  ogni 
momento  ti  assisti. 

Der  teure  Anverwandte  wird  auch  beschützt,  indem 
sein  Bild  ins  Gebetbuch  wie  ein  Heiligenbildchen  gelegt 
wird  (Livorno — Scheipling,  Obersteiermark) : 

Ti  raccomando  di  pregare  madona  ogni  giorno  magari 
tre  avemaria  quando  vai  a  letto  e  cosi  pure  noi  preghiamo 
perte  e  per  tutti  che  venga  la  pace.  lo  ti  tengo  nel  libro 
di  messa  e  ti  salnto  e  ti  baccio  ogni  giorno  e  cosi  il  papä, 
ti  tiene  nel  portafolio  e  va  a  messa  ogni  giorno. 

Gebete  in  italienischer  Sprache  zu  hören  bereitet 
einem  österreichischen  Kriegsgefangenen  in  Omsk  zugleich 
eine  religiöse  und  eine  patriotische  Freude: 

Carissima  moglie!  Non  pnoi  imaginarti  la  consolazzione 
che  proviamo  oggi  essendo  gia  un  anno  scorso  che  non  sento 
funzioni  e  preghiere  in  Italiano  Oggi  peresenpio  oservito  la 
messa  a  un  sacerdote  italiano  e  poi  ce  stato  la  confesione  e 
dimani  tutti  alla  comunione  Una  cosa  inaspettata  che  venisse 
ha  trovarci  un  sacerdotte  italiano  che  a  tenuto  anche  una 
belisima  predica  posdomani  parte  e  va  predicando  orazioni 
per  la  Siberia  noi  impariamo  bele  canzonete  per  cantare  du- 
rante  l'ultima  funzione  In  questa  cittä  ci  sono  anche  altri 
pretti  ma  non  sanno  la  lingua  una  citta  che  conta  18,0  milla 
abitanti  Dunque  ti  bacio  caramente  e  bacci  ai  miei  poppi 
addio  ciao  mia  cara  il  tuo  maritto  F.  Anche  di  questa  con- 
fessione  ho  un  belissimo  ricordo  mai  piu  creddeva  daver  la 
grazzia  di  servir  la  messa  cui  in  Siberia. 

Die  empfundene  Weihestimmung  im  Text  zu  be- 
schreiben genügt  dem  Kriegsgefangenen  nicht,  er  muss 
auf  dies  Thema  in  der  Nachschrift  noch  zurückkommen. 

Durch  unbeholfene  Ausdrücke  ringt  sich  oft  ein  Be- 
dürfnis nach  religiöser  Exaltation  durch.  Man  beachte 
die  ungeschickten  Superlative  folgender  Briefe  (Kloster- 
neuburg— Boves,  Cuneo): 

il  mio  cuore  versa  amare  l'agrime,  ma  pure  non  giova 


—    150    — 

mi  devo  rassegnare  alla  volonta  di  dio,  che  Intal  modo  mi 
vol  provare  non  giova  vuol  dire  che  cosi  mi  merito.  Sia  pur 
fatta  lodata  e  in'etterno  esaltata  la  giustissima  altissima 
amabilissima  volontä,  di  Dio,  in  tntte  le  cose. 

Geradezu  im  Predigerstil  ist  eine  —  fast  möchte  man 
sagen:  Exhorte  eines  Offiziersdieners,  eines  granatiere  in 
Mauthausen,  gehalten  (nach  Nocera,  Salerno): 

Nelle  ore  di  sconforto  deiranima  mia  rivolgo  la  mia 
mente  a  colei  che  c'insegna  la  rassegnazione  alla  Vergine 
Santa,  ed  il  mio  cuore  si  sente  pienamente  confortato,  risa- 
nato,  dir  ei  quasi  —  il  Suo  nome  a  rianimato  lo  Spirito  mio 
nella  prova  del  grande  cimento  che  dovremmo  affrontare  il 
di  10  di  Agosto  —  Scene  strazianti  si  svolsero,  si  compirono 
sacrifici  imposti  dal  dover  fraterno  —  II  sentimento  religioso 
^  la  leva  potente  per  prestare  soccorso,  per  suggerire  parole 
di  sollievo  ai  sofferenti .... 

Auf  einer  viel  roheren  Stufe  stehen  die  Glaubens- 
ergüsse, die  aus  dem  tirolischen  Alpenlande  kommen.  Ein 
noch  so  trivialer  Brief  wird  im  Namen  Gottes  eröffnet  und 
der  Glaube  steht  neben  der  Getreideernte.  Einem  Militär- 
arbeiter wird  von  seiner  Frau  geschrieben: 

I  nome  di  Dio  e  di  Maria,  la  seconda  lettera  che  io  ti 
scrivo.  Caro  mio  S.  io  ti  dichiaro  che  io  e  tutti  i  nostri 
9  figli  siamo  in  salute  e  noi  siamo  contenti  che  fin  li  4  Agosto 
che  tu  ci  ai  scritto  a  noi  tu  ieri  in  salute,  e  cosi  lo  spe- 
riamo  e  di  quor  desideriamo  che  Dio  ti  conservi  sempre.  Io 
caro  sposo,  essendo  padre  di  famiglia,  tu  ai  derito  di  sapere, 
i  affari  di  casa.  Dunque  li  21  Luglio  io  o  dato  alla  luce  la 
nostra  creatura  una  bambina,  i  padrini  sono  M.  b.  detto  P. 
e  mio  fratello  L.  poi  o  venduto  il  manzetto  per  mancanza  di 
f orr  . .  .  per  265  lire.  frumento  abbiamo  fatto  8  2/1  Cuintali 
Orzo  20  Chili,  segale  nulla,  e  vino  nepur  un  litro  granno 
turco  se  Iddio  ci  tien  lontano  le  disgrazie  ci  e  abbastanza 
per  vivere  e  abbiamo  di  aver  fede  viva  in  Dio  che  ci  dia  la 
grazia  che  verä  la  santa  pace  e  poi  tu  verrai  a  casa  e  viv- 
remmo'  tutti  assieme  coi  nostri  raccolti (folgt  eine  Auf- 
zählung der  Ernteergebnisse). 

Reichsitaliener  merken  oft   mit  bewundernder  Ehr- 


-     151     - 

furcht  die  ungeheuere  Frömmigkeit  der  österreichischen 
Katholiken  an  (Mauthausen — Coccolia,  Ravena): 

in  questo  IV  gruppo  cie  2  Sacierdoti,  ed'ora  anno  fatto 
una  chiesotta  che  tutte  le  mattine  cie  s.  Messe  e  la  sera  la 
benedizione  con  la  disposizione  del  S.  Sacramento  la  mattina 
2  Messe  le  dice  i  nostri  preti,  e  quell'altra  un  prete  Austrico, 
e  tutte  le  mattine  si  fanno  sempri  niolte  Comunione  che  bellä 
grazia  di  Dio  e  mai  questa!  e  durante  il  giorno  sempre  1. 
e  poi  l'altro  a  visitare  il  S.  Sacramento.  Don  G.  come  si  sta 
bene  dopo  aver  sollevato  un  po  lo  spirito.  E  impossibile  che 
si  immagina  che  religione  che  ci  sia  a  qua  in  Austria  sera 
e  mattina  suona  lo  squillo  di  tromba  che  e  il  segnale  della 
preghiera  per  2.  ore  bisogna  vedere  i  loro  soldati  dove  sono 
sono  si  prostrano  in  ginocchio  con  lo  sguardo  al  cielo  pichi- 
andosi  il  petto,  insomma  e  una  cosa  strepitosa  che  fa  com- 
movere  perfino  le  pietre. 

Endlich  sei  noch  erwähnt,  dass  der  geistliche  Ein- 
fluss  des  obersten  Kirchenherrn,  des  Papstes,  auch  in  der 
Gefangenenkorrespondenz  ein  Echo  findet.  Die  Wirksam- 
keit des  heiligen  Vaters  beleuchtet  ein  süditalienischer 
Brief  (nach  Mauthausen): 

II  giorno  31  ossia  domenica  ei  sta  nella  Madonna  dela 
Rosa  un  gran  dono  per  voi  cari  figli  che  state  sotto  le  armi, 
questo  dono  lo  prende  in  Ostia  ossia  su  Santa  Croce  e  con 
una  grossa  compania  la  porta  alla  Madonna  Santissima  della 
Rosa.  Ed  al  primo  giorno  di  Ottobre  che  fa  l'insuzione  per 
la  Madonna  della  Vittoria  per  fare  questa  grazzia.  perche 
unaltra  volta  la  fatto  cessare.  II  nostro  somo  Pontefice  a 
mandato  le  notizzie  per  tutta  L'italia  che  il  primo  giorno  dei 
morti  tutti  i  Sacerdoti  deve  dire  tre  messe  per  ciascuno. 

Häufig  sind  auch  Bittgesuche  der  Kriegsgefängenon 
an  den  Papst:  der  heilige  Vater  wird  oft  um  Geld  oder 
Pakete,  ja  manchmal  um  calzoni  bemüht! 

Dass  anderseits  das  fünfjährige  Völkermorden  mancher 
Kgf .  Glauben  erschüttert  hat,  lässt  sich  auch  nicht  leugnen : 
^höre  mir  auf  mit  der  Madonna  und  den  Heiligen,  die 
stillen  mir  nicht  den  Hunger"  und  dgl.  war  oft  zu  lesen. 
So  geriet  denn  der  Kgf.  in  Gegensatz  zu  seiner  gläubig 


—    1.52    — 

gebliebenen  Familie,  deren  Traditionen  er  leugnen  gelernt 
hatte:  Brunn — Lurate,  Como:   . 

son  rimasto  molto  dispiacente  nel  leggere  che  h  morta 
la  figlia  C.  ma  piu  tosto  che  essere  al  mondo  discraziata  e  meglio 
che  sia  morta.  Ora  mi  pare  di  averti  avvertito  parecchie 
volte  di  non  continuare  con  quelle  parole  dio  la  madona  che 
per  me  e  un  fico  secco. 

(Katzenau— Cherso)  : 

„Was  erhofft  Ihr  von  Gott?!  Den  Frieden  nicht,  denn 
jetzt  betet  Ihr  schon  seit  3  Jahren  für  den  Frieden,  und 
Euer  Gott  stellt  sich  taub  wie  Baal:  er  hat  seine  Ver- 
heissungen,  und  trotzdem  Ihr  alles  mit  angesehen  habt, 
lasst  Ihr  Euch  von  der  Geistlichkeit  an  der  Nase  herum- 
führen. Man  muss  die  Gesellschaft  reinigen  von  diesen 
Kohlensäcken  [?],  und  das  Volk  muss  befreit  werden  von  den 
Banden,  mit  denen  es  an  sie  gefesselt  ist:  der  Mensch 
muss  emporsteigen  aus  der  Finsternis  und  der  Unwissen- 
heit, in  der  ihn  die  Geistlichkeit  gefangen  hält,  und  er 
soll  das  Licht  schauen  und  alle  Vorurteile  von  sich  werfen. 
Aber  hoffen  wir,  dass  nach  dem  Kriege  ihrer  viele  da 
sagen  werden:  was  tat  Gott  und  wo  war  er?  Und  sie 
werden  sagen:  nicht  Christus  von  Nazareth,  sondern  Geld 
und  Blei  waren  die  allmächtigen  Götter  ..." 

„Schicket  mir  etwa  zwanzig  Kronen.  Wohlgemerkt: 
Geldkronen  und  keine  Rosenkränze.  Einem  Gefangenen, 
der  um  10  Kronen  gebeten  hatte,  schickte  seine  Familie 
zehn  Rosenkränze." 

(Corona  bedeutet  im  Italienischen  auch  Rosenkranz!). 

Nicht  ganz  klar  ist  die  Grundstimmung  im  folgenden, 
leider  nur  mehr  in  Übersetzung  vorhandenen  Beleg:  der 
zweite  Absatz  mit  den  Bitten  an  die  Angehörigen  um 
„neue  Flüche"  und  Unterhosen  distoniert  dem  pathetischen 
Gebet  gegenüber:  ein  Kgf.  nach  Rom: 

„  .  .  .  Gebet  an  die  gnadenreiche  Gottes- 
mutter.   Mit  offener  Seele  komm'  ich  zu  Dir  und  bereue, 


—     153     — 

wenn  ich  je  Deine  hehre,  göttliche  Person  beleidigte. 
Demütig  erbitte  ich  eine  Gnade  und  hoffe,  dass  sie  mir 
gewährt  wird.  Ich  bereue  es,  und  es  schmerzt  mich  tief, 
dass  ich  Dir  stets  mit  grosser  Undankbarkeit  begegnete; 
doch  glaube  ich,  dass  die  durchgemachte  und  noch  nicht  be- 
endete Busse  genügend  ist.  Ich  möchte  sehen,  ob  und 
wann  an  mir  Nachsicht  geübt  werden  wird. 

Ich  bitte  Dich,  wenn  Du  es  vermagst,  mir  ein  Buch 
mit  den  ewigen  Gesetzen  und  allen  neuen  Flüchen  zu 
senden.  Du  wirst  wohl  begreifen,  dass  all  diejenigen,  die 
die  ich  kannte,  aufgebraucht  sind.  Jetzt  weiss  ich  nicht, 
wo  ich  neue  hernehmen  soll . . .  Gleichzeitig  mit  dem  Buch 
wirst  Du  mir  Wäsche  senden:  Unterhosen,  Hemden  und 
Fusslappen.  Diese  Wäsche  wird  dazu  dienen,  mich  vor 
Schande  zu  bedecken;  denn  hier  ist  die  Zeit  des  irdischen 
Paradieses  angebrochen,  da  man  keine  Scham  kannte  und 
herumging,  wie  einen  die  Natur  erschaffen  hatte.  Ich  bin 
in  einem  Zustande,  wie  Adam  und  Eva,  die  ihre  Blosse 
nur  mit  dem  Laub  der  Bäume  bedeckten.  Ich  glaube, 
niemandem   sollte   es   erlaubt  sein,    so  herumzugehen  . .  " 

V/elche  Flüche  vermag  nicht  der  Hunger  hervorzu- 
rufen —  bezeichnenderweise  muss  der  Kgf.  zu  seiner 
Mundart  Zuflucht  nehmen,  um  sich  „auszufluchen":  Leo- 
bersdorf — Acquileia: 

Car-il  me.   fradis 
io  vi  disi  laverettatt  che.  seno.  vrades.  di  iadami 

di  mandarmi  di  magngia  onadopo.   6  mes. 
se.  scrivi  ancamo.  o  chi  viu  dut  muia 
che-fos  ora.  di  vredi  etl  maa 
ma.  cha  nan  si  vrot  un.  porcho  dio. 
nilia.   e.  una  putana.  madonamia 
dio  porcho.  se  pensaiso.  di  me. 
cha  si  sa  durmi.  a  porchan 
e  si  eva.  a  besteman 
dio  porcho.  e  ora  di  finila. 

„  . .  Hier  wird  das  Leben  langweilig.  Zwei  Jahre 
sind  schon  verflossen,  und  noch  immer  kein  Ende  abzur 


/ 


-     154     - 

sehen.  Aber  nur  Geduld  und  Mut ;  denn  alles  wird  enden 
müssen,  auch  das  Schwein  Christus  wird  von  der  Ge- 
schichte genug  haben.  Ich  ersuche  Dich,  alle  Heiligen, 
die  wie  Hanswurste  ober  meinem  Bette  hängen,  zu  ent- 
fernen, sonst  stecke  ich  bei  meiner  Rückkehr  das  ganze 
Haus  in  Brand  ..." 

(Magyarövär—Masano,  Avellino) : 

„Die  Mitteilungen,  die  Du  mir  gemacht  hast,  sind  sehr 
traurig.  Wir  wollen  jedoch  hoffen,  dass  es  gut  gehen 
wird.  Vielleicht  wird  Gott  ein  Auge  öffnen.  Ich  fürchte 
aber,  dass  es  einen  Gott  nicht  gibt.  Oder  er  schläft 
ebenfalls.  Ich  glaube  an  nichts  mehr.  Nicht  den  Priestern, 
nicht  den  Mönchen.  Wenn  ich  das  Glück  haben  sollte, 
nach  Hause  zu  kommen,  will  ich  Brigant  werden  und  so 
lange  morden,  bis  ich  alle  Herren  und  alle  Priester  um- 
gebracht habe  . . .  Wenn  Du  wüsstest,  wie  ich  die  Weih- 
nachtsfeiertage verbracht  habe!  Nicht  einmal  ein  Stückchen 
Brot  hatte  ich,  um  es  in  den  Mund  zu  stecken . . .  Wenn 
es  noch  ein  wenig  so  weiter  geht,  werden  wir  uns  nicht 

mehr  sehen An  der  Front  starb  man  durch  Granaten, 

aber  auch  hier  stirbt  man  ..." 


XV. 

Wir  haben  in  den  letzten  Kapiteln  über  die  Formen 
der  Beruhigung,  im  Anschluss  daran  über  die  Bewahrung 
der  Ruhe,  die  pazienza,  und  den  grossen  Friedensstifter, 
Gott,  gesprochen.  Vollkommene  Ruhe  tritt  in  diesem 
Kriege  natürlich  nie,  weder  beim  Absender  noch  beim 
Empfänger  des  Briefes,  ein,  die  beruhigenden  Worte  wirken 
nur  wie  Morphine,  die  Symptome  des  Leidens,  aber  nicht 
das  Leiden  selbst  wegschaffen.  Eine  latente  Unruhe 
bleibt   stets   in   den    von    einander  Getrennten    zurück 


—     155     — 

und  wächst  im  Fall  derNachrichtslosigkeit  zuraParoxysmus. 
Jeder  Augenblick  kann  ja  dem  geliebten  Wesen  den  Tod 
bringen  (Feldpost— Farra) : 

iö  ero  sempre  incerto  di  voi  perche  sapette  l'antico 
proverbio  come  dice  oggi  in  figura  domani  in  scepultura,  si 
come  che  si  sente  dire  dei  nostri  paesani  friulani. 

Das  Bild  Roms,  das  uns  im  Folgenden  entworfen 
wird,  passt  wohl  auf  alle  Hauptstädte  der  kriegführenden 
Staaten  (sowie  ihm  ein  anderes,  ebenfalls  allen  diesen 
gemeinsames  der  Genusstollheit,  die  neben  banger  Sorge 
ihre  Feste  feiert,  gegenübergestellt  werden  könnte)  (Rom— 
Mauthausen) : 

Immagino  pressapoco  come  passera  questi  lunghi  giorni, 
di  prigionia,  e  ne  sono  spiacente  davvero.  Pure  qui  ce  ne 
sono  parecchi  di  prigionieri,  ma  alle  voci  che  si  sentono,  sono 
davero  trattati  come  signori!  Oltre  a  quelli  abbiamo  un'im- 
mensa  qnantitä  di  profughi  serbi  e  montenegrini  .  .  ,  Si 
figuri!  .  .  .  Creda  che  e  uno  squallore!  Dovesse  credere  Roma! 
La  grande  ed  eterna  Roma!  Per  le  vie,  non  s'incontrano  che 
visi  silenziosi  e  stanchi,  dagl'occhi  anassati  del  pianto  colla 
persona  ricurva,  come  sotto  il  peso  di  un  enorme  fardello! 
Coll'impronto  sul  volto  del  loro  interno  affanno,  della  loro 
angoscia!  Non  piü  quel  schiumazzo,  quell'allegria,  quella 
gioventü  spensierata  e  felice  . .  .  Oh!  no,  dappertutto  e  pace, 
silenzio,  dappertutto  e  dolore  sconforto  . .  .  Tutti,  tutti  abbiamo 
una  persona  cara.  Lassu  tutti!  Chi  il  marito,  chi  il  padre, 
chi  il  fratello,  chi  un  parente  .  .  .  ma  ogni  f amiglia  e  colpita ! 
E  quasi  un  anno,  caro  P.,  ed  aricora  non  si  sente.  nessuna 
voce  di  pace.  Lei,  povero  amico,  avrä  h  vero  il  dolore  di 
essere  tanto  lontano,  dal  suo  caro  paese,  dall'adorata  f amiglia, 
dagl'amici  cari,  ma  pensi  pure,  che  e  ancora  fortunato!  Si, 
puö  chiamarsi  tale,  perche  a  Lei  e  serbata  una  speranza  di 
poterli  un  giorno  di  pace,.  rivederli  ancora,  ma  quelle  povere 
creature  di  lassü,  nö  .  .  .  perche  oggi  ci  sono,  domani  non  si  sä. 

Mancher  nervöse  Kgf.  fasst  däs  Mchterhalten  von 
Nachrichten  als  persönliche  Beleidigung  auf:  ein  weniger 
poetischeres  Sprichwort  als  das  obenerwähnte  zitiert  der 
folgende  Kgf.-Brief  (aus  Mauthausen): 


-     156    ~ 

Carissiina  moglie  forze  vi  ringrescie  a  scrivere  perche 
dice  il  proverbio :  quando  la  gatte  non  ge  il  sorecie  ci  abballa 
pensate  che  io  sono  ancora  vivo  quindi  vi  farro  assapere  che 
voi  sapessevo  la  posizzione  che  io  mi  trovo  voi  avessevo 
scrivere  ogni  minuto. 

Entweder  ist  die  Post  zerstört  oder  die  Postbeamten 
sind  schuld  am  Ausbleiben  der  Nachrichten :  in  letzterem 
Fall  gibt  es  eine  radikale  Kur,  die  im  Zeitalter  des  Mili- 
tarismus nicht  überraschende  Panazäe  der  Front  (Russ- 
land— P'iume) : 

ho  ricevuto  quattro  scritti  di  mia  moglie  e  altro  non 
si  vede  si  forse  anno  bombardatto  tutte  le  poste  per  quelle 
non  si  riceve  piu  scritti  i  adetti  alla  posta  bisognaria  con- 
segarghi  i  fucili  e  mandarli  in  fronte  al  nemico  accio  che 
provanno  anche  l'oro  qualcosa,  di  gran  bene  che  stanno  anche 
di  quel  lavoro  sono  stuffi. 

Am  Ausbleiben  der  Post  ist  zweifellos  immer  jemand 
„schuld":  die  volkstümliche  Psyche  bedarf  immer  des 
persönlichen  Sündenbocks  —  wie  wir  beim  unabsichtlichen 
Zusammenstoss  zweier  Wagen  stets  bemerken  können, 
dass  die  Kutscher  einander  beschimpfen. 

Nicht  nur  um  die  teuern  Menschen,  auch  um  sein  Hab 
und  Gut  bangt  dem  aus  seinem  Milieu  herausgerissenen 
Kgf.  Soldaten,  Flüchtling  oder  Internierten.  Menschen 
können  drohendem  Unheil  entfliehen  —  was  aber  geschieht 
mit  der  unbeweglichen  Habe,  die  Brand  und  Raub  aus- 
gesetzt ist,  der  halb  oder  kaum  geborgenen  Ernte,  dem 
Vieh,  das  sich  nicht  selbst  retten  kann?  Fast  betonen  die 
Kriegskorrespondenzen  zu  viel  den  Wert  der  materiellen 
Güter  und  scheinen  die  Menschen  in  zweite  Linie  zu 
stellen,  so  dass  man  an  jene  Naturvölker  gemahnt  wird, 
denen  das  Pferd  wichtiger  ist  als  das  Weib.  Zu  rasch 
geht  der  Soldat  von  den  Klagen  über  die  Abwesenheit 
von  der  Familie  zu  Wehrufen  über  das  Schicksal  des 
Weinbergs,  des  Hauses  und  der  Tiere  über  (Steinamanger — 
Italien) : 


~     157     - 

diese  savessi  li  pianti  che  mi  go  fatto  tutto  sto  tempo 
che  non  sapevo  niente  di  voi  altri  che  iero  tre  messi  inospital 
invece  dingra  sarmi  diventare  secho  come  un  bacala  perche 
pensavo  per  tutta  la  robba  Godito  addio  le  nostre  vache  tutto 
quel  inprestame  il  loro.  novo  dove  se  la  mia  vigna  del  Ci- 
mitero  che  tanto  o  sudato  adesso  che  si  gaveva  da  far  una 
bella  vendemmia  la  se  andada  persa  chessa  mi  go  pianto  per 
ste  cose  Difatti  vardate  da  tinir  conto  delle  Bestie  e  di  quel 
caro  novo  e  di  tutto  quel  imprestame  mi  dicevo  senpre  che 
non  vigno  piü  a  casa  perche  sera  tutto  distrutto,  dunque 
adesso  almeno  son  contento  che  so  dove  che  siete. 

Qualvoll  ist  der  dem  Kgf.  aufgezwungene  Müssig- 
gang,  während  zu  Hause  alle  Dinge  auf  dem  Kopfe 
stellen  (Samara,  Russland — Isola,  Lstrien): 

Cari  genitori  vi  prego  scrivermi  e  farmi  sapere  qualche 
cosa  della  pace,  che  qua  i  dise  che  se  la  pace  ma  non  credo 
fino  che  non  vedo,  e  se  ]e  vero  in  qualche  modo  guardate 
di  farmi  sapere  cheche  sia  sicuro  che  mi  son  qua  in  tutte  le 
pene  del  purgatorio  sofro  a  vedimi  qua  in  noscio  e  le  nostra 
robba  in  bare  e  poi  perdiremo  tutte  le  vide  e  patirete  la 
fame,  e  mi  qua  son  in  noscio  che  tanto  in  ossio  che  son  non 
he  gnanche  tantto  buono  si  in  durisce  i  nervi  qua  cosi,  che 
si  vero  a  casa  non  saro  piu  buono  di  lavorare,  mi  ogni  notte 
son  a  casa  al  giorno  mi  pare  ma  la  he  tropo  in  lä  ancora, 
vi  racomando  scrivermi  qualche  cosa  di  nuovo. 

Das  ganze  Leid  des  Kgf.,  seine  Gebundenheit  und 
Handlungsunfähigkeit,  ist  in  diesen  Worten  ausgedrückt 
(Mauthausen— Varmo,  Udine): 

Sono  gik  due  lunghi  mesi  che  mi  trovo  priggioniero  di 
guerra,  ancora  nissun  lavoro  di  nissuna  sorta  o  ancor  pro- 
vato  le  piü  grande  fattiche  che  qui  ancor  o  fatto  sono  quello 
di  farmi  il  letto  la  sera  per  andar  a  dormire.  o  prendermi 
la  gavetta  per  mangiare  quel  misero  che  la  providenza  mi 
puö  dare;  ma  non  creder  che  questa  sia  una  vita  felice  anzi 
per  essere  sincero  si  passa  giorni  assai  infelicissimi,  giorni 
etterni  come  Tetternitä  chenon  a  mai  fine,  non  basta  solo  il 
vostro  lontano  e  indimenticabile  ricordo,  ma  e  anche  la 
l'anguidezza  di  stomacco  che  lungi  ci  sembrano  i  giorni  [folgt 
eine  Hungerklage  in  Dialekt]  ed  ora  ben  mi  accorgo  che  la 
ielicitä  dell'uomo  stä,  solo  nel  lavoro  quando  e  pieno  di  vita  e 


—     J58     - 

di  Salute  e  che  non  li  manca  il  necessario  per  la  sua  esistenza, 
e  questo  e  il  mio  piü  gran  dolore  che  ora  provo  che  ioesendo 
qui,  pessando  alla  mia  vita  inutile  che  qui  sono  costretto  a 
menare  contan  i  minuti  che  lentamente  passano  con  le  mani  in 
mano,  mentre  voi  tutti  non  saprette  di  quäl  parte  rivolgervi 
per  il  tanto  lavoro  cosi  costretti  io  a  soffrire  qui  e  voi  lä, 
ma  voglio  sperare  che  un  giorno  pur  lontano  possa  aver  la 
felicitä  di  rittorno  fra  voi  e  con  la  forza  delle  mie  braccia 
e  col  sudor  della  mia  fronte  rigoder  di  nuovo  quella  felicitä 
che  per  la  fatalitä  del  destino  abbiam  perduto. 

Die  tatsächliche  Bitterkeit  des  s. g.  dolce  farniente 
führt  zu  tief  innerem  Bejahen  des  Evangeliums  der  Arbeit. 
Und  so  sind  denn  die  in  landwirtschaftlichen  oder  indu- 
striellen Betrieben  arbeitenden  Kgf.  trotz  der  grösseren 
körperlichen  Anstrengung  besser  daran  gewesen  als  die 
Nichtstuer  in  den  Lagern.  Wie  alles  und  jedes  im  Ge- 
fangenenleben bis  auf  das  Wort  „Kriegsgefangener",  über 
dessen  Verunstaltungen  ich  im  Hungerbuch  berichtet 
habe,  mit  einer  grauen  Schicht  von  Traurigkeit  und  Öde 
überzogen  ist,  zeigen  die  folgenden  Zeilen  eines  kgf.  Leut- 
nants in  Mauthausen  (nach  Turin): 

Fra  poco  spero  di  lasciare  questo  luogo,  dove  la  mo- 
notonia  di  questa  vita  passiva  a  cui  siamo  condannati,  ci  fa 
incretinire  ogni  giorno  piü.  Qui  a  Mauthausen  non  si  fa  altro 
che  la  vita  del  prigioniero  nel  pleno  senso  della  parola,  o  del 
pazzoide  chiuso  fra  quattro  fili  di  reticolato:  mangiare,  dor- 
mire  e  „passeggiare"  !  ! !  1  Pariare  di  passeggiare  sarebbe 
come  profanare  questa  parola.  Io,  perö,  posso  uscire  da  questo 
reticolato  per  concessione  speciale,  e,  appena  terminata  questa 
lettera,  lascio  tutto:  prigionieri,  feriti,  convalescenti,  tuber- 
colosi  e  me  ne  esco  a  respirare  un  po'  di  quell'aria  di  col- 
lina  che  „per  poco"  ci  fa  dimenticare  la  pestifera  aria  del 
nostro  „Lagergruppe,"  E  una  larva  di  libertä,  perche  doppo 
tutto  dove  ci  vada  si  sente  il  grave  peso  della  prigionia  che 
dobbiamo  scotare,  tutto  ci  parla  della  nostra  sfortuna:  la  sen- 
tinella  che  accompagna  me  e  l'attendente,  il  bianco  della  baracche 
„Kriegsgefangen"  che  pur  da  lontano  si  vedono.  Come  ti  ho 
detto  e  un'apparenza  di  libertä,  invece  di  una  prossima  e 
vera  libertä,  che  speriamo,  non  sia  molto  lontana. 


-     159     - 

Wache,  Drahtverhau,  Berge  —  sie  sperren  denKgf. 
ab  von  dem  Schauplatz  seiner  gewohnten  Tätigkeit,  wo 
seine  Habe  liegt.  Selten  sind  Fälle,  wo  der  abwesende 
Besitzer  den  Verlust  seiner  Habe   leicht  nimmt. 

Im  Folgenden  seien  einige  Beispiele  für  Nachfragen 
und  Aufträge  praktischer  Natur  angeführt,  wie  sie  für 
die  italienische  Korrespondenz  typisch  sind.  Gewiss  ist 
der  Horizont  der  Industrie  treibenden  Franzosen  und  Eng- 
länder auf  ganz  andere  Interessen  eingestellt  als  das  dem 
Landbau  sich  widmende  Volk  der  Italiener.  So  spiegeln 
sich  denn  gerade  in  diesem  Kapitel  die  spezifischen  In- 
teressenkomplexe der  einzelnen  Völker  (Mauthausen — 
Poggio  Imperiale,  Foggia): 

Dunque  Cara  Moglia  come  vio  ditte  riguardo  della 
Semina  fatemi  tntto  come  sei  fatto  e  come  sei,  seminato  se, 
sei  seminato  come  viö  mandato  addire  io  o  se,  Li  cavalle 
stanni  bene  e  se  lagiamenda  stä,  bene  e  se  cicanoscie  che  ie, 
prena  fatemi  sapere  una  cosa  di  tntto  datemi  sepre  li  bnone 
Notizie  e  li  cavalli  chi  li  portto  ancore. 

Für  unsern  städtischen  Geschmack  wirkt  die  Reihen- 
folge der  Nachfragen  wieder  überraschend  in  einem  Falle 
wie  (Mauthausen— Bari,  Apulien): 

Cara  moglie  fami  sapere  come  e  andata  la  vendeme  e 
penza  pure  per  la  seminatura  di  farla  bene,  e  fami  sapere 
se  avete  avuto  risposta  da  mio  fratelo  dalla  merica. 

Wenn  uns  der  Bruder  wichtiger  wäre  als  Ernte, 
Weinlese  und  Saat,  so  dürfen  wir  unsere  Empfindungs- 
weise nicht  mit  der  des  Landbewohners  vergleichen,  dessen 
Leben  eben  nicht  in  Gefühlen  —  sondern  in  Ackerbau 
und  Viehzucht  besteht.  Wenigstens  an  erster  Stelle  stehen 
die  Menschen  im  folgenden  Beleg: 

E  cosi  vi  raccomando  tanto  di  farmi  sapere  la  veritä, 
come  che  se  di  voi  se  siete  vivi  o  morti  dopo  tanto  tempo 
che  il  mio  Cuore  non  puö  stare  in  pace.  E  fatemi  sapere  che 


-     160    — 

se    in    stalla    e    quante  bestie    che  avete.  E  come  pure  della 
Campagna  se  abiate  racolto  o  si  o  no. 

Erkundigungen  über  den  Stand  der  Ernte,  des  Viehs, 
•des  Gartens  (Mauthausen— Nola,  Caserta): 

tu  mai  mandate  addire  che  i  miei  genitori  che  sanno 
vendute  il  sciumarella  e  farame  sapere  si  sänne  compirate  11 
cavallo  e  famme  sapere  labbone  lore  come  vanne. 

(Mauthausen — Cutrof  iano) : 

mi  fate  sapere  tutti  i  vostri  interesse  —  e  prima  di 
tutto  sul  conto  della  trainella  se  l'avete  venduta  ö  pure  la 
tenete  ancora  e  il  cavaDino  la  riuscita  che  a  fatto  ö  se  pure 
lavete  venduto. 

(Innsbruck — Pieve) : 

Tu  mi  dirai  come  hai  fatto  a  coltivare  la  campagnia 
quando  crivi  Mi  dicevi  che  le  vache  mo  in  montagna  alla 
Chiesa  ora  sarano  a  casa  sane  ora  vedele  alla  melio  che  puoi 
basta  che  posi  teuere  le  capre. 

Der  Gefangene  fühlt  sich  wie  ein  Vogel  im  Käfig, 
daher  möge  man  ihm  möglichst  viel  Neuigkeiten  mitteilen 
(Mauthausen — Lecce): 

Cara  amante  cuando  mi  scrivimi  fai  sapere  qualche 
cosa  del  nostro  paese  che  cosa  si  fa  di  bene  e  che  si  fa  di 
male  perche  adove  sto  io  non  posso  saper  niente  che  sto 
come  un  uccello  dintro  mare, 

was  offenbar  eine  Entstellung  des  gewöhnlichen  Bildes 
„come  un  uccello  in  gabbia"  ist.  Die  Neuigkeiten,  die 
als  Antwort  kommen,  sind  allerdings  nicht  immer  hervor- 
ragend wissenswert:  „di  novitä  c'e  che  fa  molto  freddo" 
kann  man  häufig  lesen,  was  aber  mit  den  daraus  für 
Ernte  und  Einkommen  folgenden  Konsequenzen  für  den 
Bauer  von  höchstem  Interesse  ist.  Im  folgenden  Fall  hört 
man  geradezu  den  Tonfall  neapolitanischer  mündlicher 
Rede   und   die  maliziöse  Wendung  am  Schluss  passt  gut 


-    161    - 

zum  liebenswürdigen  Volkscharakter  Partheuopens  (Maut- 
faausen — Neapel) : 

Salutatemi  alla  famiglia  M.  particolarinente  la  mia 
Margherita.  Papä  che  fä  oh  bello  ?  .  .  .  Mamiiia  lavora?  ... 
ma  noii  pensa  per  il  suo  fratello? 

Besorgt  ist  auch  der  ferne  Gatte  oder  Geliebte  um 
die  moralische  Haltung  seiner  Frau,  besonders  wenn  er 
von  der  in  der  Heimat  herrschenden,  dem  Weltgeschehen 
hohnsprechenden  Duliähstimmung  zu  hören  bekommt 
(Mauthausen— Borgo  sotto  Castelio,  Gemona): 

da  te  ancora  non  ebbi  solo  una  lettera  io  sarei  molto 
desideroso  di  ricevere  un  tuo  scritto  fandomi  sapere  prima 
di  tutto  come  te  la  passi  in  questo  teinpo  normale  [soll  heissen: 
abnormale],  e  se  ti  trovi  nelle  stesse  condizioni  che  noi  pri- 
gionieri  qua  dubbittiamo,  perche  ciabbiamo  saputo  che  nei 
dintorni  di  Gemona  sono  la  piu  parte  delle  ragazze  povere 
ci  sono  divertite  e  poi  poveracce  son  tradite,  io  Gredo  beiie 
che  essendo  la  gran  maliconia  della  guerra  che  facciamo  tutto 
cio  che  possono,  perö  da  te  vorrei  sentire  adire  diste  brutte 
robe  di  avanzaa  come  quelle  dei  dintorni. 

Nun  eine  weibliche  Schilderung  des  Kriegssünden- 
babels Triest  (nach  Ufa): 

Tu  mi  scrisi  che  le  done  si  hano  butato  al  alcol  meno 
male  solo  quello  ma  il  resto  che  e  pegio  che  pegio  poveri 
maridi  che  verano  a  casa  quei  che  hano  lasiato  due  o 
tre  bambini  ne  trovera  quatro  se  non  di  pui  Io  non  voria 
ese  nele  loro  peli  sicuro  perche  tutte  le  moglie  dei  richiamati 
anche  quele  oneste  ciapa  su  de  put  .  .  .  Esend  ch'io  ho  un 
solo  amore  in  questo  mondo  che  sei  tu  fossi  una  tal  vigliaca 
far  questi  scandai  fossi  io  la  prima  di  non  scriverti  per  mai 
pui  nemeno  per  non  esser  nominata  di  non  esser  una  moglie 
opur  sposa  di  non  far  un  uomo  in  questo  mondo. 

Wehe,  wenn  die  Frau  die  Kinder  nicht  betreut :  der 
Heimkehrer  wird  ein  Strafgericht  halten  (Ossiach — Castel- 
vetro,  Modena): 

solo  una  cosa  miracomando  di  non  dimenticare  i  figlü, 
perche  searivo  un  giorno  ä  venire  äcasa  e  che  sento  che  sono 
Spitzer    Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  11 


—     Ifi2     — 

stato  trascurati  la  faccio  conte.  Ti  prego  di  iion  farti  dei 
dubbi  perche  ti  dico  queste  cose,  di  non  pensare  che  sia  i 
altri  che  mi  dicano  che  sono  maltrati  nö. 

E  una  ideia  che  mi  faccio  io,  perche  sai  che  alla  lon- 
tanza  che  sono  ti  asardi  ä  longarci  le  mane  perche  avvi  il 
corragio  ancora  quando  era  k  casa  io,  ma  ora  e  terminata, 
se  arivo  ä  venire  ä  casa  ö  imparato  in  tempodi  mia  prigionia 
k  Stare  al  Mondo,  e  non  ö  piü  bisognio  di  tante  favole. 

Liebesirrungen  werden  ausführlich  berichtet.  Der 
folgende  anonyme  Brief  ist  einer  von  den  vielen,  die  im 
Kriege  geschrieben  wurden  und  mit  ränkevoller  Perfidie 
die  Seelenruhe  der  fernen  Gefangenen  trüben  sollten  (Pa- 
rona,  Verona— Mauthausen)  : 

Senti  P.  sono  per  avisarti  di  una  cosa  che  e  proprio 
un  disonore  su  cio  che  or  ti  pariere?  Senti  un  giorno  che 
era  di  festa  al  dopo  le  Sacre  funsioni  min  pen  sai  di  andare 
a  fare  cuatro  passi  su  per  i  monti  alla  parte  del  pigno  poi 
cuando  sono  avanti  un  tocco  mi  misi  a  riposare  e  riposando 
guardai  dentro  in  la  siepe  mi  viene  lochio  su  due  persone 
ed  io  leö  rimirate  per  vedere  chi  sono  queste  persone  bene 
conposte,  devi  sapere  P.  che  una  era  tua  sorella  minore  e 
laltro  el  barbero  vecchio  busolo  dai  bafi  in  alto,  P.  me  ne 
sono  smarivigliato  a  vedere  tua  sorella  con  cuesto  barbero 
vechio  in  meso  ai  canpi  come  fose  pegio  dei  cani  brutto 
vecchio  in  namorato  cosa  mie  toccato  avedere  sono  resta  con- 
fuso  percho  non  credevo  perche  vedendo  cosi  chee  amica  di 
tuo  padre  non  avrei  creduto  manche  se  i  me  lavese  contato 
-  ma  ora  che  Io  visti  io  e  da  credere,  ti  pare.  Perora  non  ti 
dico  altro  solo  ovoluto  a  fartelo  a  sapere  per  che  non  o  po- 
tuto  a  tralusiare  volevo  avisare  anche  tuo  padre  ma  non  mi 
sono  rivolto  perche  non  aveva  il  coragio  ti  saluto  agurandoti 
tante  belle  cose  echeyenga  presto  la  pace,  non  ti  dico  chi  sono 
macuando  ritorni  mi  faro  conosere  che  sono  Arivederci  Presto. 

Die  Antworten  auf  Nachfragen  zeigen  wie  diese 
letzteren   eine  Höher-   und  Gleichberechtigung   des   Mate- 
riellen dem  Psychischen  gegenüber  (Reano — Mauthausen)  : 
Miano  fato  tutte  4  le  ormente  per  bene  ma  o  vuto  una 
disgrazia  che  mia  morto  un  vitello  di  un  meso  di  una  coliga 
in   una   note   la    ö    yenduto   a  G.  m.  a  ti  rato  L.  53,90  mia 
partori  la  mia  dona  una  bambina  per  bene. 


—     163     - 

(Mossa— Feldpost) : 

fino  addesso  abiamo  tutto  ma  la  vacha  non  si  a  cosa  dargli 
da  mang,  si  drovrä  vendere  come  il  mondo  fara  sono  seche 
abiamo  tutto  i  porchi  ancora  e  non  si  a  cosa  dargli  la  P.  se 
in  Italia  Saluti  di  tutto. 

(üdine — Laibach)  : 

in  riguardo  ai  afari  di  familgia  come  il  solito  abiamo 
fato  lavendemia  del  grano  abastanza  e  in  riguardo  alla  manzo 
si  lastä  aspetare  giorno  per  giorno  e  dunque  sefä  una  vitella 
come  dacordo  sinotrise,  i  filj  stano  bene  e  io  ancora  sano 
come  il  solito. 

Merkwürdigerweise  tauchen  auch  bei  den  gewohnten 
häuslichen  Angelegenheiten  Stilblüten  auf  wie  das  eben 
gelesene:  la  vendemia  del  grano;  ebenso  ist  die  Be- 
zeichnung eines  Tier  jungen  als  figlio  sprachlich  bemer- 
kenswert (ein  Flüchtling  in  Italien — Feldpost): 

altritando  se  anche  di  noi  e  dei  nostri  parenti  e  vicini 
di  piu  ti  dico  che  vemo  fatto  abastanza  racolta  per  vivere  e 
frumento  meteremo  se  sara  tempo  Adio  di  piu  in  stalla  vemo 
4  Vacche  e  2  Vittelli  e  la  Cavalla  e  sua  filia. 

Man  kann  von  einer  Art  Vermenschlichung  der  Tiere 
sprechen,  indem  die  Beziehungen  des  Menschen  aufs 
Tierreich  übertragen  werden.  Oft  wird  der  abwesende 
Ernährer  um  Direktiven  für  die  Führung  des  Hauswesens 
ersucht  (Vigo  di  Fassa — Volterra,  Toscana): 

adesso  e  come  la  primavera  niente  freddo  e  niente  neve 
e  il  fieno  labiamo  sempre  ancora  da  menare  ma  tutti  non 
solo.  Adesso  o  le  vache  e  la  vitela  se  averia  fieno  le  vorei 
tenerle  tutte  ma  non  so  se  fosti  tu  a  fieterare  capiresti  su- 
bito come  la  e  col  fieno  la  zia  vuole  che  Ja  venda  quella 
vacha  mora  e  la  nona  e  quei  de  pizagol  nianche  dunque 
scrivi  anche  tu  come  la  ti  pare  che  mi  non  so  come  fare 
con  tanti  che  comanda  laltro  di  le  arivato  un  todesco  mi  a 
oferto  600  corone  e  mi  a  dito  di  nö  perche  se  go  il  fieno 
non  voria  la  vendere  che  e  stata  molto  comoda  che  abiamo 
sempre  avuto  latte  e  ai  16  Aprile  la  fa  vitelo  ma  se  fosti 
almeno  dove  e  il  fratelo  P.  che  potessi  qualche  volta 
parlare  e  non  cosi  lontano  ma  adesso  forsi  ei  rivederemo  presto. 


—     164    — 

Auch  der  Abwesende  besitzt  die  patria  potestas  oder 
wie  eine  zitierte  Briefstelle  früher  es  ausdrückt: 

essendo  padre  di  famiglia,  tu  ai  dirito  di  sapere^  i 
affari  di  cäsa. 

Mit  der  Abwesenheit  des  Familienvaters  sind  anarchi- 
sche Zustände  gegeben,  ein  jeder  will  befehlen  und  un- 
willkürlich fallen  einem  Szenen  aus  der  Odyssee  ein: 
Die  sich  selbst  überlassene  italienische  Bauernfrau  ist 
eine  Penelope,  die  sich  der  vielen  Befehlshaber  erwehren 
muss.  Hier  sei  ein  langer  Brief  mitgeteilt,  die  x\ntwort  auf 
ein  Schreiben,  in  dem  eine  süditalienische  Frau  den  kriegs- 
gefangenen  Gatten  um  Rat  in  einer  Angelegenheit  bittet, 
in  der  leider  die  Mutter  das  grosse  Wort  führt: 

Dimia  Madre  orecivuto  unäletere  e  una  cartolini,  E  dove 
con  laletere  mia  Madre  midice  che  aripresse  la  caretta,  che 
latrovato  a  ventere  e  volute  sapere  il  prezzi,  E  ore  con  una 
cartoline  che  dove  mi  dicce  che  F^-  D.  volle  che  forse  ri- 
presse  la  Carretta  e  la  Coppietta  e  dove  midice  mia  Madre 
che  tie  richieste  la  Coppietta,  e  tu  dicce  che  glisie  lisposto 
che  io  atte  ti  lasono  donato,  e  mia  Madre  midicce  che  la 
Coppietta  e  dei  miei  fratelli,  Io  Cara  F.  non  lokredo  che  tu 
glisei  risposto  acossi,  perche  sobbene  come  sono  mia  madre 
Medice  sempre  una  cossa  per  unaldra,  E  ore  affatto  una  bella 
cartolina  a  mio  fratello  F°  D.  che  dove  glisono  detto  ele 
lacagion  che  mia  madre  dicce  sempre  una  cossa  per  unaldra, 
e  poi  cisono  messo  due  parole  anche  perlui  che  non  desse 
ascoldo  a  nostra  madre  che  sa  come  e  nostra  madre,  E  poi 
glisono  detti  che  lui  siffaccia  il  suo  fatto  non  sta  aufocare 
nostra  madre  perche  il  mio  fatto  milifacio  non  obisogno  dilui, 
E  poi  glisono  detto  a  pa  D.  che  la  Coppietta  ore  la  tenche 
io,  e  quanto  sono  ripartito  la  coppietta  lasono  lasattogiu  alla 
mia  ragazza,  perche  acassa  nostra  non  glifä  di  bisoguo,  e  poi 
glisono  detto.  Se  Idio  mi  preste  salute  che  mifa  ritornare 
quanto  ritorno  io  glirido  la  copietta  se  non  mi  fa  bisogno  a 
mö,  e  non  ritorno  io  che  iDio  mia  da  qualche  discrazie  alore 
va  F.  o  Gr.  da  riprente  la  coppietta,  ma  spette  per  mamma 
non  lariprente  mai  perche  fa  tante  diquelle  Ciarlle.  E  ora 
scrive  una  bella  lettere  per  mamma  pure. 


—     165    — 

So  schafft  der  abwesende  Hausherr  Ordnung  in  dem 
häuslichen  Staat. 

Punktweise  werden  die  häuslichen  Meldungen  erle- 
digt, wobei  die  pedantische  Aufzählung  im  Gegensatz 
zu  dem  derb-sarkastischen  Tone  steht  (Mauthausen— Or- 
bassano) : 

leri  ricevetti  una  lettera  dalla  sorella  C.  la  quäle  mi 
diceva  tante  cose.  Prima  di  tutto  che  il  padre  era  ammalato. 
Spero  che  a  quest'ora  sia  gia  guarito  e  che  goda  buona  sa- 
lute.  La  secoüda,  che  il  fratello  L.  hatte  il  mulo  ogni  tanto. 
Se  lui  hatte  il  mulo  yoialtri  battete  lui  fintanto  che  lavrete 
domato.  Non  stante  che  ha  avuto  tutte  le  fortune  cerca  an- 
cora  di  far  girare  i  coglioni.  Avrebbe  bisogno  di  provare  a 
fare  le  vitacce  che  si  £a  al  fronte.  La  terza  che  il  nostro 
boaro  deve  andare  alla  visita  medica  nella  quäle  di  certo  lo 
farano  abile;  fategli  coraggio  e  salutatelo  da  parte  mio. 

Bemerkenswert,  wie  im  folgenden  Beispiel  das  Lesen 
als  ein  Hören  dargestellt  und  ferner  wie  auf  jeden  Satz 
des  erhaltenen  Briefes  eine  spitzige  Bemerkung  zurück- 
gegeben wird  (Mauthausen— Pontremoli,  Massa  Carrara): 

Caro  Padre! 

Oggi  medesimo  rispondo  alla  vostro  lettera  della  datta 
12  Luglio,  dove  sento  che  midite  che  vidispiace  molto  del 
mio  buon  apetito  che  temgo,  ma  io  invece  sono  adirvi  che 
idispiaceri  saranno  tanti,  ma  i  pachi  che  miavete  spedito  fino 
adesso  sono  pochi.  Epoi  sento  anche  questa  di  parola  che 
presto  siripotremo  rivedere,  e  che  sarä  mezo  dirimediare  dove 
sarä  il  bisogno  per  potere  rimetere  la  persona  al  ben  stare  di 
unna  volta,  ma  io  vipossodir  questo  che  quelle  bestie  che 
more  dinverno  non  possono  rivarea  vedere  la  primavera.  e 
chivole  rivederle  imprimavera  bisogna  curarsene  delliverno  e 
cosi  viprego  anche  voglialtri  che  vicurate  umpopiii  di  me, 
che  io  viposso  dire  che  con  un  anno  che  ormai  che  sono 
prigioniere  da  voi  ho  ricevuto  solo  che  il  primo  vaglio  che 
miavete  mandato,  e  dei  pachi  lo  sapete  quanti  minavete  spe- 
dito e  per  questo  non  ocora  che  vilimeta  nianche  il  numero 
e  per  questo  sono  apregarvi,  se  volete  rivedermi  ritornare 
aritrovarvi  ungiorno  midovete  spedirmi  pachi  di  pane  pane  pane. 


—     166    — 

Poi  sento  anclie  che  il  giorno  20  Giiigno  viano  preso 
Unna  vacina,  midispiace  che  via  preso  la  meglio  ma  bisogna 
avere  pazienzia  perche  mia  preso  anchio.  e  poi  sento  che 
midine  chevamale  nella  campagna  se  nonpiove,  e  invece  qui 
done  sono  io  perche  avrai  piacere  che  mirase  del  solle,  piove 
dei  giorni  diseguito  che  sembra  che  sidistacano  le  caterate 
dal  cello.  Poi  sento  che  midite  che  vitoca  fare  unna  fattica 
da  bestia  da  vota  al  fieno  e  di  tuto  questo  midispiace  ma 
non  viposo  farvi  nieute  perche  sono  tropo  lutano  da  voglialtri 
portante  pazienzia  che  un'altrano  speriamo  cho  nofarete  quella 
fatica  che  via  tocato  fare   questano. 

Altro  non  saprei  piü  che  dir  vi  solo  che  dirvi  che  mi- 
salutatte  tutti  ipaesani  e  tutti  imiei  compagni  che  sapete  no- 
tizia  di  loro. 

Die  Frage  dimmi  com'e  in  Italia  in  ihrer  unsach- 
lichen Allgemeinheit  wird  selten  mit  einem  Überblick  über 
das  Leben  der  Gesamtheit  beantwortet:  so  sind  denn  naive 
und  dabei  doch  ernste  Darstellungen  wie  die  folgende 
vereinzelt  (Bologna— Mauthausen) : 

Giacche  vuoi  sapere  della  nostra  cara  Italia  ecco  qui 
qualche  parola 

P  Cosa:  Tutte   le  ragazze  senza  amante 

2°  Le  donne  di  maleffare  senza  la^oro 

3^  Giovani  di   lo  anni  costretti  avere  otto  dieci,  ragazze 

4^  I  divertimenti  sono   meno 

5^  La  nazione  in  lutto.  In  modo  tale  che  tutto  e  quieto 
perchö  ogni  buon  cittadino  che  abbia  buon  senso  che  abbia 
idea  di  nationalismo  pensa  ai  fratelli  in  pericolo  e  lascia  il 
divertimento  e  tutto.  Io  che  sono  di  tua  idea  sono  malin- 
conico  e  penso  all  destino  della  nostra  grande  Italia. 


167    - 


XVI. 

Die  sich  auf  die  Führung  der  Geschäfte  beziehenden 
Nachfragen  sind  gewöhnlich  mit  einer  Bitte  verbunden. 
Meist  begehrt  der  Kgf.  zur  Steigerung  seines  leiblichen 
Wohles  ein  Packet,  das  die  schwere  Gefangenschaft 
erleichtern  helfen  soll.  Die  Bitte  ura  eine  Liebes- 
gabe pflegt  unmittelbar  nach  der  Erwähnung  der  wich- 
tigsten Tatsachen,  der  Gefangennahme  und  des  Wohlbe- 
findens, ihren  Platz  zu  finden.  Sie  besteht  unfehlbar  in 
calze.  mutande,  maglie,  Dingen,  die  dem  Italiener  in 
unserem  Klima  fehlten,  aber  auch  in  roba  da  mangiare, 
vor  allem  aber  in  soldi,  vaglia  (auch  vaglio  genannt), 
besonders  geschätzt  ist  der  vaglia  telegrafico!  Aus 
den  italienischen  Gefangenenbriefen  kann  man  so  recht 
den  Goethe-Satz  „Am  Golde  hängt,  nach  Golde  drängt 
doch  x\lles"  erhärten,  während  die  österreichischen  Ita- 
liener in  Italien  und  in  Russland,  wie  sie  im  Allgemeinen 
weniger  jammern,  auch  weniger  anspruchsvoll  in  ihren 
Forderungen  sind.  Nur  vereinzelt  finden  sich  Äusserungen 
wie  die  eines  Soldaten  der  österr.  Front  an  einen  Kgf. 
in  Kirsanoff: 

io  mi  drovo  sanno  e  sto  meno  male  ma  borretta, 
wobei  jedoch  die  humorvolle  Situation  zu  beachten  ist,  dass 
der    Geldbedürftige    seinen    Geldmangel    nach    Russland 
meldet. 

Welche  sü«se  Töne  findet  indes  der  Kgf.  in  Maut- 
hausen, um  seinem  Vater  in  New  York  Geld  abzu- 
schmeicheln : 

Caro  Padre  Vorrei  sapere  se  ai  ricevuto  lamia  ultima 
lettera  il  cuale  tifacevo  sapere  che  io  souo  Prigioniero  in- 
austria.  come  pure  tifacevo,  sapere  semipuoi  mandare  qualche 
cosa  di  denaro  che  mi  trovo  sensa  un  soldo  Caro  Padre  per- 
donami  seio  timando  a  chiederti  del  denaro  che  vuoi  e   pro- 


~    168    — 

prio  la  necessita,  che  dopo  tanto  tempo  che  mi  trovavo  al 
fronte  misono  ridotto  sensa  un  soldo  intasca,  parcio  settucrede 
emmivuoi  mandare  del  denaro  subito  attendo  la  tua  risposta^ 
teneprego  Caro  Padre  di  compiacerti  e  mandarmi  del  denaro 
che  mifa  Caldemente  di  bisogno  percomprarmi  cualchecosa  che 
mie  necessario. 

Besonders  zu  den  Festen  wird  das  Geld  sehr  nötig 
(Kufstein — Sacile,  Udine): 

vi  prego  di  mandarmi  unpoco  di  denaro  che  mi  ritrovo 
schiavo  di  un  soldo  io  almeno  per  fare  le  feste  di  natale, 

WO  der  Ausdruck  schiavo  (gleich  privo)  den  Gedanken 
nahelegt :  wer  ein  Bedürfnis  fühlt,  ist  dessen  Sklave.  Aber 
des  Geldes  Sklave  ist  man  nicht  nur  zu  Weihnachten^ 
„faute  d'argent  c'est  douleur  sans  pareille",  singt  ein 
französischer  Dichter. 

(Mauthausen — Udine) : 

se  avete  in  tenzion  di  mandarmi  soldi  mandateli  pure 
che  io  non  li  mangio  malamente  sapete  an  che  voialtri  che  i 
soldi  coventano  sempre. 

Selten  sind  die  Idealisten,  die  eine  Photographie 
einer  Sendung  von  hundert  Kronen  vorziehen  (Fez,  Ma- 
rocco — Male): 

se  vi  fosse  mezzo  di  cete  ai  fratelli  chei  manda  la  sua 
Fotograf ia  che  saria  ben  contento  melio  che  100  Corone. 

Schön  noch,  wenn  die  soldi  neben  Nachrichten  aus 
der  Heimat  als  dringendstes  Desiderat  erscheinen  (Maut- 
hausen— Sarnico,  Bergamo) : 

sto  qui  aspettare  tue  nuove  e  soldi  anca  a  casa  mandai 
adire  di  mandarmi  stessa  somma  ansi  digli  amio  padre  quando 
che  mi  manda  soldi  sinformi  bene  all  uficio  postale  in  che 
modo  deve  spedirmeli. 

Das  Geld  drängt  sich  herrisch  in  den  Vordergrund, 
wenn  es  knapp  nach  sehr  sparsam  bemessenen  Ausdrücken 
des  Schmerzes  über  den  Verlust  eines  Kindes  genannt 
wird  (Mauthausen — Lecce): 


—     169    — 

Carissima  Moglie,  Vi  facio  sapere  che  o  ricevuta  la  tua 
desiderata  letera  da  ine  tanto  desiderata  ma  son  rimasto  un 
dispiaciuto  neu[?]  sentire  che  la  bambina  era  morta  e  io  non 
ne  sapeva  niente  e  vi  facio  sapere  che  ancora  il  vaglio  non 
lo  avuto. 

Geld  macht  gemein.  Von  bodenloser  Gemeinheit  er- 
zählt folgende  Karte  (Omsk— Triest): 

Cara  madre  ti  facio  sapere  che  io  mi  ritrovo  sensa  un 
soldo  cosi  se  anche  ricevete  pochi  scritti  di  me  vi  prego  di 
non  avelirsi  e  di  non  perdervi  di  coragio  perche  tutte  queste 
cartoline  che  io  vi  ho  scritto  le  ho  comprato  di  principio  e 
adesso  mi  ritrovo  sensa  soldi  e  sensa  cartoline  e  qua  non  se 
nessuno  che  aiuta  finache  iero  son  pepi  da  ...  e  quel  famoso 
detoni  de  S.  fina  co  lavevo  qualcosa  de  darghe  iero  bei  e 
bon  e  dopo  noi  voleva  conoscerme  neanche  per  una  scovasa 
Cara  mamma  ti  savero  contar  qualcosa  quando  di  quel  porco 
de  toui  de  s.  cosi  dighe  pur  a  M.  i  bei  trati  chel  gavudo 
con  mi   quel  porco. 

Die  vom  Schreiber  angeführten  Gründe  fürs  Nicht- 
schreiben  wird  man  nicht  ohne  weiters  glauben  können, 
im  Zeitalter  der  Feldpostkarten  kann  Geldmangel  nicht 
als  Argument  gelten.  Dass  Geld  ein  allerdings  nur  vor- 
übergehend zusammenschweissender  Kitt  zwischen  Kriegs- 
gefangenen ist,  haben  wir  übrigens  schon  im  Kapitel  über 
die  Kameraden  bemerkt. 

Nicht  nur  von  Omsk  nach  Österreich,  sondern  auch 
von  dem  österreichischen  „Intelligenzlager"  Göllersdorf 
nach  Pola  musste  die  Post  Ünflätigkeiten  befördern: 

Oggi  ho  ricevuto  un  suo  vaglia  di  C  17.40,  io  non  so 
di  cosa  si  tratta,  prego  di  darmi  spiegazioni.  Io  non  posso 
che  ringraziarlo  per  il  suo  buon  cuore,  perö  con  quella  mi- 
seria  f aceva  melio  andare  da  Cassio,  a  f are  un  merendino, 
che  faceva  piu  bella  figura,  ci  vuole  proprio  in  questi  mo- 
menti  un  bei  coraggio  per  mandare  una  simile  miseria,  adesso 
vedo  con  chi  ho  da  fare,  grazie.  Vuol  dire  che  Cristo  non  e 
ancora  morto,  che  chi  le  fa  le  aspeta,  bravo  muso  adio  ci 
rivederemo.  , 

„Wer  Geld  hat  dem  geht's  gut",  eine  ebenso  wahre 


—     170    - 

wie  banale  Behauptung  (ein  Kanonier  iuPola  an  seine  Frau) : 

Giulio  sta  bene  alse  caporal  soldi  nonghe  mancha  lui  sila 
[passa]  benissimo. 

Der  eineu  Korporal  um  seinen  Gehalt  beneidende 
Kanonier! 

Wir  haben  schon  im  Bisherigen  verschiedene  Proben 
jenes  selbstverständlichen  Egoismus  kennen  gelernt,  mit 
dem  der  italienische  Kriegsgefangene  Anspruch  auf  Sen- 
dungen seiner  Angehörigen  erheben  zu  dürfen  glaubt: 
hat  er  das  Vaterland  mit  seinem  Leibe  gedeckt,  so  mag 
dieses  nun,  da  er  nach  Erfüllung  seiner  Pflicht  auch  noch 
das  harte  Los  der  Gefangenschaft  ertragen  muss,  seinen 
Sohn  gebührend  unterstützen.  Der  naive  Egoismus  der 
Italiener  kommt  so  recht  in  der  egozentrischen  Weltauf- 
fassung zum  Vorschein,  er  disponiert  ruhig  über  die  Habe 
der  Verwandten :  um  den  Kgf .  zu  unterstützen,  muss  selbst 
das  unbewegliche  Gut  oder  das  Vieh  zu  Geld  gemacht 
werden  (Mauthausen— Vigevano,  Udine) : 

manda  danaro  se  noii  ne  ai  vendi  uria  vacha  che  qua 
vuol  soldi  0  la  pelle  si  lascia. 

Die  eigene  Haut  ist  dem  Italiener  heilig  —  basta 
salvarci  la  pelle,  ist  eine  uns  schon  bekannte  Redens- 
art und  die  zahlreichen  italienischen  Deserteure  wissen 
auch  nichts  anderes  zu  sagen  als:  la  mia  pelle  e  salva. 
Freuen  wir  uns,  dass  das  Geld  nicht  immer  eine 
unedle  Note  in  die  Korrespondenzen  bringt  (Katzenau — 
Livensa,  Venedig): 

sapi  che  tio  spedito  lire  50  e  quando  lericevi  fami  sa- 
pere  subito  e  conquele  vesti  le  mie  care  io  meleo  tolte  dala 
Boca  di  piu  non  poso  tienti  una  regola  quäl  che  Bichiere 
divino  coragio  Maria. 

Was  die  übrigen  Bitten  anbelangt,  so  kann  hier  natürlich 
von  keiner  Aufzählung  all  der  Gegenstände  die  Rede  sein,  die 
aus  der  Gefangenschaft  oder  Internierung  verlangt  werden; 
im  Übrisren   kennt  der  erfahrene  Zensor  die  ermüdende 


( 


-    171    - 

Gleichförmigkeit  der  Bitten,  die  sich  ohneweiters  auf  die 
zwei  Kapitel:  indumenti  und  roba  da  mangiare  zu- 
rückführen lassen.  Dass  der  Italiener  etwas  verweichlicht 
seine  Lage  viel  schlechter  darstellt  als  sie  in  Wirklich- 
keit ist,  mit  sich  ungeheures  Mitleid  hat  und  diese  Empfin- 
dung auch  auf  seine  Angehörigen  zu  übertragen  versucht, 
daher  in  Ausdrücken  wie: 

son  privo  di  tutto,  sono  ridotto  a  proprio  niente,  mi 
trovo  nella  piü  squallida  miseria,  non  so  se  potrö  tornare  a 
casa,  non  potete  immaginare  in  che  tristi  condizioni  mi  trovo  etc. 

schwelgt,  ist  für  keinen  Kenner  des  italienischen  Volks- 
charakters und  der  diesem  Volke  eigenen  Rhetorik  neu 
und  wird  vom  kundigen  Leser  bloss  mehr  als  eine  Spe- 
kulation auf  Tränendrüsen  und  Beutel  der  Angehörigen 
empfunden.  Wieder  zeichnen  sich  die  Frauen  als  die 
Gebenden  vor  den  Männern  als  den  Nehmenden  und  For- 
dernden aus: 

Guarda  caro  marito  io  farö  tutto  quello  che  posso  per 
aiutarti  ti  manderei  il  cuore  se  potessi. 

Solchen  rührenden  Äusserungen  gegenüber  könnte 
die  Sentimentalität  eines  Mannes,  dem  das  Herz  vor  Freude 
über  ein  Esspacket  zerbirst,  fast  widerlich  berühren,  stellte 
sich  nicht  gleich  die  Erwägung  ein,  dass  der  Hunger  der 
Kgf.  alles  Mass  von  bisher  dagewesenem  Hunger  übertraf 
{Katzenau— Cavasso  Nuovo,  üdine): 

Con  molta  gioia  ieri  ho  ricevuto  il  vostro  pachetto  con- 

tenente  due  pezzidi  formaggio   un  paio  di    calzetti   uua   mela 

6  noci  e  castagne  qviesta  per  me  mi  £u  una  grande  gioia  che 

mi    scoppio    sino    il    cuore    dell'    allegria    vendondo    arrivare 

.   questa  roba. 

Bei  den  Bitten  um  Kleider  und  sonstige  Gebrauchs- 
gegenstände fällt  eine  gewisse  Eitelkeit  auf,  die  der  Italiener 
nelle  ore  della  sventura  auch  nicht  verleugnet: 
Wehe,  wenn  Rasierseife  und  Rasierspiegel  in  dem  Packete 
fehlen!  (Laibach— Castelferro,  Alessandria): 

Vi  siete   dimenticati   di  metterci  lo  specchio  o  saponetto» 


—     172    - 

Kleidungsstücke  sollen  nicht  nur  warm  sondern  auch 
geschmackvoll  sein,  eine  kokette  modische  Note  passt  so 
recht  zum  italienischen  Charakter,  dem  das  Ästhetische 
Bedürfnis  ist  (Theresienstadt— Vicenza) : 

Mi  puoi  spedire  un  paco  di  eh.  5  e  il  mio  vestito 
dinverno  il  mio  beretto  nuovo  capello  una  camicia  di  quelle 
che  costumano  adeso  con  le  punte. 

Bei  den  mutande  ist  die  Person,  die  sie  verfertigt 
hat,  nicht  gleichgültig:  in  dem  folgenden  Beleg  lebt  an- 
lässlich eines  derartigen  sinnigen  Geschenkes  eine  ganze 
Liebesgeschichte  vor  uns  auf  (Mauthausen— Sorrento) : 

ho  ricevuto  una  maglia  una  mutante  2  fazzoletti  3  pa- 
chetti  tringiato  2  libretti  di  cartino  e  mezzo  cacicavallo  noce 
e  taralli  io  sono  molto  contento  ma  il  pacco  era  troppo  mes- 
chino  ma  ne  vorrei  unaltro  con  la  medesima  biancheria  e 
mandarmi  il  libro  mio  grande  di  messa  che  voi  gia  sapete 
la  scatola  che  gi  mettevo  il  Tabbacco  un  po  di  sapone  per 
barbe  un  pachett  o  di  sigarette  macedonia  e  un  gilfe  se 
potrei  avere  quel  gile  del  costume  ,blii  e  metterci  angora 
qualchecosa  da  mangiare,  mamma  carissima  fate  i  miei  auguri 
al  mio  fratello  A.  come  pure  al  comparo  pare  A.,  mamma 
carissime  le  mutante  gia  lo  messi  io  vi  dico  che  mi  vanna 
troppo  bene  ma  io  sto  in  pensiero  gredo  che  saranno  State 
fatte  da  una  persone  che  non  mi  pensava  mai  che  de  prig- 
gioniero  portasse  un  suo  lavore  addesse  in  taute  se  io  non 
mi  sbaglio  me  lo  fate  sapere  in  gaso  contrario  se  avete  la 
fortuna  di  parlarci  con  quella  ragazze  che  tanto  lo  amete  gi 
dite  che  io  non  mi  sono  angora  dimentica  e  no  mi  dimenti- 
chero  mai  e  io  di  qua  lo  scritto  pure  e  finora  non  o  avute 
nessuna  notizia  voi  questa  racazze  gia  sapete  chie  e  S. 

Die  verschiedensten  Bedürfnisse,  geistlicher  und  ma- 
terieller Natur,  stehen  nebeneinander:  Messbuch  und  Gilet^ 
Wäsche  und  Tabak  —  und  als  „souvenir  d'amour'*  — : 
mutande!  Nachdenklicher  stimmt  es,  wenn  ein  Kgf. 
neben  Kleidern  einen  Kalender  verlangt: 

ti  ripeto  di  mandarmi  indumenti  invernali  e  .  .  .  un  ca- 
lendario  di  1916. 

Dieser  Wunsch,   der  in   rührender  Weise  die  Sehn- 


—    173    — 

sucht  verrät,  mit  der  der  Kgf.  Tage  und  Stunden  bis  zu 
seiner  Rückkehr  nach  Italien  zählt,  ist  gar  nicht  ver- 
einzelt (Mauthausen  nach  Italien): 

appena  che  mi  mandi  una  lettera  mi  fai  im  gran  piacere 
.di  mandar  mi  un  Calendario  hai  capito. 

In  der  Gefangenschaft  bleibt  ja  die  Uhr  stehen,  das 
Zeitgefühl  entschwindet  dem  Gefangenen  und  „sieben 
Monate  erscheinen  ihm  wie  sieben  Jahre". 

Mit  den  Verhältnissen  des  Kgf.  und  Intern,  hängt  es 
zusammen,  dass  diese  die  Beschenkten  sind;  umso  liebens- 
würdiger berührt  es  uns,  wenn  ein  Soldat  oder  Kgf.  daran 
denkt,  seinen  Lieben  nach  dem  Feldzug  etw^as  mitzubringen 
(ein  Militär-Arbeiter  in  Krain  nach  Cormons): 

E  inriguardo  che  mio  fratello  L.  dimanda  sempre  de 
mi  dighe  che  al  staghi  contento  che  ghe  go  conprado  a  Graz 
giocatoli  che  lui  noi  li  ga  mai  visti  cosi  bei,  quando  verö 
ha  casa  ghe  li  portero  per  intanto  addeso  che  gioghi  con  quei 
che  gavevo  io  ha  casa  e  poi  go  conperado  anche  a  Graz  due 
belissime  puppe  per  mie  sorelle  E.  e  N-  E  dighe  a  miei  cari 
nonni  che  io  ghe  voglio  assai  bene,  e  dighe  al  nonno  che 
quando  verö  ha  casa  ge  portero  una  superba  prima  come 
detto  pippa  e  alla  nonna  ghe  portero  una  scatola  per  il  ta- 
baco  de  naso,  che  la  nasi  che  no  la  staghi  sigar  tanto  piu, 
perche  bevevo  il  caffe  alla  sera  alle   10  a  casa. 

(Mauthausen— Sorrento) : 

dite  alla  sua  cugina  T.  che  io  li  ho  preparato  un  bei 
ricordo  se  il  buon  Dio  mi  farä  la  grazia  di  venire  a  casa 
ge  Io  consegno  con  le  mie  propie  maiie. 

Einer  der  wenigen  in  Mauthausen,  die  nichst  ver- 
langen, sondern  versprechen  (nach  Saluzzo,  Cuneo): 

Cara  mamma  se  noh  mi  ai  aucora  mandato  il  paco  non 
madarmelo  perche  non  volio  che  tu  faccia  dei  sacrifici  per 
me.  I  miei  padroni  non  mi  lasiano  mai  mancar  nulla  percio 
6  inutile  delle  tue  privazioni  per  me  tu  che  sei  povera  .  .  . 
quando  verro  in  in  Italia  cara  mamma  vorrö  lavorare  de 
Chaufer  e  non  ti  faro  mancar  nulla  e  compererö,  dei  vesti- 
tini  per  la  mia  cara  sorellina  che  mi  vuol  tanto  bene. 


-     174    - 

Das  Bitten  und  Betteln  hat  im  Krieg  unermesslicJie 
Dimensionen  angenommen:  die  Kgt'.,  die  vom  selbst  aus- 
gehungerten Wirtland  nicht  ernährt  werden  konnten,  waren 
auf  die  Hilfe  ihrerAngehörigen,der  verschiedenen  Rotkreuze 
im  neutralen  oder  feindlichen  Ausland,  der  geistlichen 
Missionen  (Nuntiatur  etc.),  privater  Wohltäter  (Patenschaft) 
angewiesen  und  die  Zensurbehörde  wusste  ein  Lied  zu 
singen  von  den  Massenbettelbriefen,  die  täglich  bei  ihr 
einliefen  :  da  wurden  von  einem  Gefangenen  oft  10  Karten 
an  die  Rotkreuze  von  Rom,  Haag,  London  etc.  versandt. 
Der  Stil  dieser  Bittschreiben  schwankte  in  allen  Nuancen 
zwischen  Wut  und  Unterwürfigkeit  hin  und  her.  Ein  ge- 
lungenes Schreiben  eines  Kgf.  Sergente  an  die  Mailänder 
Schauspielerin  Lidia  Borelli  wird  später  erwähnt  werden, 
das  Tasten  des  Heroismus  und  der  tragischen  Pose  nur 
anschlägt  —  um  einer  Unterstützung  willen. 

Das  ironische  Schreiben  des  Granfame  Patiscie(!) 
an  Salandra  ist  in  Umschreibungen  des  Hungers 
S.  19  erwähnt. 


xvn. 

Bei  den  Bitten  um  Esswaren  fällt  vor  Allem  die 
bekannte  Bescheidenheit  und  Genügsamkeit  des  Italieners 
auf:  pasta  asciutta,  Weissbrot,  Käse,  Salami,  Feigen  fehlen 
dem  Italiener  natürlich  in  unseren  Gegenden.  Was  der 
Italiener  als  erlesene  Genüsse  erbittet,  mag  einem  ver- 
w^öhnten  „Friedensgaumen"  nur  eine  zweifelhafte  Delika- 
tesse scheinen  (Mauthausen  — Novara) : 

e  poi  mi  spedite  due  pacchi  non  meno  di  5  chili  uno 
contenente  un  paia  di  mutande  e  una  camicia  e  calze 
e  fazoletti  e  un  paia  di  chilo  di  salame  di  cavalio  o 
pure  di  asino  e  laltro  contenente  pane  pure  di  grano  turco 
che  e  meglio. 


—    175    — 

(Etappengebiet— Padua) : 

se  potete  inaiidatemi  due  fugase  cote  soto  il  fuoco  che 
ame  sono  tanto  oro. 

(Mauthauseii — Pavia) : 

ora  attendo  qualche  pacchetto    contenente   Cremonese   e 


UOll 


cremonese,  t'ichi  secchi  e  altra  frutta. 


Spezialitäten  und  Delikatessen  werden  anderseits  mit 
der  Pedanterie  eines  Feinschmeckers,  der  in  einem  der 
grosstädtischen  Gallerierestaurants  seine  Gourraetkünste 
zu  üben  gewohnt  ist,  gefordert  (Mauthausen— Brognolligo, 
Costalunga,  Verona): 

Ora  vi  prego,  che  ogni  otto  o  quindici  giorni  mi  spedite 
dei  pachi  contenente  fugaccie  di  Pasqua  o  brasadeloni  ed 
del  formaggio   ed  altra  roba. 

Mehr  als  ein  Gefangener  ordnet  in  gewissen  Zeitab- 
schnitten, besonders  aber  für  Festtage  Paketsendungen  an, 
einer  behauptet  sogar,  erst  wenn  das  Paket  da  sei,  werde 
für  ihn  Weihnachten  sein:  für  ihn  ist  also  Weihnachten 
ein  bewegliches  Fest,  dessen  Datum  vom  Eintreffen  des 
Pakets  abhängt.  Dabei  sollen  die  Angehörigen  fein  bei 
der  Wahl  der  Gegenstände  aufpassen,  damit  die  teuere. 
Ware  unterwegs  nicht  verderbe  (Kufstein— Cetraro): 

Per  il  S.  Natale  aspetto  un  bei  pacco  da  manciare 
mandandomi  cose  che  non  siguastano,  perche  vi  vuole  piü  di 
un  mese  per  arrivare,  e  quel  che  puoi  fichi  secchi  ecc.  poi 
molto  piü  in  la  verso  il  carnevale  me  ne  mandi  un'altro  lo 
stesso,  con  quelche  cosa  di  salame.  Questo  di  Natale  cerca 
spedirmelo  presto  o  statevi  allegri  mi  comprerö  dei  dolci 
liquori. 

Während  dem  Reichsitaliener  eine  gewisse  quengelnde 
Art  des  Mitleids  mit  der  eigenen  Körperlichkeit  eigen  ist, 
kann  der  österreichische  Italiener  Abhärtung  in  leiblicher 
Beziehung  zu  seinen  Vorzügen  zählen.  Aber  auch  er  be- 
obachtet und  verzeichnet  ängstlich  sein  Aussehen  und 
sein  Gewicht ;  allerdings  waren  die  Ernährungsverhältnisse 


-     176    — 

in  den  österreichischen  Alpenländern  tatsächlich  katastro- 
phale. Für  Magerkeit  und  Dicke  finden  sich  allerlei  an- 
schauliche Bilder  und  die  Zahl  der  Kilogramme  wird  ge- 
wissenhaft gebucht  (ein  Mil.-Arb.  in  Krain  nach  Cer- 
vignano) : 

Quando  mio  padre  verä,  ha  casa  .  .  .  vederä  e  che  bon 
che  al  se  diventa  io  due  settimane  fa  iero  ha  trovalo  ma  al 
iera  come  un  agnello  bon  .  .  .  adesso  io  peso  76  chili  e  quando 
iero  lia  casa  pesavo  68. 

Heeresdienst  scheint  Gewichtszunahme  zu  bewirken 
(ein  Soldat  in  Cilli  nach  Villesse): 

da  mangiare  non  manca  io  sono  grasso  che  peso  fiiio 
a  92  chih, 

dick  sein  „wie  ein  Schwein"  ist  ein  Idealzustand  (Fiume — 
Slobodskoi,  Russland): 

sono  grande  e  grosso   come  nn  porco. 

Frauen  verzeichnen  ebenfalls  mit  Genugtuung  eine 
gewisse  Rundlichkeit  der  P'ormen  und  Farbenpracht  des 
Aussehens.  Wohl  ironisch  ist  aber  gemeint  (Prossnitz— 
Katzenau) : 

sono   bianca  rossa  e  grassa  e  peso  30  chili. 

Als  ständiger  Vergleich  für  schlechtes  Aussehen  gilt: 
asciutto  come  un  baccalä  und  gar  bitter  ironisch 
klingt  die  Aussage  (Katzenau — Ragusa): 

sono  diventato  graecio  come  una  sardella. 

(Feldpost — Raabs  a.  Thaya) : 

G.  come  S.  r.  sono  addiritura  delle  candele  che  stanno 
per  spegnersi. 

„De  la  panse  vient  la    danse":    auch  der  Italiener 
sieht    essen    und    trinken    als    erste    Voraussetzung   des 
Lebens  an:  sogar  das  Comit6,  das  den  Internierten  unter- 
stützen soll,  wird  gelegentlich  durch  ein  Sprichwort  belehrt: 
il    primo    sempre    il    mangiare    e    pol    il   resto,    dice  il 
proverbio. 


—     177    — 

Die  Verehrung  des  Magens,  des  „dieu  gastripotent", 
wie  Rabelais  sagt,,  feiert  in  den  italienischen  Korrespon- 
denzen wahrhafte  Orgien :  la  pancia  und  il  ventricolo 
werden  immer  mit  einer  aus  zärtlicher  Rücksicht  und 
religiöser  Scheu  gemischten  Feierlickheit  erwähnt.  Der 
Schmerz,  den  Bauch  leer  zu  haben,  ist  unermesslich  (Maut- 
hausen—Vicerno,  Basilicata): 

io  avevo  lapansa  pieno  come  lavete   voi  sai  che   io    la- 
tengo  sempre  vacanta. 

Wie  sind  doch  die  satten  Menschen  so  böse:  „pancia 
piena  non  pensa  per  la  vuota",  so  war  in  vielen  Bitt- 
schreiben zu  lesen. 

Während  bei  dem  deutschen  Sprichwort  „Essen  und 
Trinken  hält  Leib  und  Seele  zusammen"  der  Akzent  zweifellos 
vor  allem  auf  Essen  fällt,  geht  in  Italien  bekanntlich 
Trank   vor    Speise    (Mauthausen— Rive  d'Arcano,  üdine): 

se    idio    milasia    la    salute    spero    diritornare   abere    uu 
bichiere  divino. 

Man  muss,  um  diesen  einfachen  Satz  zu  verstehen, 
den  Italiener  in  Frascati  unter  den  schattigen  Treillagen 
der  osteria,  behaglich  und  ohne  Eile,  unter  Lachen  und 
Mandolingezirpe,  das  Gewächs  seiner  Berge  gustieren  ge- 
sehen haben !  Wir  hätten  schon  in  dem  Kapitel,  in  dem 
wir  die  Dinge  besprachen,  nach  denen  sich  der  Gefangene 
zurücksehnt,  das  Verlangen  nach  dem  heimischen  Wein 
aufzählen  können:  sehr  häufig  sind  Ermahnungen  an 
die  Angehörigen,  auf  den  Wein  besonders  achtzugeben 
(Mauthausen— Pordenone,  Udine): 

P.  S.  Tiene  da  conto  del  vino  che  spero  venire  anchio 
a  beverlo  un  poco  Adio  ora  acqua  di  Ponpa  il  Mangiare  poco, 

Mit  der  Marke  Chäteau  Lapompe,  die  ihm  in  der 
Gefangenschaft  serviert  wird,  kann  sich  der  Kriegsgefan- 
gene nicht  zufrieden  geben  . . .  „Hebet  eine  Flasche  für 
meine  Rückkehr  auf"  (Bratainisa — Perteole,  Cervignano): 

Spitzer,  Ital.  KriegsgefangenenbrJefe.  12 


—     178    — 

Caro  padre  per  le  feste  di  Pasque  parechia  la  pagnoca 
e  i  uovi  e  salva  2  ettolitri  di  vino  che  spero  di  essere  a  casa, 
in   Salute  come  che  iero  prima. 

„Trinket  vorläufig  eine  Flasche  Wein  auf  mein  Wohl 
in  Erwartung  der  glücklichen  Tage  meiner  Rückkehr,  wo 
wir  viel  mehr  trinken  werden"  (Mauthausen— Serravezza, 
Lucca) : 

Caro  Padre  Credo  che  abbiate  vendemmiato,  guardate 
d.  conservate  un  fiasco  di  vino  per  il  mio  ritorno,  al  presente 
bevete  un  bichiere  alla  mia  salute  alla  mamma  fategliene 
bere  due  e  ditegli  che  non  penzi  a  male, 

eine  hübsche  italienische  Variante  des  deutschen  „Jeder- 
man  ein  Ei,  dem  braven  Schweppermann  aber  zwei".  Der 
Weingenuss  bei  der  Rückkehr  wird  eine  Blutregeneration 
zur  Folge  haben  (Mauthausen— Acqualunga,  Brescia): 

sono  felice  sentire  che  avete  fatto  un  buon  raccolto 
colla  campagna  e  anche  con  Tuva,  che  cosi  quando  verro  in 
Italia  mi  potro  rifare  il  sangue  nuovo  nella  vene. 

„Trinket,  aber  lasst  mir  auch  etw^as  übrig"  (nach 
Labino) : 

Piu  presto  non  vi  bevete  tutto  il  vino.  Lasciatemene 
unpö  anche  a  me  che  o  gran  diritto. 

Der  Kgf.  ist  sich  der  Rechte,  die  ihm  eben  durch 
die  Tatsache  seiner  Gefangenschaft  zukommen,  merk- 
würdig bew^usst. 

Bei  einem  Trünke  Weins  wird  man  nach  dem  Kriege 
der  ausgestandenen  Leiden  lächelnd  gedenken  (Okrisko — 
Katzenau) : 

armiamoci  diforza  ecoragio  che  vera  un  giorno  che  fa- 
remo  una   buona  bevuta  il  Calzenao. 

Leben  und  Lebenlassen,  das  ist  eine  gute  Moral: 
daher  auch  Trinken  und  Trinkenlassen! 

Von  einer  Frau  stammt  eine  Kapuzinerpredigt  über 
den  Wein,  die  Rabelais  —  auch  in  der  pedantischen  Form 


—    179    — 

der  Aufzählung  der  Gründe  der  Vortreff lickeit  dieses  Ge- 
tränkes —  alle  Ehre  machen  würde  (Eferding— Katzenau): 

dunque  sempre  avantiü  coraggioü  !  mai  passionü  pansa 
piena  ezovin  bon  che  giü  non  se  ne  trova  neanche  bisogna 
bere  acqua  ma  sapete  che  anche  ä  tre  virttü  per  prima  tiene 
la  testa  a  segno  per  secondo  tiene  nette  le  budelle  e  per 
terzo  purifica  e  rinfresca.  Non  vi  pare?? 

Früh  krümmt  sich  was  ein  Haken  werden  will: 
eine  andere  Schriftstellerin  beobachtet  ihren  Sohn,  der 
gleich  Gargantua  mit  der  Muttermilch  die  Freude  am 
Wein  eingesaugt  zu  haben  scheint  (Buie,  Istrien— Zaiecar, 
Serbien) : 

o  ricevuto  la  tua  cartolina  non  molto  dolore  pensando 
che  non  bevi  el  vino  cheltepiasera  tanto  Ma  tuo  figlio  Gio- 
vanin  el  ghe  piase  anche  perti  quando  chelvedi  la  bucoleta 
el  semeti  balar  e  saltar  el  siga  vin  vin  el  presto  che  ghe 
demo  el  bicier  per  fare  la  sapa  e  cosi  lui  ghene  bevi  anche 
perti. 

Der  Schmerz,  der  sich  inmitten  des  Weltkrieges  nicht 
über  den  Mangel  an  Wein  hinwegsetzen  kann;  lässt  uns 
ein  bischen  kalt:  Serbien  ist  zertrümmert  —  so  mag  ein 
Internierter  in  Zaiecar  sich  ohne  Wein  behelfen! 

Der  Wein  ist  eine  „grazia  di  dio",  der  Rausch  ein 
elysischer  Zustand:  alle  bösen  Gedanken  verschwinden, 
es  bleibt  die  Wonne  der  Trunkenheit.  Schade  nur, 
dass  der  Magen  nicht  immer  mit  den  bacchischen  Wonnen 
Schritt  halten  kann  (Grossau — Triest): 

mia  carra  Anna  ricorendo  oggi  il  giorno  della  prima 
Festa  dei  Santi  ovoluto  festegiare  con  tutta  quella  grazia  di 
dio  che  miai  spedito  soltanto  mi  dispiace  che  non  mi  ritrovo 
in  per  fetta  salutte  seno  te  logarantisco  io  che  avesse  preso 
una  di  quelle  sbornie  comme  quella  volta  che  mi  avette  spo- 
liato  voi  una  simile  volevo  prendere  perdimenticar  tutto  ma 
cio  che  mitratiene  la  salute.  credimi  anna  che  ieri  esendo  il 
giorno  di  domenica  o  passato  pure  una  bella  giornatta  man- 
giando  non  assai  ma  un  bei  pesso  di  strucolo  e  poi  ho  fatto 
una  buona  ciocolata  e  un  due  sardine  cherano  magnifiche  cosi 


-     180    - 

pasai  la  domenica  uii  simile  questoggi.  ma  infine  mia  carra 
Anna  non  sipuo  dimenticare  e  cosi  viene  tutti  i  piu  brutti 
pensieri. 

In  fröhlicher  Zecherlaune  sind  manche  Karten  ge- 
schrieben, die  wir  nicht  ohne  weiteres  auf  Kgf.-Korrespon- 
denzen    diagnostizieren   würden    (Breitenlee — Orte,  Rom): 

oggi  stesse  di  domenica  che  si  sta  in  riposo  mi  si  e 
rotta  la  bottigli  di  liquore  e  mi  e  rimasto  un  po  dentro  la 
bottiglia  lo  bevuto  e  sono  mezzo  brillo  io  sto  allegre  non  me 
la  piglio  sto  bene  come  voglio  sperare  di   voi  tutti. 

Das  italienische  Lebensideal  ist  ein  von  „Trinken, 
Essen  und  Gesang"  unterbrochenes  „far  niente"  (Triest — 
Ruda,  Cervignano): 

ogi  go  ricevudi  di  S.  e  E.  chelori  stano  bene  e  pieni 
di  vino  e  di  uva  chelori  sono  sempre  mezi  briaghi  che  can- 
tano    epiangerano    piu    avanti    elori  sono  di  lavoro  in  Serbia, 

wo  allerdings  die  Prophezeihung  einen  ernsteren  Ton  an- 
schlägt.    (Katzenau— S.  Pietro  d'Isonzo): 

Oh  lavorato  due  mesi  nella  neve  a  8  Corone  al  giorno 
puoi  inmaginare  e  che  bevute  di  rüm  adesso  per  via  del 
freddo  siamo  andati  in  questo  accampamento  abbiamo  trovato 
tutti  quelli  S.  Pietro  qua  non  si  lavora  si  dorme  tanto  che  si 
vuole  si  mangia  abastanza  bene. 

Auch  über  die  Gefangenschaft  kann  einen  das  Essen 
und  Trinken  hinwegtäuschen  (Pizzighettone— Prosecco, 
Triest) : 

II  clima  qui  e  mite,  il  cielo  sereno  .  .  .  pane  bianco  .  , . 
vino  buono. 

Ein  viehisches  untätiges  Leben  wird  ohne  Bedenken 
als  der  siebente  Himmel  gepriesen  (Kirsanoff— Cles, 
Südtirol) : 

Nel  preseute  inverno  io  sto  molto  melio  dell  anno  scorso 
nel  quäle  doveva  lavorare,  ed  adesso  faccio  la  vita  del  beato 
porco. 

Wer  nicht  gut  isst  und  gut  schläft,  ist  seines  Glückes 
Feind  (Grammatneusiedl— Katzenau): 


-     181     - 

Come  vala  col  mangiar  e  col  dormire  qua  la  e  magra 
la  ^  proprio  de  ciolazi  ziach!  nenti  a  macgiar  le  zireze  della 
C,  e  se  non  Tavesse  detto  el  me  Bigeto!  ma  ella  ga  ben 
ditto  elo  entant  e  vegnu  fora  tuti  sti  gazer. 

Schlafen  ist  überhaupt  ein  Festvergnügen  und  die 
Internierung  scheint  trotz  aller  gespielten  Entrüstung, 
manchem  lieber  zu  sein  als  das  bisherige  mühevolle  Leben 
(Katzenau — Prossnitz) : 

le  feste  ho  passate  molto  bene  che  nanche  sefosi  stato 
a  chasa  non  avesi  pasato  cosi  bene  qui  ero  in  letto  tutto  il 
giorno  che  nanche  a  chasa  non  fossi  stato  tutto  il  giorno 
in  letto. 

Allerdings  wer  möchte  jetzt  nicht  lieber  daheim  sich 
mit  Polentaschmaus  oder  Vogelfang  beschäftigen  als  in 
Omsk  zu  schmachten  (Omsk — Trient): 

Carissima  Molie  Adesso  el  saria  e  tempo  diandar  alla 
caccia  e  merincresse  anon  potere  essere  encompania  a  fare 
una  mangiatta  di  polenta  e  ucelli  e  i  mie  nipo  ti  cosa  fanno 
vanno  coi  bachettoni  a  gapar  i  cigoletti?     (=  Die  Italiener). 

Mancher  hat  durch  die  Kriegszeiten  eine  weise  Lehre 
der  Mässigung  empfangen  und  wünscht,  —  dass  vor  allem 
der  Herr  Nachbar  die  Lektion  beherzige  (aus  Russland): 

dighe  a  tua  mama  che  marito  de  cati  ghe  gacalado 
lapansa  e  ghe  dava  de  picon  e  de  badil  e  cariola  ma  mi  no 
ancora  facevo  il  carpentiere  coi  rusi  ed  andavo  dacordo  bene 
mai  coi  paniaroi  solo  tedigo  che  se  5  mesi  che  non  bevo  vin 
e  stobene  cola-  salute  cui  sinpara  afare'  giudizio  an  che  c. 
de  g.  non  buta  piu  il  pane  via  non  atanta  farina  come  di- 
ceva  anche  alui  lia  calato  lapansa  lie  venute  le  braghe  larghe 
percualcuna  listabene  cuesta  lezione:  adio  eviva  noi  che  semo 
puti.  Bibita  manca.  Coragio. 

Wieder  muss.  die  Genügsamkeit  des  Italieners  her- 
vorgehoben werden,  wenn  im  Gegensatz  zu  sovielen 
Nörglern  in  dieser  Kriegszeit  ein  liebevoller  Gatte  seiner 
in  Oberhollabrunn  internierten  Frau  den  merkwürdigen 
Vorschlag  macht: 


—    182    — 

Ti  prego  non  privarti  tu  e  i  bambini  mangiate  pure 
qualche  cosa  di  sostanza  alla  Nuccia  dagli  da  mangiare  carne 
di  cavallo  che  venga  grassa  e  bella. 

Die  oben  erwähnte  Szene  des  in  Italien  dem  Genüsse 
des  Weines  heiter  fröhnenden  Zechers  ist  auch  während 
des  Krieges  nicht  unerhört :  die  folgende  vollständig  wie- 
dergegebene Karte  handelt  fast  ausschhesslich  von  Essen 
und  Trinken  (Mailand — Katzenau): 

Oarissimo  B.  Vi  faccio  sapere  che  ö  fato  un  buonissimo 
viaggio  io  sto  benisimo  in  questo  momento  sono  in  o  steria 
che  bevo  un  buon  bichiere  di  un  vino  speciale  con  la  con- 
pagnia:  io  le  deto  che  desidero  di  andare  a  Cervignano  mi 
a  pure  notato  ma  a  detto  che  sara  un  po  dificile  ora  vado 
a  cena  a  mangiare  le  pasta  con  la  carne  e  un  bei  peso  di 
pane  bianco :  altro  non  so  cosa  dirti  che  di  salutarlo  lei  e 
tutta  la  conpagnia  escluso   P. 

Im  Kapitel  über  die  Wünsche  bei  der  Rückkehr  ist 
auch  schon  der  Auftrag,  lukullische  Genüsse  für  den  fest- 
lichen Einzug  des  Kriegers  vorzubereiten,  erwähnt  worden. 
Es  seien  daher  nur  mehr  wenige  Belege  hier  angeführt 
(Russland— Triest) : 

sono  contento  che  tieni  Tanimale  forsi  che  questo  hano 
Io  mangiaremo  noi. 

(Omsk- Stavikovice  bei  Brunn): 

spero  che  un  giorno  ritorneremo  alle  nostre  terre  per 
vedere  se  si  trova  ancora  quella  roba  che  si  chiama  vin. 

(Dobrova — Bussago,  Schweiz) : 

(Nachschrift)  preparate  la  spina  aperta  e  una  polentata. 
e  una  secchia  di  san carlin. 

Wein,  Weib  und  Gesang  erwarten  die  Rückkehr  des 
Helden  (Laibach  -Mantovana,  Alessandria): 

ma  crede  che  il  vino  per  me  Io  abbi  conservato  perche 
sai  che  a  me  mi  piaceva  molto !  E  poi  aspetto  solo  per  venire 
a  casa  per  Amoliarmi  per  venire  a  mangiare  in  casa  tua,  e 
suonare  una  porca  per  ballarlo  io  e  la  mia  graziosina  Pre- 
para  tutto. 


—     183    - 


XVIII. 


Im  Anschluss  an  die  Ess-  und  Trinkgelüste  der  Ita- 
liener sei  die  leider  häufigste  Beschwerde  des  Kgf.  und 
Internierten,  die  Klage  über  Hunger  besprochen.  Diese 
Beschwerden  mögen  uns  auch  als  Typus  der  Klagen  dienen, 
die  der  im  fremden  Land  vom  Auge  der  Zensur  bewachte 
Gefangene  durch  diese  hindurchschmuggeln  und  seinen 
Angehörigen  in  der  Heimat  zu  wissen  tun  möchte.  Diese 
letztere  Absicht  führt  zu  einer  phantasievollen  Findigkeit 
in  Umschreibungen,  die  bei  oberflächlichem  Zusehen 
harmlos,  bei  aufmerksamerer  Prüfung  sehr  eindeutig  er- 
scheinen. All  der  geistige  Luxus,  der  von  den  Gefangenen 
zur  Düpierung  der  Zensur  aufgewendet  wird,  beruht  auf 
der  Voraussetzung,  dass  der  an  dem  Brief  direkt  Inte- 
ressierte und  über  reichliche  Zeit  verfügende  Briefem- 
pfänger die  Feinheiten  und  Rätsel  lösen  werde,  die  der 
Zensor,  der  viele  Briefschaften  in  relativ  kürzerer  Zeit 
erledigen  muss,  übersehen  wird.  Nun  haben  aber  die 
Korrespondenten  mit  einem  Faktor  nicht  gerechnet,  der 
die  Kürze  der  der  einzelnen  Briefschaft  gewidmeten  Zeit 
aufwiegt:  die  Routine  der  Zensoren.  Es  bildet  sich  bei 
diesen  nämlich  eine  gewisse  Vertrautheit  mit  den  ver- 
schiedenen Typen  der  Umschreibungen  heraus.  Die  Peri- 
phrasen mögen  noch  so  findig  ausgetüftelt  sein,  sie  sind 
einander  doch  verwandt  und  lassen  sich  in  gewisse  Ka- 
pitel einordnen.  Fast  mutet  es  so  an,  als  ob  der  Krieg  gleich 
einem  Lehrer  den  Kgf.  das  Thema  „der  Hunger"  in  mög- 
lichst viel  Variationen  zu  bearbeiten  aufgegeben  hätte: 
ohne  es  zu  wissen,  leisten  die  naiven  und  doch  so  raffi- 
nierten Korrespondenten  literarische  Arbeit  und  ihre  Peri- 
phrasen lassen  sich  von  keinem  Schriftsteller  an  Phantasie- 
fülle und  Originalität  überbieten.  In  den  „Umschreibungen 
des  Begriffes  Hunger",  sind    die    einschlägigen  Probleme 


-     184     - 

ausführlich  behandelt  worden,  ich  kann  es  daher  mit  dem 
Gesagten  genug  sein  lassen. 

Hier  schliesse  ich  einige  Bemerkungen  über  sonstige 
Klagen  der  Kgfen  an. 

Der  eingearbeitete  Zensor,  wusste  von  der  trostlosen 
Gleichförmigkeit  der  Nachrichten,  die  der  Kgf .  über  seinen 
Aufenthalt  in  Feindesland  zu  geben  pflegte :  diese  Mono- 
tonie war  nur  das  Spiegelbild  der  Wirklichkeit:  bevor 
noch  H.  Eulenberg  in  der  Erzählung  „In  Gefangenschaft" 
seiner  Sammlung  „Der  Bankrott  Europas"  (1919)  die 
Langeweile  als  Hauptleiden  der  Kgfen  darstellte,  schrieb 
Kammerer  in  einem  seiner  Berichte  an  die  Militärbehörde  : 

„Zu  den  schlimmsten  Leiden  der  Kriegsgefangenschaft 
zählt  die  Langeweile.  Das  tatenlose  Leben  im  Sammel- 
lager bedeutet  geradezu  eine  Gefahr  für  die  seelische 
Gesundheit  seiner  Bewohner:  Tag  für  Tag  die  regelmässigen, 
nüchternen  Barackenstrassen  sehen,  unabänderlich  die  — 
den  freiheitsliebenden  Sinn  so  aufreizenden  —  Drahtzäune 
erblicken  zu  müssen,  die  den  Eindruck  des  Verlasseh-, 
des  Abgesperrtseins  von  der  Umwelt  gleich  einem  eintö- 
nigen Leitmotiv  ins  Bewusstsein  prägen:  auf  die  Dauer 
ist's  zum  Wahnsinnigwerden! 

Noch  kommt  hinzu,  dass  der  Gefangene,  wenn  er 
dies  abgeschiedene  Kloster  betritt,  ein  stürmisch  bewegtes 
Dasein  hinter  sich  hat:  das  Soldatenleben  im  Felde,  voll 
von  Entbehrungen  und  Gefahren,  —  ein  leichtes,  ange 
nehmes  Leben  ist  es  ja  nicht,  dennoch  steht  seine  Er- 
eignisfülle nun  im  schroffen  Gegensatz  zur  Leere  trag 
dahinschleichender  Tage  und  Stunden. 

Lag  der  Feind  an  der  Front  in  den  gegenüber  be- 
findlichen Schützengräben,  so  ist  er  nun  allgegenwärtig 
und  doch  heimtückisch  ungreifbar:  die  gähnende  Öde,  die 
Langweile.  Verschieden  je  nach  Bildung  und  Neigung 
ist  die  Art,  wie  der  gefangene  Soldat  diesem  neuen  Feind 
zuleibe  rückt.  Viele  bedürfen  der  körperlichen  Er- 
mattung, um  ihres  Lebens  Tage  als  ausgefüllt  zu  empfinden : 


-     185     - 

das  sind  die  Arbeitsmannschaften,  die  frühmorgens  singend 
das  Lager  verlassen,  singend  an  Strassen-  und  Eisenbahn- 
bauten, an  Pflug  und  Heuwagen  und  Dreschflegel,  an 
Drehbank  und  Dampfmaschine  tätig  sind,  wofern  es  sich 
traf,  dass  der  Dienstgeber  seinen  Dienstnehmer  zufrieden- 
stellt. Das  sind  weiter  die  Sportsleute,  besonders  Offiziere, 
die  sich  im  Lager  mit  wahrer  Leidenschaft  verschiedensten 
Rasenspielen  und  Turnübungen  hingeben. 

Aber  es  gibt  stillere,  tiefere  Naturen,  die  nach 
geistiger  Erfüllung  Verlangen  tragen:  „Das  geistige  Brot 
ist  uns  so  unentbehrlich  wie  das  leibliche",  schreibt  ein 
Gefangener  der  Biblioteca  Braidense  in  Mailand,  die  er 
um  Bücher  bittet.  Die  Einrichtungen,  solchem  Bedarfe 
abzuhelfen,  sind  in  allen  grösseren,  älteren  Lagern  Öster- 
reich Ungarns  im  Verlaufe  der  Kriegsjahre  sehr  mannig- 
faltige geworden.  Zum  Ruhme  der  italienischen  Offiziere 
und  Soldaten  muss  gesagt  werden,  dass  sie  sich  jene, 
Einrichtungen  mit  vieler  Liebe  und  Sachkenntnis  trotz 
ihrer  doch  schwierigen  Verhältnisse  selber  geschaffen 
haben;  und  zur  Ehre  der  österreichischen  Behörden  muss 
gesagt  werden,  dass  sie  die  Bestrebungen  der  Gefangenen 
in  jeder  Weise  werktätig  gefördert  haben." 

Die  Einförmigkeit  der  Korrespondenz  beruht  ausser 
auf  der  des  Inhalts  auf  der  Einförmigkeit  des  Tones,  in  dem 
die  Briefschaften  abgefasst  sind:  entweder  sind  sie  sehr 
optimistisch  oder  sehr  pessimistisch  gehalten  —  ein  Mittel- 
ding gibt  es  nicht.  Dabei  überwiegen  natürlich  die  pessi- 
mistischen Korrespondenzen.  Es  kann  hier  nicht  unsere 
Aufgabe  sein,  die  tatsächlichen  Vorkommnisse  und  Ver- 
hältnisse in  den  Lagern  zu  beschreiben:  das  wäre  die 
Aufgabe  einer  rein  sachhistorisch  verfahrenden  Berichter- 
stattung, nicht  einer  Charakteristik  der  Kgf .-Korrespondenz. 

Als  allgemeine  Erfahrung  sei  mitgeteilt,  dass  kein 
Detailereignis  in  den  Lagern  unbesprochen  blieb,  dass 
aber  jedes  Ereignis  in  der  verschiedensten  Weise  auf- 
gefasst  und  kommentiert  wurde.     So  ist  es  sehr  schwer, 


-     186    - 

irgend  ein  Gesamturteil  in  irgend  einer  Richtung  zu 
fällen.  Die  Fülle  der  Äusserungen,  die  die  Kgfen.  durch 
die  Riesenzahl  der  versandten  Korrespondenzen  von 
sich  geben,  verunmöglichte  die  Geheimhaltung  der  noch 
so  kleinsten  Ereignisse,  da  die  Zensur  doch  nur  nach 
einem  von  mir  geprägten;  Worte  als  „Sieb,  nicht  Filter" 
wirken  konnte. 

Hier  erwähne  ich  also  nur  allgemeine  Äusserungen 
über  die  Leiden  der  Gefangenschaft,  sofern  sie  nicht 
durch  besondere  lokale  Einflüsse  (Lagerkommando,  Vor- 
gesetzte etc.)  hervorgerufen  waren;  vor  allem  die  über 
den  Paroxysmus  der  Langweile. 

Ein  kriegsgef.  Offiziersaspirant  in  Ostffyasszonyfa 
nach  Mailand: 

„Was  soll  ich  schreiben?  Das  ist  etwas,  was  ich 
mich  seit  einiger  Zeit  fragen  muss,  so  oft  ich  im  Begriffe 
stehe,  Euch  zu  schreiben.  Vier  kleine  Seiten  sind  ein 
sehr  beschränkter  Raum  für  jedes  lebende  Wesen,  das 
Nachrichten  über  jemanden  zu  geben  und  zu  verlangen 
wünscht.  Mir  aber  stellen  sich  diese  vier  Seiten  wie  eine 
weite  weisse  Wüste  dar;  und  ich  bin  verzweifelt,  weil 
ich  nicht  Stoff  genug  finden  kann,  um  sie  auszufüllen, 
unser  Leben  ist  von  einer  so  entnervenden  Eintönigkeit 
und  Regelmässigkeit!  Wollt  Ihr  es  kennen  lernen?  Mein 
Leben  stellt  sich  folgendermassen  dar:  Um  7  Uhr  früh 
Tagwache,  von  ^2^  t>is  ^2^^  Uhr  Spaziergang  ausserhalb 
des  Lagers:  jeden  Tag  immer  denselben  Weg,  dieselben 
Leute  ...  Es  wäre  so  einfach,  ihn  zu  variieren,  aber 
davon  will  das  öst.  Kommando  nichts  wissen;  und  ich 
kann  mir,  so  sehr  ich  mir  auch  den  Kopf  zerbreche,  den 
Grund  nicht  erklären.  Um  10  Uhr  Appell,  von  Vs^l  bis 
V2I2  englische  Stunde,  um  12  Messe,  von  V2^— ^  Rund- 
gang um  das  Lager,  manche  Tennispartie;  2  bis  3  fran- 
zösische Stunde,  von  3 — 4  lese  ich  die  deutsche  Zeitung, 
4 — 5  verschiedene  Arbeiten,  5 — 6  deutsche  Stunde,  6 — 7 
Sport  und  Rundgang  um  das  Lager,  7  Uhr  Messe,  endlich 


-     187     — 

V28— 11  Lektüre,  Karten  oder  Billardspiel  oder  Plaudern. 
Das  ist  meine  tägliche  Zeiteinteilung,  die  nie  oder  fast 
nie  Abänderungen  erfährt.  Da  wird  mir  jemand  sagen 
Das  ist  ja  ein  schönes,  sogar  ideales  Leben !  Worüber  be- 
klagen sich  dann  diese  Herren?  Um  Gotteswillen,  der 
soll  sich  nur  nicht  vor  mir  hören  lassen,  denn  ich  wüsste 
nicht,  was  ihm  zu  antworten.  Was  uns  fehlt:  Die  Luft, 
das  Leben,  die  Freiheit!  Man  muss  sich  immer  vor  Augen 
halten,  dass  wir  in  eine  ödesten  Gegenden  Ungarns  ver- 
setzt sind;  dass  wir  fast  gänzlich  vergessen  haben,  wie 
ein  Weib,  ein  Eisenbahnzug,  ein  Auto,  eine  Stiege,  ein 
Haus  aus  Mauerwerk,  ein  Theater,  ein  Fahrrad  aussieht: 
kurz,  was  Kultur  und  Fortschritt  heisst.  Fast  müssen  wir 
auch  vergessen,  dass  wir  eine  Heimat  und  eine  Familie 
haben.  Hoffen  wir,  dass  die  Offiziere,  die  am  längsten 
gefangen  sind,  bald  in  die  Heimat  zurückbefördert  oder 
wenigstens  interniert  werden,  denn  von  Tag  zu  Tag  wer- 
den meine  Nerven  kränker.  W'ieder  an  die  Front  zu 
kommen:  das  wäre  mein  Traum!" 

In  der  Gefangenschaft  zieht  das  ganze  Leben  des 
Kgf.  an  ihm  vorüber  —  und  die  Gefangenschaft  erscheint 
ihm  als  Gegensatz  zu  allem  Glück,  als  Gipfel  der  Leiden 
(Maurhausen — Varmo,  Udine): 

Carissima  M. 

Qual  contrapposto,  quäl  differenza,  qualle  traverssie, 
puö  cambiare  la  vita  d'un'  uomo  nello  svolgger  si  d'un'  anno; 
tralasciamo  per  un  momento  le  sofferenze,  le  fattiche,  i  di- 
saggi,  le  angustie  passate  sul  fronte,  che  pur  troppo  sarano 
ricordi  che  rimarano  incancelabili  per  tutto  il  corsso  della 
mia  vita,  benchö  ringraziando  Iddio  a  ben  peggio  condizioni 
pottrei  ora  rittrovarmi ;  senza  contare  di  potter  essere  o  nel 
numero  dei  ben  piü  infilici  di  mö,  che  rimarano  invalidi  per 
tutto  il  tempo  della  loro  vita;  oppure  potter  essere  gia  di- 
mentico  dal  mondo,  rimasto  vittima  d'una  morte  innesorabile 
appicato  sui  retticolati  per  essere  statto  di  pascolo  hai  uccelli 
dell'aria,  o  rodatto  dai  vermi  mezzo  inssepolto  sotto  la  terra, 
dove  tu  per  tutto  il  tempo  della  tua  vita  non  avresti  pottuto 


-    188    - 

sapere  una  pura  verita,  sempre  suonandotti  nelle  tue  oreccliie 
disperso  e  non  piü,  ma  lassiamo  e  passiamo  oltre,  a  vedere 
la  differenza  che  passa  a  ora,  ed  a  un  anno  fä!  .  .  . 

Ora  un  auno  giä  si  sentiva  i  primi  sintomi  del  grande 
conflitto  che  anche  l'Italia  doveva  prender  parte  a  questo 
immane  flaggelo  che  pur  troppo  devasta  l'Europa  intiera; 
finalmente  vene  il  fattal  giorno  della  nobüitazione,  ed  io  per 
il  primo  di  noi  tre  ero  giä  rassegnato  ä  partire  per  la  guerra^ 
senonche  li  altri  due  partirono  pei  primi,  e  a  me  rai  furono 
concessi  ancora  tre  mesi  di  tempo;  ma  questi  trö  mesi  furono 
quassatti  come  il  f ulmine!  .  . 

Le  fattiche  erano  talvoltä  piü  delle  mie  forze  e  benche 
qualche  volta  lägnandomi  i  giorni  passavan  come  il  vento, 
non  veniva  notte,  che  non  veniva  giorno,  non  veniva  giorno 
che  non  veniva  notte,  e  benche  lunghe  le  giornate  qualche 
volta  mi  lagnavo  perche  sarebbe  stätto  ancora  qualche  cosa  da 
iare,  ma  pure'  era  felice,  contento  d'aver  cercato  di  fare  tutto 
cio  che  le  mie  forrse  richiedevano,  e  con  coscienza  tranquila 
che  ä  questo  ne  son  certo  non  o  nulla  a  rimproverarmi, 
quando  terminato  il  lavorro  o  mättutino,  o  serale,  e  rientrando 
in  casa  con  il  sorriso  suble  labbra  circondato  dalli  affetti  di 
tuttä  la  famiglia,  o  al  tuo  amabile  soriso,  o  agli  amplessi 
delle  mie  adorate  Bambine,  o  dai  nipottini,  sedendomi  suir 
angolo  del  tavolo  posto  a  me  riservato  aspettando  il  saporito 
pasto  che  la  providenza,  e  il  lavoro  delle  zia  aveva  preparatto, 
e  li  con  in  braccio  o  una  o  l'ältra  delle  Bambine,  manggiavo 
saporittamente  tutto  ciö  che  mi  presentava,  e  con  di  piü 
qualche  volta  non  contento  chiedevo  ancora  per  saziar  il  mio 
engorgo[?]  appettito,  e  cosi  felice  il  tempo  passava  o  M.! 
—  „Ma  contro  il  destin  e  invan  l'opporsi."  Doveva  venir 
anche  il  giorno  della  mia  partenza  venne;  ma  quäl  differenza 
di  vita  passo  ora,   o  M.?  .  .  . 

L'anno  scorso  dovevo  molto  travagliare  si;  ma  avevo 
anche  il  mio  necessario  nel  manggiare  e  nel  bere ;  qui  invece 
e  vero  o  [e?]  il  dolce  amaro  far  niente,  e  come  dovrei  trascri- 
vertti  la  vita  che  qui  si  mena;  non  lo  saprei  spiegartello  lä 
mia  mano  non  sarebbe  capace! 

Sono  giä,  due  lunghi  mesi  che  mi  trovo  priggioniero  di 
guerra  ancora  nissun  lavoro  di  nissuna  sorta  o  ancor  provato 
le  piü  grande  fattiche  che  qui  ancor  o  fatto  sono  quello  di 
farmi  il  letto  la  sera  per  andar  a  dormire,  o  prender  mi  la 
gavetta  per  mangiare  quel  misero  che  la  providenza  mi  puö  dare  ; 
ma  non  creder  che  questa  sia  una  vita  felice  anzi  per  essere 


—    189    - 

sicuro  si  passa  giorni  assai  infelicissimi,  giorni  etterni  come 
Taltrci  vita  che  noii  a  mai  fine,  non  basta  solo  il  vostro 
lontano    e    indimenticabile  ricordo. 

(Katzenau — Polesella,  Rovigo): 

la  mia  salute  e  buona  ma  perö  off'esa  uiia  parte  oolla 
vostra  venuta  e  melio  aprire  una  buca  fonda  fonda  e  gettar- 
visi  entro  percbe  non  siamo  che  una  manica  di  instnpiditi 
incretiniti  inpocondriti  misantropiti  ecc.  ecc. 

Die  Klage  über  Langeweile  ist  geschickt  verknüpft 
mit  der  über  Hunger  (sbadigiiare  =  ,hungern'): 

Se  la  noia  —  sbadigliando  —  facesse  allargare  la  bocca 
in  ragione  della  sua  grandezza,  ne  verrebbe  fuori  una  bocca 
come  quella  del  Vesuvio  o  ancor  piü  grande.  Si  figuri  dunque. 

(Mauthausen — S.  Gallo,  Brescia): 

vi  tico  la  verita  nö  pieno  lo  stia  e  la  madona  di  pri- 
gionia  sono  proprio   una  vita  del  sacramento. 

Der    Kfg,    ist    ein   geplagtes,    verfluchtes    Geschöpf 
(Pancsova—S.  Giorgio,  Reggio  di  Calabria): 

i  vaglie  mi  accorevano  per  scapare  la  pelle  come  quelle 
bambine  che  anno  lochio  di  chiesa  intendiamoce  che  sono 
adochiate  a  cosi  mi  trovava  ieo  primo  maora  ingraza  al 
Signore  sto  molto  bene. 

(Katzenau — Copparo,  Ferrara): 

sortiremo  di  qui  come  sorte  un  ucello  da  una  gabbia 
scura  che  non  sa  ne  piü  volare  ne  piü  dove  andare,  cosi 
saremo  noi  quando  sortiremo  da  questa  gabbia,  non  ärvo  piü 
quella  energia  d'äffari  che  avevo  non  sapro  piü  trattare 
con  la  gente  e  non  saperö  piü  caminare,  ma  spero  che  dopo 
alcuni  giorni  che  säro  fuori  della  gabbia  che  saro  tranquillo 
fra  imiei  cari  guariro  anche  la  malatia  mentale  che  ho  me 
ne  accorgo  ora  che  sono  come  inebetito  (ebete)  coraggio  miei 
cari,  che  anche  questa  passera. 

In  Österreich    sagen   sich   die   Füchse   gute   Nacht 
(Mauthausen— Perosa  Argentina,  Turin): 


l'JO 


sicome  siamo  nei  paesi  che  il  signore  non  vie  nemmeno 
passato  di  notte  all'orä  non   vie  nemeno   carta  da  scrivere. 

Dem  Feind  wird  natürlich  die  Scliuld  an  allen  Leiden 
der  Gefangenschaft  aufgebürdet,  vgl.  folgende  besonders 
charakteristische  Beispiele,  wo  harmlose  Massregeln  zu 
Bosheiten  umgedeutet  sind  (Katzenau — Triest): 

Oggi  primo  inaggio,  i  tedeschi  hanno  fätto  una  delle  sue, 
e  precisamente  ci  hanno  fatto  saltare  di  un'orä  la  lancetta 
deir  orologio. 

(Einführung  der  Sommerzeit !)  Sogar  das  zur  Wartung 
übergebene  Pferd  benimmt  sich  widerspenstig  gegen  den 
Italiener  (M.-Ostrau — Bagnoli  di  Napoli): 

Ho  un  cavallo  da  maneggiare  che  sembra  sappia  che  sono 
italiano  e  tira  di  quei  calci  che  sembra  un  mulo. 

Wohltuend  sind  dagegen  Zeugnisse  patriarchalischen 
Zusammenlebens  von  Einheimischen  und  Kgf.  unter  einem 
Dache,  durch  gemeinsame  Arbeit  geeint: 

„Im  Juli  und  August  besorgte  ich  landwirtschaftliche 
Arbeiten  mit  den  Zivilisten.  Ich  erhielt  gutes  Essen,  so- 
viel ich  wollte.  Besser  konnte  es  mir  nicht  gehen!  Am 
16.  Sept.  wurde  ich  zurückberufen:  als  ich  wegfuhr, 
weinten  der  Herr,  die  Frau  und  die  ganze  Familie  wie 
Kinder,  und  ich  selbst  weinte  mehr  als  bei  der  Abreise 
zur  Front  in  Italien,  weil  jene  Leute  mich  so  gerne  hatten. 
Beim  Abschied  gaben  sie  mir  40  Lire,  5  Kilo  Brot,  Speck. 
Salami,  Nüsse,  Äpfel  und  dann  viele  (Wort  unleserlich, 
vielleicht  baci,  Küsse  —  Anm.  d.  Übers.)  usw.  Wäre  ich 
bis  zum  Kriegsende  bei  den  Zivilisten  geblieben,  so  hätte 
ich  wirklich  ein  glückliches  Leben  gehabt,  denn  ich  ver- 
stand schon  fast  alles  von  ihrer  Sprache." 

Schön  ist  der  Vorsatz  eines  kgf.  Hauptmanns  in 
Dunaszerdahely,  der,  nachdem  er  versichert  hat,  dass 
die  von  ihm  beschriebene  gute  Behandlung  auch  „für 
unsere  Soldaten",  d.  h.  für  die  kfge.  ital.  Mannschaft  gilt, 
hinzufügt: 


—     191    — 

„Wenn  ich  heimkehre,  werde  ich  trachten,  die  Le- 
gende von  der  schlechten  Behandlung  der  italienischen 
Gefangenen  in  Österreich  zu  zerstören;  und  dies  aus  Ge- 
wissenhaftigkeit, um  gewissermassen  meine  Schuld  für  so 
viele  Handlungen  der  Güte  zu  begleichen." 

(Garesnicabei  Bielovar,Kroatien-Pratolungo,Grosseto) : 
,,  . . .  Es  geht  mir  in  jeder  Beziehung  gut .  . .  Wir 
sind  150  Gefangene  und  arbeiten  an  einer  kleinen  Eisen- 
bahn für  einen  Herrn.  Die  Arbeit  ist  gering  und  wir  be- 
kommen 2ö — 30  Lire  alle  12  Tage.  Fleisch  gibt  es  3  Mal 
wöchentlich  und  sonst  Teigwaren,  Fisolen,  Kartoffel,  Gerste 
und  jeder  hat  1  Kilo  Brot  im  Tag  —  ich  kann  Dir  sagen, 
dass  dies  vielleicht  der  einzige  Ort  ist,  wo  es  den  Kgf. 
so  gut  geht,  und  ich  danke  Gott  tausendmal,  dass  ich 
eine  so  schöne  Stelle  gefunden  habe  und  dass  wir  so  gut 
behandelt  werden  von  den  Zivilleuten,  als  wären  wir  alle 
ihre  Söhne.  Ihr  werdet  die  Osterfeiertage  sicher  sehr 
gequält  und  erregt  verbracht  haben,  da  Ihr  Euch  Sorgen 
um  mich  und  meinem  Bruder  gemacht  habt,  doch  kann 
ich  Euch  sagen,  dass  es  mir  gut  gegangen  ist . .  ich  habe 
gekochte  Eier,  Fleisch,  Kuchen,  Süssigkeiten,  Teigwaren 
gegessen  und  Wein  getrunken.  Ich  kann  nichts  anderes 
tun,  als  diesen  armen  Bauern,  deren  Achtung  allzu  gross 
ist  und  die  viel  zu  gutherzig  sind,  tausendmal  und  tausend- 
mal danken,  denn  was  sie  für  uns  getan  haben,  kann  nur 

eine  Mutter  tun  und  sonst  niemand  auf  der  Welt " 

Auch  der  Kgfe.  ist  gut  zu  den  Einheimischen,  be- 
sonders Kindern,  und  versteht  deren  Leiden: 

Negli  Ultimi  giorni  facemmo  una  passeggiata;  strada 
facendo  ci  segui  nel  vicino  villaggio  lungo  la  via  polverosa 
un  ragazzotto  sui  dieci  anni.  Chiestogli  che  cosa  volesse, 
rispose  che  suo  padre  era  prigioniero  in  Italia.  Eviden- 
temente  il  povero  ragazzino  credeva  che  iioi  andassimo  in 
Italia,  e  seguiva  le  nostre  tracce  per  raggiunger  suo  pädre. 
Questo  fatto  ci  commosse  assai.  Facemmo  tra  noi  uua  coUetta 
e  gli  donammo  piü  di  40  Lire  dicendegli:    Va  pure   a   casa 


—     192    — 

tranquillo;  noi  lion  andiamo  ancora  in  Italia,   ma  per  intanto 
restiamo  ancora  qui  nella  tua  patriä  ... 

Zahllos  sind  die  ersten  Nachrichten  Frischgefangener, 
die  sich  freuen,  der  Front  entronnen  zu  sein  —  und  ebenso 
zahllos  die  Äusserungen  länger  in  der  Gefangenschaft  le- 
bender Kgfen.,  die  das  Leben  an  der  Front  als  tausendmal 
besser  denn  das  in  der  Gefangenschaft  hinstellen.  Die 
wenigsten  Kfgen.  bringen  genug  Objektivität  auf,  um  ihre 
Leiden  dem  Krieg,  der  Lage  des  Wirtlandes  etc.  zuzu- 
schreiben —  der  Feind  ist  schuld,  er  ist  ein  Tier,  gemein 
und  feig,  und  Kultur  gibt  es  hierzulande  nicht.  Diese 
Gedanken  werden  uns  noch  im  Abschnitt  über  das  Ver- 
hältnis zum  Feind  beschäftigen.  Dass  manche  arge  Übel- 
stände bei  der  Behandlung  der  Gefangenen  obwalteten, 
ist  unleugbar  —  meist  aber  vergrösserte  die  unbeschäf- 
tigte Phantasie  der  Kgfen.  das  Tatsächliche  und  brachte 
einen  Zug  der  absichtlichen  Gehässigkeit  hinein,  der  den 
Behörden  vollkommen  fremd  war: 

„Mutter,  Mutter,  wann  wird  dieses  Viehleben  endigen? 
Grösseres  Unheil  als  dieses  konnte  mich  nicht  treffen. 
Mehr  als  einmal  befand  ich  mich  im  Schützengraben 
zwischen  Tod  und  Gefahren,  aber  das  Leben  war  minder 
hart  und  war  fröhlicher;  könnte  ich  nur,  morgen  würde 
ich  zur  Front  zurückkehren,  schon  um  mich  nicht  in  den 
Händen  unserer  Feinde  zu  befinden.  Kehrte  ich  heim, 
immer  wäre  das  Leben  für  mich  schön,  und  wenn  ich  Tag 
und  Nacht  arbeiten  müsste,  ohne  Rast ;  und  wenn  ich  mir 
den  Leib  nur  mit  ungesalzener  Polenta  füllen  dürfte,  da- 
mit sich  wenigstens  dieser  schreckliche  Trieb  zum  Essen 
legte!" 

„Trotz  strenger  Kälte  und  Schnee  werden  wir  von 
dieser  Kanaille  von  Deutschen  zur  Arbeit  gezwungen. 
Hätte  ich  gewusst,  wie  sie  sind,  würde  ich  mir  zehnmal 
das  Leben  genommen  haben,  bevor  ich  mich  hätte  ge- 
fangennehmen  lassen.     Verflucht    Österreich    und    seine 


—    193    — 

Bundesgenossen!  Besonders  diese  Ungarn  sind  wirklich 
Bestien.  Täglicii  schlagen  sie  uns  mit  Eisenstäben,  zwingen 
uns  Tag  und  Nacht  zur  Arbeit.  Zum  Essen  beinahe 
nichts,  täglich  150  g  Brot  von  schlechter  und  bitterer  Be- 
schaffenheit. Der  Stockfisch  stinkt  und  bei  Erwähnung 
der  sonstigen  Speisen  würgt  einen  der  Ekel.  Wir  werden 
wie  die  Tiere  behandelt;  mit  unseren  zerfetzten  Schuhen 
gleichen  wir  Strolchen.  Hoffentlich  wird  dieser  verdammte 
Krieg  bald  enden,  sonst  werden  wir  das  Leben  in  Öster- 
reich lassen.  Könnte  ich  nochmal  zur  Front  kommen, 
ich  weiss  nicht,  was  ich  zahlen  würde,  um  mich  an  diesen 
Barbaren  rächen  zu  können.  Heute  wurde  ich  ohne  Grund 
eine  Stunde  an  den  Pfahl  gebunden.  Lieber  wäre  ich  er 
schössen  worden.  Denn  während  dieser  Stunde  am  Pfahl 
habe  ich  so  viel  Schmerz  erduldet,  dass  ich  mich  für 
immer  daran  erinnern  werde." 

(Kgf.  in  Mauthausen  nach  Castellanza  (Mailand): 
„Immer  werde  ich  mich  im  Frieden  der  vergangenen 
Zeiten  erinnern,  —  der  Leute,  bei  denen  noch  Sklaverei 
herrscht  und  die  deshalb  unschuldige  Menschen  hassen. 
Aber  sie  hassen  sie  nicht  bloss,  sondern  sie  lassen  sie 
auch  leiden,  es  genügt  ihnen  nicht,  wenn  man  stirbt.  Es 
lebe  die  italienische  Geschichte!  Ich  konnte  noch  nicht 
das  Buch  in  der  Hand  halten,  als  der  Lehrer  sagte:  Meine 
Jungen,  wir  sind  einem  europäischen  Kriege  nahe,  binnen 
kurzem  werden  wir  unsere  heilige  Pflicht  erfüllen  müssen, 
das  heisst  die  Ehre  und  Unabhängigkeit  unseres  Vater- 
landes bis  zum  äussersten  verteidigen." 

Typisch  waren  die  Aufzählungen  des  Menüs  und  der 
täghchen  Arbeitsleistung,  meist  in  Dialekt  geschrieben: 
(Pressburg — La  Chaux-de-Fonds,  Schweiz): 

Adesso  ti  conterö  il  gran  disnä,  merenda  e  culeziü 
che  se  fä,. 

Alla  mattina  alle  cinque  v'e  la  sveglia  e  si  beve  il 
t6  con  un  chilodi  pane  al  giorno  s'incomincia  il  lavoro  alle 
Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  13 


-     194    — 

sei  fino  alle  otto  e  mezza  facendo  poi  merenda  con  iriezzo  po- 
lo,  ma  che  guizza  nell'acqua  ©  si  ritorna  all'avoro  fino  » 
mezzogiorno  e  li  se  £a  el  gran  pranz  de  patati  £as6  e  verse  a& 
riturna  a  lavorare  fino  alle  sei  di  sera  e  cosi  ci  mettiamo 
a  tavola  a  fare  il  grande  disnä  de  tartuful  e  bacalä  eun  un« 
mez  de  tö  per  fal  pasii. 

Fino  che  \'k  chinsä  (?)  non  vä  male  alla  festa  c'  e  i 
maccheroni  due  volte  alla  settimana  v'fe  un  pezzo  di  carne 
e  venti  centesimi  al  giorno  da  bere  la  grappa  e  cosi  il  tempa 
passa. 

Aus  Triest  kommen  ganz  ähnliche  Aufzählungen: 

Orzo,  orzo,  orzo,  orzo,  orzo,  orzo,  orzo.  Fagioli,  fagioli^ 
fagioli,  fagioli,  fagioli.  Fagiuoli,  fagiuoli,  fagiuoli,  fagiuoli, 
Lardo,  lardo,  lardo,  lardo^  lardo,  lardo.  Questi  sarebbero 
per  le  feste,  ma  ora  bisogna  mangiar  polenta,  ostia,  e  patate, 
sacramento!  con  poco  grasso  dimanzo.  Viva  la  vita!  e  godi- 
amola  allegramente.  AI  D'e  moglie  ed  a  te  auguro  buon 
appetito  e  felice  netto.     Ciao! 

Schon  im  Hunger  buche  S.  18  sind  erwähnt  die 
mit  ironischen  Klagen  ausgefüllten  vorgedruckten  Karten,, 
vgl.  etwa  die  Adressangabe: 

MITTENTE  Verita  Sacrosanta 

INDIRIZZO   ESATTO: 

CAMOO:    senza  grano 

GRUPPO  affamati;  BARACCA  sfasciata;  No.  1916 

COMPAGNIA BATTAGLIONE  Mauthausen. 

Der  Schreiber  nennt  sich  „un  Soldato  italiano  af 
Neutri",  was,  da  die  Karte  an  ein  Schweizer  Hilfskomit6 
gerichtet  ist,  besagen  soll,  er  spreche  hiermit  „zum  neu- 
tralen Ausland." 

Gerne  vergleicht  sich  der  gemeine  Mann  selbst  mit 
schmutzigen  Tieren  (intern,  in  Wien  nach  Laibach): 

se  ci  vedessi  siamo  come  i  Montenegrini  quando 
passavano  per  la  nostra  contrada  tutti  infangati  e  sporci  come 
maiali 

(Bruneck — Volterra,  Toscana) : 

non  abiamo  piü  niente  siamo  sula  strada  come  i  vermiß 


—    195     - 

(Wien— Ternitz): 

Mercoledi  ^  stato  B.  ha  trovarmi  per  andare  ha  spasso 
un  pocho  assieme  ma  io  in  quel  giorno  io  so  in  buso  cosi 
siamo  stati  dacordo  di  trovarsi  come  oggi  e  neppure  oggi 
non  ho  potuto  andare  la  causa  e  questa  che  io  amoroso  non 
sono  mai  stato  adesso  che  sono  invalido  tanto  meno  cosi  io 
non  posso  aprire  la  bocca  che  sono  in  buso  sono  ben  visto 
da  tutti  come  i  cani  in  ciesa. 

Den  Schluss  mag  ein  Beleg  mit  dem  ordinären  Fluch 
„benedetta  la  nostra  cazza"  bilden:  (Ein  öster.  Soldat, 
Feldpost  an  den  [Sohn]  Feldpost): 

il  mio  lavoro  ze  di  fachino  sulla  stazione  questa 
Settimana  abiamo  20  vagone  di  carbone  Dolsi  vemo  come 
tanto  Singari  tutti  rotti  e  sporchi  sai  da  lavorare  e  pochodi 
mangiare  benedeta  la  nostra  Cazza. 


XIX. 

In  den  vorhergehenden  Kapiteln  war  von  dem  nichts 
weniger  als  „heiligen"  Egoismus  des  Reichsitalieners  die 
Rede,  der  in  den  Kriegskorrespondenzen  mit  einer  naiv 
anmutenden  Deutlichkeit  zum  Ausdruck  gelangt.  Der 
Italiener  macht  aus  seiner  einem  Offensivkrieg  im  grossen 
Stil  grade  nicht  günstigen  Überzeugung,  dass  das  Leben 
des  Menschen  einziges  und  höchstes  Gut  bildet,  nicht  den 
geringsten  Hehl:  „meglio  qui  nella  prigionia  che  fra  11 
fischiar  delle  pallottole"  oder  „sono  contento  di  non  piü 
essere  in  pericolo"  oder  „la  mia  pelle  ^  salva"  sind  zu 
häufige  Wendungen  der  Gefangenenkorrespondenz,  als 
dass  man  einzelne  Belege  noch  anzuführen  brauchte.  Die 
zahlreichen  Deserteure  finden  denn  auch  eine  für  unser 
Gefühl  allzu  aufrichtige  Sprache  (aus  dem  Überläuferlager 
Theresienstadt  nach  Pittsburg  U.  S.  A.) : 


-     196     - 

Nel  momento  mi  trovo  priggioniere  perö,  non  lo  sono, 
scusa  che  vi  spieco  mi  capite  per  conto  della  Patria  che  non 
ci  posso  tornare  piü  Non  ci  penso  per  niente,  perche  la 
Patria  e  da  per  tutto  Pensanto  al  momento  in  cui  mi  trovo, 
per  me  non  esistono  Patrie.  La  guerra  si  chiama  guerra  e  chi 
non  scappa  lo  sotterra. 

Der  Gedankengang  des  Deserteurs  ist  wunderbar 
klar  und  scharf  umrissen:  Lieber  eine  Viertelstunde  feig 
als  ewig  tot;  ubi  bene  ibi  patria;  Liebe  zum  Vaterland 
bis  —  auf  den  Tod!  Es  gibt  die  verschiedensten  Spiel- 
arten der  Deserteure:  einfach  opportunistische,  politisch 
überzeugte,  ja  religiös  inspirierte.  (Was  dabei  prinzipielle, 
was  post  festum-Stimmung  ist,  lässt  sich  schwer  ausmachen.) 
Es  gibt  verschämte  und  unverschämte,  mit  der  Überläufer- 
schaft sich  brüstende  und  ihren  Schritt  beschönigende. 
Oft  wird  nach  Italien  bloss  geschrieben :  „Ich  kehre  nie- 
mals nach  Italien  zurück"  oder  „Nach  dem  Krieg  gehe 
ich  in  die  Schweiz  (nach  Holland,  Amerika),"  manchmal 
unterschreibt  sich  der  Kriegsgefangene  direkt  mit  dem 
deutschen  Wort  „Überläufer"  und,  als  ob  das  eine  Würde 
in  der  neuen  Heimat  wäre,  sogar  als  „k.  k.  Überläufer", 
einer  schrieb  nach  der  Heimat  bloss  drei  deutsche 
Worte:  ich  pim  Überläufer.  Hier  sei  der  ausser- 
ordentliche Bericht  eines  französisch  nach  Boulogne  schrei- 
benden Italieners  über  seine  Gefangennahme  mitgeteilt, 
die  zwar  nicht  als  Desertion  angesehen  werden  kann,  bei 
der  aber  jedenfalls  die  Selbsterhaltung   stark  mitspielte. 

Chermöre  Cher  freres  et  soeurs. 

Je  m'empresse  de  vous  donner  de  mes  nouvelles  qui 
sont  toujour  tres  bonnes  j'esp^re  de  vous  tous  de  meme. 

Je  vous  dirait  que  le  17  mai  j'etait  parti  au  front  le 
18  mai  jai  fait  1' Attaque  le  matin  k  3^/^  et  ä,  1  le  tan  tot 
j'etait  fait  prisonnier. 

Tu  parle  les  Obus  sil  sa  pleuvait  ils  ^clatait  tout  pres 
de  moi  javait  la  trouille  d^tre  tue  ou  blesse  mais  je  me 
suis  fait  Prisonnier    comme  sa  je  suis  sur   de  revenir    de  la 


—    197    — 

guerre  j'espere  que  vous  serrez  toiis  Contents  parce  que  je  ne 
suis  pas  maltret^  par  les  Autrichiens  et  tu  s'est  je  ne  suis 
pas  le  seul  prisonnier  on  est  pres  de  2000  Alors  tu  doit 
voir  que  s'est  quelque  chose.  Enfin  voila  comment  que  set 
arrive  le  18.  mai  a  3  du  matin  il  arrive  un  ordre  de  At- 
taque Tennemi  k  3V2  nous  commen9ons  ä  tire  des  coups  de 
fusils  nous  avan9ons  de  500  metres  toujours  en  tirant  et 
un  moment  donnez  nous  fesons  une  charge  k  la  baionette 
mais  nous  somme  arrette  par  les  mitrailleuse  Autrichienne 
etmoi  je  me  cache  dans  un  petit  trou  et  quand  je  me  releve 
je  ne  voit  plus  les  soldats  Italien  il  s'  etait  retirer  en 
arriere. 

Alors  moi  je  ne  savait  plus  quesque  jallait  devenir 
jai  rester  plus  de  4^  k  la  meme  place  dans  la  boue  et  les 
balles  de  mitrailleuse  de  fusils  quil  siflait  au  dessus  de  ma 
Tete  et  pis  tous  les  blesses  quil  pleurait  et  les  morts  quil 
criait  enfin  jai  eu  du  sang-froid  je  me  suis  leve  ä  genou  et 
en  rampant  jai  ete  jusqua  la  tranche  Italienne  qui  etait  ä 
500  metres  da  \k  et  pis  dans  la  tranche  il  pleuvait  des  obus 
tellement  que  Ion  ä  ^t^  force  de  se  retirer  alors  en  se 
retirant  je  me  sauv  k  fönt  trin  et  les  balles  de  fusil  quil 
siflait  autour  de  mes  oreilles  et  quesque  je  voit  les  Autrichiens 
Alors  nous  levont  tous  les  mains  en  lair  et  moi  Je  jette  mon 
fusil  mais  cartouche  mon  sac. 

Enfin  tu  sais  eher  frere  que  sest  une  fortune  que  je 
sait  pas  ete  blesse  et  je  suis  content  d'etre  prisonnier. 

Der  Überläufer  rät  dem  vor  dem  Einrücken  stehen- 
den Verwandten,  sich  nicht  zu  stellen :  (Ein  Kgf .  in  Maut- 
hausen—Schweiz) : 

„Ich,  der  ich  erfahren  habe,  was  der  Krieg  ist,  rate 
Dir,  Dich  nicht  in  Italien  zu  stellen.  Denke  an  Deine 
lieben  Kinder!  Wenn  Du  wüsstest,  was  ich  während  der 
5  Monate  gelitten  habe,  da  ich  in  der  vordersten  Linie 
stand!  Gottseidank  bin  ich  hier  wohlauf  und  ausser  Ge- 
fahr. Sehr  oft  gab  ich  keinen  centesimo  für  mein  Leben. 
Somit  höre  niemanden  andern  an  und  bleibe  w^o  Du  bist. 
Wir  beide  Brüder  haben  genug  gelitten,  ich  habe  bis  zu- 
letzt meine  Pflicht  getan,  aber  lieber  wäre  rair  der  Tod 
als  die  Wiederholung  einer  so  furchtbaren  Lebensepisode." 


—    198    - 

(Theresienstadt — Zürich) : 

„Da  sich  der  Krieg  in  die  Länge  ziehen  wird,  wer- 
den meine  zwei  Brüder  in  Italien  in  absehbarer  Zeit  ein- 
berufen werden.  Die  Söhne  eines  beliebigen  Abgeordneten 
werden  nicht  ins  Feld  ziehen,  aber  meine  Mutter  wird, 
weil  sie  eine  arme  Witwe  ist,  alle  drei  Söhne  fürs  Vater- 
land hergeben  müssen.  Ich,  der  ich  die  Greuel  des  Krieges 
mit  eigenen  Augen  gesehen  habe,  empfehle  Ihnen,  meinen 
Brüdern  durch  Ihre  Schwester  Lucia  sagen  lassen,  dass 
sie  in  jedem  Falle  meinem  Beispiele  folgen  mögen.  Fürchten 
Sie  sich  nicht  vor  der  Zensur,  wenn  man  natürlich  auch 
die  nötige  Vorsicht  bewahren  kann.* 

Das  Leben  als  Überläufer  ist  eitel  Wonne  und  Fröh- 
lichkeit: (Kgf.  in  Theresienstadt  am  23.  X.  1915  an  einen 
Kgf.  in  Birnbaum): 

„Wir  sind  hier  270  Deserteure.  Wenn  Du  am  Abend 
hören  könntest,  wie  wir  singen  und  die  Mandoline  spielen, 
würdest  Du  es  für  ein  Konzert  halten." 

Wird  der  Deserteur  nicht  „standesgemäss"  behandelt, 
so  gibt  es  Reklamationen,  auf  Grund  der  um  Österreich 
erworbenen  Verdienste:  In  Mauthausen  beklagt  sich  ein 
ital.  Deserteur  beim  Lagerkommando  auf  folgende  Weise: 

„Der  Gefertigte  bittet  Euer  Hochwohlgeboren,  ihn  in 
Schutz  zu  nehmen.  Ich  bin  fahnenflüchtig  gewesen  und 
muss  deswegen  allerhand  Misshandlungen  über  mich  er- 
gehen lassen,  und  zwar  nicht  bloss  seitens  der  kgf.  Ka- 
meraden, sondern  auch  seitens  Ihrer  Soldaten.  Ich  kam 
nach  Österreich,  weil  ich  wusste,  dass  dieser  Krieg  nicht 
gerecht  sei  und  weil  ich  daher  Menschen,  die  ich  für 
Brüder  hielt,  nicht  töten  wollte.  Und  gerade  diese  sind 
es,  nämlich  die  öst.  Soldaten,  die  mich  misshandeln.  Ich 
wende  mich  an  Ihre  Güte  mit  der  Bitte,  mir  zu  helfen 
und  mich  womöglich  zu  anderen  Deserteuren  zu  schicken, 
die,  soviel  ich  glaube,  ein  besseres  Leben  haben  .  .  .  auf 
Grund   der   mir   bei  meiner  Ergebung    gemachten   Ver- 


—     199    - 

«prechuungen  erwartete  ich  eigentlich  eine  schöne  Be- 
lohnung: nun  bin  ich  schon  4^2  Monate  hier,  und  die  ein- 
zige Belohnung  war  die,  dass  ich  habe  arbeiten  müssen 
und  dafür  mit  Fusstritten  und  Kolbenhieben  bezahlt  wor- 
den bin." 

Ein  Kgf.  (bezeichnet  sich  selbst  als  „Überläufer")  in 
Theresien Stadt  am  28.  I.  1916  an  eine  österreichische  Ober- 
leutnantsgattin in  Marburg: 

„Ich  beneide  Dich  wegen  Deiner  Freiheit :  Du  kannst 
ins  Kaffeehaus  gehen,  ein  bischen  Musik  hören,  Zivilper- 
sonen sehen!  Welcher  Unterschied  mir  gegenüber,  der  ich 
immer  eingeschlossen  bin!  Ich  komme  mir  vor  wie  in 
einem  Gefängnis,  der  Welt  entrückt,  und  dies  alles,  weil 
ich  österreichfreundlich  gesinnt  bin!!  Man  muss  sich  halt 
drein  schicken,  viele  Menschen  und  viele  Dinge  bleiben 
auf  dieser  Welt  unverstanden.  Ich  habe  mit  grosser 
Freude  erfahren,  dass  Dein  Gemahl  wegen  seiner  Tapfer- 
keit dekoriert  worden  ist." 

Die  Angehörigen  eines  Deserteurs  sind  manchmal 
patriotischer  als  der  entlaufene  Vaterlandsverteidiger,  da 
sie  ja  noch  mitten  im  Tosen  des  Kriegslärmes  stehen. 

Aus  Osimo  (Ancona)  am  17.  10.  1915  an  einen  Kgf.  in 
Theresienstadt: 

„Die  Militärbehörde  hat  Dich  als  Deserteur  erklärt 
«nd  Dich  in  Kontumaz  zum  Tode  des  Erschiessens  ver- 
urteilt, nach  vorhergehender  Degradation  und  Aberkennung 
aller  bürgerlichen  Rechte.  Ich  muss  Dir  sagen,  dies  Ge- 
schehnis hat  mich  und  die  Familie  in  die  grässlichste 
Bestürzung  versetzt  und,  wenn  nicht  bald  ein  Umstand 
bekannt  wird,  der  Deine  Unschuld  beweist,  wird  uns  der 
Seelenschmerz  zu  Boden  drücken.  Wir  leben  tagtäglich 
in  der  Hoffnung,  dass  Du  den  zuständigen  Behörden  die 
Orundlosigkeit  einer  so  schweren  Anklage  wirst  beweisen 
können,  denn  nie  werde  ich  glauben,  dass  Du  Dich  einer 
solchen  Ehrlosigkeit  schuldig  machen  konntest.    Andern- 


—     200     — 

falls  müsste  ich  Dich  unwürdig  nennen,  ein  Italiener  zu 
heissen,  und  ich  könnte  Dich  nicht  mehr  als  Sohn  aner- 
kennen. Eine  derartige  Handlungsweise  träfe  ja  nicht 
nur  Dich  und  Deine  Familie,  sondern  auch  die  unsrige, 
die  sich  Vorwürfe  machen  müsste,  Dich  in  die  Welt  ge- 
setzt zu  haben,  der  eines  solchen  Verrates  und  einer 
solchen  Feigheit  fähig  ist,  während  tausende  und  tausende 
junger  Menschenleben  sich  mit  der  Begeisterung  ihrer 
zwanzig   Jahre    der    Grösse    ihres    Vaterlandes    opfern." 

Der  Kriegsgefangene  hält  es  für  notwendig,  sie  aufzu- 
klären (an  einen  itaL  Soldaten  in  Montebello,  Prov» 
Vicenza): 

„Ich  bin  überaus  glücklich,  Dich  gesund  zu  wissen 
und  zu  hören,  dass  Du  weit  von  allen  Gefahren  in  der 
Compagnia  Presidiaria  kämpfst.  Ich  bin  überzeugt,  dass 
die  vier  Monate  Schützengraben  Dich  von  Deiner  inter- 
ventionistischen Gesinnung  geheilt  haben.  Ich  w^äre  zu- 
frieden, wenn  Du  hier  wärest,  um  dieses  serbische  Gesindel 
kennen  zu  lernen,  dem  Du  zu  Hilfe  eilen  wolltest.  Diese 
Serben  lieben  uns  Italiener  wie  die  Augen  den  Rauch 
lieben.  Ich  sage  nichts  weiter  .  .  .  mit  Rücksicht  auf 
die  italienische  Maulkorbzensur,  nicht  auf  die  öster- 
reichische   " 

(Mauthausen — Mailand) : 

Mia  Selvaggiä  carissima!  Stavolt  a  ö  proprio  il  Capriccio 
di  volerla  contradire,  cheche  lei  ne  dica:  per  incominciare  le 
dirö  che  io  non  giungo  ad  avere  tanto  fanatismo  .  .  .  patriot- 
tico  (iu  fondo  e  veramente  e  semplicemeiLte  fanatismo)  da 
comprimere  il  mio  senso  estetico,  e  per  es.  trovare  brutti  certi 
luoghi,  certi  panorami,  solo  perche  sono  luoghi  e  panorami  d' 
una  nazione  ch'oggi  ci  ^  nemica,  ma  che  domani  tornerä  ad 
esserci  amica;  oh!  creda  Anita!  io  son  sicaro  di  non  rinne- 
gare affatto  la  mia  Patria,  pur  qaalificando  hello  questo 
tratto  del  Danubio!  Per  caritä  freni  i  suoi  entusiasmi!  non 
so  dove  essi  la  condurrebbero !  Oh!  Quanti  bei  ragionamenti  mi 
riprometto  di  farle  al  mio  ritorno!    quaute  belle  discussioni! 


-     201     - 

e  guai  a  Lei!  se  iion  finirA  col  darmi  ragione!  Una  cosa 
sola  io  non  riesco  a  capire;  corne  mai  dinanzi  a  tanti  dolori 
e  a  taute  lagrime  ch'Ella,  volere  o  no,  constata  ogni  giorno 
ancora  sia  invaso  da  cosi  potenti  entusiasmi  bellici!  Oh! 
Amica  dilettissima,  io  son  convinto  che  una  Jeanne  d'Arc 
sarebbe  perfettamente  inutile  oggi;  erano  ben  altri  tempi, 
quelli,  Le  pare?  In  ogni  modo  io  auguro  alla  mia  Amica 
carissima  di  passare  sulla  Storia  delle   Quarta  Italia    con    la 

maggior    celebritä,    possibile ! ! ! ! ! Dove   La  troverä, 

questa  mia?  gik  a  Napoli?  Lo  spero,:  e  quando  sara  sotto 
quel  Cielo  incantato,  abbia  anche  lei  con  l'infinita  mag- 
gioranza,  desideri  di  pace!  Creda  pure  che  il  Suo  animo 
altamente  Italiano  saprä,  ben  dispiegare  le  sue  migliori  atti- 
vitc\  anche  nelle  feconde  opere  di  pace:  anzi  ci  saranno  tante 
lagrime  da  asciugare,  tanti  dolori  da  lenire,  che  il  Suo  lavoro 
certamente  sarä  raddopiato  per  Lei,  infaticabile  lavora- 
trice  del  Bene !  Le  invio  i  miei  migliori  pensieri  e  i  miei 
piii  cari  saluti.  Mi  perdoni  tutte  le  stramberie  che  le  ö 
detto   e  mi  voglia  bene. 

Manchmal  sind  die  Kgf.  mit  dem  Schritte  der  Anverwandten 
zu  ihrem  Schutze  einverstanden  und  kümmern  sich  vor 
allem  um  die  Massregeln,  die  Unannehmlichkeiten  in  Italien 
vorbeugen  sollen.  Nach  Theresienstadt  schreibt  eines  Kgf . 
Bruder  in  Bukarest: 

Tu  adesso  scrivi  al  tribunale  militare  come  e  avvenuto 
il  fatto.  ma  vedi  di  dire  sempre  le  stesse  parole  e  non 
cambiare  mai  il  discorso  se  no  ti  prendono  in  trapola.  e 
una  lettera  scrivi  al  padre  come  b  statto  il  fatto  ma  sempre 
compagno  di  quelle  che  scrivi  al  Tribunale  militare 

Man  sieht,  die  militärische  Gerichtsbarkeit  wird  als 
eine  Falle  aufgefasst,  in  die  der  Deserteur  nicht  „hinein- 
fallen" soll.  Die  Gefangennahme  des  Angehörigen  wird 
von  der  Mutter  Gottes  erfleht:  (Eine  Frau  in  Carmagnola 
(Prov.  Turin)  am  21.  12.  1915  an  den  Gatten  Kgf.  in  Maut- 
hausen): 

„Wir  haben  uns  oft  an  die  Mutter  Gottes  mit  der 
Bitte  gewendet,  sie  möge  Dir  die  Gnade  der  Gefangen- 
nahme erweisen.  Wir  hoffen,  dass  Du  über  dein  Leben 
beruhigt  bist.   Alle  sagen,  Du  sejest  schlau  gewesen,  indem 


—     202     - 

Du   SO   handeltest,   Deine  Gefangennahme  war  eine  gött- 
liche Gnade." 

Auch  manchem  reichsitalienischen  Internierten  ist 
sein  Vaterland  Hekuba  (St.  Polten— Katzenau): 

Ti  facio  sapere  che  noi  si  troviamo  34  volontari  che 
abiamo  messo  la  firma  di  lavorare  contro  la  propia  Nazione 
e  siamo  liberi  come  i  Austriaci  ....  basta  coragio  se  Dio 
vuole  terminerä  anche  questo  una  volta  intanto  salviamo  la 
pancia  per  i  fichi. 

Auf  der  andern  Seite  finden  sich  auch  zahlreiche 
Kundgebungen  patriotischer  Gesinnung  noch  in  der  Ge- 
fangenschaft. Der  Gedanke  „ach  wäre  ich  doch  gestorben, 
anstatt  gefangen  zu  sein!"  ist  häufig  anzutreffen  (Maut- 
hausen— Udine) : 

Penzo  tante  volte  che  sarebbe  stato  molto  meglio  che 
invece  di  prendermi  prigioniero  mi  avrebbero  amazzato,  cosi 
almeno  si  avrebbe  terminato  di  tribolare,  Quano  penso  ai 
momenti  trascorsi  al  fronte  Italiano  mi  vengono  le  lacrime 
agli  occhi  e  griderei  viva  l'Italia  ma  inghiotisco  tutto  e  spero 
che  presto  venga  il  giorno  della  nostra  libertä. 

Zweierlei  erhellt  aus  diesem  Beleg:  einerseits  die 
schon  besprochene  Schreifreude  des  rhetorisch  veranlagten 
Italieners,  anderseits  die  egoistische  Seite  seines  Gefühls- 
wesens, welche  die  Leiden  der  Gefangenschaft  eintauschen 
möchte  gegen  das  zwar  gefahrvollere  aber  immerhin  an- 
genehmere Schützengrabenleben.  Der  Italiener  gefällt 
sich  ja  überhaupt  in  einer  gewissen  überspannten  Helden- 
pose, in  altrömisch  sein  sollender  Triumphatorengeste,  mit 
einem  etwas  ostentativ  entblössten  Bizeps.  Daher  werden 
die  Friedenswünsche  immer  den  Passus  enthalten,  der 
Sohn  oder  Bruder  möge  als  „Sieger"  und  „Held"  in  den 
Schoss  der  Familie  zurückkehren.  Wenn  der  Held  sich 
nach  unserem  Geschmack  allzusehr  der  „Strasse"  gemäss 
benimmt,  so  tut  ihm  das  in  Italien  keine  Einbusse  (Maut- 
hausen— Bergamo) : 

ti  auguro  del  cuore  che  il  tuo  viaggio  lo  farai  completo 


—     203     — 

ritornando  sano  e  salvo  e  pieno  di  gloria  e  gridando  viva  la 
Patria  e  viva  il  Re. 

„Sano  e  salvo"  stimmt  nicht  ganz  zu  dem  patriotischen 
Dithyrambus  —  aber  die  rhetorische  Übertreibung  des 
Italieners  erhebt  sich  ja  immer  auf  der  soliden  Basis  eines 
gesunden  Egoismus.  Gar  freigebig  erkennen  sich  die 
italienischen  Soldaten  selbst  den  Titel  eines  Helden  zu, 
sie  antizipieren  mit  einem  von  Seelenkeuschheit  nicht  an- 
gekränkelten Selbstbewusstsein  das  Urteil  der  Nachwelt. 
Häufig  sind  die  Versicherungen:  „ritornerö  dopo  aver 
sofferto  come  un  martire  e  posso  dire  anche  un  eroe", 
ein  Gefangener  schreibt  sogar  mit  unfreiwilliger  Komik: 
„dopo  due  giorni  di  combattimento  da  eroe  fui  fatto  pri- 
gioniero".  Von  der  inneren  Entwicklung,  besonders  aber 
von  der  körperlichen  Entfaltung  im  Kriege  wird  mit  Vor- 
liebe geredet.  Hier  sei  einmal  der  Brief  eines  öster- 
reichischen Italieners  angeführt  (Ufa,  Russland — Triest) : 

quando  la  pace  verrä  a  casa  verrä  un  altro  M.  piü  uomo 
piu  hello  piü  sentimentale  piü  risoluto,  ho  dimenticato  il  bere 
perche  qui  e  proibito  in  tutta  la  Russia  la  vendita  di  alco- 
olici. 

Mit  der  allgemeinen  Charakteristik  seelischen  Wachs- 
tums steht  allerdings  die  unter  dem  Gebote  des  Zwanges 
erworbene  Tugend  der  Massigkeit  im  Alkoholgenuss  nicht 
auf  gleicher  Höhe.  Ein  typisches  Beispiel  für  die  echt 
italienische  stutzerhafte  millanteria,  die  Bramarbasie- 
rerei, die  schon  im  Frieden  üppige  Blüten  treibt,  durch 
den  Krieg  unheimlich  gesteigert  wird,  ist  der  Brief  eines 
Kgf.  in  Mauthausen  (nach  Gazzo  Veronese): 

Ho  capito  anche  che  mi  volete  far  coraggio;  incuanto 
a  quello  tutto  si  cambia  al  mondo  edd'  io  pure  addesso  qua- 
luncue  cosa  mi  succede  ho  una  forza  (D'animo)  da  leone  in 
modo  che  questi  ostacoli  di  guerra  per  me  son  tutti  Biscot- 
tini,  e  ostacoli  per  me  non  ce  ne  piü  pensate  di  star  tran- 
quilli  voialtri  che  io  ci  son  anche  troppo  e  non  ho  paura  di 
nessuna    cosa.       Incuanto  del  danaro  vi  ringrazio  non  ne  ho 


_.-     204     ._ 

bisogno  ho  capito  anclie  che  vi  diportate  bene  con  i  vostri 
affari  ma  forse  mi  farete  capire  per  farmi  stimare  ma  almeno 
spero  che  sarete  puliti  quando  tornerd  a  casa  allora  vedrete 
che  bella  consolazione  che  si  provera  a  vedersi  tutti  e  tre 
trancuilli  e  beati  specialmente  a  vedermi  me  tutto  cambiato 
pieno  di  buona  volonta  di  far  bene  appositamente  per  ren- 
dersi  piu  felici  ancora. 

(Udine  —  KriegszoneJ  : 

„Sei  stark,  denke  nicht  an  uns;  ich  möchte  an  Deiner 
Seite  sein  und  vielleicht  wird  mein  heisser  Wunsch,  mich 
als  Krieger  zu  betätigen,  in  Erfüllung  gehen.  Ein  italie- 
nischer Soldat  ist  mehr  wert  als  ein  deutscher  General. 
Wenn  man  nur  die  Tricolore  sieht,  füllt  sich  das  Herz 
mit  Freude.  Sei  immer  tapfer,  wenn  der  Ruf:  ,Es  lebe 
Italien'  erklingt." 

Man  kann  der  GrossmäuKgkeit,  die  sich  in  diesen 
Zeilen  ausschwelgt,  nicht  richtig  böse  sein,  weil  sie  mit 
kindlicher  Naivität  und  Herzensgüte  gepaart  ist.  Der 
Deutsche  beurteilt  diesen  volkstümlichen  Helden  so  wie 
manchen  Grossen  des  Kriegsitalien:  wäre  er  nicht  ein 
Held,  man  wäre  versucht  ihn  ein  Kind  zu  nennen. 

Die  Angehörigen  sehen  den  Krieger  ebenfalls  als 
„geschichtlichen  Helden"  (La  Maddalena,  Prov.  Sassari — 
Mauthausen) : 

„Auch  Du  hast  so  jung  schon  für  unser  geliebtes 
Vaterland  viel  geleistet  und  eines  Tages  wird  die  Ge- 
schichte von  Dir  sprechen.  Du  kannst  darauf  stolz  sein, 
an  den  heftigen  Kämpfen  gegen  Österreich  teilgenommen 
zu  haben." 

(Genua — Mauthausen) : 

Mio  Carrissimo  Fratello! 
Yengo  a  risponderti  alla  tua  lettera  e  cartolina  senta 
con  gioia  che  ti  trovi  bene  e  non  ti  puoi  immaginare  l'or- 
golio  che  provo  nel  saperti  cosi  corragioso  (di  fronte  a  quella 
belva  di  un  nemico  cosi  prepotente  che  tutta  TEuropa  si  trova 
in    scompiglio    perlui    Caro    Fratello   ti  raccomando  di  essere 


-    205    ~ 

sempre  corragiso  come  ai  fatto  fino  adesso  non  indiettreg- 
giare  mai  davanti  al  pericolo  difendi  sempre  la  nostra  bella 
Patria  che  bisogna  difenderla  da  queste  belve  umane  Caro 
Fratello  Itaglia  e  porta  alto  l'onore  della  quando  o  letto  la 
lettera  papa  piangeva  della  contentezza  nel  sentire  cheai  sven- 
tolato  la  tua  bandierina  a  lultima  trincea  del  Mirlzi  cosi  sup- 
poniamo  noi  che  tu  ti  della  trovare  costi  nel  leggere  i  gior- 
nali  noi  ci  arrizon  tiamo  presse  a  pocho  dove  ti  trovi  ma  fatti 
corragio  che  L'Itaglia  progredisce  giorno  per  giorno  e  vince 
sempre  .  .  .  Speriamo  che  questo  flagello  terminerä  presto  e 
che  ci  rivedremo  e  quando  ritornerai  voglio  stringere  al  mio 
seno  non  come  fratello  ma  come  figlio  la  tua  bruna  testa  e 
coprirla  di  baci  (per  la  tua  audacia  e  coraggio  che  ai  cosi 
giovane  come  sei  e  quando  penso  che  nel  piu  hello  dei  tuoi 
diciotto  anni  ai  messo  sensa  rinpianto  a  repentaglio  la  tua  vita 
piango  dalla  consolazione)  scrivi  sempre  sii  allegro  che  la 
mamma  preghera  il  buon  Dio  che  ritorni  presto  ad  abbrac- 
ciare  il  tue  Vechio  Padre  che  non  fa  altro  che  parlare  di  te 
le  tue  sorelle  e  nipotini  e  domandano    sempre  quando  viene. 

Wir  halten  es  im  allgemeinen  für  taktlos,  jemandem 
erwiesene  Liebesdienste  und  Opfer  vorzuwerfen:  der  Ita- 
liener schämt  sich  nicht,  die  fürs  Vaterland  gebrachten 
Opfer  genügend  herauszustreichen  (Mauthausen— Schaff- 
hausen): 

cara  sorella  gi  sono  passatte  tante  cose  chisa  che  passi 
anche  questa  malefita  e  di  venire  ancora  in  vostra  compagnia 
e  di  racontare  tutti  i  miei  patimenti  tutti  i  miei  sagrefigi 
per  la  mia  bella  Patria  che  tanto  lämo  cheche  volarebe  so- 
frire  anche  piu. 

(Messina — ital.  Front) 

Avere  pazienza  e  sopportare  qualsiasi  sofferenza  per 
Tamore  dell  nostra  bella  Patria  e  sacrificare  con  fede  ferma 
6  con  coragio  sino  l'ultima  fine  dell'estremo  per  la  delibera- 
zione  delle  amate  fratelle  che  da  tempo  prima  si  trovavano 
sotto  poste  all'aschiavitü  ma  tanto  speriamo  che  fra  breve 
saranno  novellamente  liberato  ritornare  alla  loro  libertä  liberi 
e  fedeli  come  siamo  noi.  Intanto  vi  prego  di  farvi  corragio 
al  doppio  di  quante  vinesiete  fatto  nella  Libia  onde  abiamo 
portato  sempre  Vittoria  e  dare  ancora  coragio  anche  alle 
vostre    inferiore    dobiame    essere  in  unico  sentimento  e  dare 


—     206     — 

un  buono  esempio  per  poteri  traslocare  quell 'infami  nemico 
quäle  ciö  bastato  quante  per  il  passato  e  stato  il  sfrottatore 
del  nostro  sangue  ma  presto  speriamo  che  ci  beviamo  il  suo. 

Dieser  von  einem  sizilianischen  Caporalmaggiare 
herrührende  Beleg  zeigt  dreierlei:  einerseits  wie  das 
Hinterland  die  Kriegstrompete  viel  lauter  erschallen  lässt 
als  das  Feldheer,  zweitens  dass  in  Italien  die  Rhetorik 
der  Zeitung,  die  marktschreierische  Phrase,  das  hohle  aber 
klingende  Pathos  die  Gefühls-  und  Ausdrucksweise  ein- 
facher Menschen  vergewaltigt,  drittens  dass  die  unver- 
fälschte Empfindung  und  ungeschminkte  Form  der  Äusse- 
rung nicht  in  Briefen  ins  feindliche  Ausland,  sondern  nur 
in  Korrespondenzen  im  Inland  zu  finden  ist.  Zufälle  allein 
konnten  uns  derartige  Korrespondenzen  in  die  Hände 
spielen,  wie  z.  B.  in  dem  Fall  dieses  Briefes,  der  mit 
dem  Vermerk  „vermisst"  von  der  italienischen  ^zona 
di  guerra"  nach  Mauthausen  weitergeschickt  wurde.  Ein 
wirklicher  Hass  gegen  Österreich  wagt  sich  nur  in  jenen 
inneritalienischen  Korrespondenzen,  die  gewissermassen 
unter  dem  Impuls  und  mit  dem  Stil  der  offiziösen  Presse 
unter  dem  Auge  der  italienischen  Publizistik  geschrieben 
sind,  hervor.  Selten  ist  ein  Italiener  so  unvorsichtig,  ein 
„maledetti  austriaci"  an  seinen  kgf.  Angehörigen  in 
Österreich  niederzuschreiben  wie  im  folgenden  Fall: 
(Bellariva — Mauthausen) : 

ringhilterra  ora  a  passato  la  coscrizione,  che  nel  mese 
di  Marzo  mette  cinque  millioni  di  nuovi  soldati  sul  fronte, 
e  cosi  sara  presto  terminati  questi  maledetti  Germanesi  ed 
austriaci. 

Die  Beeinflussbarkeit  des  Volksgemütes  wie  des  Volks- 
wissens der  Italiener  durch  die  Presse  wird  durch  diese 
Zeilen  glänzend  beleuchtet.  Lohnend  wäre  das  eindring- 
liche Studium  des  Einflusses  der  Zeitungen  auf  die  volks- 
tümliche Stilistik:  der  folgende  Brief  aus  Camandrona 
nach  Mauthausen  zeigt,  wie  der  offizielle  Schwulst  unge- 
schickt  nacherzeugt   wird,    so    dass  nur  mehr  der  Wort- 


[ 


—    207    — 

rausch  übrig  bleibt:   auf  den  Briefbogen  waren  kitschige 
Klebebilder  (Rosen  in  den  drei  ital.  Farben)  geklebt: 

Caro  fratello  e  cugino, 

Allo  scu  rar  del  giorno  quando  il  cocente  sole  sparisce, 
noi  contempliamo  le  terre  deserte,  e  nell  immenso  mutismo 
rivolgiamo  il  pensiero  a  te. 

Lasciä  che  per  la  gloria  della  Patria  tu  sii  lontano  dalle 
terre  natie  e  tu  da  bravo  soldato  sopporti  tanti  sacrifizi 
come  tanti  altri  tuoi  compagni. 

Quante  ansie,  quanti  sospiri,  quante  notte  insonne  che 
il  tuo  povero  cuore  soffre,  quasi  circa  due  anni,  sopporta 
tutto  con  paziensa,  nel  tuo  martirio  di  cui  tu  non  ne  sei  la 
causa.  Oh  immortalato  della  storia  oggi  la  civiltä  del  mondo 
ti  ammira,  e  ti  onora,  e  nel  terribile  momento  in  cui  la 
guerra  impone  esso  ti  guarda,  sui  concenti  su  di  te,  d'  una 
terra  bagnata  col  san  gue  dei  tuoi  avi  furono  henigni,  ora 
invece,  si  riconosce  tutta  la  tuavalentia,  sei  pacefista  eroi, 
perche  solo  parlare  del  soldato,  di  un  uneguagliahile  nazione 
civile,  il  mondo  trema,  si  trema,  perche  il  tuo  cuore  alber- 
gatore  di  sentimenti,  saprebbe  imporrsi  nell'  aggresione 
barbarica. 

Dunque  coraggio,  o  E^,  coraggio  difensore  del  diritto 
delle  genti,  e  ti  giunga  sull'  aspro  confine  il  nostro  piü  fer- 
vido  saluto,  e  presto  che  possi  ritörnar  al  paese  natio  e  a 
riveder  le  verde  montagne  e  colline,    e  tutti  i  tusi  cari. 

Meist  ziehen  die  Angehörigen  eines  Kriegsgefangenen 
vor,  diesen  zur  Besonnenheit,  zu  „ubbidienza  ai  nuovi  su- 
periori"  zu  ermahnen,  ja  ein  besorgter  Vater  findet  den 
in  seiner  Charakterlosigkeit  charakteristischen  Ausdruck: 
„fai  da  bravo  col  nemico". 

(Dozieri,  Prov.  Sassari — Mauthausen): 

„Ich  halte  es  nicht  für  notwendig.  Dir  ans  Herz 
zu  legen,  dass  Du  Dich  ordentlich  benehmen,  gehorsam 
sein  und  Dich  bei  allen  beliebt  machen  sollst ;  denke  dass 
auch  sie  Soldaten  sind  und  so  wie  Ihr  ihre  Pflicht  zu  er- 
füllen haben.  Deswegen  sei  mit  allen  gut  und  hoffen  wir, 
dass  alles  bald  ein  Ende,  und  zwar  ein  für  beide  Parteien 
gutes  nehme.    Freilich  wirst  du  manche  Unbequemlichkeit 


—     208     - 

erdulden  müssen,  aber  man  muss  sich  drein  fügen  und 
daran  denken,  dass  jetzt  niemand  auf  der  Welt  glück- 
lich ist." 

Die  Italiener  sind  Leute  ohne  Galle  —  ein  anderer, 
süditalienischer  Vater  weist  den  kriegsgefangenen  Sohn 
auf  den  Italienern  und  Österreichern  gemeinsamen  Christ* 
katholischen  Glauben  hin  (Bitonto,  Bari— Mauthausen): 

Mio  Caro  Figlio  G. !  Abbiamo  saputo  che  sei  prigioniere 
in  Austria,  Bene  gli  Austriaci  e  gli  Itagliani  siami  tutti  cattolici 
tutti  fratelli  e  percio  passila  allegre. 

(Campobello  di  Licata,  Girhenti — Laibach): 

„Die  Mutter  Gottes  wird  Dir  auch  fernerhin  beistehen, 

denn  Du    befindest  Dich    bei  einer  sehr  zivilisierten  und 

streng  katholischen  Nation." 

Oft  finden  sich  Äusserungen  des  Mitleids  der  Kgf .  mit 

den  hungernden  Eingeborenen  (Kuf  stein-Courmayen,  Turin) : 

Vedi  vi  sono  doi  paesi  che  i  fauciulli  che  domandano 
del  pane  alle  lore  madri  e  non  ce  ne  hanno  a  dargliene  — 
quanta  desolazione?  con  il  loro  Dio  prendono  pasienza,  ma 
intanto  i  Fanciulli  muoiono  di  f'solo  dei  poveri  'i  ricchi  tro- 
vano  sempre  a  mangiare.  Sperando  che  dalle  nostre  parti 
di  non  arrivare  a  un  punto  cosi  terribile. 

Besonders  nahe  gehen  dem  Kriegsgefangenen  die 
Leiden  seiner  österreichischen  Bewachungssoldaten  und 
oft  erfolgte  ein  Austausch  von  Zigaretten  gegen  Brot. 
Manchmal  betrachteten  die  Kriegsgefangenen  ihre  eigene 
prekäre  Ernährungslage  mit  Hinblick  auf  die  ihrer  Um- 
gebung mit  grösserer  Resignation    (vgl.  Hunger  S.  8). 

Dass  die  Österreicher  „brava  gente"  oder  „un  popolo 
molto  democratico"  sind,  wird  öfters  mit  Hinblick  auf 
gemeldete  gute  Behandlung  vermeldet. 

Etwas  unklar  gehalten  ist  der  folgende  Brief  eines 
Vaters  in  Locana,  Turin  an  den  desertierten  und  in  Maut- 
hausen kriegsgefangenen  Sohn: 

scrivemi    al    piü    presto    possibile  o  raccontami  un    po 


-     209     - 

come  äi  fatto  a  darti  prigioniero  se  eri  e  sei  solo  e  se  vi  sono 
altri  insieme  e  come  te  la  passi  se  sei  ferito  o  do  dimmi  un 
po  se  sai  se  alla  fine  di  guerra  potrai  venire  ancora  in  italia 
o  mai  piü  per  quanto  ad  altro  il  giuramento  che  io  ö  fatto 
di  aspettarti  lo  mantengo  e  stato  il  mio  dispiacere  al  sentire 
che  eri  prigionieri  in  Austria  io  non  so  piü  come  darmi  pace 
non  so  come  ti  sia  andato  un  figlio  in  camba  come  tu  sei 
lasiarti  cogliere  da  quei  maledetti  fammi  il  gran  piacere  di 
farmi  sapere  se  vi  trattano   bene. 

Patriotische  Verachtung  der  Fahnenflucht  kämpft 
mit  Besorgnis  um  das  Schicksal  des  Sohnes  in  der  Ge- 
fangenschaft und  nach  der  Rückkehr.  Es  seien  nun  einige 
klare  Beispiele   unverfälschter  Vaterlandsliebe  angereiht. 

(Ital.  Front — Laibach) : 

Caro  ti  facio  sapere  che  la  passo  bene  anche  io  sono  stato 
nella  nuova  terra  Italiana  adun  punto  chiamato  Pirolo  [Tirolo  ?] 
parte  del  Trentino,  e  il  paese  si  chiama  cortina  edapparte- 
neva  alla  terra  Austria  e  ora  apartiene  alla  bella  Italia  cisono 
monti  altissimi  tutti  boschi  di  grossi  alberi  e  neve  in  quan- 
titä  che  non  finisce  mai,  e  tutti  i  giorni  si  sentiva  il  trionfo 
dei  canoni  notti  e  giorni  che  non  cessavano  mai  il  trionfo 
dei  cannoni  riarma  il  corragio  di  noi  soldati  Viva  litalia  e 
viva  lapatria  sun  f rateil o  avanti  avanti  Viva  l'italia  Viva  li- 
talia sun  fratelli  avanti  avanti  viva  L'italia  e  Viva  II  Re  .  .  . 
ora  ti  faccio  sapere  che  sono  ritornato  indietro  24  chilometro 
e  sono  nella  bella  Italia. 

Auch  die  Frauen  bedienen  sich  der  herkömmlichen 
patriotischen  Wendungen,  die  gesteigert  werden  durch  einen 
Ton  aufrichtigen  Gefühles  (Felegara,  Parma— Mauthausen): 

Riguardo  a  E.  tanto  la  sua  classe  come  categoria  venne 
giä  chiamata  ma  non  so  poi  se  sarä  stato  un  riformato,  ma 
ciö  non  lo  credo  perche  la  nostra  bella  e  ridente  Italia  tiene 
e  vuole  un  bei  esercito.  Io  ti  ho  sempre  amato  quäle  sposa 
affezionata,  ma  ora  poi  che  sei  un  eroe  e  valoroso  Alpini, 
a  te  il  mio  affetto  perenne  e  sincero,  a  te  la  mia  sincera 
riconoscenza,  o  valoroso  Alpini  che  difendesti  e  difenderanno 
i  tuoi  commilitoni,  il  nosto  incantevole  giardino  d'Europa. 
Si  o  R.,  anche  nel  mio  semplice  e  tenero  cuore  di  donna, 
Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  14 


—     210     — 

sento  pur  io  questo  amor  di  patria  e  felice  ne  sono  di  avere 
messo  al  mondo  un  figlio  degno  di  te  e  a  suo  tempo  saprä 
anchegli  difendere  il  suo  bei  paese  e  mi  auguro  di  vero 
cuore  che  al  tuo  ritorno  ne  possa  mettere  al  mondo  altri 
cinque  bei  maschietti  tutti  a  vanto  del  nostro  buon  Be  Vit- 
torio  Emanuele  e  della  nostra  Italia  ed  io  pure  unisco  ed 
elevo  il  grido,  di  evviva  l'Italia,  il  Ee,  TEsercito  e  avanti 
Savoia.     Tutto  camina  regolare  come  se  nulla  fosse. 

Trotz  der  traditionellen  Phrasen  (die  Evvivarufe,  die 
aus  Frauenmund  nicht  so  gut  tönen;  ilgiardino  d'Europa; 
un  eroe  e  valoroso  Alpini)  klingt  hier  eine  Stimme  natür- 
licher Weiblichkeit  und  das  Verlangen  nach  der  Rück- 
kehr des  Helden  und  nach  Zeugung  von  fünf  Heldensöhnen 
macht  einer  gesunden  Italienerin  alle  Ehre. 

Rührend  naiv  malt  ein  Kriegsgefangener  eine  drei- 
farbige Dame  auf,  die  in  der  einen  Hand  einen  dreifarbigen 
Blütenzvveig  hält,  mit  der  anderen  drei  Finger  ausstreckt 
(Sarno-Salerno— Österreich).  Unter  den  Blumen  steht  fol- 
gendes : 

ElOE  DEL  TRE 

Coiore 

RUDA  OPACCHIOSELLA 

SI  E  SPOSATE  L'ITALIA    iL  7  AGOSTO 

NEL  1916  RIODORANTE  IL 

EIORE  DEL  TRICOLOE  NOSTRO 

DOPO  SFIDATO  IL  BOSCO  DEL 

OAPPUCCIO  COL  SUO  AMANTE  TOLMINO 

Zweifellos  liegt  eine  Nachahmung  der  reichlich  ge- 
schmacklosen patriotischen  Ansichtskarten  vor,  über  die 
auf  Grund  eines  meiner  Berichte  Kammerer  im  Wiener 
„Friede"  1919    eine   kleine  Abhandlung   geschrieben  hat. 

(Anagni,  Rom — Mauthausen): 

„Wenn  mein  Sohn  gestorben  ist,  gut!  Es  lebe  Italien! 
Wenn  ich  nur  weiss,  dass  er  für  die  Grösse  unseres  Va- 
terlandes gestorben  ist". 

Zwischen  den  Gefangenen  herrscht  selbstverständlich 
ein   nach    dem    Masse    der    kriegerischen  Leistungen  ab- 


—     211     — 

gestuftes  Kameradschaftsverhältnis:  so  wurden  die  Di- 
visionen, die  sich  1917  dem  Feinde  ohne  nennenswerten 
Widerstand  übergaben,  von  den  älteren  Kriegsgefangenen 
von   oben   herab  behandelt,  ja  gemieden  und  beschimpft. 

Wird  der  Kriegsgefangene  gut  behandelt,  so  ist  er 
nach  dem  unauslöschlichen  Drang,  alle  Erlebnisse  per- 
sönlich zu  erklären,  dem  Kaiser  von  Österreich  dankbar; 
aus  Mauthausen: 

„Re  Giuseppe  (=  Kaiser  Franz  Joseph)  behandelt  mich 
gut:  er  lässt  mich  alle  acht  Tage  ein  warmes  Bad  nehmen 
und  wechselt  mir  die  Unterhosen", 

wie  er  anderseits  Ausstände  durch  den  König  von 
Italien  beseitigt  wissen  will  (Mauthausen— Turin): 

per  la  paga  aspetiamo  il  nostro  Re  Vittorio  che  cela 
spedisca  allora  non  e  piü  da  lagnarsi. 

Aus  manchen  Belegen  geht  unwiderleglich  hervor, 
dass  der  Gedanke  der  Zugehörigkeit  zu  einem  Staats- 
ganzen nicht  stark  genug  ist,  um  dauernd  den  Sieg  über 
persönliche  ünlustgefühle  davonzutragen.  War  der  Soldat 
an  der  Front  glücklich,  so  kam  dort  seine  Rauflust  zu 
wohltuender  Entfaltung  (Mauthausen— Montefusco) : 

Credo  che  e  un  castigo  per  noi  italiani  trascorrere  una 
vita  cosi,  perche  al  fronte  trascorreranno  i  nostri  giorni  fe- ' 
lici  e  tanto  piü  felici  erano  quando  piü  feroce  era  il  pericolo 
e  noi  sempre  ad  incalzare  con  animo  feroce  e  posso  dire  che 
il  mio  cuore  e  diventato  insensibile  alle  angoscie  di  chi 
soffre. 

Auch  die  Rhetorik  des  Mannes,  der  im  sichern  Port 
sich  die  Gefahr  wünscht,  ist  nicht  immer  ernst  zu  nehmen 
(Laibach — Chiesanuo va,  Padua) : 

Ti  dico  che  o  un  dispiacere  tanto  grande  di  trovarmi 
qui.  che  avrei  avuto  piu  piacere  che  mi  fosse  venuto  una 
granata  sul  petto,     cosi  lavrei  finita  di  tribolare. 

Anderseits  versöhnt  sich  der  Gefangene,  wenn  er 
nicht    in    sentimentale    Selbstbespiegelung    verfällt,     bald 


—     212     — 

mit  dem  neuen  Schicksal:  ubi  „osteria"  ibi  patria,  so 
könnte  man  den  Standpunkt  eines  Caporale  in  Laibach 
präzisieren  (nach  Busto  Arsizio— Mailand): 

Cara  Mia  Familia  io  da  dopo  che  sono  Cui  in  austria 
e  a  dessosto  Molto  piu  Bene  perche  Cui  ce  una  Buona  aria 
e  quindi  La  mia  salute  e  molto  Buona  che  io  non  Verria 
neanche  piu  in  italia  sista  piu  Bene  Cui  in  austria  e  poi  ce 
Molti  Bei  di  Vertimenti  Di  Teatri  e  anche  Visono  per  La 
Osterie. 

Merkwürdig   ein  Brief    (offenbar  eines  Intern.),    der 
nur  einem  politischen  ,Expose^  gewidmet  ist. 
Caro  V. 
Ti  facio  sappere  che  io  sto  bene  di  salute    attre    tante 
della  partia  tua  Grazzio   Dio  nostra  Arma  sta  bene   speriamo 
che    Trieste    Trento    trentino    Tirollo  sera  a  nostro  nai  rice- 
vutto  niente  di  novvo  da  Roma  noi  abiamo  preso  Isonzo  ai  cappito 
Non  e  vero  che  Austria  ha  presa    nostri  pigionieri   bugiardo 
quando  rivera  colche   cosa  i  ti  scrivero  ai  cappito  tante  salute 
di    partia  nostra  intanto.    Viva  l'Italia  Viva    la    France   God 
Savy    di    King    ai    fackin    Bledy  Germannia  e  Vivy    Belgic 
respondem  urgentisihmo  G. 

Mit  den  naiv  treuherzigen  Gleichgültigkeitskund- 
gebungen der  Mannschaft  steht  das  heroische  Pathos  der 
Offiziersbriefe  in  schreiendem  Gegensatz  —  eine  Disso- 
nanz, die  im  Zusammenwirken  von  Offizierskorps  und 
Mannschaft  im  feindlichen  Feuer  ebenfalls  zum  Ausdruck 
kommen  muss.  Die  Todesverachtung  der  italienischen 
Offiziere  lässt  sich  auf  verschiedene  Motive  zurückführen: 
erstens  auf  den  Einfluss  der  dem  Gebildeten  eher  zugäng- 
lichen Presse;  zweitens  auf  die  Anhänglichkeit  des  Ge- 
bildeteren an  heimische  Kulturideale;  drittens  auf  die 
höhere  Kultur  selber,  die  ihrem  Vorkämpfer  die  sitthche 
Kraft  verleiht,  dieses  teuerste  der  Güter  zu  verteidigen. 
Unzählbar  sind  mehr  oder  weniger  literarisch  beeinflusste 
patriotische  Stimmungsbilder  in  den  Offiziersbriefen  wie 
das  folgende  (Ein  Kadett  in  Mauthausen  an  einen  Ingenieur 
in  Roncade  Treviso): 


r 


—    213    - 

(der  Vater)  sarä,  in  continua  ansia  per  molti  altri  ehe 
dalle  Cime  nevose,  sperdute  fra  le  nubi,  spiando  le  mosse 
nemiche,  serenamente  daranno  le  loro  giovani  esistenze  per 
il  suo  onore  e  per  la  sua  grandezza  (das  Possessivpronomen 
SUD   bezieht  sich  auf  das  Vaterland) 

Selbstverständlich  fehlt  es  nicht  an  grausamen  Hasses- 
kundgebungen gegen  den  Feind,  dem  man  das  Schlech- 
teste wünscht: 

(Torralba  Prov.  Sassari — Kriegszone): 

„Endlich  ist  die  Stunde  gekommen,  wo  wir  uns  an 
Österreich,  das  immer  unser  rechthaberischer  Feind  war, 
rächen  und  unsere  Brüder  verteidigen  können.  Die  Zei- 
tungen berichten  immer  von  unseren  Fortschritten.  Zwar 
wird  der  Krieg  nicht  in  kurzer  Zeit  entschieden  werden, 
aber  jedenfalls  wird  ein  Ende  kommen.  Und  Du,  Held 
unserer  italienischen  Armee,  kämpfe  mit  Mut  und  Gott- 
vertrauen und  mit  Hilfe  Deines  Schutzheiligen  und  des 
inbrünstigen  Gebetes  wirst  du  siegen." 

Der  Kriegsgefangene  wünscht,  seine  italienischen 
Angehörigen  mögen  ihn  an  den  österreichischen  Gegnern 
rächen: 

(Mauthausen — Mailand) : 

„Wenn  du  zufälligerweise  an  die  Front  gehst,  schau 
dass  Du  Deine  Geschütze  ordentlich  arbeiten  lässt,  schiesse 
fest  und  ohne  Erbarmen." 

Barmont,  U.  S.  A.— Mauthausen: 

la  guerra  di  oggi  deve  essere  terribile  per  le  perdite  della 
gioventü.  ce  ne  gloriamo  della  parte  dell  'Italia  e  del  valore 
dei  giovani  Italiani  qua  tutti  in  massa  anche  gli  Americani 
attentano  ansiosamente  la  vittoria  degli  Alleati  tutti  ne  par- 
lano  anche  dei  nostri  nemichi  causa  della  guerra  Europea  che 
se  non  fosse  stato  per  loro  il  mondo  era  piu  che  pacifico. 
e  mi  dispiace  che  io  come  lo  sai  sono  troppo  avanzato  di  eta 
ed  ho  moglie  e  figli  altrimenti  se  fosse  giovane  sarei  stato 
il  primo  a  spargere  il  mio  sangue  per  Tonore  e  la  fedeltä, 
della  patria.     Dunque  dimmi  che  6  questo  tuo  lungo  silenzio 


-     214    - 

perch^  mi  fai  stare  col  pensiero  senza  farmi  sapere  tue 
nuove  forse  ti  tengano  male  quessi  cani  come  andato  ad 
essere  prigioniero  perclie  non  gli  hai  messo  le  mani  al  collo 
a  qualcuno  e  non  l'bai  sfiatato  meglio  sarebbe  stato  almeno 
ti  avresti  vendicato  perö  non  manca  ancora  tempo 

Katzenau — Piove  di  Sacco: 

„Was  den  Frieden  anbelangt,  mache  ich  mir  keine 
Illusionen,  da  ich  überzeugt  bin,  dass  vorher  auch  das 
Jahr  1918  noch  beginnen  wird;  niemand  will  mehr  nach- 
geben: die  hier  nicht,  weil  sie  eine  vollständige  Nieder- 
lage wünschen,  die  Entente  nicht,  weil  sie  siegen  will. 
Und  dann  ist  es  ja  besser,  wenn  der  Krieg  lange  dauert, 
damit  diese  grausame,  barbarische  Rasse  vollständig  aus- 
gerottet wird.  —  Arbeiten  will  ich  nicht,  da  ich  nicht 
daran  gewöhnt  bin,  und  dann  werde  ich  nicht  für  die 
feindliche  Regierung  arbeiten.  Hier  ruht  man  aus  und 
hasst  die  grausame,  barbarische  Nation.  Die  Negerrassen 
in  Afrika  sind  menschlicher  als  die  hier,  die  den  Barbaren 
das  Licht  der  Zivilisation  bringen  wollen  und  dabei  doch 
selber  viel  barbarischer  sind  als  jene.  Hat  man  so  etwas 
jemals  schon  gehört,  dass  in  den  zivilisierten  Staaten 
Europas  die  Menschen  mit  dem  Stock  zur  Arbeit  ge- 
zwungen werden?  Und  doch  geschieht  das  hier.  Die 
Menschen  schlagen  und  sie  vor  Hunger  sterben  lassen, 
gilt  hier  als  Heroismus  und  Tugend.  Doch  wird  auch 
dies  ein  Ende  nehmen ;  die  neuen  Generationen  aber  müssen 
mit  der  Muttermilch  den  Hass  gegen  diese  verworfene 
Rasse  einsaugen  und,  einmal  zur  Vernunft  gekommen, 
werden  sie  bei  der  Asche  ihrer  Vorfahren  schwören 
müssen,  diese  infame  Rasse  zu  hassen  und  sie  in  jedem 
Winkel  Italiens,  wo  sie  sie  finden,  zu  vertilgen." 

Unbestreitbar  bestand  ein  unauslöschlicher  Hass 
gegen  die  Italiener  des  Reiches  bei  den  kaisertreuen 
Tirolern  (Rovers  della  Luna — Omsk); 

G.  si    trova    prigioniero    in    quela  Signora   bruta  Italia 


~     215     — 

(Innsbruck — Westaustralien): 

il  nostro  Mondo  ^  fato  di  spade  e  canoni  come  pure 
il  nostro  benedetto  paese  e  disfato  di  pianta  intieramente  non 
sono  piü  case  campagne  ne  plante  da  quel  'infame  de  talian^ 
sai  tu  dove  sono  i  taliani  oggi?  dopo  intieri  7  mesi  di  guerra 
sono  sempre  sui  confiui,  quel  cane  de  Rö  talian  puö  mandare 
100  bersalieri  contro  5  Tirolesi  e  restano  sempre  ancora  sul 
confine,  speriamo  che  Idio  ne  mandi  presto  la  vitoria  e  tanto 
tempo  che  preghiamo  della  pace  forsi  che  1'  16  nö  porta  il 
dono  di  pace  la  Serbia  e  in  fumo  e  le  altre  potenze  nemiche 
forsi  andrano  in  fiamma  nisuno  sa  in  quäl  fine  che  la  guerra 
si  finisce  i  nostri  poveri  sono  scacciati  tutti  fuori  del  paese. 

Vgl.  Triest— Katzenau: 
Carissimo  Signore. 
Spero  che  fra  giorni  lei  avra  ricovulto  la  bella  notizia 
della  sua  fidanzeta  G,  come  va  —  sono  vero  tutte  queste  cose 
la  va  coi  uficiai  a  torno  sempio  cosa  te  bazili  con  ella  anche 
sua  cognata  li  tien  sempre  terzo  ella  ghe  digi  cosa  te  bazili 
fa  non  sta  bazilar  drrio  de  A.  quel  se  un  sempio  dun  talian 
s  p  o r c  0  Gf.  non  se  per  ti  —  no,  no,  no,  no, !  G.  se  per  noi  due ! ! 
E  per  suo  marito  Ti  pensa  per  la  tua  Famiglia  che  la  se  asai 
lontano  da  te!  e  non  per  ella  Non  la  se  pensa  neanche  piü 
per  ti  —  adesso  che  la  bevi  la  gha  de  mangiare  non  la  bazila 
piü  per  ti  —  te  gha  capito  stupido,  tre  volteÜ  pigniata 
guatada  col  butiro.  Sempio  te. 

Milwaukee,  V.  St. — Steinklamin: 

Non  so  se  questa  lettera  t'arriva  in  condizione  da  po- 
terla  leggerla  causa  che  il  (buon)  Inglese  ?  .  .  .  a  preso  il 
controllo  del  mare  e  quel  che  non  gli  vä  taglia  o  cancella 
e  se  e  robba  da  mangiare  se  lo  rubba  (civuol  coraggio)  dun- 
que  caro  fratello  se  il  governo  Austria  co  ti  a  Internato  ti 
prego  non  tenerci  odio  che  se  fü  per  la  tua  mal  edetta 
(Patria,  ammazela  che  Patria),  a  avuto  il  corragio  di  chiamare 
gl  'Italiani  residenti  all'  estero  Figli  d'Italia  al  momento 
quando  Tha  avuto  di  bisogno  contro  di  chi  era  alieata  per 
farli  uccidere  e  per  uccidere  Titalia  si  crede  che  a  da  fare 
con  i  poveri  arabi  senza  armi  e  senza  istruzione  l'italia  a  sba- 
gliato  la  strada  a  un  bei  pezzo  d'osso  da  rosicchiare  m.ä  non 
ci  arriva  e  cosi  lo  spero,  dice  che  va  a  liberare  gl'irredenti, 
ammazela  che  irredentismo  se  ciö  fosse  mandava  a  chiamare 


-    216    - 

i  tre  e  piü  milioni  italiani  resident!  aH'estero,  affamati  e  pien 
di  pidocchi  e  la  metä,  sono  manoveristi  che  non  fanno  altro 
uccidere  e  rubare  questa  e  la  civile  italia,  che  ando  a  civi- 
lizare  gli  arabi  in  Tripolitania  e  Cirenaica  la  Sicilia  e  Cala- 
bria  son  peggio  che  arabi  e  beduini  stupidi  assasini  inalfa- 
beti  ed  incolti ;  non  ti  sembra  Ben  sai  che  ora  crescono  i 
figli  del  duca  d'aosta  e  degli  abruzzi  e  non  tingo  titoli  duca 
del  .  .  .  principi  del  .  .  .  e  parassiti  del  .  .  .  perciö  pigliando 
queste  cio6  distante  —■-  Trento  e  Trieste  gli  puö  aplicare 
gli  titoli  Gennarello  ai  figli  dei  suo  cugini  ecco  la  guerra  un 
pö  e  per  quel  l'altro  parassito  di  Salandra  putride  lurido  ed 
assasino  cho  schiamazzo  tanto  per  la  guerra  per  cosi  incol- 
calsi  a  rubbare  un  paio  di  milioni  Quell'otro  assasino  di  Ca- 
dorna  fin'oggi  a  fatto  il  172  Communicato  ad  un  un  chilo- 
metro  il  communicato  a  quest'ora  i  fantocci  d'Italia  fossero 
oltrepassato  la  Capitale  Vienna  Non  fanno  altro  questi  gior- 
naloni  venduti  d'america  che  vittorie  e  Vittorie  acquiste  e 
sopra  acquiste  ci  fanno  capire  che  gli  Austriaci  tirano  Crusca 
e  pallotole  di  obistecche  poveri  buffoni  e  ladri  banditi  .... 
o  la  bella  cassa  distrettuale  di  Trieste  per  gli  operai  formata 
dal  governo  austriaco  ce  forse  in  Italia?  No.  No  fame  e  fame 
No.  No.  No.  No.  cento  volte,  No  .  .  .  ? 

Da  es  zweifelhaft  ist,  ob  wir  es  hier  mit  dem  Briefe 
eines  Reichs-  oder  österreichischen  Italieners  zu  tun  haben, 
lässt  sich  dieser  Beleg  nur  im  Allgemeinen  als  antiitalie- 
nische Kundgebung  fassen  und  zeigt  jene  wüsten  Be- 
schimpfungen einer  dem  Schreiber  und  seinen  Interessen 
zuwiderlaufenden  Politik,  wie  sie  zwar  in  jedem  südlän- 
dischen Kaffeehause  und  Versammlungslokal  gehört  werden 
mögen,  wie  sie  aber  während  des  Krieges  schriftlich  aus 
Angst  vor  der  Zensur  selten  niedergelegt  sind:  wie  die 
Erwähnung  der  Cassa  Distrettuale  di  Trieste  lehrt,  ist  der 
ganze  Brief  von  sozialistischen  Tendenzen  diktiert.  Der 
langen  Philippica  sei  ein  in  seiner  Kürze  meisterhaftes 
italienfeindliches  Epigramm  gegenübergestellt  (Rovere  della 
Luna — Saratoff,  Bussland): 

e  ritalia  se  la  merita  tutta;  invece  di  rimanere  ancora 
uno  stivale  grande  deve  venire  una  mezza  pianella. 

Der  geistreichste  PoUtiker  hätte  kein  feineres  Witz- 


—    217    — 

wort  finden  können.  Die  Politik  ist  die  falsche,  die  dem 
betreffenden  Individuum  Schaden  bringt:  im  vorhergehenden 
Beispiel  konnten  wir  die  Gereiztheit  über  die  Einberufung 
der  im  Ausland  lebenden  Italiener  beobachten. 

Vgl.  noch  Winterthur,  Schweiz— Mauthausen : 
„Ich  arbeite  hier  in  der  Fabrik  den  ganzen  Tag  um 
meine  zahlreiche  Familie  zu  ernähren.  Hier  geht  es 
einem  nicht  so  gut  wie  in  Deutschland,  wo  man  ein 
Herrenleben  führte,  der  Verdienst  ist  hier  viel  knapper. 
Ich  kann  Deutschland  dankbar  sein,  dass  es  mir  früher 
so  gut  gegangen  ist.  Für  Dich  ist  es  besser,  gefangen 
zu  sein,  als  unschuldige  Menschen  zu  töten,  die  uns  nichts 
getan  haben.  Auch  die  Österreicher  sind  unsere  Brüder 
und  Italien  allein  ist  am  Krieg  schuld  und  zwar  die 
Hallunken  im  Parlament,  allen  voran  der  Erzhallunke 
Salandra,  der  das  italienische  Volk  zugrunde  gerich- 
tet hat." 

Besonders  die  reichsitalienischen  Internierten  waren 
auf  ihr  Vaterland  wegen  der  relativ  geringen  Unter- 
stützung, die  die  italienische  Regierung  den  (meist  in 
Triest  ansässigen)  Auslandsitalienern  angedeihen  Hess, 
schlecht  zu  sprechen: 

(Katzenau — Aragona): 

„  .  .  .  Soll  ich  Gift  herabschleudern  auf  die  Regie- 
renden unseres  Vaterlandes?  ...  Sie  wissen  es  ja  selber, 
dass  sie  Schlächter  sind  gegen  diejenigen,  die  in  ihren 
Händen  sind,  und  tolle  Hunde  gegen  diejenigen,  die  sich 
im  Ausland  befinden  .  .  .  Unsere  Natur  drängt  uns  zur 
Vaterlandsliebe,  aber  Italien  hat  es  nie  verstanden,  seine 
Söhne  an  sich  zu  fesseln  und  sie  lieb  und  wert  zu  halten  ..." 

Des  Brot  ich  esse,  des  Lied  ich  singe:  Ein  Intern, 
in  Drosendorf  an  einen  Mailänder  Kriegsgefangenen: 

„  .  .  .  Was  haben  wir  Italiener  verbrochen,  dass  uns 
unsere  Regi^ung  so  vernachlässigt?  Alle,  ohne  Unter- 
schied des  Alters,  des   Geschlechts,    der   Nation    erhalten 


2  IS     — 


die  Gottesgabe  bis  auf  uns  Italiener  ...  es  gereicht  un- 
serer Nation  nicht  gerade  zur  Zierde,  wenn  man  sieht, 
wie'  unsere  Angehörigen  verhungert  sind  und  gezwungen 
werden,  beim  russischen  Bauern  um  Barmherzigkeit  bitten 
zu  gehen;  beim  unwissenden  Montenegriner  und  Serben, 
dem  es  an  Kultur  und  Bildung  vollständig  mangelt,  damit 
sie  uns  ein  Stückchen  Brot  entweder  schenken  oder  ver- 
kaufen ...  es  müsste  nicht  sein,  dass  gerade  wir  Italiener 
dem  Hunger  unterliegen  sollen.  .  Die  Brotfrage  ist  eine 
ernste  Angelegenheit  für  alle  geworden,  also  sollte  Italien 
daran  denken,  diese  Frage  zu  lösen  und  seinen  Unter- 
tanen regelmässig  Lebensmittel  und  ein  Stück  Brot  senden 
...  Es  scheint  unfassbar  zu  sein,  dass  so  viele  berühmte 
Männer  sich  um  ein  Stückchen  Brot  so  erniedrigen  müssen 
.  .  .  Man  muss  1  Monat  in  diesem  Lager  gelebt  haben, 
um  feststellen  zu  können,  wieviele  Doktoren  und  Professoren 
(ich  will  keine  Namen  nennen)  sich  demütigen  um  des 
Hungers  Willen  .  .  .  Nach  dem  Krieg  wollen  wir  alles 
.klarstellen  .  .  .". 

Die  politischen  Entwicklungen  werden  in  den  Kriegs- 
korrespondenzen immer  von  einem  allzupersönlichen  in- 
teressierten Standpunkt  aus  angesehen. 

(Katzenau— Aldeno ) : 

Noi  ti  abbiamo  promesso  che  ai  26  dicembre  partiramo 
da  Katzenau  ma  (unleserlich)  per  questavolta  dobiamo  rima- 
nere  fino  che  abiamo  terminato  di  mangiare  la  boba.  Si 
come  tanto  l'amici  che  i  nemici  non  voliono  stancarsi  di  ba- 
tere  per  questo  noi  dobiamo  mangiare  la  boba. 

Politische  Dinge  können  der  Zensur  wegen  nicht  be- 
sprochen werden,  daher  ist  ein  Expos6  der  internationalen 
Lage  wie  das  folgende,  in  dem  die  Probleme  allerdings 
sehr  vereinfacht  erscheinen,  aber  dennoch  die  Richtigkeit 
des  Blickes,  die  Unabhängigkeit  des  Urteils  überraschend 
wirkt,  eine  Seltenheit. 


—     219     •" 

(BettoUi,  Piiicenza — Mauthausen) : 

Da  moltissimo  tempo  che  non  siamo  riuniti  ma  speriamo 
di  rivederci  presto.  Speriamo  che  il  signore  ci  possa  dare 
la  pace,  ma  sarä  lungo  il  nostro  desiderio  Percbe  questa 
non  e  piü  una  guerra  ma  e  un  masacro.  Perche  non  sono 
due  stati  tre  ma  sono  10  stati  in  guerra,  le  quali  sono  Italia 
Francia  Ingelterra  E,usia  Serbia  montenegro  le  quali  sono 
alleate,  poi  visono  gli  imperi  centrali  le  quali  sono  Austria 
Ungheria  Germania  bulgaria  Turchia  le  quali  sono  aleate  fra 
loro.  poi  vi  e  la  Gregia  la  Romania  non  si  sa  dove  dipen- 
deranno  ne  dalla  Quadruplice  ne  opp  ure  agli  impiri  centrali. 
Ma  i  giornali  non  si  parlono  che  daranno  aiuto  nei  balcani 
oppure  la  E-omania  combattera  verso  gli  ungherezi,  vorra 
occupare  il  suo  tereno  perduto  nei  tenpi  antichi.  Ma  e  come 
un  caciatore  che  mira  lucello  per  farlo  cadere  morto  ma  se  il 
caciatore  non  locolpise  lucelo  vola  ancora  via,  E  queste  due 
potense  fanno  lostesso,  loro  avrebero  picere  a  combattere 
contro  quelli  che  perdono.  Ma  fin  ora  le  perdite  le  vincite 
sono  uguale.  Sitrovono  nei  giornali  dei  discorsi  di  pace  ma 
una  vol  fare  e  una  no,  e  lo  L'itaglia  per  far  la  pace  vole 
Trento  Triestre  e  la  costa  della  dalmasia,  e  anche  i  bigliardi, 
Denque  e  inpossibile  che  si  possa  avere  la  pace,  perchö 
Laustria  non  ci  dubbio  che  ci  l'accorda,  vorra  dire  che  se 
sarrawno  buoni  se  la  prenderanno  del  resto  restrera  ancora 
nelle  sue  mani. 

Man  muss  die  ruhige,  vor  Zeitungsgeheul  unbeein- 
flusste,  fast  gemütlich  zu  .nennende  Vorurteilslosigkeit 
und  die  unerschütterliche  Ruhe,  mit  der  der  Schreiber 
dieser  Zeilen  in  das  aufgewühlte  Chaos  blickt,  bewundern. 
Der  nüchterne  Realpolitiker  in  Bettola  kann  den  Capri- 
olen  der  siegestrunkenen  Chauvinisten,  die  sich  Trient, 
Triest,  Dalmatien  und  bigliardi  (Milliarden,  Billionen?) 
abtreten  lassen  ohne  sie  in  Besitz  genommen  zu  haben, 
nicht  folgen.  Bezeichnender  Weise  kümmert  sich  der 
besonnene  Dorfstaatsmann,  der  es  der  Mühe  wert  findet, 
dem  in  fremder  Kriegsgefangenschaft  befindlichen  Sohne 
ein  unparteiisches  Bild  der  Lage  Europas  in  vier  langen 
Schreibseiten  zu  entwerfen,  nicht  um  die  Schicksale  des 
Weltkrieges  im  Allgemeinen,  sondern  nur  um  die  Italiens. 


-     220     - 

Die  österreichischen  Italiener  zeigen  eine  gewisse 
Widerspenstigkeit  in  der  Akklimatisierung  unter  fremden 
Rassen:  hat  sie  des  Krieges  Willkür  unter  fremde  Nationa- 
litäten versetzt,  so  bewahren  sie  eigensinnig  das  Bewusst- 
sein,  ein  auserwähltes  Volk  zu  sein,  und  lassen  ihre  Ab- 
neigung gegen  die  sie  umgebende  Bevölkerung  in  nicht 
immer  harmlosen,  oft  bitterbösen  spitzigen  Satiren  laut 
werden. 

(Moosbrunn— Katzenau) : 

Noi  qui  in  questo  paesett  o  siamo  ben  visti  come  una 
Spina  nelli  occhi  ci  chiamano  tagliaschi  e  cosi  anche  i  cagni 
e  le  ocche  ci  corrono  dietro. 

(Marburg—  Drosendorf )  : 

qui  in  Stiria  non  semo  ben  visti  sti  asini  de  Stiriani 
ne  disi  Italiani  parche  se  gente  che  no  capisi  niente.  i  se 
insempiai  nella  cesa.  e  noi  iera  mai  fora  de  casa.  questi 
qua  se  quei  col  spumin  sul  capel  coi  verra  a  Trieste  ge  faro 
Tacceto  ne  piu  ne  meno   come  che  i  ne  ga  fato  lori  qua. 

Aus  Bischof teinitz,  Böhmen  schreibt  eine  Internierte  : 

„Bei  der  Arbeit  sagt  man  mir  immer,  dass  ich  ein 
Zigeunermädel  und  eine  Italienerin  bin,  weil  ich  schwarze 
Gesichtsfarbe  habe.  Die  hier  durchwegs  blonden  Frauen 
beneiden  uns  wegen  unserer  schwären  Haare.  Wenn  es 
einen  Gott  gibt,  hoffe  ich  wenigstens  auf  Vergeltung.  Die 
Leute  haben  uns  sogar  gesagt,  sie  würden  uns  Hungers 
sterben  lassen.  Ich  verfluche  die  Stunde  und  den  Augen- 
blick, da  ich  hierher  gekommen  bin." 

Besonders  beim  Militärdienst  platzen  die  Gegensätze 
aufeinander: 

„Seit  einer  Woche  bin  ich  hier  und  mache  von  Mor- 
gen bis  Abend  nichts  als  Manöver  mit,  und  trotzdem 
ich  meine  Pflicht  ebenso  erfülle  wie  alle  anderen,  werde 
ich  von  allen  gehasst,  weil  ich  Italiener  bin  und  zum  97er 
Regiment  gehöre.  Ich  bin  so  verzagt  und  entmutigt,  dass 
ich,  sobald  ich  mich  allen  zudringlichen  Blicken  fern  weiss, 


—     221      - 

ZU  weinen  beginne  und  meine  arme  Mutter  anrufe,  sie 
möge  mich  irgendwie  aus  diesem  Leben  befreien,  wäre 
es  auch  durch  den  Tod  .  .  .  dies  ist  die  Adresse:  A.  B. 
Wachtdienst-Heeresgruppe  in  Weiz,  Steiermark". 

Die  Bombardements  von  Triest  durch  die  Italiener 
wirken  oft  in  österreichisch-patriotischem  Sinne: 

(Triest— Katzenau) : 

Qua  la  va  senpre  equalmente  con  qualche  lieve  diver- 
sivo  dl  qualche  confetto  irredentisticamente  liberatore 
che  io  se  potrei  gliegli  farei  inghiottire  a  coloro  che  sono  an- 
dati  in  Italia  ad  aizzare  alla  guerra. 

(Olmütz— Tantroff,  Russland): 

Oh!  Dio  se  ci  sto  mal-volentieri  in  queste  damnate  terre 
che  io  stumi  che  lingua  quando  verrai,  tu  Russo  noi  Bohemi 
i  tuoi  Italiani  non  c'intenderemo   piü. 

Normal  sind  die  feindlichen  Stimmungen  zwischen 
österreichischen  Italienern  aus  Triest  und  den  „Tedeschi", 
die  gelegentlich  ironisch  Austroungarici  genannt  werden : 
besonders  die  Flüchtlinge,  die  durch  ihr  Los  an  sich  viel 
zu  leiden  hatten,  schoben  ihre  Erlebnisse  auf  das  Konto 
der  nationalen  Gegensätze. 

(Wagna,  Steiermark — Dedilovo,  Russl.): 

cosi  non  si  pol  vivere  in  questa  maniera  siamo  sotto 
disciplina  per  colpa  la  nostra  lingua  che  Io  capirai  sensa 
che  ti  spego  siamo  malediti  da  per  tutto,  e  siamo  Austro- 
ungarici che  cosa  ti  pare!  avere  perso  la  roba^  non  abiamo 
numero  di  casa  siamo  dispersi  pel  mondo  dopo  che  siamo 
venuti  via  di  casa  siamo  cinque  di  meno.  cosi  ti  salutto 
di  cuore  e  baci  dela  tua  avelita  molie  M.  F.    male. 

Das  slavische  und  das  italienische  Element  schliessen 
sich  gegen  österreichische  Bewachungstruppen  zusammen: 

Cara  amica  ti  fosapere  che  mi  trovo  in  serbia  mi 
trovo  nel  inferno  qui  ne  queste  posizione  di  deserto  che 
non  ci^  nepaesi  e  ne  case.  son  tute  crote  tuto  soterane  la 
gente  fano    paura  vederli    son  vestiti  come    li   arabi    persone 


—     222     — 

crande  ma  noi  mivoliano  bene  perche  dicono  che  siamo 
colega  ma  abiamo  i  soldati  austriaci  che  non  mi  voliano 
vedere  per  che  mi  dicono  che  siamo  i  suoi  traditori  e  noi 
che  colpa  che  abbiamo  bisogna  lavorare  come  le  bestie  e 
niente  da  mangiare  due  etti  pane  algiorno  e  due  fagioli 
e  poi  sentite  sempre  quela  parola  maledeti  e  porchi  italiani 
bagase  miserabili  il  pane  che  mi  [unleserlich]  milo  mangiano  meta 
loro  per  la  fame  cheanno  noi  per  vivere  quando  si  trova  la 
farina  dei  serbi  a  due  e  cinquauta  al  chilo  si  sa  la  polenta 
sensa  sale  e  cola  crusca  e  come  e   buona. 

Das  Merkwürdigste  aber  ist  und  für  spätere  Zeiten 
als  interessantes  Dokument  mag  gelten,  dass  öster- 
reichische und  Reichsitaliener,  miteinander  zum  ersten 
Mal  Bekanntschaft  machend,  einander  wie  Fremde  be- 
obachten und  sich  keineswegs  gegenseitig  als  Angehörige 
einer  Nation  zu  fühlen  scheinen. 

(Ein  Internierter  in  Wien  nach  Wittingau,  Böhmen:) 

Noi  in  queste  Barache  giä  losai  an  che  tu  sono  Barache 
di  Italiani  internati,  ma  losai  Silvio  che  io  non  ebbi  mai  lo- 
casione  di  essere  fra  Italiani,  ma  pero  i  miei  Avi  meli  di- 
pingevano  in  parole  le  qualli  midicevano  che  li  Italiani  non 
lasciano  in  pace  nemeno  le  mos  che  ora  loccredo  anch'io  che 
anno  un  sangue  molto  focoso  perche  qui  cantano  strilano, 
fanno  di  tutto,  siehe  non  puoi  nemeno  aschrivere  perche  non 
tilasiano  in  pace,  ecosi  io  scrivo  di  notte  mentre  dormono 
codesti  sottomarini,  tu  conosevi  que]  Zigainer  che  veniva  anche 
a  Visignano  il  qualle  erra  vispo  svelto,  eco  si  sono  anche 
questi  Italiani  sono  come  si  direbbe  falive  ardenti. 

Es  ist  längst  Zeit  geworden,  dass  wir  jene  pazifistischen 
Äusserungen  sammeln,  die  in  drohenden  Akzenten  gegen 
die  Herrschenden  aller  Länder  Front  machen:  der  Kgfe. 
betont  seine  Uninteressiertheit  an  all  den  Kämpfen  um 
Gebietzuwachs :  schon  um  seinetweges  müsse  man  Frieden 
machen,  seine  Kriegsmüdigkeit  habe  ein  Recht  auf  Gehör. 

(Kgf.  in  Leopoldau  nach  Galena,  Siena): 
„Wenn    Du    mir   schreibst:    Wäre    Christus   da,    so 
würde   er  ein  Heilmittel  finden!,  was  soll  ich  Dir  darauf 


—     228     — 

antworten?  da  gibt  es  nichts  zu  glauben,  es  ist  eben 
einfach  eine  grosse  Schlächterei,  und  diese  Mörder  wollen 
nicht  ablassen.  Ich  weiss,  dass  sie  nur  darnach  trachten, 
wie  sie  uns  alle  umbringen,  diese  Mörder  von  Reichen!" 

(Ein  kgf.  Korporal  in  Zavidovic  an  den  Papst). 

„Ich  bitte  Euch,  als  unser  aller  Vater,  an  sämmt- 
liche  Herrscher  der  kriegführenden  Staaten  ein  Wort  zu 
richten,  damit  sie  bald  einen  Frieden  schliessen,  denn  wir 
Kriegsgefangene  sind  es  alle  müde,  fern  von  unseren  Fa- 
milien und  unserm  schönen  Vaterland  zu  sein.  Haltet 
ihnen  vor,  dass  schon  viel  Blut  vergossen  worden  und 
dass  es  schon  Zeit  ist,  diesem  furchtbaren  Menschenmorden 
ein  Ende  zu  machen." 

Die  kriegsverlängenden  Regierungen  sind  gemeine 
Verbrecher,  gewissen-  und  schamlose  Räuber,  Bestien, 
Ungeheuer:  (Lugano,  Prov.  Salerno  an  den  Kgf.  in  Maut- 
hausen) : 

„Dein  Bruder  L.  kam  für  14  Tage  auf  Urlaub  und 
sagte,  dass  Italien  gegen  Österreich  nichts  machen  kann. 
Es  müsste  zuerst  Görz,  dann  Triest  und  Trient  nehmen, 
es  muss  diese  Stadt  zerstören,  aber  Italien  will  Görz  un- 
versehrt bekommen  und  da  opfert  es  viele,  viele  Soldaten 
und  kann  es  doch  nicht  nehmen.  Wenn  es  also  die  Stadt 
zerstören  würde,  könnte  der  Krieg  kurz  sein,  wenn  nicht, 
sehr  lange!  Hoffen  wir  zu  Gott,  dass  er  diesem  ver- 
fluchten Krieg  ein  Ende  bereitet,  aber  vom  Frieden  spricht 
man  gar  nicht.  Der  Friedensschluss  wird  ein  Wunder 
sein  müssen.  Der  König  von  Österreich  hat  einen  Brief 
an  den  König  von  Italien  geschrieben,  in  dem  es  heisst, 
wenn  Italien  Triest  und  Trient  wolle,  so  brauche  man 
keinen  Krieg  zu  führen.  Der  König  wollte  aber  auch  die 
Ausgaben,  die  gemacht  worden  waren,  dies  wurde  nicht 
bewilligt  und  so  kam  es  zum  Krieg.    Das  habe  ich  nicht 


—     224     - 

in  der  Zeitung  gelesen,  sondern  mein  Schwager  C.  hat  es 
mir  erzählt." 

Bruder  L.  wie  Schwager  C.  sind  natürlich  verläss- 
lichere Autoritäten  als  die  Zeitung! 

(Murau,  Steiermark — Rom) : 

„  . . .  Es  ist  doch  zu  bitter  für  einen  21jährigen 
jungen  Mann,  im  schönsten  Alter,  da  ihm  alles  zulachen 
sollte,  dieses  Leben  führen  zu  müssen!  Um  einer  ein- 
fachen Laune  einiger  Könige  und  Kaiser  willen  zum  Sterben 
gezwungen  zu  werden!  Heute  ist  die  Macht  in  ihren 
Händen,  —  morgen  jedoch  ist  sie  unser:  wir,  das  Volk, 
werden  diktieren  und  da  sollen  sie  zittern." 

(Feldbach,  Steiermark — Arcisate,  Como): 
„  . . ,  Nach  Deiner  Vorstellung  wird  dieser  verdammte 
Krieg  noch  in  diesem  Jahre  aufhören!  .  .  .  Was  haben 
diese  internationalen  Streiter  eigentlich  vor?  Und  dabei 
bleiben  die  ganzen  Arbeiterkreise  aller  kriegführenden 
Staaten  still ...  Sie  leiden,  sie  verlassen  ihre  Lieben  und 
gehen  für  immer  fort:  alles  für  den  Vorteil  des  Kapitals! 
Und  doch  schweigen  sie!  Dann,  wenn  niemand  mehr  da 
sein  wird,  dann  wird  ihnen  vielleicht  ein  Licht  auf- 
gehen ..." 

(Wien — Corneglia,  Padua) : 

,,  .  .  .  Es  wäre  an  der  Zeit,  dass  diese  Menschen- 
schlächter, diese  gedankenlosen,  unmenschlichen  Blutsauger 
müde  werden:  Wenn  ich  nur  einen  Atemzug  lang  die 
Weltherrschaft  in  Händen  hätte,  da  wollte  ich,  dass  aus 
ganz  Europa  ein  Feuervulkan  würde,  und  dass  alle  mit- 
einander: Reiche  und  Arme  — Friedliebende  und  Kriegs- 
freunde —  in  den  Schlund  gerissen  würden!  Wenigstens 
wäre  das  allgemeine  Leiden  mit  einem  Schlage  beendigt  . . . 
Ich  hoffe,  dass  endlich  der  glückliche  Tag  anbricht,  an 
welchem  die  Blutfahne  eingezogen  und  dafür  die  Friedens- 


-    225    - 

flagge  gehisst  wird!  Der  glückliebe  Tag;  an  welchem  die 
Metzger  des  Menschenfleisches  satt  sein  werden  und  ihren 
Fleischerladen  schliessen,  denn  es  werden  tausend  und 
abertausend  Menschen  nutzlos  hingeschlachtet ..." 

(Post  Tesliö,  Bosnien— Vicenza): 

„  .  .  .  Erziehe  unsere  Kinder  gut.  Küsse  sie  oft  und 
lehre  sie,  niemand  auf  der  Welt  hassen,  auch  diese  Feinde 
nicht.  Sage  ihnen,  dass  alle  Menschen  auf  der  Welt 
Brüder  sind,  ob  es  nun  Italiener  oder  Deutsche  oder  An- 
gehörige irgend  einer  anderen  Rasse  sein  sollten.  Wenn 
ich  dann  wiederkehre,  werde  ich  sie  lehren,  welche 
Menschen  sie  zu  hassen  haben,  welche  Menschen  sie  aus- 
rotten müssen,  die  ihrem  Vater  so  viel  Böses  getan  haben. 
Da  erst  werden  sie  begreifen,  wer  die  Feinde  sind,  —  auch 
in  Italien.  Du  weisst  es  ja  ohnehin,  und  wenn  Du  es  für 
richtig  hältst,  so  sage  es  ihnen  ..." 

(Aus  Mauthausen:) 

„Du  sprichst  mir  von  Idealen  und  ich  sage  Dir,  dass 
ich  sie  übersatt  habe  und  nicht  mehr  weiter  kann.  Das 
Leben  zu  opfern  ist  nichts  im  Vergleiche  zu  diesem  Elend, 
das  nie  enden  will.  Hoch  die  Herzen!,  rufst  Du  aus: 
komme  nur  auf  kurz  hierher,  Dein  Leben  weiterzuschleppen 
wie  ich,  und  Du  würdest  sehen,  wie  Du  sofort  alle  Ideale 
der  Welt  zum  Teufel  wünschtest.  Noch  einmal  verflucht 
der  Krieg  mit  seinen  Urhebern!  Ich  habe  schon  zu  viel 
ertragen  und  werde  es  noch  kurze  Zeit  aushalten,  denn 
lange  ist  es  nicht  mehr  möglich.  Inmitten  von  so  viel 
Gesindel  kann  ich  nicht  leben,  weil  ich  zu  sehr  leide. 
Der  Tag  unserer  Befreiung  ist  noch  fern,  und  mit  Schrecken 
denke  ich  daran." 

(Aus  Mauthausen:) 

„So  viele  von  unseren  Junkern  (im  Orig.:  Signorotti) 
wollen  den  Krieg  und  geben  den  Gefangenen,  die  von  den 

spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  15 


■        22b     — 

Unsrigen  gemacht  werden,  Schokoladebonbons:  sie  sollten 
lieber  Schläge  geben.  Nachdem  wir  ihre  Güter  verteidigt 
haben,  bekommen  wir  nichts  von  ihnen.  Wenn  es  einen 
Gott  gäbe,  müsste  er  etwas  dagegen  tun,  aber  da  es  keinen 
Gott  gibt,  gibt  es  die  grossen  Herren  und  Junker." 

(Somorja,  Ungarn — Prov.  Macerata): 

„  .  .  .  Wir  leben  im  Zeitalter  der  Repressalien.  Die 
Regierungen  überbieten  einander  im  Bedrücken  der  armen 
Gefangenen,  um  etwas  Unbekanntes  zu  erreichen.  Es  wäre 
hoch  an  der  Zeit,  wenn  die  beiderseitigen  Regierungen 
(nicht  minder  die  aller  anderen  Länder)  sich  bewusst 
würden,  dass  die  Auseinandersetzungen  und  Fragen,  die 
sie  untereinander  aufwerfen,  die  Gefangenen  gar  nicht 
berühren,  welcher  Nation  immer  sie  angehören  mögen. 
Uns  ist  es  durchaus  gleichgültig,  was  sie  tun:  Hass  gibt 
es  zwischen  uns  keinen  mehr,  seitdem  wir  uns  kennen 
gelernt  und  ausgesprochen  haben;  wir  alle  sind  Opfer 
ihres  Hasses,  ihrer  Überhebungen;  wir  wären  jeder  im 
eigenen  Hause  verblieben,  ohne  das  Bedürfnis  zu  empfinden, 
im  Nachbarhause  stehlen  zu  gehen.  Wenn  sie  '^die  Re- 
gierungen) sich  einbilden,  dass  sie  zwischen  uns  Zwie- 
tracht säen  werden,  so  täuschen  sie  sich.  Wir  haben  sie 
kennen  gelernt,  und  das  genügt;  jetzt  sind  sie  für  uns 
nichts  anderes  mehr,  als  Narren  ..." 

lo  spero  in  una  prossima  pace,  che  bramo  piü  della  luce 
del  sole,  delParia  e  del  respiro.  Ora  perö  sembra  che  vi  siano 
speranze  migliori  e  piü  fondate.  „Sembra"  che  sia  cosi,  poichö 
non  e  escluso  che  qualche  galeotto  (leggi  diploinatico)  trovi 
una  forma  per  prolungare  ancor  piü  questo  macello,  ornan- 
dola  naturalmente  di  nobili  e-  filantropici  argomenti. 

Sarebbe  ora  di  fare  i  conti  e  di  tirar  le  somme.  Quanto 
piü  la  dura,  tanto  piü  grosso  sarä  il  conto  e  questo  lo 
pagheremo  noi:  i  grandi  beveranno  Champagne  in  onore  del 
riafl'ratellamento  delle  o;enti !  Dico  questo,  perche  tutti,  anche 
Tjoi,   dovranno  pagare  una   parte. 


-     227     ~ 

Ah,  caro  cugino,  quanto  dobbiaino  soffrire  per  mante- 
nere  questo  sport,  inventato  da  quelli  che  sono  stufi  di  tutti 
gli  altri  divertimenti!  Ma  speriamo  che  questa  gara  sanguinosa 
sarA  terminata  ancora  in   quest'anno. 

10  vorrei  che  tornasse  il  diluvio  universale  o  che  il 
globo  terrestre  si  sfacciasse  come  una  botte  vuota,  E  pen- 
sare  che  con  tutta  la  santa  pazienza  questa  faccenda  durerä, 
se  non  sbaglio,  fino  al  1918!  Fratanto  la  mortalitä  continua 
la  sua  missione  e  con  la  falce  lo  spettro  orribile  miete  le 
vite  di  questi  poveri  innocenti.  Se  perö  un  giorno  le  belve 
avessero  a  uscire  dal  serraglio,  come  saranno  scatenate! 
Allora  forse  morderanno  anche  i  loro  domatori. 

Speriamo  che  questo  macello  termini  presto,  o  forse 
vogliono  far  massacrare  tutti  gli  uomini  per  colpa  di  alcuni 
stupidi,  che  meriterebbero  per  lo  meno  di  venir  a  trovarsi 
nella  stessa  condizione  di  noi !  ?  Se  dovessero  andar  al  tuoco, 
questo  massacro  sarebbe  subito  terminato,  anzi  allora  non 
sarebbe  mai  cominciato.  Ma  cosi  scoppiano  dalle  risa  a  spalle 
nostre ! 

Mi  scrivono  dall'Italia:  Se  Cristo  fosse  qui,  troverebbe 
un  rimedio,  che  risposta  devo  fare?  lo  non  credo  niente, 
altro  che  e  semplicemento  un  grande  macello  e  che  questi 
assassini  non  voglion  finirla.  lo  so  che  essi  non  cercano 
altro  che  il  modo  di  farci  morire  tutti  quanti  —  —  quegli 
assassini   di  signori ! 

11  mondo  e  bugiardo,  falso  e  ingannatore.  Le  nazioni 
con  belle  parole  fanno  un  Mondo  di  promesse  e  poi  in  realtä, 
non  ne  mantengono  mal  alcuna.  Tutti  i  paesi  indistintamente 
si  servono  con  predilezione  di  frasi  subdole  e  disoneste  ed 
esigono  sacrifici  che  esse  poi  vergognosamente  compensano 
con  gli  scherni,  e,  peggio  ancora,  con  Tindifferenza.  Speriamo 
pure  la   pace,    ma    non    sarebbe  meglio  bramare  la  giustizia? 

Si  spera  che  tutto  avrä  fine,  sarebbe  giä  ora  di  farla 
finita  e  di  non  giöcare  piü  coi  cannoni  la  carne  umana  come 
si  farebbe  all'osteria  con  le  carte  e  col  vino.  lo,  che  pur 
sono  un  povero  ignorante,  non  sarei  capace  di  commettere 
simili  spropositi  come  fanno  le  nostre  classi  colte :  distruggere 
Tumänitä  senza  scopo  alcuno.  lo  sono  talmente  compreso  di 
vergogna  a  dover  assistere  a  queste  cose,  in  un  mondo  pieno 


—    228    - 

di  bellezza  e  di  gentilezza,  com'era  un  tempo.  Ora  si  e  ri- 
tornati  ai  tempi  in  cui  l'uomo  era  ancora  un  essere  irra- 
gionevole. 

Die  Weltverbrüderung  wird  feierlich  proklamiert  und 
eine  Friedensvision  um  die  Person  des  greisen  Kaisers 
Franz  Josef  gewoben: 

Qui  si  sente  giä  chiaramente  nell'aria  il  guizzo  di  cor- 
renti  elettriche :  io  ^on  preso  da  tremiti  e  brividi  e  ho  delle 
visioni  —  —  —  Conosci  il  quadro  del  vecchio  Imperatore 
(Francesco  Griuseppe),  che,  ritto  in  mezzo  a  un  campo  di 
grano,  parla  con  un  contadino?  Ebbene,  io  sognai  di  vedere 
il  nuovo  Imperatore,  che  sul  crepuscolo  passava  per  il  campo 
in  mezzo  ai  suoi  soldati  e  s'intratteneva  con  loro.  E  aven- 
dogli  il  suo  generale  rivolto  una  dimanda,  egli  rispose: 
„Presto  verrä  la  pace:  noi  abbiamo  bisogno  di  fratellanza". 
E  questa  parola  „fratellauza"  passö  da  un  soldato  all'altro 
—  di  cittä  in  cittä,  di  villaggio  in  villaggio  —  Grande  fu  la 
gioia  e  Io  scampanio ;  tutti  i  cuori  vibravano  di  gioia,  ovunque 
era  beatitudine.  „Fratellanza",  „Fratellanza"  in  tutto  il  paese  — 
Poi  mi  svegliai  e  vidi  ch'ero  sempre  in  prigionia  e  che  la 
guerra  continua  sempre  .  .  . 

(Die  vorstehenden  Belege  sind  einem  Bericht  an  mein 
Kommando  entnommen,  in  dem  Übersetzung  ins  Schrift- 
italienische notwendig  war,  daher  die  ausnahmsweise 
„reine"  Sprachgestalt). 

Vor  Invektiven  gegen  einzelne  Politiker  scheut  der 
Kgf.  nicht  zurück :  da  wagt  der  letzte  ital.  Soldat  in  irgend 
einem  verlorenen  ungarischen  Dorf  ein  Schreiben  an  die 
Leiter  der  italienischen  Politik:  Vgl.  folgende  Stellung- 
nahme zur  Frage  der  unerlösten  Gebiete,  von  einem  Kgf.  in 
Sepsi-Szent-György  (Stammlager  Sigmundsher  berg)  an 
Sonnino  gerichtet: 

„Exzellenz  !  Ich  las  die  Programmrede  an  die  Italiener, 
die  Sie  gehalten  haben,  und  entnahm  daraus,  dass  Ihr 
ohne  Triest  keinen  Frieden  schliessen  wollt.  Nun  frage 
ich  Sie:  warum  gehen  Sie  es  nicht  als  Erster  holen,  sei 
es  auch  nur  mit  Reden?    Sie  müssen  bedenken,  dass  die 


—    229    — 

Italiener  vom  Kriege  genug  haben,  wie  alle  Menschen 
überhaupt,  die  das  Herz  auf  dem  rechten  Fleck  haben. 
Die  österreichischen  Italiener  werden  sich  selber  zu  helfen 
wissen,  um  zu  einer  Lösung  zu  gelangen,  die  sowohl  den 
Einen  als  auch  den  Anderen  gerecht  wird.  Die  öster- 
reichischen Italiener  ersehnen  eine  wirkliche  Unabhängig- 
keit und  wollen  Niemand  Untertan  sein.  Sie  erstreben 
einen  kleinen  Staat,  vom  Meere,  vom  Gebirge  und  von 
Frieden  umgeben.  Die  Kriegsgefangenen  aber  wollen  die 
Freiheit!  verweigert  sie  uns  nicht!" 

Der  Kgfe.,  besonders  der  italienische,  hat  eine  ge- 
wisse Würde:  im  Bewusstsein  trefflich  erfüllter  Pflicht  ist 
er  stolz  und  daher  leicht  zu  beleidigen :  sehr  leicht  über- 
kommt ihn  das  Gefühl^  Italien  ehre  die  Kgfen.  im  Feindes- 
land nicht  genügend.  In  dieser  Hinsicht  hat  gerade  Italiens 
grösster  Kriegsdichter  D'Annunzio  durch  sein  Wort  von 
den  imboscati  d'oltr'Alpe  die  Kgfen.   schwer  beleidigt: 

Qui  si  sa,  che  11  signor  D'Annunzio,  il  Poeta  dei  de- 
biti,  ha  detto  male  dei  prigionieri  di  guerra,  chiamandoci 
anche  „svergognati"  e  dicendo:  ^Voi  non  avete  diritto  alla 
gloria!"  Quanto  a  svergognati  non  so  chi  piü  di  lui  ci  meriti 
quell'epiteto.  Quanto  poi  alla  gloria,  sappia  quel  signore  che 
noi  non  abbiamo  combattuto  per  la  nostra  gloria,  ma  per  la 
gloria  d'Italia.  Non  voglio  dire  altro.  Terminerö  dicendo  di  lui : 

Bocca,  che^  quando  infama  loda, 

E  quando    oda  insozza 

II  „Messaggero"  di  Roma  publicö  una  lettera  dal  fronte 
di  Gabriele  D'Annunzio  riportando  la  seguente  osservazione: 
„Di  chi  si  dk  prigioniero  si  puö  dire  veramente  che  pecca 
contro  la  pat'ria,  l'anima  e  il  cielo.  Sventurato  o  svergognato, 
egli  perde  qualunque  diritto  alla  gloria".  —  —  —  Ci  sono 
di  quelli  che  interpretano  queste  espressioni  come  un  giudizio 
giusto  e  severo  e  come  un  rimprovero  rivolto  solo  contro  quelli 
che  dimentichi  dei  propio  dovere  si  arresero  al  nemico  in  un 
momento  in  cui,  seguente  la  voce  deironore  e  dell'amor  patrio, 
avrebbero  potuto  agire  altrimenti.  —  —  Ma  i  piü  non  sono 
di  questa  opinione  dicendo:  colui  che  volontariamente  si 
lascia  pigliare  e  uguale  a  un   disertore  ma  non  b  da  confon- 


230 


dere  con  colui  che  in  un  combättimento  disgraziato  viene  sopraf- 
fatto  dal  nemico  e  costretto  a  arrendersi,  con  la  baionetta 
alla  gola.  —  Le  ultime  parole  „sventurato  o  svergognato" 
non  consentono  di  ristringere  il  giudizio  offensive  a  quelli 
che  non  adempirono  il  loro  dovere,  cio6  agli  svergognati,  ma 
sono  compresi  vanche  gli  sventurati,  contro  i  quali  nessuno 
che  pensa  rettamente  ha  mai  levato  una  voce  di  rimprovero. 
II  commando  austriaco  stesso  finora  non  ci  fece  mai  l'oltraggio 
di  lasciare  insieme  con  noi  dei  disertori,  vale  a  dire:  gli 
svergognati  del  D'Annunzio.  Si  puo  dire  di  piü?  —  Voglio 
solo  aggiungere  ancora  quanto  disse  il  Ministro  della  guerra 
germanico  von  Stein  nella  seduta  di  Marzo  in  Parlamente  — 
Come  spiegare  ora  questi  giudizi  diversi?  Roma  ringraziava 
il  suo  duce  che  aveva  fatto  il  suo  dovere,  anche   se   la    for- 

tuna  non  gli  era  stata  propizia Cartagine  lo  uccideva 

Non  posso  credere,  che  i  nostri  concittädini  ci  giudichino 
secondo  le  parole  di  D'Annunzio. 

In  questi  giorni  giunse  qui  dentro  l'eco  delle  ingiurie 
che  D'Annunzio    ha    scagliate    contro    di  noi    —    —   „Sventu- 

turati!   Svergognati!" Lasciamo  andare  il  primo  agget- 

tivo,  ma  il  secondo  no !  Questo  non  puö  essere  applicäto  a 
nessuno  di  noi  prigionieri,  che  abbiamo  fatto  il  nostro  dovere 
fino  aH'ultimo,  e  non  siamo  caduti,  perche  il  destino  —  — 
non  so  come  —  —  ci  risparmiö  —  —  —  ma  di  questo  in 
Italia  tutti  saranno  certo  convinti  öenza  bisogno  d'altre 
dichiarazioni.  E  solo  lo  stupide  sfoggio  di  un  patriotismo 
venale  che  induce  D'Annunzio  a  dir  delle  cose  che  non 
possono  rispondere  ai  suoi  Intimi  sejitimenti  n6  alle  sue  con- 
vinzioni.  —  —  Sara  ineglio  non   badarci. 

Un'alta  personalitä,  letteraria,  d'indiscutibile  intelligenza, 
ha  scritto  al  nostro  riguardo  cose  poco  piacevoli  —  —  ma 
crede  il  buon  senso  degl'Italiani  non  abbia  dato  a  ciö  molto 
peso  ....  Forse  egli  farä  fra  non  molto  un'ode  „Agl'imbos- 
cati",  che  depo  aver  gridato  perchö  la  guerra  avvenisse,  si 
sono  resi  irreperibili  e  appariscono  negli  uffici  col  nome  di 
insostituibili  .... 

A  quanto  si  sente  dire,  pare  che  un  birbone  abbia 
scritto  al  „Messaggero"  di  Roma  che  noi  prigionieri  di  guerra 
siam  gli  imboscati  d'oltralpe.  Mi  stupisco  che  nessuno  gli 
abbia  rotte  il  muso.  Puö  darsi  che  per  ora  siamo  inutili  all'uma- 


t 


—    231     — 

iiitä  e  alla  patria,  ma  il  nostro  dovere  Tabbiamo  compito  fino 
aH'ultimo.  e  se  abbiamo  avuto  la  disgrazia  d'essere  fatti  pri- 
gionieri,  non  e  cuesta  una  ragione  di  chiamarci  imbpscati. 
In  ogni  caso,  per  easere  presi,  avremo  dovuto  esporci  almeno 
per  dieci  minuti  in  trincea  alle  palle  e  agli  altri  pericoli, 
questo  sarä  certo  piü  di  quanto  avrä  fatto  l'autore  di  quell' 
articolo,  che  e  davvero  un  imboscato  o  un  imbecille,  che  nb 
da  giovane   nö   da    vecchio  ha  fatto  nulla  per  lä  patria! 

Qui  parlano  del  Poeta  grande  e  glorioso!  E  ben  vero 
che  Tegoismo  e  innato  neiruomo,  ma  in  questo  caso  ö  un  pö 
troppo!  Non  contento  della  sua  gloria  di  soldato  Gabriele  ha 
voluto  per  se  anche  tutta  la  gloria  dei  disgraziati  prigionieri. 
Perche  ?    Lui  e  le  sue  tasche  lo  sapranno  .... 

Es  bilden  sich  Gruppen  von  Protestlern: 
„Seit  einiger  Zeit  ist  im  Lager  von  Mauthausen  das 
Gerücht  verbreitet,  dass  D'Annunzio  uns  Kriegsgefangene 
als  „Drückeberger  von  drüben"  (imboscati  d'oltremare) 
bezeichnet.  Das  hartnäckige  Gerede  hat  schliesslich  einige 
Erregung  hervorgerufen.  Viele  glauben  nicht,  dass  eine 
derartige  Beleidigung  sich  auf  Leute  beziehen  kann,  die 
ihre  Pflicht  getan,  den  Feind  wenigstens  von  Angesicht 
zu  Angesicht  gesehen  und  ihre  Haut  zu  Markte  getragen 
haben.  Aber  diejenigen,  die  daran  glauben,  sind  wütend, 
und  wir  wünschten  dem  Dichter  nicht,  ihnen  eines  Tages 
zu  begegnen.  Die  Drückeberger  könnten  dann  sehr  un- 
angenehm werden.    Vorausgesetzt,  dass  es  wahr  ist. 

Eine  Gruppe  halbskeptischer  Kriegsgefangener." 


232 


XX. 

In  dem  Buche  über  die  Umschreibungen  der  Hunger- 
beschwerde konnten  wir  allenthalben  bemerken,  wie  ge- 
wandt die  Korrespondenten  durch  die  Netze  der  Zensur 
zu  entschlüpfen  suchen,  wie  sie  selbst  den  Zensor  zu  um- 
garnen trachten.  Der  Schreibende  ist  ja  naturgemäss  dem 
Zensor  überlegen,  da  jenem  im  Verkehr  mit  seinen  An- 
verwandten eine  Menge  von  Anspielungen,  Familienanek- 
doten, mundartlichen  Wendungen  zur  Verfügung  steht, 
während  der  Zensor  ein  Dialekt-,  Real-  und  Konversations- 
lexikon im  Kopf  haben  müsste,  um  all  die  beziehungs- 
reichen Tricks  zu  erraten.  Wenn  beispielsweise  ein  Kgf. 
in  Russland  an  seine  Angehörigen  in  Tirol  schreibt  „noi 
non  giochiamo  Toca,  ma  neanche  l'anitra",  so  musste  die 
russische  Zensur  diesen  Satz  unbeanstandet  lassen,  weil 
sie  nicht  den  in  Südtirol  auf  Wirthausschildern  gebräuch- 
lichen Rebus  kannte,  in  dem  der  Satz  „o  che  vim  o  che 
bom"  durch  Gänse  versinnbildlicht  wird  (oche),  so  dass 
„giocare  Toca"  einfach  eine  Umschreibung  für  „trinken" 
ist.  Alles  in  den  Kriegskorrespondenzen  ist  beziehungs- 
reich, es  wimmelt  in  ihnen  von  Sätzen,  wie:  „ich  kann 
mich  nicht  deutlich  erklären",  „inr  werdet  mich  schon 
verstehen",  meist  nachdem  der  Brief  Schreiber  schon 
deutlich  genug  seine  Meinung  geäussert  hat. 

Nachdem  ein  Kgf.  in  Ungarn  auf  2^1^  Seiten  über  die 
Leiden  gejammert  hat,  die  man  ihn  in  der  Gefangenschaft 
ausstehen  lasse,  schreibt  er  (nach  Modugno,  Bari): 

Poi  anche  prego  di  non  scrivere  lettere  lunghe,  non 
dire  parole  che  non  vanno  che  le  vostre  lettere  sono  comple- 
tamente  censurate,  e  appunto  a  queste  fanno  molto  ritardo, 
altre  che  cessura  racomando  brevita  per  avere  sollecitudine  la 
corispondenza. 


—     233     — 

Oder  denkt  er,  nur  die  italienische  Zensur  habe  der- 
artige Vorschriften,  weil  er  eben  den  in  Italien  zensurierten 
Brief  seiner  Leute  sieht,  den  eigenen  nach  Italien  nicht  zu 
Gesicht  bekommt?  (Mauthausen — Medole,  Mantua): 

II  rangio  che  d'anno  in  baracha  b  cose  neanche  di  dire, 
e  11  pane  e  troppo  caro,  e  denaro  non  cene  .  .  .  ö  passato  piü 
notti  che  non  ero  capace  di  addormentarmi  della  fame,  poi 
non  voglio  piü  dire  nulla  perche  ho  paura  che  non  venga  questa 
lettera,  e  poi  non  voglio  piü  dire  nulla  perche  ho  paura  che 
non  venga  questa  lettera,   e  poi  non  vorrei    disturbarmi.    ma 

posso  venire    in    Itaglia    voglio    vedicarmi  con  Laustria 

Qui  mancho  tutto. 

Nicht  besonders  geschickt,  wenn  ein  Vergleich  der 
Lage  des  Kgf.  mit  dem  von  Jago  erniedrigten  Othello  nach- 
träglich als  ein  Traum  dargestellt  wird,  der  niemand  „An- 
wesenden" beleidigen  soll   (Mauthausen — Florenz): 

A  quanto  la  nostra  posizione  somiglia  a  quella  di  Otello 
e  Jago  nell'atto  S^  nel  quäle  il  primo  Otello  dopo  di  essersi 
scaraventato  contro  tutto  cade  estenuato  lasciando  che  l'altro 
Jago  che  puö  finalmente  vederlo  ai  suoi  piedi  gioisca  del 
male  insinuato  neH'animo  deiringenuo  Otello.  Questa  senza 
offesa  a  nessuno  fu  l'effetto  lasciatomi  da  un  brutto  sogno 
che  ricordo  coinvolgeva  pure  la  mia  ex  amante;  mi  pareva 
che  ridesse  ella  nel  modo  di  Jago  .  .  .  come  vedete  .  .  un 
brutto   sogno;  ma,  tralasciamo. 

Ein  Gedicht  (Katzenau — Cadore): 

Aria  ferma  e  corrotta,  aque  stagnanti 

Biscie,   zanzare  e  rane 

Sabbie  senza  confin  corvi   vaganti 

Donne   brutte  e  villane 

Gente  ignorante  gialla  e  discortese 

Ecco  questo  paese. 
Vorrei    acriverti  ancgra   ma  ci  son  mille  censure  della 

malora. 

Der  Zensor  ist  für  den  Briefschreiber  allgegenwärtig, 
ein  nicht  einzuschläfernder  Argus,  jede  Wendung  kann  er 
auf  sich  beziehen,  man  muss  ihm  daher  alles  Widerwär- 


...     2M     — 

tige  aus  dem  Wege  räumen,  um  seiner  Rache  nicht  zu 
verfallen,  die  nach  volkstümlicher  Meinung  in  Vernichtung 
des  Briefes  besteht.  Eine  Dame,  die  sich  über  das  starke 
Geschlecht  in  abfälliger  Weise  geäussert  hat,  findet  es 
notwendig,  die  Anwesenden  auszuschliessen  —  und  da 
der  Zensor  anwesend  ist  —  auch  diesen  (Katzenau  — 
Lussin) : 

Sono  venuta  via  dalla  biblioteca  rabbiosa.  Ci  sono  tanti 
e  tanti  moscoui  che  giraiio  e  girano  intorno  ai  miei  vent'anni 
alla  mia  avvenenza  e  forse,  a  quella  pö  di  iutelligenza  che 
le  madre  mi  ä  data,  Mi  urtano.  Passo  un  periodo  di  calma 
assoluta.  Non  voglio  saperne  di  amoietti.  Evviva  la  libertä! 
Gli  uomini  sono  una  manica  di  cretini  (il  censore  non  si 
abbia  a  male,  ch6  .  .  .  sono  esclusi  i  presenti)  che  vuoi?  E 
la  mia  opinione  intima  e  radicata. 

Spasimano,   dicono  due,  tre  parole  studiate  a    memoria, 

sono  le  piü  docili   bestie  del  regno  animale ti  giurano 

fedelta  ecc.  e  poi  ....  ai  primi  due  begli  occhi  che  iiicon- 
trano  ....  addio,  mia  bella  addio  .  .  .  . !  Basta  —  —  —  in- 
somma:  piü  conosco  gli  uomini  e  piü  apprezzo  i  cani.  Percio 
innamorarmi   brrr  .  .  .  .  ! 

Che  spasimino  pure  e  che  si  atteggino  a  cascamorti  solo 
con  gli  occhi  io  sputo  in  faccia  loro  tutto  il  mio  veleno. 
Uomini ! 

Basta,  scusa  se  ti  ö  annoiato.  Non  volevo  parlare  di  te 
perche,  ti  ripeto:  i  presenti  esclusi  .  .  .  .!  Baci  tanti,  buon 
Natale,  vivi  felice. 

Den  Grund,  warum  sie  den  Zensoren  Honigseim  ver- 
abreicht, äussert  dieselbe  trutzigliche  Dame  in  einem  an- 
dern Schreiben : 

Le  e  pervenuta  (la  mia  lettera)?  E  il  signor  Censore, 
impazientito  per  le  mie  chiacchiere  l'avrä  data  in  pasto  all'in- 
gordo  cestino?  Ah,   questi  benedetti  censori....! 

Die  Rücksicht  auf  den  Zensor  äussert  sich  vor  Allem 
im  Kurzfassen  der  Mitteilung.  Meist  allerdings  pflegen 
gerade  die  längsten  Briefe  die  häufigsten  Entschuldigungen 
an  die  Adresse  der  Zensur  zu  enthalten  (Katzenau — Triest) : 


Perdoni  e  sia  paziente  Egreggio  Signor  Censore  se  mi 
dilungo  un  pö  troppo  ....  (es  wurde  gehalten)  un  discorso 
applauditissimo  (che  non  trascrivo  per  non  far  perdere  tempo 
al   sgr'   Censore). 

Das  dem  Zensor  gebrachte  Opfer  wird  diesem  gewisser- 
massen  unter  dieNase  gerieben,  mit  süss-saurer  Miene  unter 
Heucheln  „einer  Rücksicht"  für  den  Zensor,  wo  doch  in 
Wirklichkeit  nur  ganz  egoistische  Angst  vor  Inhibierung 
des  Briefes  waltet.  Manchmal  wird  ein  langer  Brief  mit 
dem  Versprechen,  in  Zukunft  kürzer  zu  schreiben,  der 
Zensur  unterbreitet,  allerdings  auch  das  nächstemal  das 
gleiche  Versprechen  gegeben,  wie  dies  bei  Kindern,  die 
jeden  Tag  etwas  „zum  letztenmal"  tun,  vorzukommen 
pflegt.     (Ein  Intern,  in  Mittergrabern    auf  dem  Kouvert): 

Mi  perdoni  la  spett^  Censura  se  una  volta  tanto  scrivo 
a  lun^o. 

Wenn  man  von  jemandem  einen  Gefallen  will,  so  ist 
man  freigebig  mit  lobenden  Attributen.  Ausnahmsweise 
wird  auch  die  Zensur  als  „gut"  bezeichnet  (Mauthausen— 
Saluzzo): 

Prego  la  Censura  che  si  e  dimostrata  tanto  buona  con 
noi  poveri  disgraziati  di  lasciarmi  passare  questa  lunga  lettera 
e  mi  prometto  che  in  seguito  scriverö  piü  brevemente.  Kin- 
grazio   con  tutto  il  cuore, 

worauf  eine  schlagfertige  Zensorin  mit  Rotstift  antwortete : 

„si   raccomanda  di   mantenere  la  parola". 

Scham  vor  der  Zensur  ist  nur  bei  höher  kultivierten 
Individuen  anzutreffen,  im  Allgemeinen  werden  die  alier- 
intimsten  Dinge  ganz  offen  besjjrochen  (Innsbruck — 
Katzenau): 

Anzi  p.  una.  cosa  ti  prego  di  non  scrivermi  in  quella 
maniera  che  alla  censura  dovranno  ridere  ti  prego  non  scri- 
vere  piü  non  per  me  anzi  mi  fä  piacere,  ma  quelli  che  sono  lä. 

Die  letzte  Konsequenz,  nämlich  überhaupt  nicht  zu 
schreiben   aus  Scham    vor   der  Zensur,  haben   allerdings 


—    2-m;    - 

die  wenigsten  Korrespondenten  gezogen  und,  da  sie  sich  so 
sehr  über  die  Gewalttätigkeiten  dieser  Behörde  beklagen, 
es  aufgegeben,  Anwürfe  gegen  die  Zensur  von  dieser  selbst 
zensurieren  zu  lassen.  Die  Zensur  gilt  als  eine  blinde, 
dunkle  und  unheimliche  Macht,  die  da  schaltet  und  waltet 
nach  unberechenbaren  Ratschlüssen,  hämisch  und  boshaft, 
aufhaltend  und  vernichtend,  was  ihr  nicht  genehm  ist.  Sie 
wird  denn  auch  verflucht  (Mauthausen— Padula,  Salerno): 

Avrei  molto  da  raccontarti  ma    non    posso    maledizione 
alla  Censura. 

Ein  Internierter  in  Katzenau  schreibt: 
„Das  Wesen,  das  mir  Eure  Korrespondenzen  vorent- 
hält, ist  kein  Mensch,  sondern  ein  reissendes  Tier,  ein 
niederträchtiger  Halunke.  Die  Tiger  betäuben  erst  ihre 
Opfer  und  bringen  sie  dann  um,  während  die  hier  mich 
quälen  und  noch  wer  weiss  wie  sich  darüber  freuen.  Es 
ist  doch  eine  Tortur,  der  ich  unterworfen  bin.  Drei  Mo- 
nate ohne  Nachrichten  von  meiner  Familie,  an  der  ich  so 
hänge!  Aber  hat  denn  dieser  Tückische,  der  die  Briefe 
unterschlägt,  selber  keine  Angehörigen?  Und  fürchtet  er 
nicht,  dass  ihn  die  Strafe  ereile?  Oh  wenn  meine  Flüche 
in  Erfüllung  gingen!  Wer  weiss,  sie  sind  so  heftig,  dass 
sie  vielleicht  wirklich  sich  erfüllen  und  dann  wird  ihm 
auch  zum  Bewusstsein  kommen,  wie  schwer  das  von  ihm 
hervorgerufene  Unheil  ist.  Es  dürfte  soviel  Barbarei  nicht 
vorkommen  ....  Es  wird  besser  sein,  wenn  ihr  nicht  mehr 
schreibt,  um  dem  verruchten  Briefdefraudanten  nicht  die 
Freude  zu  machen.  Dies  ist  die  letzte  Karte,  die  ich  Euch 
direkt  schicke.  Ich  habe  einen  anderen  Weg  gefunden, 
auf  dem  ich  Euch  von  mir  Nachricht  geben  und  von  Euch 
empfangen  kann.*^ 

Gerade  das  Zerreissen  von  Briefen,  das  bei  unserer 
wie  auch  den  ausländischen  Zensurstellen  unerhört  war, 
ist  in  der  Volksvorstellung  für  das  wütige  Walten  der 
Zensur  charakteristisch  (Ujvid^k — Codroipo,  Udine): 


—     237     - 

devi  sapere  che  io  di  piii  di  quello  che  scrivo  non 
posso  scrivere  se  non  li  mandano  li  strappano. 

Aus  Agram: 

„Es  ist  wahr,  dass  man  unsre  Briefe  des  Krieges 
wegen  ins  Feuer  wirft;  es  ist  kalt  und  man  hat  kein 
Brennmaterial." 

Geflissentlich  zur  Chikane  einzelner  Persönlichkeiten 
hält  die  Zensur  Briefe  zurück,  ein  Thema,  das  besonders 
oft  von  den  Internierten  bearbeitet  wird  (Prossnitz — 
Katzenau): 

Noi  altri  non  siamo  colpevoli  (an  den  Verspätungen  der 
Briefe),  queste  devono  essere  delle  persone  ö  sino  la  censsura 
conoscendo  proprio  il  nostro   conome  li  butano  via. 

(Mauthausen — Vicenza) : 

Forse  sarö  perseguitato  dalla  Censura.  Quando  finirä 
di  esistere  questa  poco  simpaticä  Madama! 

Bei  der  Zensur  sitzen  jeder  Gemeinheit  fähige 
Schurken: 

„Im  Briefe  vom  24.  I.,  der  die  Photographien  meines 
Bruders  und  meiner  Schwester  enthalten  sollte,  fand  ich 
bloss  eine  —  —  Versteht  sich,  dass  irgend  ein  Schuft 
der  Zensur,  wo  lauter  niederträchtige  Kerle  beisammen 
sitzen,  sich  erfrecht  hat,  sie  herauszunehmen." 

Aus  Katzenau: 

„Dass  auch  Du  (eine  Frau  in  Südtirol)  meine  Briefe 
und  Karten  selten  und  in  grosser  Verspätung  bekommst, 
soll  auch  dazu  dienen,  die  Sünden  abzubüssen,  die  wir 
nicht  begangen  haben.  Oh  die  Menschen  machen  grosse 
Fortschritte  in  der  Kunst,  ihren  lieben  Nächsten  zu  quälen : 
der  Orangutang  müsste  gegen  Darwin  empört  sein,  dass 
er  ihn  als  Stammvater  dieser  Rasse  bezeichnet  hat,  die 
Beleidigung  ist  schwer! ....  Ach  dieser  heilige  Krieg,  wie 
einer  einmal  die  Schamlosigkeit  hatte  ihn  zu  benennen!" 

Wenn  auch  der  gefrässige  Korb  angeblich  ohne  Er- 


-     238     - 

weichen  gar  manche  Briefschaft  verschlingt,  so  versucht 
man  dennoch,  dem  Rotstift  verfallene  Bemerkungen  durch- 
zuschmuggeln: vielleicht  schläft  doch  einmal  der  all- 
sehende Argus: 

siamo  parecchi,  ma  (non  so  se  questa  fräse  la  lascieranno 
passare)  molto,  molto  meno  dei  prigionieri  che  trovansi  costä, 

schreibt  ein  kriegsgefangener  Offizier  in  Mauthausen. 

Die  Unfähigkeit,  sich  ein  unpersönlich  waltendes  Amt 
vorzustellen,  tut  sich  in  den  Personifikationen  kund:  aus 
„Signor  Censore"  und  „Censura"  wird  ein  „Signora  Cen- 
sura"  gebildet  (oben  wurde  sie  Madama  genannt,  vergl. 
frz.  tante  Anastasie),  ebenso  wie  aus  „Signore  Segre- 
tario"  und  „Segretariato"  ein  „Signor  Segretariato" : 

Prego  il  Signor  Seckretariat  di  favorirmi  questo  piacere 
la  rispedizione  di  questa  lettera  a  lindicata  diresione  suo  ob- 
ligatissimo  B.  A. 

An  die  Triestiner  Zeitung  „Lavoratore"  wird  von 
einem  Intern,  in  Rohrbach  a.  d.  Gelsen  geschrieben; 

„  .  .  .  Lieber  Lavoratore.  Ich  komme  Dich  um  eine 
Gefälligkeit  bitten:  ob  wir  Zivilgefangenen  verpflichtet 
sind,  hier  in  Österreich  die  Personaleinkommensteuer  zu 
bezahlen.  Wie  kann  man  von  einem  Gefangenen  diese 
Dinge  verlangen?    Ich  bitte  um  eine  Antwort ..." 

Ebenso  kannte  der  Zensor  eine  „Signora  Direzione", 
ein  „Signor  Comitato",  sogar  „Signora  Croce  Rossa"  (Fez, 
Marocco     Male): 

Alla  Croce  Rossa  di  Vieniia  Para  il  favore  Signora  Croce 
di  Vienna  a  lasiarmi  passare  questa  lettera  a  mio  Povero 
padre  La  reverisca. 

Zu  den  captationes  benevolentiae,  mit  denen  der 
grimme  Moloch  versöhnt  werden  muss,  gehören  auch  die 
flehentlichen  Bitten  um  Beförderung  der  Briefe  mit  Hin- 
blick auf  die  lange  Zeit,  die  der  Schreiber  von  seinen 
Angehörigen  getrennt  ist,  oder  den  einzigen  Trost  des 
Schreibens,  der  ihm   gelassen   wurde,   und  oft  wird  noch 


ein  Gruss  an  den  Zensor  hinzugefügt ein  Gruss,  der 

dem  Zensor  nicht  besonders  wohltut,   weil  er  „ohne  An- 
sehung der  Person"  gesandt  wurde. 

So  sehreibt  ein  kgf.  Hauptmann  in  Mauthausen  eine 
Karte  an  die  Zensur: 

Ai  Sigg.  componenti  l'Ufficio  Censura  per  la  corrispon- 
denza  dei  prigionieri  di  guerra  Italiani 
Auguri  di  Buon   Anno 

Capitano   G. 
(Nach  Cormons): 

Prego  la  sua  bontü,  di  fare  passare  avanti  questa  lettera 
che  da  5  mesi   non  anno  notizie  di  me.   Grazie. 

Jedes  Schreiben,    auch    das  Belangloseste,    wird   als 
dringend  bezeichnet  (Cilli — Lucca  auf  dem  Couvert) : 
Preco  di  spedire  avanti  preme  Crazia  adio. 

Die  Verabschiedung  soll  offenbar  das  kalt  Unpersön- 
liche der  Bitte  an  einen  Anonymus  lindern,  wie  denn  der- 
selbe Schreiber  auf  der  Rückseite  des  Kouverts  seiner 
Adresse  ebenfalls  das  Wort  „addio"  beifügt:  „S.  G.  Cilli .  . . 
Stiria  adio".    (Rabbi — Katzenau:) 

Pregho  alla  Censura  di  lasciar  passar  questa  letera  duna 
sorela  che  sa  poche  volte  le  nuove  della  sua  lagrimosa  fa- 
milia  grazie  antecipatamente. 

Rührend  elegische  und  flehende  Töne,  wie  die  eines 
bittenden  Kindes,  werden  der  Zensur  gegenüber  ange- 
schlagen: man  würde  meinen,  es  gelte,  einen  bösen  Dämon 
durch  Mitleid  zu  rühren  (Ala — Nomi): 

Censura  Carissima,  Se  tu  sapessi  Censura  cara  che  cosa 
brutta  e  vivere  lontani  dai  '  suoi  privi  di  notizie  Dunque  ti 
prego  invia  presto  questa  ihia  onde  possa  portare  consolazione 
e  gioia  ai  poveri   profughi  lontani 

Das  Laienpublikum  glaubte  noch  immer  an  die  Ge- 
pflogenheit und  Möglichkeit  einer  „Protektion"  bei  der 
Beförderung  der  Briefschaft,  als  ob  es  gewissermassen  vom 
Willen   des  Zensors   abhinge,    den    einen   Brief   schneller 


-     240     — 

weiterzusenden  als  den  andern.  So  erklären  sich  die 
Beteuerungen:  „un  prigioniere  che  scrive  alla  propria  fa- 
miglia",  „a  sua  moglie,  madre.  etc.",  indem  off enbar  Briefe 
an  die  engere  Familie  den  Vorzug  haben  sollen.  Manche 
Kgf.  wollen  der  Zensur  ihre  Arbeit  durch  Vorwegnahme 
von  deren  Urteil  ersparen  (Omsk— Pergine): 

Un  prigioniere  di  guerra  che  da  notizia  alla  sua  famiglia 
nulla  disospetto. 

Übersetzungen  eines  italienischen  Textes  in  mehr 
oder  weniger  gutes  Deutsch  oder  Umschreibung  eines 
italienischen  Textes  in  russische  Buchstaben  war  sehr  ge- 
bräuchlich, wenn  auch  durch  dies  Verfahren  gerade  der 
gegenteilige  Zweck,  nämlich  die  Verdoppelung  der  Arbeit 
der  Zensur,  erreicht  ward. 

Schuldbewusst  fühlt  sich  der  Briefschreiber  nicht  nur, 
wenn  der  Brief  lang  ist,  sondern  auch  dann,  wenn  er  un- 
deutlich geschrieben  oder  ohne  genaue  Adresse  abge- 
schickt ist  (Vigevano— Mauthausenj : 

Dunque  prima  di  fare  delle  imbecilitä  aspettiamo  che 
ricevi  questa  lettera  e  quando  l'avrai  ricevuta,  mi  scriverai 
subito  subitomi  manderai  Tinderizzo  piu  chiaro  e  il  suo  numero. 
E  la  rispettissima  censura  che  legge  questa  lettera  come 
Italiana  e  come  Austriacha  mi  farä,  una  gentilezza  a  far  re- 
capitare  il  prigioniero  questa  lettera  che  e  indirizzata  sebbene 
gli  manca  il  numero.     Mi  farebbe  una  carita. 

Bemerkenswert,  wie  der  Schreibende  sich  ganz  un- 
vermittelt an  die  gewissermassen  über  seinen  Rücken  ge- 
beugte Zensur  wendet.  Ein  Schlauberger  sucht  die  Ent- 
schuldigung wegen  schlechter  Schrift  mit  einer  Beschul- 
digung der  österreichischen  Behörden  verbunden  der  Zensur- 
stelle vorzubringen  (Mauthausen — Parma): 

Prego  la  Censura  di  competire  il  mio  male  scritto  perche 
il  motivo  viene  dalla  fabrica  del  appettito  Prego  di  fare  per- 
venire  la  presente  ehe  tali  sono  privi  di  notizia. 

Manche  Korrespondenten  begnügen  sich  nicht  mit 
Höflichkeiten  und  Komplimenten,  sondern  suchen  die  Zensur 


—    241     — 

ZU  erheitern:  als  Dank  für  die  Beförderung  ihrer  Briefe 
entrichten  sie  den  Zoll  geistiger  Leistung  (ein  Korrespon- 
dent in  Cadine  legt  seinem  Brief  an  eine  Agnese  in  Pilcante 
einen  Zettel  bei  mit  der  Aufschrift): 

Agnese   non   e  provocante  ma  e  veramente  a  Pilcante. 

Ein  Dichter  aus  Rumo  schickt  Gedichte  nach  Katzenau 
und  schreibt  am  Schlüsse: 

Domando  scuse  al  chiarissimo  sig.  Censore  se  metto  a 
dura  prova  la  Sua  pazienza,  facendo  Le  leggere  questi  cat- 
tivi  versi  dialettali.  Che  sia  almeno  un  diversivo  dalla  con- 
tinua  e  noiosissima  lettura  deiraltrui  corrispondenza  giorna- 
liera.     Auguri. 

Wie  wenige  Korrespondenten  hatten  eine  Empfindung 
für  die  Öde  der  täglichen  Beschäftigung  mit  fremden  An- 
gelegenheiten!  —  Graziös  weltmännisch  ist  der  Dank  für 
die  Erledigung  seiner  Korrespondenzen,  den  zu  Neujahr 
ein  in  Mauthausen  kgf.  Offizier  au  eine  ihm  dem  Paraph^) 
nach  als  Dame  wohlbekannte  Zensorin  schrieb: 

i  migliori  auguri  per  capo  d'anno  al  mio    censore  e  se 
e  una  signorina  molti  baci. 

Nicht  so  sehr  mit  dem  Zensurgebrauch  der  Paraphie- 
rung vertraut  war  der  Int.,  der  an  den  „signore  B.  St.  Croce 
Rossa  di  Vienna"  die  unwirsche  Anfrage  richtete,  was  ihm 
denn  an  einem  früheren  Briefe  nicht  recht  gewesen  sei. 

Den  Widerwillen  gegen  alles,  was  Zensur  heisst, 
muss  auch  die  italienische  Zensurbehörde  erdulden: 

„Geehrte  ital.  Zensur  mit  Handzeichen  0  S!  In  einem 
an  mich  gerichteten,  heute  erhaltenen  Briefe  vom  24.  Jänner 
samt  einem  Briefe  vom  25.  Oktober!!  finde  ich  eine  An- 
merkung von  Ihnen,  folgenden  Inhaltes:  'Unterlassen  Sie 
unzweckmässige  Bemerkungen  über  die  Zensur,  sonst  wird 
die  Korrespondenz  nicht  befördert  werden.  Die  ital.  Zensur/ 

^)  Jede  von  einem  Zensor  erledigte  Korrespondenz  wurde  mit 
dem  Handzeichen  (Paraph)  versehen,  wodurch  eine  Kontrolle  seiner 
Arbeit  ermöglicht  wurde. 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  16 


—     242     - 

Und  ich  füge  folgendes  hinzu :  Wenn  die  genannte  Zensur 
nicht  lesen  kann,  so  soll  sie  in  die  Schule  gehen,  um  die  Rede- 
teile zu  lernen.  Leidet  sie  aber  an  Hysterie,  so  kann  ich 
ihr  als  bestes  Mittel  die  Frontbäder  anraten ! . . .  Die  Kur 
wird  ausgezeichnete  Wirkung  haben,  dessen  bin  ich  sicher. 
Was  sagen  Sie  dazu,  liebe,  sympathische  Zensur?  Nur 
probieren,  dann  werden  Sie  es  glauben!  Wozu  so  tun, 
als  verstünden  Sie  nicht?  Gehen  Sie,  es  ist  wirklich 
nicht  der  Mühe  wert,  sich  um  eines  kleinen  Scherzes 
willen  beleidigt  zu  fühlen I  Freilich,  die  Wahrheit  ist  un> 
angenehm:  aber  was  sonst  soll  ich  für  Sie  tun,  und  was 
sollen  alle  Gefangenen  anderes  tun?  Trachten  Sie  lieber, 
sich  verdient  zu  machen,  dann  werden  Sie  warme  Be- 
lehrungen statt  sarkastischer  Bemerkungen  bekommen  t 
Es  ist  unnütz,  den  Grossprecher  zu  spielen.  Aber  tun  Sie, 
was  Ihnen  beliebt:  diesfalls  werden  wir  uns  bei  Philipp! 
wiedersehen,  nicht  wahr?" 

Gegen  den  Maulkorbzwang  der  Zensur  gibt  es  nur 
ein  Mittel:  Maulhalten  und  —  Biertrinken:  Das  motiviert  ein 
Kgf.  in  Zmigrod,  Galizien  (nach  Bosano,  Prov.  Campobasso):: 

„  . . .  Wegen  des  Krieges  darf  man  das  Maul  nicht 
aufmachen...  Schreiben  darf  man  nur  die  Unwahrheit/ 
trotzdem  man  uns  seinerzeit  in  der  Kirche  lehrte,  dass 
das  Lügen  nicht  erlaubt  sei . . .  Ich  trachte  stets  die  Sorgen 
zu  verscheuchen:  fällt  mir  Peinliches  ein,  so  nehme  ich 
mit  meinen  Kameraden  zu  vier  —  „Tintenfässern"  Bier 
meine  Zuflucht,  trotzdem  es  teuer  ist." 

Mein  Buch  über  die  Umschreibungen  des  Hungers 
hat  gezeigt,  wie  vielfach  die  Methoden  des  Nachrichten- 
schmuggels sind:  Buchstabenversetzung  und  -einschub. 
Rebus,  Umschreibung,  Dialekt  etc.  Auch  Umschreibungen 
anderer  Klagen  und  politischer  Nachrichten  habe  ich  auf 
S.  26  Anm.  gebucht.  Hier  nur  wenige  umschriebene  Nach- 
richten:   (Breitenlee— Campo  Ligure,  Genua): 

lo   qui  sto  ben  e  ci  faccio   il  ferroviero  ci  vado  quando« 
ci  vanno  i  fucinari  e  ritorno  quando  i  Gibelli,  siamo  ben  ve- 


—     243    — 

nuti  come  il  rettore  di  masun,  siamo  coloriti  come  quella  gente 
che  stanno  nella  vota  della  parocchia,  dunque  sta  allegro. 

(Ober-Gerspitz— S.  Croce,  Caserta): 

Ti  ricordi  quante  belle  giornate  passate  a  Scutari,  chi 
lo  sa  quante  ritorneranno.  A  dire  la  veritä  qui  ce  la  passiamo 
molto  bene,  siamo  ben  trattati  e  ben  voluti.  E.iguardo  al 
mangiare  ce  la  passia  mo  molto  meglio  di  quel  del  Puntillo, 
per  il  passatempo  della  giornate  ci  fanno  divertire  come  a 
Vasconi,  a  Tartaglione  quando  andavano  alla  caserma  Savoia 
a  Scutari,  per  il  dormire  ßtiamo  sulle  brande  come  lavevi  tu 
a  Oleggio.  Riguardo  il  fumare  poi,  si  butta  ria  tanto  che  ne 
abbiamo,  altro  quando  me  davano  i  nostri  ufficiali  sul  monte 
Tofana.  Ti  prego  a  dar  notizie  spesso  a  Don  A.  di  me  e  gli 
dice  che  mi  mandasse  specso  due  freselle,  cosi  dico  anche  a 
te  ora  e  il  tempo  se  vuoi  mandami  due  freselle. 

natürlich  sind  das  lauter  Erinnerungen  an  schwere  Arbeit, 
Hunger  etc. 

Einen  eigenen  Stil  hat  sich  der  Irredentismus  zurecht 
gelegt,  um  von  der  österreichischen  Behörde  unbelästigt 
zu  bleiben;  nur  hatten  die  Korrespondenten  nicht  damit 
gerechnet,  dass  auch  Triestiner  und  Trientiner,  denen  die 
Deckausdrücke  geläufig  waren,  bei  der  Zensur  arbeiteten, 
vgl.  das  Beispiel  mit  Demoghela  in  Hunger  S.  26, 
ferner  den  folgenden  ziemlich  verwickelten  Fall: 

(Triest  — Ahmednagar,  Indien): 

„Abgesehen  von  dem  Zwischenfall,  dass  Nico  infolge 
eines  starken  Windstosses  die  Mütze  heruntergerissen  und 
fortgetragen  wurde,  gibt  es  keine  Neuigkeiten.  Als  Piero 
und  Paolo  ihn  in  diesem  verzeifelten  Zustand  sahen, 
schleppten  sie  ihn,  schachmatt  wie  Tigor,  in  ihr  Haus. 
Unsere  Hoffnung  stützen  wir  nun  auf  die  Eierspeise,  die, 
wenn  gut  zubereitet  und  richtig  ausgeführt,  appetitreizend 
wirkt  und  daher:  nach  Kochart  das  Petrigna:  anderthalb 
Sardellen  zum  Gabelfrühstück  ..." 

Deutung:  Durch  eine  Volksbewegung  wurde  dem 
Kaiser  Nikolaus  die  Krone  vom  Haupt  gerissen.  Er  wurde 
in  die  Peter-  und  Paulsfestung  geschleppt    (Tigor  ist  das 


—     244     - 

Gefängnis  in  Triest).  Wir  rechnen  auf  die  Revolution, 
die,  wenn  sie  richtig  geführt  wird,  zur  Nachahmung  reizt 
—  Der  Schluss  lässt  mehrere  Deutungen  zu:  „Sardellen" 
nennen  Volksschüler  Schläge  mit  dem  Lineal  auf  die 
Handfläche.  Petrigna  könnte  der  Name  eines  Lehrers  sein, 
der  diese  Strafe  anwendete.  In  diesem  Falle  wäre  die 
Strafe  (Umschreibung  für  Revolution)  als  Erziehungsmittel 
(wohl  auch  für  Österreich?)  angepriesen. 

Aus  Galle  (Siena)  21.  IV.  17. 

„Sag  mir,  Anna,  wie  geht's  denn  der  Mutter  des  Gori? 
Im  August  überstand  sie  ja  die  wohlbekannte  Operation 
und  wurde  gerettet.  Und  wie  geht's  Deiner  Mutter  Teresa  ? 
Hoffentlich  ist  auch  sie  genesen.  Was  für  eine  unglück- 
liche Familie!"  (Erkundigung  nach  Görz,  das  bereits  er- 
obert sei,  und  Triest,  das  hoffentlich  bald  erobert  werde). 

Kriegerische  Operationen  werden  mieist  als  Geschäfts- 
unternehmungen, chirurgische  Eingriffe  usw.  maskiert,  die 
kämpfende  Staaten  als  Personifikationen  eingeführt:  aber 
die  Zensur  liess  sich  von  der  Frauengalerie,  die  ein  kgf. 
Fliegerhauptmann  an  sich  vorbeiziehen  liess,  nicht  blenden 
(Mauthausen— Pordenone,  Udine): 

Ed  ora  un  poco  del  mondo  muliebre  di  cui  il  ricordo- 
e  ormai  cosi  lontano  e  remito  nella  memoria.  E  la  Gallia  su- 
perba?  e  la  massiccia  Gorizia?  e  la  fiorentissima  Olga  dalle 
prorompenti  rotondita  solide,  e  la  bella  Molinaia  dall'anda- 
tura  lasciva  cosa  ne  ö  successo?  Scrivimi  spesso  e  raccon- 
tami  brevemente  un  pö  tutto  di  queste  cose  innocenti  e 
leziose  che  aiutano  ad  uccidere  la  mortale  accidia  che  pro- 
fonda  domina  quest'  esistenza  di  recluso. 

(Mailand  — Dunaszerdahely) : 

La  merce  Inglese-francese  e  Russa  seguita  aumentare 
di  maledetto  tanto  di  sospetta  debba  venire  un  vicino  finis 
di  compra. 

Interessant  ist  der  folgende  Beleg,  weil  er  die  Un- 
fähigkeit verrät,  in  der  Rolle  der  heimlichen  Mitteilung  zu 


—    245    - 

bleiben,  und  weil  eine  Captatio  benevolentiae  für  die  Zensur 
nach  der  Beleidigung  ihrer  Volksgenossen  zu  stehen  kommt 
(Pola,  Sicilien — Mauthausen) : 

Quando  poi  alla  composizione  dell'argomento  credo  che 
sia  prossima  e  favorevole  anzi  favorevolissima  alla  mia  fa- 
miglia  ed  a  quelle  dei  parenti  di  Franco,  Albione,  Belgradini 
ecc,  ed  anche  al  Compar  Pietro  Gradenu(?),  che  tu  conosci.  — 
Percio  sta  di  buon'animo  che  anche  per  te  tutto  andrä  bene 
e  pensero  io  a  rappresentarti, 

Questo  quanto  agli  affari  [unleserlich] :  Parliamo  un  pö 
della  guerra.  Ma  credo  che  la  Zenzur  ben  poco  te  ne  faräleggere. 
Noi  andiamo  bene !  Gli  austriaci  si  battono  da  valorosi  perö 
senza  frutti.  —  Non  so  dirti  la  pace  se  e  quando  si  farä. 
Ma  la  credo  prossima,  perche  i  tuoi  galeottissimi  carcerieri 
non  possono  piü  resistere.  E  pensano  ad  impiccare  morto  quel 
povero  deputato  di  Trento  On.  Battista.  Poveri  schifosi  e  po- 
veri  rettili  immondi !  Ma  verrä  ben  presto  il  castigo  anche  per 
loro  e  sarä  tremendo  !  Ed  intanto  speriamo  che  non  si  ab- 
biano  a  deplorare  altre  vigliaccherie  se  no  si  faranno  scon- 
tare  per  rappresaglia  sui  loro  prigionieri.  Questo  e  quanto 
brama  il  popolo  d'Italia  se  altre  porcherie  verran  compiute 
dair  J.  e  P.  Governo  (salvanno  a  facci'e    chimme    sente). 

Die  folgende  Karte  von  21.  September  (also  nach 
dem  20.  Sept.,  dem  Konstitutionsfest)  soll  wohl  besagen: 
„wir  bekommen  nur  das  schlechte  Essen,  das  uns  die 
Österreicher  (Tognino,  urspr.  „Dummkopf")  geben.  Es 
gibt  hier  nur  Drückeberger  (?).  Die  Österreicher  (l'amico 
Cecco  =  Freund  [Franz]  Josef)  sind  traurig,  weil  sie  in 
Transsilvanien  (tra  Silvania)  undGörz  (G or in a)  Schläge 
bekommen.  Gestern  wollten  wir  das  Nationalfest  feiern, 
aber  die  Österreicher  haben  in  ihrer  Misstimmung  es  ver- 
boten. Wie  wir  aber  dennoch  die  Flaschen  entkorkten, 
sangen  wir  die  Nationalhymne  (il  capitano  Inno)".  (Duna- 
szerdahely — Venegono  Superiore,  Como): 

Mamma  carissima! 

sono  20  giorni  che  non  ricevo  pacchi  da  casa  coi  vi- 
veri  richiesti;  ricevo  solo  quelli  che  mi  mända  Tognino  ma 
mi    manda    sempre    poca    roba   e   per   giunta  arriva  guasta  e 


—     246     — 

cattiva.  Ho  ricevuto  finalmente  una  lettera  di  Matteo  da 
Seguitenbusca,  una  parte  perö  era  consurata.  L'ho  mostrata 
al  mio  amico  Cecco  il  quäle  in  questi  giorni  6  molto  abba- 
tutto  perchö  tra  Silvania  sua  moglie  e  Gorina  sua  zia  non 
gli  spediscono  piü  pacchi.  Jeri  20.  settembre  ho  voluto 
festeggiare  il  mio  compleanno  ho  invitato  nella  mia  stanza 
tutti  i  miei  amici,  Tognino  perö  non  ^  voluto  venire  perche 
come  ti  dissi  6  di  malumore,  quando  abbiamo  sturato  le  bottiglie 
h  entrato  il  Cappitano  Inno  che  tu  conosci  e  ci  ha  tenuti 
allegri  baci  baci. 

(Mitrovica,  Serbien— Barrafranca,  Caltanisetta): 
Capii  tutto  di  ciö  che  mi  parla  del  terreno  cemprato, 
ma  perö  se  non  vedo  non  credo  anche  lei  non  deve  cre- 
dere  la  Nusippepara  che  in  queto  momento  son  tutti  läi. 
Anche  ai  miei  compaisani  la  Nusippepare  ci  dice :  tante,  e  tante 
buggie  che  quando  loro  riddon,  io  sten'  lilibitti  perche  ave 
16  mesi  che  sono  amico  di  loro.  Per  läffare  della  zia  Serbia 
ci  dice  alla  ISTusippepera  che  comanda  ancora  il  zio  Cicco 
beppe  e  ci  sto  io  testimonio.  E  quando  viene  lä  benedetta 
pace  ni  parleremo  e  si  vede  la  veritä,.  Calogero  Pititto  s'ingrassa 
e  cresci  di  giorno,  e  giorno.  E  io  immagrisco  coi  pensieri  e 
con  L.  5  di  bredi,  di  peso;  faivi  dei.  E  anche  i  paesani  di 
Piazza  hanno  lostesso  di  me.  E  irsi  50  hanno  e  lavoro. 

Terreno  comprato=  die  neueroberten  Gebiete,  la 
Nusippepara  =  ,die  Presse,  die  Regierung,  das  Vater- 
land'??, Cicco  Beppe  =  Franz  Joseph,  Calogero  Pititto 
=  ,der  Hunger^  (der  Kgfe.  heisst  selbst  Calogero),  pae- 
sani di  Piazza  wahrscheinlich  =  ,Sträflinge^ 

Auf  dem  Papier  der  „Banca  siciliane  di  anticipi  e 
sconti"  in  Palermo  wird  etwas  von  dem  Florieren  einer 
Bank  nach  Sigmundsherberg  geschrieben,  was  uns  in  Zu- 
sammenhang: mit  der  zia  rientrata  in  famiglia  (Görz) 
nicht  narren  kann: 

La  noja  che  ti  piglia  e  causata  che  tu  eri  abituato  a 
lavorare  davvero  nella  n.  Banca.  —  Mi  domandi  cosa  sifa 
alla  Banca  e  se  le  tue  azioni  avranno  utili: 

Puoi  Stare  tranquillo  su  cio  perchö  si  b  lavorato  piü 
del  solito  e  sino  ad  oggi  si  sono  avuti  utili  in  quantitä  da 
non  averne  idea.  —  Tutti  gli  impiegati  hanno  lavorato  e  benö. 


—     247     - 

II  capitale  e  aumentato  di  molto  la  riserva  altrettanto  e  pos- 
isiamo  dire  che  questa  Banca  ora  si  ^  imposta  sulla  Piazza.  — 
E  poi  opinione  di  tutti  che  per  la  fine  dell'anno  sarä.  ripar- 
tito  un  utile  eccezionale  che  non  puoi  averne  idea.  —  Tu 
che  tieni  delle  azioni,  ne  resterai  soddisifatto.  —  So  che  un 
mese  addietro  Cicco  ti  scrisse  l'affare  della  zia  rientrata  in 
famiglia  hai  ricevuto  tale  lettera?  Ne  sei  rimasto  pure  contento? 

(Ghilarza,  Cagliari — Mauthausen): 

La  Zia  Gori  ho  promesso  che  quanto  prima  verrä  per 
passare  la  Pasqua  con  noi,  e  per  poter  meglio  accomodare  le 
nostre  cose  con  Zia  Esterina.  Era  sorta  una  piccola  diver- 
genza  tra  noi  e  la  triade  famosa,  ma  meno  male  ci  siamo 
imposti  ed  lasciato  delineare  i  limiti  quasi  rettilinei,  in  modo 
che  se  volessimo  comprare  anche  tutti  i  viciniori(?)  c'e  piü  fa- 
cile  per  poter  allargare  maggiormente  la  nostra  ricchezza.  La 
bimba  Nia  Bala  promette  bene  ed  ha  cominciato  a  dire,  con 
tutto  che  e'appena  all'uso  della  ragione,  che  saprä  diffendere 
i  suoi  diritti  di  successione,  tanto  piü  che  si  accorge  che  la 
sorella  maggiore  Nia  Meru  ha  disposto  di  portar  tutto  in 
giustizia  per  poter  trionfare.  Tutte  queste  divergenze  sono 
Sorte  perche  vi  era  un  vecchio  rimbambito,  il  quäle  non  ha 
saputo  far  bene  le  cose  non  solo,  ma  che  voleva  accappar- 
rarsi  i  beni  dei  minorenni  con  la  prepotenza.  La  nostra  madre 
sta  addimostrando  tutta  la  suä  energia  materna,  e  fra  poco 
trionferemo  tutti  contro  chi  ledeva  i  nostri  dritti.  II  proverbio 
dice  che,  meglio  una  lira  oggi  che  mille  domani  perciö  dob- 
biamo  rialzare  le  nostre  sorti  di  famiglia,  prima  che  crepi 
quel  vecchio  che  ci  ha  sconvolto  nella  buona  armonia.  E  vero 
che  l'avarizia  s'imarna(?)  piu  quanto  piu  s'invecchia,  ma  questa 
avarizia  bisogna  domarla  sempre. 

Se  fossi  stato  in  casa  avresti  visto  quanto  ci  ha  fatto 
ridere  il  topo  e  il  gallo  i  quali  si  sono  bisticiati  con.  Des 
Co.  ossia  con  queiruccello  che  ha  unna  penna  in  mezzo  alla 
testa:  non  ricordo  il  termine  italiano.  II  topo  ero  legato  con 
una  cordicella  e  il  gallo  era  alla  libera,  poi  Taltro  uccello  era 
legato  da  una  catenella. 

Das  Akrostichon  ist  wohl  angedeutet  in  der  folgen- 
den Karte  (Sigmundsherberg — Lodi,  Mailand)  mit  den  an- 
geblichen Manzoni- Versen : 


—     248    — 

Carissimo  papä, 

Ho  visto  una  tua  lettera  mandata  a  Cacciagli,  il  quäle 
ha  magnificamente  inteso  che  tu  non  interpretaSti  i  suoi  sen- 
timenti.  Bisogna  ripetere  col  Manzoni  „  Varda  ben  i  prim  letter 
d'ogni  rigga ..."  con  quel  che  segue.  Del  resto  quando  mi 
trovai  ad  Edolo  era  facile  la  sensazione  grafica  vostra. 

Nulla  di  nuovo  sto  bene.  Affettliosamente. 

Ausser  diesen  rein  sprachlichen  Mitteln  waren  aber 
auch  verschiedene  Techniken  ausgebildet,  die  geheime 
Nachrichtenübermittlung  verbürgen  sollten:  Schreiben 
unter  der  Marke,  gespaltene  Karten,  Blumen-  oder  Marken- 
sprache, Monogramme,  Nadelstich-,  Punktschrift,  Spiegel- 
und  Latentschriften  (besonders  beliebt  die  Zitronen-  und 
Milchschrift).  Wenig  benützt  wurde  die  Stenographie,  da  sie 
den  Ungebildeten  unbekannt,  den  Gebildeteren  feinen 
Methoden  bekannt  waren.  Meist  pflegte  aber  die  geheime  Mit- 
teilungstechnik sprachlich  angekündigt  —  und  damit 
verraten  zu  werden :  vgl.  den  Beleg  mit  Scheldafoi  und  L  i- 
monzeninHungerS.  25  Anm.,  ähnlich  Saluti  al  Signor 
Limonetti  etc.  Bei  latenten  Schriften  waren  grosse  Zeilen- 
distanz oder  plötzlich  unbeschrieben  bleibende  Stellen 
Verdachtsanzeichen. 

Vgl.  folgenden  Brief,  wo  die  erste  und  vierte  Seite 
nur  grosse  Zeilendistanz  aufwies,  die  zweite  in  den  weiten 
Zeilen  geheimschriftliche  Eintragungen  enthielt,  während 
die  dritte  ganz  mit  Geheimschrift  geschrieben  war  (Maut- 
hausen— Piazolla  sul  Brenta,  Padua): 

[S.  2]  Cara  Moglie  e  comi  pronto  darti  lenotissie  col 
limone  fandoti  sapere  la  mia  amara  vitta  chemito  cha  pasare 
Qui  in  naustria  in  Tantto  capo  primo  patirla  fame  e  il  man 
giare  che  midano  sono  Barbabietole  ma  di  quele  depo 
estratto  il  Zuccero  dunque  Tipuoi  in  maginarti  sessi 
puol  vivere  e  le  conqual  stanghata  giu  per  lespa  le  ma  pero 
fino  ora  io  non  nia  queucosa  preso  stanghate  anche  spero  di 

[S.  3^)]  mio  in  deriso  soldato  c.  G. 


1)   Die  mit  *)  bezeichneten  Zeilen   waren  allein  von  dem  re- 
produzierten Brief  mit  normaler  Tinte  geschrieben. 


—     249     — 

non    prenderne    mati    dico    laverita    che    sessape   vo    cosi    di 

*)  Prigioniero  di  Guerra  Campo  di 
Tribolare  cozi  era  meglio  che  fosse  morto  in  Trincea  almeno 

*)   Mauthausen  austria,  mandami  denaro 
avevvo  finito  di  Tribolare  perche  patirla  fame  aquesta  eta  e 

*)  piu  presto  posibile  adio  ciao  stamibene  ciao 
una  cosa  tropo  amara  perche  dala  fame  che  provo  certe  volte 
perdo  fino  i  sentimenti  e  basta  nonti  di  cho  piu  fami  questo 
favore  scrivi  alla  familia  di  Questo  mio  amicco  che  anche  Lui 
vuole  scrivere  collimone  e  Tu  fai  in  maniera  di  farti  capire 
queste  e  il  suo  in  deriso  Signor  C.  F.  Eovolon  Provincia  di 
Padova,  ciao  stami  Tanto  bene  e  ti  dono  mile  baci  Te  e  le 
tue  filie  Tuo  G.  ciao. 

Trotzdem  diese  Methoden  den  Zensoren  durch  die 
amtliche  Instruktion  bekanntgegeben  wurden,  triumphierten 
die  Kgfen.  dennoch  in  vielen  Fällen  über  die  Aufmerk- 
samkeit der  Zensoren,  die  entweder  den  ankündigenden 
Text  nicht  gründlich  genug  lasen  oder  die  Geheimschrift 
auf  der  Korrespondenz  selbst  nicht  bemerkten  oder  nicht 
mehr  in  Evidenz  halten  konnten,  ob  dieser  oder  jener 
Kgfe.,  dessen  Karte  man  in  Händen  hielt,  in  einer 
früheren  Karte  die  Absicht  geheimer  Mitteilung  kund- 
getan hatte.  So  wusste  denn  die  Zensurbehörde  theore- 
tisch, dass  sie  überlistet  wurde,  ohne  sich  in  jedem  Einzel- 
fall zur  Wehr  setzen  zu  können.  Die  Schlauheit  der 
unzähligen  Überwachten  siegte  oft  über  die  Geriebenheit 
der  wenig  zahlreichen  Überwachungsorgane.  Die  Zensur 
konnte  so  nur  „Filter  nicht  Sieb"  sein. 


I 


250 


XXL 

In  dem  Kapitel  über  Essen  und  Trinken  lasen  wir 
Proben  jenes  fröhlich  hedonistischen  Temperaments,  das 
nach  massigem  Lebensgenuss  strebt  und  in  bescheidener 
Befriedigung  der  notwendigsten  Lebensbedürfnisse  auch 
schon  einen  Genuss  findet.  Den  italienischen  Volks- 
charakter ziert  jene  sonnig  joviale  Lebensauffassung,  die, 
weit  entfernt,  dem  „Objekt"  eine  „Tücke"  anzudichten, 
das  Leben  von  vornherein  rosig  und  freundlich  sieht. 

In  der  italienischen  Korrespondenz  gibt  es  keine 
Düsterkeiten  des  Innenlebens,  keine  Gewissenskonflikte, 
nichts  Grüblerisches  und  Spekulatives.  Allerdings  eignet 
diesem  optimistischen  Temperament  die  Schattenseite, 
dass,  wenn  einmal  grössere  Anforderungen  an  die  Willens- 
kraft und  Leistungsfähigkeit  gestellt  werden,  der  Italiener 
sehr  bald  aus  allen  Himmeln  fällt  und  die  bittersten  Klagen 
laut  werden  lässt,  wo  in  nördlicheren  Gemütsklimaten 
höchstens  bedauernde  Konstatierung  eines  Unlustgefühles 
üblich  wäre.  Der  italienische  Humor  ist  die  Rosenbrille, 
die  das  Leben  des  Gefangenen  und  Internierten  umfärbt, 
der  Humor  gibt  der  Korrespondenz  einen  liebenswürdig 
verspielten  Zug  und  wird  vielleicht  einige  lichtere  Farben 
in  dem  Bilde  malen,  das  spätere  Jahre  von  den  Schreckens- 
jahren 1914—18  entwerfen  werden.  Der  Weltkrieg  mit 
seinen  Greueln  ist  gerade  dazu  angetan,  die  Daseinsbe- 
rechtigung und  lebenspendende  Kraft  des  Humors  zu  er- 
weisen: wie  wäre  der  Schützengraben  zu  ertragen,  wenn 
nicht  die  neckenden  Wichtelmännchen,  die  Vater  Humor 
Untertan  sind,  herumhüpften,  das  Schreckliche  in  Lustig- 
keit, das  Grausen  in  Lachen  auflösend!  Die  folgenden 
Proben,  natüriich  au  petit  bonheur  gesammelt,  sollen  nichts 
weiter  bezeugen,  als  die  Tatsache,  dass   der  Humor  in 


—    251     — 

der  Kriegskorrespondenz  eine  grosse  Rolle  spielt,  nicht 
etwa  die  unzählbaren  Spielarten  des  Humors  zusammen- 
fassen. Dem  Schreibenden  selbst  ist  bewusstermassen  der 
Scherz  eine  Erleichterung,  das  Weinen  ist  ihm  näher  als 
das  Lachen  —  treuherzig  entschuldigt  sich  der  Angehörige 
eines  Kgf.  in  Omsk  wegen  der  momentanen  Laune: 

Sempre  coraggio  e  mal  passion  su  parole  e  zovin  bon 
Mi  scuserai  e  se  mi  ho  preso  questa  po  di  confidenza  con 
questo  Scherzo  che  si  trova  di  sopra,  che  o  fatto  questo  per 
non  piangere  questo  momento. 

Galgenhumor! 

(Mauthausen —S.  Maria  del  Rovere,  Treviso): 

lo  meglio  che  un  prete  sulla  forca.  Vivo  perche  vivo, 
e  la  passo  come  dio  vuole  tanti  mi  chiedono  come  va  la  vita? 
io  rispondo,  con  le  gambe.  Forse  voi  direte  che  tengo  del 
buon  tempo,  anzi  tutt'  altro  qui  non  ci  sono  che  pensieri  su 
pensieri. 

Selten  sind  Schreiben,  die  nur  den  Zweck  haben, 
Allotria  zu  treiben,  so  wenn  ein  sich  „imbecile  Annibale 
prigioniero  di  guerra"  nennender  Anonymus  in  Mauthausen 
eine  inhaltlich  belanglose  Karte  an  „Pregatissimo  Pipi- 
strello"  in  „Vatelapesca  Italia  via  lunga  Nr.  7"  schreibt. 
Die  Kgf. -Karten  waren  ja  umsonst  zu  haben  und  portofrei! 

(Russland— Sardagna,  Trentino): 

vi  faccio  sapere  che  vivo  ancora  ö  sto  anche  abbastanza 
benissimo  melio  non  potevo  andere  qua  in  Russia  o  passato 
10  mesi  che  non  lionemeno  visti  state  con  choragio  che  un 
erba  chativa  nisuno  son  capace  di  strigarla  lassio  lassio  li 
Scherzi  e  vi  prego  se  questa  arivasse  fino  a  voi  datte  notizia 
alla  mia  povera  mamma. 

(Gorni  Milanovac — Lanciano,  Chietti): 

Carissimo  cumbä  T.,  dopo  tanto  ho  avuto  ancora  Tonore 
di  ricevere  un'altro  tuo  scritto  .  .  .  A  dir  la  veritä  io  mi  avevo 
fatto  giä,  capace  e  dicevo  sempre  tra  me,  povero  cumbä  T., 
e  dovuto  crepare  giusto  quest'anno  e  no  Taltro  anno,  e  morto, 
e  morto,  cosa  mai  fare.  Requie  e  frechise  all'anima  sua. 
Questa  mattina  invese  mi  arriva  una  lettera  e  vedo  subito  lo 


—    252    — 

scritto  era  di  T.  Allora  esclamai :  Non  c%  da  fare,  Terba 
cattiva  arifä,  sempre  e  via  di  seguito. 

Siete  stupidi  e  Asini  a  purtoso,  perch^  fate  quella  vita 
misera  voi  che  siete  liberi.  Speriamo  che  finisca  presto  ogni 
cosa  e  cosi  vi  faro  vedere  io  il  letto  la  notte  dove  ^,  a  casa 
o  a  Ginesio. 

Caro  cumbä  T.  io  mi  trovo  in  Serbia  e  lavoro  al 
mio  mestiere  ö  lasciato  i  buoi  col  carro  cariole  pale  e  picconi. 

Mi  dispiace  a  dirtelo  e  da  vero  amico  te  la  paleso,  son 
nove  mesi,  caro  collega,  la  . .  .  mi  freca  non  dico  neanche  un 
pö  di  bogia  credimi  come  credi  a  tua  madre  non  posso  piü 
sopportarlo,  tante  volte  scrivo  quelle  fesaerie  giusto  per  farvi 
fare  una  risa  ma  dentro  Io  so  io  e  nessuno  altro  cosa  ci  ho 
capisci  caro  cumbä  T. 

Stammatina,  manno  purtato  nu  piatto  di  polenta  e  Ettre 
vi  la  vuluto^  se  messa  ä  piagno  ca  i  tine  fame  io  i  ai  ditto 
a  quella  calvaria  e  miseria  e  cono  di  femmina  di  ma  me: 
Cocci  novo.  Capite  Antonio. 

Non  mi  prolengo  piü  contracambio  i  saluti  di  Mancini 
e  tutti  del  Manicomio  e  a  te  caro  Asino  ti  mando  mille  sa- 
saluti .  .  .  tuo  caro  College  e  amico  A.  N.- 

Was  den  Humor  im  Ungemach  aufrecht  erhält,  ist 
—  wir  wissen  es  aus  früheren  Kapiteln  —  ein  voller 
Magen  (Klosterneuburg — Triest) : 

Caro  A.  qua  bisogna  far  de  tutto  de  lucher  e  an  che 
de  murator  perö  a  butar  zo  muro  col  maio  e  punta  le  orecie 
principia  a  scotar  el  naso  iozar,  ma  son  sempre  in  coraggio 
perche  almeno  la  panza  se  piena. 

Aber  auch  schlechtes  Essen  lässt  sich  durch  Humor 
verschmerzen  (eine  Frau  im  Heeresbereich  nach  Katzenau) : 

Io  mi  trovo  ancora  nel  mio  solito  lavoro  ricevo  me- 
naggio  melitare  mezza  pagnocca  al  giorno.  Buon  giorno,  pag- 
nocca,  buona  notte  pagnocca. 

(Vgl.  Sigmundsherberg — Udine) : 

sempre  suf  bongiorno    suf    e  bonasera    suf   e  se  fose  suf 
dunque  nosta  pensare  male. 

(Katzenau — Volosca)  : 

Qui  si  a  ala  matina   ^2  ^^^^^  ^i  c^^®  ^®^°  ^  pranzo  un 


—    253    - 

litro  di  orso  altretanto  cena  e  per  cambiar  un  giorno  orso  6 
un  giorno  orso  un  giorno  si  e  un  giorno  si  e  sempre  si, 

ein  meisterhaft  stilisierter  Passus,  der  bewusst  dem  Gegen- 
satz zu  „un  giorno  si",  nämlich  „un  giorno  no"  aus  dem 
Wege  geht. 

Mit  Geld  kann  man  nichts  kaufen  —  diese  Kriegs- 
erfahrung wird  so  ausgedrückt  (Mauthausen — Castelnuovo, 
Alessandria) : 

qui  i  denari  e  come  un  padre  che  abbia  ragazze  brutte, 
certo  nessuno  li  vuol  sposare. 

Der  Italiener  braucht  wie  der  Franzose  mehr  das 
Überflüssige  als  das  Notwendige,  um  sich  wohlzufühlen, 
wie  wir  schon  im  Kapitel  über  die  Bitten  um  Sendungen 
bemerkt  haben  (Kgf.  in  Omsk  an  einen  Flüchtling  aus 
Mossa  in  Italien): 

Mi  trovo  in  peccheria  a  fare  pan  per  i  nostri  militari  e 
non  mi  manca  da  maniare  e  nanche  soldi  di  ciolmi  qualcosa 
che  fassio  la  barba. 

Eine  gewisse  „blague"  den  Kriegsereignissen  gegen- 
über ist  uns  schwerblütigen  Deutschen  fremd  (Theresien- 
stadt — Crusinallo,  Novara)  : 

Sono  arrivato  ieri  qui  in  Boemia  e  spero  di  restare  fino 
alla  fine  di  questa  (piccola)  guerra. 

(Theresienstadt — London) : 

10  trovandomi  costi  in    bohemia    le   faccio   alla  bobem- 

(Mauthausen — Neapel): 

11  mio  tempo  passato  lontano  non  e  stato  altro  che  di 
vertirmi  al  fronte  come  al  gioco  dei  bussolotti  ciö  e  che  si 
diverte  bene  e  chi  si  diverte  male,  perö  dope  un  gioco  cosi 
prolungato  che  per  me  e  andato  sempre  bene  mi  sbalzano 
finalmente  in  ultimo  lontano  lontano  e  mi  fanno  fare  insieme 
agli  altri  l'attore  della  Bhoemie. 

Man  wird  nach  dem  Kriege  nicht  glauben,  dass  ein 
Mitkämpfer  das  mörderische  Ringen  in  diesen  Ausdrücken 


-    254    — 

darstellen  konnte.    Über  Boheme  als  Hungerklage   vgl. 

„Hunger"  S.  140. 

(Mauthausen — Foggia) : 

Dopo  che  sono  stato  ferito  äl  Braccio  e  al  petto  ma 
mi  a  paruto  come  quando  fosse  stato  niente  Ingraziando  Iddio 
che  non  sono  rimasto  offeso  Si  ne  sortito  fuore  il  sangue 
vecchio  —  e  o  messo  dentro  il  nuovo.  Bensi  Caro  G.  he  o 
tardato  a  farvi  sendire  le  mie  Buffonate  —  Ma  luomo  AI 
mondo  deve  essere  sempre  Allegro  e  condendo  di  tutto  come 
medesimo  di  me. 

Die  Lustigkeit  wird  als  oberstes  Gesetz  proklamiert 
und  mündet  in  Selbstzufriedenheit  aus. 

Bekannt  ist  das  Bild  von  dem  uccello  in  gabbia 
oder  pollo  nel  pollaio:  es  wird  ausgedeutet  entweder 
zur  capponaia  oder  aber  zu  einer  Brutstätte  (Katzenau — 
Trient) : 

Noi  sti  amo  bene  —  ma  stanchi  e  arcistufi  di  questa 
vita  —  Siamo  rinchiusi  come  le  galline  non  non  ci  manca  che 
di  far  l'uovo. 

Die  lyrische  Stimmung  der  Sehnsucht  nach  der  Gattin 
verkehrt  sich  in  den  humorvollen  Gedanken,  die  Frauen 
von  Gefangenen,  die  nicht  schreiben,  müssten  sich  von 
Neuem  verheiratet  haben  (Mauthausen— Poggio  Imperiale, 
Foggia): 

noi  lususpittemmo  che  ci  dovevate  piancere  per  morti 
e  stevamo  molto  dispiaciuto  che  non  navemmo  come  fare  a 
darvi  subito  li  nostre  Notizie  e  auna  parte  ci  pensemo  che 
aunaltra  parte  ci  mittemmo  arridere  e  dicemo  moche  iamo  li 
trovamo  maritato  alle  Nostre  moglie  schirzamo  noi  lussispi- 
temo  ma  nonnaveme  come  fare. 

(Mauthausen — Caltanisetta)  ; 

E  tuti  ricevi  un  milione  di  baci  dal  tuo  morto,  vivo 
sposo  ed  Affmo  La  V.  C.  Mi  chiamo  morto  vivo  che  mi  ai 
creduto  morto  e  io  so  vivo. 

Humorvolle  Ermahnungen  werden  mitunter  nach 
Hause  geschickt  (aus  dem  von  den  Italienern  besetzten 
Gebiet  der  Monarchie  nach  Montona,  Istrien): 


—    255    — 

basta  che  sia  vero  che  andate  dacordo  come  ti  me 
scrivi.  poi  se  vole  far  la  guerra  fra  done  fatela  pure  gik  se 
i  tempi  di  guerra. 

(Theresienstadt — Verona) : 

Mandami  del  danaro  del  quäle  mi  fa  proprio  bisogno. 
puoi  immaginarti  e  quando  sopra  Verona  volano  areoplani 
austriiici  di  scappare  spero  perö  che  non  sarai  mica  cosi  da 
Star  li. 

Was  wird  nicht  alles  im  Kriege  mit  gleichmütigem 
Humor  ertragen!  (Omsk— Gardolo,  Südtirol): 

io  mi  trovo  pure  bene  in  baracche  con  tanti  amici 
tagliani  e  con  buona  compagnia  di  pedocci  e  pulsi  ci  danno 
da  far  movimento  i  compagni  piü  fedeli  perche  ci  sono  sempre 
di  compagnia  non  ci  abandonano  un  sol  momento. 

Ein  Kgf.  in  Omsk  fügt  am  Schlüsse  seines  Briefes 
nach  Auer,  Südtirol,  die  Verse: 

In  baracche  di  legno  serrati  (senza  letto  dobbiamo  dormir) 
8  miliai  d'insetti  affamati  (ci  tormentan  oltre  ogni  dir). 

Die  Klage  über  Ungeziefer  ist  solidarisch  mit  dem 
Gefangenendasein:  sie  äussert  sich  in  pittoresken  Ver- 
gleichen (Mauthausen — Ponte  Valleceppi,  Perugia): 

di  Salute  mitrovo  bene,  specialmente  la  notte  ce  la  ca- 
valleria  rusticana  che  mi  da  noia. 

(Belgrad— Romans,  Udine): 

Io  sono  stufo  di  fare  una  vita  Simile,  cioe  di  ämazare 
Pidochi  che  ora  neo  amazzatti  abastanza  per  tutta  la  Vita, 
che  se  non  si  dovesse  chiudere  la  Busta  vene  manderei  una 
Centinaio  per  poco  prezzo  che  vi  garantisco  che  le  una  Buona 
qualita  molta  producione  vi  dono. 

„Hast    du    Läuse,    kann    ich    mit    Flöhen    dienen" 

(Po  vo  — Omsk): 

ho  ricevuto  la  tua  cartolina  che  stai  bene  [Auslassung] 
ma  che  che  ai  molte  lavoro  coi  pidochi  anchio  sai  devo  far 
simili  omicidi  piü  dificili  ancora  perche  i  pulci  scapano  via. 


—     25G     — 

Humor  täuscht  weg  über  Winter  und  Kälte  (Palestro — 
Theresienstadt) : 

Quest'anno  non  sei  piü  nella  nostra  stalla  a  farci 
fare  le  grasse  risäte,  le  farai  forse  fare  agli  austriaci!  Eor- 
tunati  loro !  Verranne  solo  i  tuoi  nella  stalla .  .  .  Ma  perö  tu 
non  ci  sei  piü,  e  questo  mi  dispiace  assai,  perche  con  te  non 
ci  ricordavamo  ne  del  freddo  ne  del  inverno.  Ti  aspetto  perö 
per  un  altri  inverno:  non  devi  mancar. 

Ein  nach  Münchhausenschem  Muster  ersonnenes 
Histörchen  eines  Intern,  in  Gross-Siegharts  berichtet: 

„Die  Kälte  erreicht  hier  21  Grad  Celsius!  Denke 
Dir,  eines  Sonntags  hatte  die  gewohnte  Predigt  begonnen, 
aber  zum  grossen  Erstaunen  des  Publikums  w^aren  plötzlich 
nur  mehr  die  Mund-  und  Handbewegungen  des  Predigers 
sichtbar,  die  Worte  aber  konnte  man  nicht  vernehmen. 
Erstaunt  verliessen  die  Zuhörer  die  Kirche  und  machten 
die  verschiedensten  Bemerkungen,  äusserten  Vermutungen, 
während  der  Prediger  ganz  entrüstet  von  der  Kanzel  stieg. 
Im  Laufe  des  Tages  ging  ich  in  die  Kirche  und  zu  meinem 
Erstaunen  hörte  ich  den  Pfarrer  predigen,  sah  ihn  aber  nicht. 
Ich  konnte  ihn  auch  nicht  sehen,  weil  er  zu  Hause  war. 
Was  ging  da  vor?  Die  Worte,  die  in  der  Frühpredigt  ge- 
sprochen wurden,  waren  eingefroren  und  im  Laufe  des 
Tages  tauten  sie  infolge  einer  kleinen  Temperaturerhöhung 
auf  und  übten  ihre  Wirkung." 

Manchesmal  gelingt  es  dem  Kgf.,  seine  Lage  in  we- 
nige markante  Worte  zusammenzufassen  (Stavropol,  Russ- 
land— Triest) : 

dopo  tanto  tempo  vengo  fargli  sapere  il  mio  stato  di 
perfeta  miseria  stabile  ed  riccezza  mobile, 

wo  der  Terminus  technicus  „richezza  mobile"  auf  lästige 
„Gäste"  doppelsinnig  angewendet  wird.  (Theresienstadt— 
Katzenau) : 

lo  stago  bene  di  salute  e  male  di  scarsela, 
hier   wäre   auch   die  Sendung  von  „mille   baci   e  cento 
franchi"  zu  zitieren. 


—    257     - 

(Katzenau — Prossnitz) : 
qui  si  potrebbe  trovar  e  qualche  lavoro  ma  a  gratis  e  noii  boris, 
WO  in  Gegenüberstellung  zu  gratis  ein  neues  Wort   mit 
der  Endung  des  ersteren  aus  dem  Stamme   bori   dialek- 
tisch  =  „Geld"  scherzweise  gebildet  wurde. 
(Bozen— Turin) : 

Mi  dimenticavo  dirti  di  mettere  pure  neccesario  per 
toilett,  come  dentifricio  Knorr  —  pomata  per  i  capelli  Liebig 
(ssivä  meglio  1  vasetto  grande)  e  qualche  saponetta  assortita 
Maggi.  Ho  ricevuto  notizie  poco  soddisfacenti  del  Dott.  Succi; 
quello  che  e  stato  all'Odeon, 

ein  Beispiel,  das  wegen  der  Absicht  der  Mystifizierung 
des  Zensors  auch  in  das  Kapitel  der  Hungerklagen  gehört. 
Der  Krieg  wird  als  Reisegelegenheit  gepriesen:  der 
Kgfe.  wäre  doch  sonst  nicht  aus  seinem  Heimatsdorf 
Mosciano,  Lecce  herausgekommen: 

non  State  con  penzieri  che  tanti  signori  pagano  delle 
migliaia  per  Girare  il  mondo  e  io  senza  pagare  un  centesimo 
neo  girato  una  buona  parte. 

In  Theresienstadt  hat  „der  Fürst"  10  Kilo  schwere 
Mäntel,  je  einen  schönen  Rock  und  ein  gutes  Paar  Schuhe 
an  die  Gefangenen  verteilen  lassen.  Darauf  schreibt  ein 
genügsamer  Kgf . : 

„Kurz,  ich  bin  ein  ganzer  Herr  geworden,  komme 
in  den  schönsten  Städten  Österreichs  herum  und  merke 
vom  Kriege  gar  nichts." 

Zum  Schlüsse  sei  ein  Gedicht  angeführt,  das 
schwere  Klagen  in  ein  ästhetisches  Gewand  hüllt  und 
so  des  Lebens  Mühsal  durch  Vergeistigung  und  Auflösung 
in  ein  Kunstwerk  überwindet.  Das  folgende  Ritornell  ist 
der  Katzenauer  Korrespondenz  entnommen: 

Motto :     Dies  inei  sicut  umbra  declinäverunt, 
et  ego  sicut  foenum  arui! 
(Am  Rande  befindet  sich  eine  gemalte  Gitarre  mit  der 
Aufschrift  1916.) 
Fior  di  limone, 

nella  stanzetta  mia,  dal  mio  cantone, 
•Spitzer    Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  17 


-    258    — 

a  te,  cugino  mio,  la  mia  canzone 
runcincin,  runcincin,  runcincin,  ein, 
runcincin,  runcincin,  runcincin,  ciun! 
Fior  di  giaggiolo, 
paesi  belli  stan  fra  polo  e  polo, 
ma  come  Katzenau  cenfe  un  solo. 

Runcincin 

Fior  di  fragranza, 

in  questo  sito  qua  non  prende  stanza 

ne  Censo,  ne  Demanio,  ne  Finanza 

Runcincin 

Fior  di  ginestra, 

che  vada  colla  manca  o  colla  destra 

mi  piglio  sempre  Torzo  per  minestra. 

Runcincin 

Fior  d'albicocca, 

il  pezzetin  di  carne,  sempre  poca, 
quando  cene,  vi  unisco  la  pagnocca. 
Runcincin  ........ 

Fior  di  gramaglia, 

si  vive  ben,  si  dorme  sulla  paglia, 

di  piü  non  dico*,  la  Censura  taglia. 

Runcincin 

Fior  di  semenza, 

con  poco  buon  umor,  tanta  pazienza 

si  tira  via  sta  misera  esistenza. 

Runcincin 

Fiorin  di  prato, 

si,  si  e  vero  che  t'ho  sempre  amato^ 

ma  sai,  di  fuori  del  reticolato. 

Runcincin 

Fior  di  frumento, 

oh  benedetto  sia  il  di  che  io  sento, 

che  marceremo  tutti  verso  Trento. 

Runcincin 

Fior  senza  foglie, 

se  la  combinazione  un  di  ti  coglie, 

salutami  Fogar  e  la  sua  moglie. 

Runcincin 

Fior  di  Banano, 

Orsü  coraggio,  stringimi  la  mano, 

e  sono  tuo  cugino  J.  — ano^ 


/ 


259 


XXII. 

Zu  den  Dingen  die  das  Leben  verschönern  und  den 
gesunkenen  Humor  wieder  in  die  Höhe  bringen,  gehört, 
für  den  Italiener  mehr  als  für  andere  Nationen,  das  Weib. 
Von  Liebesgenuss  und  kräftiger  Sinnlichkeit  ist  indessen 
in  den  Briefen  in  allgemeinen  wenig  zu  lesen,  erstens 
weil  Zeitläufe  und  Umgebung  wie  erwähnt  Liebesgedanken 
nicht  hold  sind,  anderseits  eine  gewisse  Keuschheit  und 
Zurückhaltung  in  rebus  sexualibus  dem  naiven  Mann  noch 
mehr  eigen  ist  als  dem  Gebildeten.  Immerhin  sei  einiges 
Wenige,  Ausnahmen,  die  die  Regel  bestätigen,  angereiht. 

Jünglingshaft  und  volksliedmässig  klingen  die  kecken 
Worte  der  Herausforderung  ans  weibliche  Geschlecht,  die 
ein  Kgf.  in  die  Heimat  sendet  (Fortsetzung  eines  schon 
im  Kapitel  über  die  Grussformen  zitierten  Briefes): 

Saluti  ai  miei  cari  e  la  prima  che  incontri  me  la  sä- 
luti  pero  che  sia  una  ragazza  perche  un  Giovane  lo  sono  gia 
io  Ti  Baccio  te  e  M.  F.  F.  C.  che  e  un  nome  che  mi 
place. 

Dazu  die  Variante  in  einem  zweiten  Brief: 

Ti  dico  questa  la  prima  che  trovi  per  la  strada  che  sia 
ancora  da  moliare  me  la  saluti  che  cosi  quando  verrö  a  casa 
io  se  mi  vuole  me  io  volio  lei. 

Auch  derbere  Töne  können  in  ihrer  Naivität  nicht 
verstimmen  (Fez,  Marocco— Mal6): 

un  baccio  a  mia  mama  e  uno  al  Papa  na  merda  alla 
moroso  e  mi  sono  solda. 

Auf  einer  Karte  an  ein  brotlieferndes  Hilfskomit^ 
empfindet  der  Kgf.  das  Bedürfnis,  zur  gedruckten  Adresse; 

Comitato  di  Assistenza  ai  Prigionieri  di  Guerra  italiani 
hinzuzufügen : 

agli  affamati  fatemi  il  favore  ad  essere  puntuali 


-     260     - 

und  zum  Text  der  Karte,   die   nur  über  das  Brotabonne- 
ment handeln,  soll  die  Worte: 

Saluti  alle  belle  signorine  milanesi  che  da  molto  tempo 
non  posso  vedere  che  delle  mummie. 

Der  Mann  aus  dem  Volke  kann  sich  nicht  mit  der 
Lakonik  und  unpersönlichen  Stilisierung  der  vorgedruckten 
Karte  befreunden,  er  muss  von  seinem  Befinden  Kunde 
geben  —  und  zum  Wohlbefinden  gehört  neben  dem  täg- 
lichen Brot  auch  der  Anblick  schöner  Frauen. 

Der  Italiener  schäkert  gern  in  seinem  Dialekt,  daher 
wird  im  Augenblick  wo  es  sich  um  Frauen  handelt,  in 
die  Mundart  übergegangen:  wir  kennen  schon  den  Beleg: 

ti  garantisco  che  questa  e  una  fortuna  inaspettata, 
perche  non  ci  manca  nulla  neanche  le  mule  (no  sta  creder! 
che  moro  de  vento  se  te  fazo  un  corno)! 

Um  mule,  um  Frauen,  Fraueneifersucht  und  Eifer- 
sucht auf  Frauen  handelt  es  sich  in  den  zwei  folgenden 
Briefen,  in  denen  sich  sinnliche  Glut  mit  stilistischer  Schel- 
merei verbindet  (Katzenau  —  Triest) : 

Ho  ricevuto  la  tua  cara  lettera  del  7.  c.  m.  della  quäle 
alcuni  punti  mi  sono  rimasti  oscuri.  Non  mi  piuce  che  tu  mi 
scriva  in  quel  modo;  tu  non  sei  per  me  un'amica,  ma  la 
dorata  t.  del  mio  piccolo  cuore;  se  non  ti  garba  neppur 
cosi  ....  Che  cosa  mi  parli  di  C.  ?  Non  mi  sovviene, 
ma  se  anche  ho  scritto  a  lui  che  qua  ci  sono  „belle  mule", 
che  importa  tutto  ciö  —  — ?  La  mia  t.  e  ancor  piü  bella 
e  basta.  Queste  mule  non  assaggeranno  mai  il  tuo   R. 

(Derselbe  an  dieselbe): 

Guarda  di  non  baciar  troppo  qualcuno  onde  tu  non 
„frughi"  tutte  le  labbra;  lasci  anche  per  me  un  pö  di  quel 
miele  che  m'ha  sempre  raddolcito  tänto  la  vita.  Dimmi  se 
hai  ricevuto  2  carte  illustr.  .  .  ricevi  un  bacio  appassionato  e 
un  abbraccio  furioso  dal  per  sempre  tuo  B. 

Meist  erwehrt  sich  der  abwesende  Gatte  in  einem 
rührseligen  Beteuerungston  der  Eifersüchteleien  seiner  Ge- 
mahlin (Katzenau — Bisceglie,  Bari): 


—    261     — 

dunque  cara  a  riguardo  che  miai  mandato  addire  che 
tianno  detto  che  io  era  chiuso  cop  i  miei  patriotti  per  via 
di  una  donna  dimandi  a  chi  tela  detto  forse  era  anche  lui 
come  ?  credi  sola  che  io  sono  5.  mesi  che  non  o  visto  angora 
un  mio  patriotto  oppure  da  quando  che  e  venuto  il  sergio  c, 
e  io  credo  che  non  pi^i  che  lui  tia  detto  qnesta  fiappa  per 
farti  rabiare  e  fami  un  piacere  che  quando  Io  vedi  a  questa 
persona  digli  a  nome  mio  che  vada  a  mettere  disturbo  a  i 
sui  di  casa  perche  a  casa  mia  non  cene  vogliano  di  questi 
disturbi  e  non  stai  a  metterti  qualche  cosa  intesta  badi  di 
Star  contenta  perche  il  tuo  marito  non  sia  sporcato  con  nes- 
suno  dal  pempo  che  vado  sposato  e  manche  non  si  sporca 
dunque,  non  mi  prolungo  per  adesso  bästa. 

Manchmal  ist  der  moroso  merkwürdig  tolerant 
(aus  Mauthausen  an  einen  Soldaten  an  Bord  des  Schiffes 
Emanuele  Filiberto)  : 

caro  S.  sento  a  dir  da  te  che  voi  vi  divertite  molto  a 
casa.  invece  io  sono  cosi  lontano  e  di  piü  la  mia  fidansata 
mi  manda  a  dir  che  i  suoi  genitori  non  sono  contenti.  aspetta 
ora  che  sono  qua  a  mandarlo  a  dire  credo  caro  amico  che  a 
mio  ritorno  passa  un  brutto  quarto  dora  lei  e  chi  sara  il  suo 
amante  ....  per  farmi  star  contento  manda  qualche  cartolina 
con  qualche  bella  regazza  e  digli  a  casonetto  che  gli  do  li- 
berta  solo  ä  lui  di  far  lamore  con  la  mia  regassa  perche  io 
so  che  gli  place,  ai  capito. 

Die  Frauen  ihrerseits  brillieren  mit  einer  gespielten 
Eifersuchtslosigkeit  und  Nachsicht  (Poljana,  Dalmatien— 
Malta) : 

mai  non  scrivi  .  .  .  se  mangi  bene,  e  se  ti  diverti  in 
compagnia  di  qualche  bella  putela ;  so  che  senza  di  me  non 
potrai  Stare,  perciö  scrivimi  che  io  non  mi  arrabbierö. 

Letztere  Behauptung  dürfte  nicht  ganz  der  Wahr- 
heitentsprechen; überhaupt  sind  die  Frauen  ehrlicher  gegen 
sich  selbst  und  gegen  den  Gatten,  die  ihn  vor  den  Nach- 
stellungen böser  Weiber  in  Feindesland  warnen.  So  schreibt 
am  Schlüsse  eines  rein  italienisch  abgefassten  Briefes 
eine  Frau  in  Venzone  an  einen  Kgf.  in  Mauthausen  die 
friaulischen  Geheimworte: 

frut  viot  di  les  todescis  (=ragazzo  guardati  dalle  tedesche). 


-     262    - 

Die  pornographische  Note  ist  in  Korrespondenzen 
aus  Italien  wenig  verbreitet.  An  die  Stelle  unliebsam 
zotiger  Anspielungen  tritt  eine  humorvolle  Offenherzigkeit, 
die  —  naturalia  non  sunt  turpia  —  die  Reize  des  andern 
Geschlechtes  mit  liebenswürdigem  Staunen  bewundert. 
Ein  Soldat  in  Cirenaica  schickt  an  einen  Kgf.  in  Maut- 
hausen eine  Ansichtskarte  mit  dem  Bilde  eines  nackten 
Mädchens,  dazu  die  Begieit werte : 

Tiprego  di  non  farsi  mal  sangue  di  questa  Ragazza; 
nuti  devetirci  buone  cosi    preste    scrivimi   qualche   cartolina. 

Eher  sind  die  Triestiner  zu  frivolen  Anspielungen 
geneigt.  Triest  hat  wie  ein  österreichisches  Paris  die  Keime 
eines  lüsternen  romanischen  Grosötadtlebens  in  reicher  Fülle 
emporschiessen  lassen.  Alle  Katzenauer  Korrespondenzen 
(die  meist  von  Triestinern  oder  in  Triest  lebenden  Reichs- 
italienern stammten)  waren  erfüllt  von  dem  schwülen  Parfüm 
einer  südlichen  Sinnlichkeit,  die  durch  Raffinement  und 
dekadente  Gelüste  von  der  reichsitalienischen  Erotik  durch 
einen  tiefen  Abgrund  getrennt  ist   (Katzenau — Feldpost): 

Evviva  il  b.  del  c.  dei  frati.  Salute  e  benedizione 
L'amico  R. 

Sogar  ein  Priester,  Cesare  mit  Vornamen,  unterzeichet 
„b  d  c",  was  man  als:  „baci  Don  Cesare"  oder  „b.  delc." 
auffassen  kann: 

Come  va  con  la  bicicletta??  Conservala  bene  che  speriamo 
fra  breve  di  adoperarla.  Non  riderü  Brutta  negra! 

Auch  die  Frauen  schämen  sich  nicht  einer  so  ziem- 
lich eindeutigen  Ausdrucksweise  (Pisino— Simski  Sabod, 
Russland): 

Ti  racomando  tu  che  ai  il  mestiere  di  stagnare  buchi 
guardati  di  non  stagnarli  troppo  bene  ....  vieni  presto,  per- 
che  povera  me  se  ancora  un'inverno  lo  devo  passare  sola  mi 
agghiaccerö  del  tutto,  mai  dopo  via  tu  non  mi  sono  scaldata, 
sempre  ho  freddo,  come  alla  sera  cosi  alla  mattina.  non  ti 
scrivo  questo  per  malizia  ma  veritä  e,  ho  sempre  freddo. 


—    263    — 

Die  Schriftlage  zeigt,  dass  die  Schreiberin,  immerhin 
'einige  Bedenken  über  ihre  Offenherzigkeit  tragend,  den 
letzten  Satz  erst  nachträglich  hinzugefügt  hat. 

Nichts  ist  so  häufig  in  der  Intern.-Korrespondenz  wie 
-die  brutale  Invektive,  in  der  ehemalige  sinnliche  Liebe 
sich  in  Beschimpfungen  des  einst  geliebten  Wesens  äussert 
(Katzenau— Triest) : 

A. !    Hai    ragione    di    dire    che    comprendi    „quello  che 
passa  nel  mio  cuore".  Si,  veramente,  'passa*,  anzi  e  gia   'paa- 

sato' Tamore  per  te 'perche  non  hai  niente  da 

rimproverarmi'  Oh!  veramente  niente  anima  innocente!  Non 
meriti  l'amore  di  un  uomo  onesto!  I  torti  e  difetti  tuoi  sono 
cosi  numerosi,  che  non  vale  la  pena  di  perdere  il  tempo  ad 
enumerarli.  Ne  hai  troppi  e  di  mostruosi,  che  sopräfanno 
quel  poco  che  ancora  ti  resta.  Come  ho  potnto  comprendere 
da  innumerevoli  prove,  tu  ti  dai  al  primo  uomo  che  ti  capita 
tra  i  piedi,  con  tutta  facilitä  e  non  per  amore,  ma  per  ecces- 
siva  libidine;  che  tu  ti  ostini  a  darlo  il  nome  di 'entusiasmo'. 
Caro  il  tuo  entusiasmo!  Nel  postribolo  si  trovano  molte  donno 
'entusiaste'.  Nel  caso  mio  sei  stata  tu  a  gettarti  nelle  mie 
braccia  e  la  prova  ne  e  una  mezza  fräse  che  ti  e  sfuggito 
di  boccä  in  un  momento  proprio  di  'entusiasmo' ;  'Che  amori 
platonici  .  .  .'  Questa  fräse  voleva  pur  dire  qualche  cosa,  Porti 
un  nome  che  sei  indegnä  di  portare,  e  che  hai  ricoperto 
d'onta  e  di  disonore.  Mai  avessi  pensato  a  tanta  sozzura! 
Sei  caduta  nel  fango,  si  da  insozzarti  fin  l'ultimo  capello. 
Ora  sono  persuaso  che  il  Z.  era  un  galantuomo  e  che  aveva 
ragione.  Pochissime  sono  le  donne  degne  di  essere  amate;  e 
di  queste  donne  non  sono  certe  quelle  che  per  troppo  'entu- 
siasmo' si  separano  dal  marito,  e  che  poi  con  la  loro  con- 
dotta  insozzano  il  suo  nome,  trascinandosi  fin  quasi  l'ultimo 
gradino  della  prostituzione.  E  come  se  le  prove,  che  le  si 
lanciano  sotto  gli  occhi,  non  bastassero,  pretendono  essere 
pure  e  immacolate.  Perö,  tosto  o  tardi,  tutti  i  nodi  vengono 
al  pettine  il  piü  caldo  amore  si  cangia  in  disprezjo  e  resta 
solo  il  rimpianto,  finchö  l'oblio  viene  a  por  pace  all'anima. 
L'esperienza  fatta  su  te,  mi  sara  di  ammaestramento  nell'av- 
venire,  e  saprö  bene  salväguardarmi  contro  il  contaggio,  che 
«^,  l'amore  per  la  donna.  Donna,  danno,  mälanno.  Donna, 
gatto,  bisatto.  Questi  due  proverbi,  se  anche  volgarissimi, 
caratterizzano  molto  bene  le  donne  del  tuo  stampo  —  il 
primo  si  spiega  da  se.  II  seconde  dice  gatto,  che  denoto  fal- 


—     264     - 

sitä,  e  che  anclie  buttato  dal  quinto  piano,  non  muore.  Bi« 
satto,  perche  se  lo  si  taglia  in  cento  pezzi,  si  muove  lo  stesso, 
E  tu  che  sei  piena  di  acciäcchi,  da  sembrare  un  vero  ospe- 
dale  ambulante,  continui  a  vivere  per  il  tormento  e  la  dan- 
nazione  dell'unianitä,. 

Wieviel  stilistisches  Talent  und  wieviel  Rohheit  des 
des  Gemütes!  Der  Gerechtigkeit  halber  führe  ich  einen 
ähnlichen  süditalienischen  Schmähbrief  an  (Mauthausen — 
Portici,  Neapel): 

^gi'ßggia  C.,  mio  padre  e  mio  fratello  legalmente  ten- 
gono  M. ;  e  voi  non  dovete  tenerlo,  perche  non  siete  ca- 
pace  di  educarlo  e  siete  una  volgare  puttana.  Avete  finito  di 
cantare:  „Senza  sapersi  noi  siamo  inamorati!"  Inamorarsi  di 
un  gibboso  ed  immorale  con  un  marito  che  non  vi  facceva 
mancare  niente.  Perche  quelle  schiff  ose  non  vi  prende  seco, 
vi  ik  consegnare  l'a.  e  vi  da  da  campäre  egli?  Se 
Iddio  e  giusto  dovete  finire  fracida  in  un  ospedale.  Tradire 
un  marito  che  era  incapace  di  pensare  male!  .  .  .  Poi  perche 
facendo  il  nome  del  cap"°  sparlate  di  me!  Perphe  non  lasciate 
in  pace  il  padre  di  M.,  ma  amate  di  infamarlo?  Perche 
dovevo  abbracciarmi  le  corna  di  L.  P.  ?  Contro  di  voi  ho 
polsi  fermi  e  vi  tratterö  sempre  come  traditrice  di  me  e  dei 
figli. 

Im  ersten  Fall  wirft  sich  der  über  den  Verrat  der 
Frau  empörte  Geliebte  zum  Rächer  des  von  ihr  mit  ihm, 
dem  Schreibenden  selbst,  betrogenen  Gatten  auf,  im 
zweiten  ist  es  wenigstens  der  betrogene  Gatte  selbst,  der 
das  Wort  „puttana"  spricht.  Ist  in  den  letzten  Belegen 
bei  aller  Unverhülltheit  des  Ausdrucks  eine  gewisse  sti- 
listische Kultur  erkennbar,  so  schwelgt  der  folgende  Frauen- 
brief in  krassen  Beschimpfungen,  wie  si  nur  in  den  nie- 
dersten Schichten  der  Bevölkerung  gehört  werden  (Triest — 
Katzenau) : 

Sig^!  Vengo  a  dimandarli  chonche  amisicia  lei  pol  a 
prendersi  liberta  a  scrivermi  le  cartoline  ed  augurarmi  le 
Feste  di  natale?  io  non  so  sola  che  amicicia  lei  a  vuto  chome^ 
e  hancore?  ha  scrivermi  Cara.  lei  fuorse  crede  che  io  sono 
una  di  queleü!  che  ha  furse  lei  ha  praticato?  mi  credo  che- 


-    265    - 

lei  si  sbaglia:  molto.  lo  non  voglio  altro  che  solo  una  chosa 
asapere  chome  lei  poteva  a  scrivermi  semile  robe.  lei  deve 
apensare  che  io  sono  una  dona  amogliata  e  no  uno???  lo 
chausa  sua  ho  havuto  grandi  dispiaceri  cholmio  marito  cause 
Sua  Bruto  rospo  di  un  tagliano  schifuoso  e  sporco  lo  credi 
lei  fuorse  che  io  sono  una  Putana  e  Itagliana.  No  charo  io 
son  una  Austriaca  onesta  ho  capito  bruto  porcho  dun  taglian. 
chi  lo  chonose  per  una  merda  non  lo  chenosevo  mai  e  ne- 
meno  voglio  conoserlo.  Ancora  el  me  scrive  che  gemando 
un  paco  se  fiusi  vicini  ge  dasi  un  pacho  per  la  testa  Bruto 
porco  di  un  tagliano  scifuoso  e  pedocioso  lei  chon  tuta  la 
sua  Itaglia  porca  e  pedociosa. 

Brutalitäten  werden  in  italienischen  Briefen  nicht 
abgeschwächt,  das  Wort  porco  ist  nicht  selten  anzu- 
treffen (ein  Sergente  in  Mauthausen  an  eine  Frau  in  Gal- 
lipoli,  Lecce): 

Se  per  caso  Tufficiale  postale  vi  dovesse  dire  che  la 
roba  da  mangiare  non  si  puö  spedire  ditegli  che  e  un  porco  .  .  . 
capisco  che  per  il  mio  stato  mi  rendo  seccante  ma  compren- 
detemi,  compatitemi  e  pordonatemi, 

wo    der   rhetorische  Schluss   nicht   zu  der  unfeinen  Aus- 
drucksweise des  Anfangs  passt. 

(Katzenau— Minerbe,  Verona): 

Caro  Papä  ti  faccio  sapere  che  morto  quel  bei  soggeto 
di  I.   C.   dun  colpo  porcho  vivo  e  rispeta  la   morte  Amen, 

WO  der  lateinische  Satz    „de  mortuis  nil   nisi   bene"   auf 
eigentümliche  Art  variiert  erscheint. 

Das  Wort  culo  wird  wenigstens  manchmal  nur  mit 
dem  Anfangsbuchstaben  laut  (Katzenau — Triest): 

per  un  paio  di  giorni  bisogna  che  dormo  per  terra,  ma 
coraggio  e  forza  non  mi  manca  jje,  col  c  .  .  .  no  se  ragiona, 
qui  ce  forza  maggiore,  horpo  ma  si  sta  benissimo. 

Das  Wort  horpo  (corpo  di  Bacco)  erinnert  uns  an 
den  Beleg  in  dem  Kapitel  über  die  Kinder,  in  dem  die 
ostia-Rufe  des  schimpfenden  Vaters  erwähnt  waren. 

Während  bisher  nur  von  den  Äusserungen  der  Sinn- 
lichkeit im  allgemeinen  die  Rede  war,  muss  ich  nun  die 


-    266     — 

Beobachtungen   über   die  Liebe   erwähnen,  die   mit   dem 
Leben  des  Kgf.  speziell  zusammenhängen. 

Den  Eltern  wird  gern  berichtet  und  die  Eltern  fragen 
gern  über  das  Thema  der  Liebe.  Widerholt  schickten 
Kgfe.  die  Photographie  der  Geliebten  oder  Braut  an  ihre 
italienischen  Eltern,  wobei  das  Mädchen  in  ihrer  Mutter- 
sprache oder  in  frisch  erlerntem  Italienisch  einige  Worte 
beifügte.  Von  beiden  Seiten  wird  ganz  selbstverständlich 
gefunden,  dass  der  Mann  ohne  Liebe  im  Feindesland  nicht 
leben  kann.  Verbindung  mit  feindlichen  Staatsangehörigen 
wird  nicht  bemängelt,  ja  von  Verwandten  sogar  empfohlen 
(Tempiu,  Sassari — Mauthausen) : 

Caro  cugino  ti  faccio  sapere  che  una  bella  signorina 
del  p.  z.  si  e  fidanzata  trovasi  al  fronte  indi  sono  a  pregarti 
caldamente  che  al  tuo  ritorno  ci  porti  una  bella  austriaca  ai 
capito  *? 

Man  sieht,  der  Aufenthalt  einer  Italienerin  bei  ihrem 
Gatten  an  der  italienischen  Front  wird  gleichgestellt  der 
Heirat  eines  italienischen  Kgf.  mit  einer  Österreicherin. 
Der  Kgf.,  so  beschränkt  in  seiner  Freiheit,  wurde  erst 
recht  liebes-  und  .heiratslustig. 

„Verhältnisse"  vonitalienern  und  Einheimischen  waren 
denn  auch  an  der  Tagesordnung,  besonders  die  feurigen 
Slavinnen  und  Ungarinnen  fanden  rasch  Gefallen  an  den 
Kgf.,  allenthalben  aber  zog  auf  den  Spuren  des  anfäng- 
lichen Mitleids  die  Liebe  ein:  eine  ländliche  Liebesszene, 
die  vom  Vater  des  Mädchens  belauscht  und  gewisser- 
massen  belohnt  wird,  schildert  die  folgende  Briefstelle 
(Arad— Feldpost): 

non  pensare  male  di  me  cheio  sto  bene  qua  io  facio 
Tinterpita  per  tedesco,  ora  tinotifico  la  mia  fortuna  che  io 
otrovato  in  ungeria  qua  quando  sono  rivato  siamo  rivati  in 
350  persone  enon  era  nesuna  che  sapeva  parlare  ne  ungerese 
netedesco,  io  dopo  oto  giorni  chero  qua  sono  andato  alavorare 
nel  giardino  del  padrone  il  padrone  Sapeva  tedesco  e  aveva 
una  figlia  di  diecisete  ani  chesapeva  il  tedesco  eco  che  un 
helgiorno  e  venuta  in  giardino  vicino  dove  lavoravo  io  dopo 


-     267     - 

un  po  di  ternpo  che  stava  guardandomi  sia  vicino  ame  con 
un  bei  fiore  econ  gentileza  melo  dona  ame  io  sul  listante 
sono  rimasto  stupifato  a  vedere  quella  ungereza  cozi  afezionata 
colgli  taliaui  dopo  un  paio  di  giorni  tornata  la  danza  uguale 
e  midomando  se  sa  tedesco  io  glio  risposto  che  so  ma  poco 
lei  a  scominciato  a  parlarmi  subito  per  tedesco  e  siamo  an- 
dati  avanti  parlando  piü  di  venti  giorni  poi  io  glio  chiesto 
di  fare  la  more  asieme  lei  subitto  mia  risposto  di  si. 

Cosi  siamo  andati  avanti  pia  di  un  mese  e  mezo  zenza 
che  il  padre  ela  madre  non  sapesero  niente  poi  un  belgiorno 
che  io  ela  mia  cara  Mariska  si  parlava  damore  soto  una 
bella  pianta  allaria  delmatino  di  etro  di  noi  era  il  suo  papa 
che  sentiva  tutto  quello  che  si  discoreva  e  quello  che  si  faceva 
tutto  un  tratto  sisente  dei  pasi  a  tocco  delle  mie  pale  mialza 
quella  testa  e  vedo  chera  il  padre  di  marischa  tutto  untratto 
mialzo  inpiedi  come  una  molla  lui  subito  midice  non  avere 
paura  che  io  non  ti  facio  niente  solo  dirmi  sesai  parlare  un 
podi  tedesco  io  subito  non  sapevo  come  dire  eglio  risposto 
che  so  ma  poco  e  lui  subito  ma  preso  per  un  bracio  e  mia 
menato  alla  Sua  stanza  a  mandato  a  prendere  una  botigli  di 
vino  e  vianno  scominciato  a  pallare  lui  a  cena  chea  scomin- 
ciato a  parlarmi  e  io  fortuna  ocapito  tutto  Subito  mia  detto 
tu  alberto  sarai  il  Comandante  di  tutti  gliuomi  ni  che  sono 
alla  voro  sotto  di  me  e  farai  il  tolmezt  di  tutti  gliuomini  ora 
sono  il  Comandante  di  tutti  gliuomini  chesono  al  la  voro  qui 
io  non  la  voro  niente.  Non  mialongo  piu  che  o  paura  che 
non  abia  da  pasare  laletera  Col  scrivere  molto. 

Der  wackere  „Tolmezt"  oder  „Interpita"  pflegt  die  Liebe 
einer  Mariska  nicht  immer  aus  unegoistischen  Motiven 
anzurufen:  bessere  Behandlung  und  Ernährung  sind  ihm 
durch  die  Liebe  gesichert.  Oft  verspricht  der  Italiener 
dem  Mädchen  die  Ehe,  wobei  er  es  entweder  „meint" 
oder  auch  nicht :  es  gibt  naive  Korrespondenten,  die  ihrer 
Liebe  in  Italien  von  dem  neuen  Verhältnis  berichten  mit 
dem  Zusatz :  „Ich  verspreche  ihr,  sie  nach  dem  Krieg  nach 
Italien  zu  führen,  aber  ich  denke  gar  nicht  dran."  Die 
italienische  sposa  pflegt  über  die  Interims-  oder  Jux- 
heirat auch  nicht  weiter  verstimmt  zu  sein. 

Einen  Heiratsschwindel  haben  wir  wohl  im  folgen- 
den Fall:  (Kgf.  in  Belgrad  an  seinen  Bruder  in  Italien): 


—     268     — 

„Versuche  meiner  provisorischen  „Liebe"  zu  schreiben 
und  sage  ihr,  dass  Du  meine  Dokumente  (die  offenbar  der 
Eheschliessung  dienen  sollten  —  Anm.  d.  Übers.)  bereits  ge- 
schickt hast.  In  einem  anderen  Briefe  werde  ich  Dir 
alles  erklären;  ihre  Adresse  lautet  jetzt:  Gospodje  J.  V. 
Adanshibryj  Vranesov,  Slavonien"  (Ortsangabe  vom  Kgf. 
entstellt). 

Die  einheimischen  Mädchen  verhalten  sich  ver- 
schieden: manche  wollen  nach  Italien  entführt  werden, 
eine  Wienerin  aber  kann  sich  von  der  Stadt  ihrer  Träume 
nicht  losreissen  und  will  umgekehrt  den  stutzerhaften  Gecken, 
der  sie  umwirbt,  in  Österreich  akklimatisieren:  köstlich 
und  echt  italienisch  die  Selbstgefälligkeit  und  Frivolität 
eines  siegesbewussten  Herzenbrechers  in  dem  folgenden 
Interniertenbrief  (Wien  — Brusson,  Turin): 

Setu  sapesi  quanto  Mi  senbrava  Redicola  di  asentire 
le  tue  e  grandisime  parole  in  soraa  mi  fece  anche  ridere 
ame  e  Cosi  pure  11  tuo  papa  etuti  i  tuoi  zii  dunque  Caro 
nipote  che  bele  tacade  che  mi  dai  sai  che  telodiro  che  anche 
io  in  questa  bella  Citta  Mio  trovato  una  bela  toza  che  la 
mi  vole  tanto  bene  e  chosi  pure  io  a  essa  sai  che  lavole  in 
tuti  i  modi  chelicompro  un  bei  anelo  Sai  che  io  di  quelo 
non  voglio  Comprare  lio  detto  tivolio  bene  quanto  vole  sai  che 
questi  non  e  momenti  di  Comprare  anneli  Cosi  voglio  dirti 
Caro  Nipote  dela  tua  finaziata  la  volesi  che  tili  prendi  il 
lanelo  dili  pure  io  tivoglio  bene  quanto  vole  ma  dili  che 
questi  non  e  momenti  di  Comprare  nula  Cosi  Caro  Nipote  tu 
forse  chredcvi  che  non  o  nisuna  che  mi  amma  e  none  una 
sola  cisono  diverze  che  mi  amma  e  che  mi  cortegia  special 
mente  quando  vado  a  pasegio  e  prendo  la  mia  bagolina  e  la 
mia  Caneta  e  menen  vado  a  brazeti  Cola  mia  Cara  tuti  mi 
guarda  dietro  che  bene  Compagniato  che  siamo  di  fate  li 
voglio  tropo  bene.  Ma  io  deverse  parole  non  lamivole  scoltare 
perche  io  li  dico  chela  Menero  dele  mie  parti  essa  non  vole 
sentirgene  di  quela  parte  la  vole  in  tuti  i  modi  quando  sera 
fenito  la  Comedia  che  mi  fermo  qui  a  Viena.  Ma  in  nutile 
Mio  Caro  andove  che  andro  io  li  tochera  venirmi  dietro  in 
tuti  i  modi  volero  me  nartela  vicino  ate  e  chosi  chome  midice 
tu  che  io  bacero  lanipote  e  tu  bacerai  la  Zia  non  evero? 


-     269     — 

Besonders  feurig  sind  wie  gesagt  die  Ungarinnen  und 
Slavinnen,  die  meist  mit  Avancen  beginnen.  Die  Spraciiver- 
schiedenheit  schadet  wenig  —  die  Liebe  ist  ja  inter- 
national.    (Aufenthalt  nicht  ersichtlich.) 

„Bei  meiner  Rückkehr  wirst  Du  Dich  wundern,  dass 
ich  eine  ungarische  Frau  habe,  aber  eine  schöne!  Beim 
Sprechen  verständigt  man  sich  schwer,  aber  man  gebraucht 
die  Zeichensprache  wie  die  Stummen." 

(Pruhonice,  Böhmen — Colmurano,  Macerata): 
„Hier  in  Österreich  gibt   es  sehr  viele  Weiber:    sie 
laufen  uns  Italienern  nach  wie  hitzige  Hunde.    Ich  werde 
mir   eine   heiraten,   werde   sie  einpacken  und  nachhause 
schicken". 

(Kgf.  in  Babitz  an  der  Nordbahn  an  seinen  Bruder 
in  Mapello,  Bergamo): 

„Für  mich  selbst  bete  ich  nicht,  ja  denke  nicht  ein- 
mal an  tnich;  denn  an  Frauen  fehlt  es  mir  nicht.  Zu 
meinem  Namenstage  hat  mir  die  eine  ein  Taschentuch 
im  Werte  von  10  Lire,  eine  zweite  eine  sehr  schöne  Uhr, 
eine  dritte  einen  Ring  geschenkt.  Kurz  und  gut,  ich  bin 
glücklich."  —  Derselbe  am  selben  Tage  an  seine  Mutter: 
„Betet  zu  Gott,  dass  der  Krieg  noch  lange  dauert,  denn, 
wenn  ich  nachhause  komme,  werde  ich  für  Euch  und  für 
I.  (die  Frau)  eine  Sorge  sein.  Ich  bin  zu  einem  Tier  ge- 
worden und  muss  Ostern  feiern  [offenbar  ital.  far  le 
pasque],  ich  bin  in  grosser  Verlegenheit,  die  Frauen 
sollen  leben."  Derselbe  am  gleichen  Tage  (!)  nach 
Bergamo:  „Das  Tier  ist  noch  immer  rüstig,  nur  dass  diese 
Frauen  hier  mir  die  Kraft  nehmen;  ich  habe  sie  immer, 
immer  auf  dem  Hals." 

Ein  Kgf.  in  Frauenthal,  Böhmen,  an  die  Mutter  in 
Castello  Uzzone,  Prov.  Cuneo: 

„ Liebe  Mutter!    Mache  Dir  meinethalben  keine 

Sorgen,  denn   es   geht  mir  gut  und  ich  habe  auch  Unter- 


-     270     - 

haltung:  man  singt,  man  geht  spazieren,  man  geht  zum 
Tanz,  denn  in  diesem  Örtchen  tanzt  man  sehr  oft  —  es 
genügt  ihnen,  wenn  sie  nur  tanzen  können.  Auch  an 
Zigaretten  fehlt  es  uns  nicht:  die  Fräuleins  und  Frauen 
verschaffen  sie  uns.  Schlafen  geht  man,  wenn  es  einem 
passt;  wir  Italiener  haben  keine  Bewachung,  nur  die 
Russen  und  Serben  gehen  mit  der  Wache  herum.  Um 
9  Uhr  lässt  sie  die  Wache  schlafen  gehen.  Beinahe  nie- 
mand spricht  mit  ihnen,  trotzdem  sie  sich  besser  verstän- 
digen können  als  wir Die  Neuigkeiten  der  letzten 

drei  Monate  sind  die:  zwei  Mädchen  haben  Kinder  be- 
kommen und  andere  zwei  oder  drei  erwarten  welche. 
Ein  TOjähriger  Mann  wollte  noch  heiraten  und  fand  nie- 
manden, da  warf  er  sich  in  einen  Brunnen  und  ertrank. 
In  einem  benachbarten  Orte  hat  sich  eine  verheiratete 
Frau,  deren  Mann  an  der  italienischen  Front  ist,  in  einen 
Russen  verliebt.  Allabendlich  gingen  sie  am  Friedhof 
spazieren,  weil  sie  dort  niemand  beobachten  konnte.  Ein 
Mann  wusste  es  und  eines  abends  kleidete  er  sich  ganz 
weiss  an  und  ging  mit  einer  Hippe  und  einem  Glöckchen 
unbemerkt  auf  den  Friedhof.  Der  Russe  und  die  Frau 
gingen  dort  spazieren;  der  Mann  kam  mit  der  Sichel  am 
Rücken  und  das  Glöckchen  läutend  hervor  und  die  Beiden 
flüchteten  über  die  niedrige  Friedhofsmauer.  Jetzt  ist  die 
Frau  krank  vor  Angst ..., ." 

Kgf.  in  Senic,  Krain  nach  Mauthausen: 

„ Ich   habe   niemals  erwartet,   an  einen  so 

günstigen  Ort  zu  kommen,  hier  hat  man  zu  essen  und  zu 
trinken,  Weiber  in  Menge.  Ich  teile  Dir  mit:  ich  sitze 
im  Wirtshaus  und  tanze  mit  meinem  Mädchen;  der 
Mädchen  bin  ich  schon  sehr  müde,  denn  was  zu  viel  ist, 
ist  zu  viel.  Möchtest  Du  nicht  auch  ein  wenig  davon? 
Und  alle  Kameraden  aus  der  Baracke?  Hier  ist  für  alle 
Vorrat  vorhanden " 


-     271     - 

Ein  galantes  Verhältnis  herrscht  zwischen  ein- 
heimischer Arbeitgeberin  und  italienischem  Arbeiter.  (Kgf. 
in  Fussdorf  bei  Iglau,  an  seinen  Vater  in  A  versa  Provinz. 
Caserta) : 

„ Schicke  mir  ein  Paar  hocheleganter  Schuhe. 

zwei  allerfeinste  Taschentücher,  zwei  Paar  Hand- 
schuhe (ein  Paar  für  Arbeit  und  ein  Paar  Glace  für  Pro- 
menade) . . .  ferner  eine  grosse  Masse  Reis  und  Speck . .  . 
Du  musst  wissen,  dass  sich  Dein  Sohn  A.  offiziell  mit  der 
Tochter  des  Arbeitsherrn,  der  Millionär  ist,  verlobt  hat .:  .^■ 

(Kgf.  in  Püspökladäny,  Ungarn  an  seine  Mutter  in 
Prov.  Vicenza): 

„  . . .  Ich  bin  Herrschaftsdiener.  Jeden  Donnerstag 
gehe  ich  mit  meiner  jungen  Herrin  auf  den  Markt,  um 
Einkäufe  für  die  ganze  Woche  zu  besorgen.  Sie  geht 
voran  mit  der  Geldbörse  in  der  Hand.  Ich  komme  mit 
den  Markttaschen  nach.  Sie  trägt  einen  Hut,  der  in  der 
Sonne  golden  blitzt,  und  Kleider,  die  einfach  unbeschreib- 
lich sind.  Ich  folge  ihr  wie  ein  Hund,  bin  aber  anständig 
angezogen.  Alle  entblössen  ihr  Haupt.  Geradeso,  wie 
wenn  die  Marchesa  durch  unsere  Strassen  geht.  Ich  habe 
mich  daran  gewöhnt.  Ich  senke  mein  Haupt,  da  man 
auch  mich  grüsst.  Anfangs  war  ich  verlegen.  Ich  wusste 
nicht,  wie  mich  benehmen.  Jetzt  mache  ich  es  wie  bei 
uns  der  Doktor  .  .  .  Ich  habe  alles,  was  ich  brauche. 
Ausserdem  bekomme  ich  ein  Handgeld  von  2  Kronen 
täglich.  Ich  darf  gehen,  wohin  ich  will:  ins  Kino,  auf 
den  Ball . . .  Die  Herrinnen  haben  mich  sehr  lieb,  wie 
einen  Sohn ...  Sie  rufen  mich :  Otto !  Ich  fange  an,  un- 
garisch zu  lernen ... 

Kgf.  in  Serbien  an  einen  Freund  in  Nocetolo  (Reggio 
Emilia): 

„Was  Neuigkeiten  anbelangt,  gibt  es  hier  in  Serbien 
wenig:  nur,  dass  es  hier  eine  grosse  Menge  Frauen  gibt,. 


—     272     - 

die  in  die  Italiener  sehr  verliebt  sind.  Wenn  ich  keine 
Frau  hätte,  würde  ich  mit  zweien  nach  Italien  zurück- 
kehren." 

Ehebrecherische  Liebesverhältnisse  haben  die  Pikan- 
terie  für  sich.     Kgf.  in  Turka  nach  Mauthausen: 

„Ich  schlafe  in  einem  Haus  mit  einer  schönen  Frau, 
die  ein  einjähriges  Kind  hat,  deren  Mann  seit  4  Jahren 
einberufen  ist." 

Der  im  Februar  19  J  7  geschriebene  Brief  übertreibt 
die  Länge  des  Krieges  1 

(Kgf.  in  Radersdorf  bei  Poysdorf  N.-Öst.  nach  Castel 
San  Giovanni,  Prov.  Piacenza): 

„  . . .  Wo  ich  derzeit  bin,  geht  es  mir  sehr  gut.  Ich 
bin  im  Hause  einer  Frau  .  . .,  deren  Mann  an  der  Front 
ist.  Sie  ist  rasend  in  mich  verliebt.  Hier  geht  mir 
nichts  ab  . . ." 

Derartige  Beziehungen  erscheinen  oft  als  Repressalie 
für  ähnliche  Vorkommnisse  in  Itahen.  (Von  einem  Kgf.  in 
Brunnen  dorf): 

„Hier  geht  es  mir  gut:  wir  arbeiten  wenig  und  sind 
frei,  aber  wirklich  und  wahrhaftig,  ich  sage  das  nicht 
zum  Scherz.  Mit  grossem  Vergnügen  vernehme  ich,  dass 
Du  ein  Mädchen  gefunden  hast,  mit  dem  Du  Dir  die  Zeit 
vertreibst  (nämlich  sein  Freund  in  Wiesmühle,  Post  Kreuzl- 
bach,  ebenfalls  ital.  Kgf.).  Dagegen  schauen  wir  hier  die 
Mädchen  nicht  einmal  an,  da  wir  die  Frauen  zu  befrie- 
digen haben,  deren  Gatten  in  Italien  gefangen  sind;  und 
wie  wir  tun,  tun  sicher  auch  sie  mit  den  unsrigen"  (sc.  Frauen). 

Der  Kgf.  kann  oft  mit  mehreren  „Lieben"  auf  einmal 
prahlen.  (Kgf.  in  Gyalu  (Ungarn)  an  einen  Freund  in  Italien): 

„Sei  stets  lustig  wie  ich  es  bin  und  schau  zu,  dass 
Du  Deine  Zeit  gut  anwendest  mit  Deiner  Geliebten;  denn 
ich  bin  hier  in  Gefangenschaft  und  habe  (trotzdem)  drei!" 


-     273     - 

Kgf.  in  Gross-Engersdorf  nach  Oberweiden,  N.-Öst.: 

„ Da  man  hier  gut  isst   und   wenig   arbeitet, 

sind  wir  alle  sehr  gut  aufgelegt  . . .  Hier  gibt  es  viele 
Weiber,  die  befriedigt  werden  möchten.  Aber  ich  befrie- 
dige sie  nicht,  denn  ich  fürchte,  drin  stecken  zu  bleiben, 
da  die  betreffende  Öffnung  so  gross  ist,  wie  die  eines 
Backofens " 

In  der  Qual  der  Wahl  unterscheidet  die  „Schwere" 
der  Mitgift :  Kgf.  in  Herrenbaumgarten  bei  Mistelbach  N.-Ö. : 

„Ich  besorge  Feldarbeiten  und  Fuhren.  Sonntags 
gehe  ich  mit  meinen  Mädchen,  die  25  und  26  Jahre  alt 
sind,  spazieren.  Mein  Herr  ist  der  hiesige  Bürgermeister. 
Die  zwei  Mädchen  dürften  eine  Million  besitzen,  und  sie 
streiten  immer  miteinander,  da  beide  mich  nehmen  möchten. 
Die  eine  will  mir  300000,  die  andere  200000  Lire  geben. 
Ich  weiss  nicht,  was  tun.  Auch  zu  Hause  (in  Italien)  habe 
ich  ein  Mädchen,  aber  vorläufig  geht's  hier  so  weiter. 
Einen  Teil  der  Nacht  verbringe  ich  mit  einer,  den  übrigen 
Teil  mit  der  andern  und  werde  immer  närrisch  ihret- 
wegen. Es  geht  mir  wirklich  gut:  Essen  und  Getränk 
fehlt  nie,  auch  haben  wir  etwas  Unterhaltung." 

Allerlei  Plackerei  ist  die  Folge  des  Verhältnisses  in 
den  folgenden  Fällen:  Kgf.  in  Sigmundsherberg  an  seinen 
Kameraden  Kgf.  in  Pudowitz: 

„  . . .  Ich  sitze  im  Arrest,  ein  schuftiger  Dienstherr 
hat  angezeigt,  dass  ich  die  Vagina  seiner  Tochter  berührte. 
Als  Zeugen  gab  er  Euch  und  die  Russen  an . . ." 

Kgf.  in  Hoschtitz-Herotitz  (Mähren)  an  seine  Familie 
in  Genf: 

„  . . .  Schicket  meine  Dokumente  ...  Ich  habe  ein  an- 
ständiges Mädchen  geschwängert . .  Die  Gendarmen  und 
alle  drohen  mir  mit  dem  Tode.  Mein  Arbeitgeber  will 
mich  entlassen.  Erweiset  mir  den  Gefallen,  sonst  erschiesse 
ich  mich. . ." 

SpitJser,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  18 


—     274     — 

Eine  Frau  in  Becnove,  Post  Horn-Moschenice,  Mähren,, 
an  einen  ital.  Kgf.  in  Sigmundsherberg: 

„ Lieber  Freund!    Ich  schreibe  Dir  diese  Zeilen, 

um  Dir  mitzuteilen:  Du  hast  bei  der  M.  geschlafen, 
und  jetzt  ist  sie  schwanger.  Man  hat  mir  gesagt,  ich 
solle  Dir  schreiben,  damit  Du  sie  nach  Italien  mitnimmst. 
Jetzt  ist  sie  vier  Monate  in  der  Hoffnung  und  jetzt  denke 
an  daS;  was  Du  zu  tun  hast " 

Langweile  ist  der  beste  Gelegenheitsmacher  —  und 
Heiratsvermittler:  der  Kgf.  langweilt  sich,  daher  — 
heiratet  er: 

Siccome  vedo  che  la  guerre  non  finisce,   mi  sposerö  .  .  .. 

Die  geheiratete  Österreicherin  —  als  Kriegsandenken. 

Quando  sarä  finita  la  guerra,  mi  sposerö.  Questa  ragazza 
colla  quäle  faccio  l'amore,  non  la  lascio  piü,  siccome  prima 
ci  vogliamo  bene  e  poi  la  voglio  con  me,  perche  e  un  ricordo... 

Oft  geht  es  dem  Kgf.  in  der  Ferne  so  gut,  dass  er 
an  die  in  der  Heimat  zurückgelassenen  „anderen  Mädchen" 
nicht  mehr  denkt,  ja  sie  höhnt  und  beschimpft.  Ein  Intern, 
in  Wien  an  einen  öst.-ital.  Soldaten: 

ho  ricevuto  una  tua  cartolina  con  molto  piacere  asentire 
che  sei  vicino  la  tua  famiglia,  tu  mi  scrivi  che  quela  di 
Redipuglia  puo  netarsi  il  culo,  hö  il  culo  anche  la  mona  ie 
pol  netarsi  prima  che  noi  ritorniamo  le  di  ella. 

Wehe,  wenn  ein  verlassenes  Liebchen  noch  sich  er- 
laubt, dem  Spröden  eine  Träne  nachzuweinen!  (Maut-^ 
hausen — Orbassano) : 

Adesso  entriamo  in  un  altro  argomento  la  sorella  mi 
dice  che  e  andata  al  cimitero  ha  trovata  la  nonna  della  sig  .  . . 
la  gobba,  la  quäle  ci  disse:  che  quando  seppe,  ch'io  fui  pri- 
gioniero  si  mise  a  piangere,  a  gettarsi  per  terra  insomma  a 
fare  la  matta,  forse  ci  rincresceva  che  avevo  avuto  sta  for- 
tuna  mi  avrebbe  voluto  sapere  morto.  Sarä  vero,  non  sarä 
vero  perconto  mio  m'interessa  niente  affetto,  perche  a  questa. 
ragazza    bene    d'amore    ce  ne  volei  mai  e  m'  hai  ce  ne  pro» 


-    275    - 

fessai.  So  pure  che  in  paese  si  dice  che  io  continuo  a  scri- 
verci.  Questo  son  tutte  bugiarderie  della  gobba  perche  da 
quando  fui  prigioniero  poi  non  ci  scrissi.  E  sta  gobbaccia 
che  caminina  come  a  dire  „La  testa  l'ho  gia  a  casa,  il  culo 
in  Austria  e  la  gobba  in  Russia  di  passaggio  per  Maut- 
haiisen  sparpaglia  tutte  ste  cose.  E  vero  si  che  ci  scrivevo  dal 
fronte  ma  cartoline  sole. 

Dunque  ti  prego  di  far  sapere  all'egregio  cretino  popolo 
orbassanese  che  io  a  quella  gobba  ne  ce  ne  volei  e  ne  mai 
ci  dichiarai  amore.  Dunque  li  prego  di  finirla  colle  chiacchiere. 

Oft  mag  es  dem  Kgf.  schwer  werden,  die  Doppel- 
beziehungen (in  der  Heimat  und  in  der  Gefangenschaft) 
nebeneinander  aufrechtzuerhalten.  Kgf.  in  Jestrebicich, 
Post  Wotitz  (Böhmen)  an  seine  Mutter  (!)  in  Italien: 

„Ich  stehe  in  Arbeit  bei  dem  Bauern  J.  Sp.,  der  mich 
sehr  rücksichtsvoll  behandelt.  Ich  schäme  mich  und  er 
sagt  mir:  Du  brauchst  Dich  nicht  zu  schämen:  solange 
Du  hier  bist,  liebt  und  schätzt  man  Dich.  Auch  sagt  er 
mir,  ich  solle  es  ihm  sogleich  anvertrauen,  falls  irgend 
ein  Arbeiter  mich  beleidigt:  er  werde  dann  wissen,  was 
er  zu  tun  habe  . . .  Zum  dritten  Male  übrigens  ersuche  ich 
Euch,  den  Namen  meiner  Geliebten  nicht  zu  schreiben, 
denn  dadurch  verliere  ich  die  ganze  Zuneigung  meiner 
jungen  Herrin  (padroncina)." 

Der  Kgf.  ist  sich  der  unangenehmen  Wirkung  seiner 
Heiratsabsichten  auf  die  Angehörigen  bewusst.  Kgf.  in 
Vranov,  Post  B^Pas  bei  Pilsen: 

„Ich  bin  bei  J.  S.  gut  untergebracht  und  wohl- 
gelitten. Eine  in  der  Nähe  wohnende  Familie  hat  mich 
ausserordentlich  gern,  lieber  als  einen  eigenen  Sohn. 
Diese  Leute  geben  mir,  was  ich  brauche:  Hemden,  Un- 
terhosen, Leibchen,  Taschentücher,  Socken,  Hosen,  Schuhe, 
Kravatten,  Hut,  Jacke,  kurz  alles.  Zigaretten  geben  sie 
mir  in  Schachteln  zu  hundert  auf  einmal,  und  die  Töchter 
sagen  mir,  ich  möchte  nach  Friedensschluss  nicht  nach 
Italien  gehn,  sondern  hier   bleiben   und   eine   von    ihnen 


—     276     — 

heiraten.  Ihr  werdet  mit  Recht  traurig  gestimmt  sein, 
wenn  Ihr  sehet,  dass  meine  Kameraden  auf  Urlaub  nach 
Hause  kommen  und  ich  nicht:  bedenket  aber,  dass  hier 
mein  Leben  in  Sicherheit  ist,  und  eines  Tages  werde  ich 
nach  Hause  zu  meiner  Familie  zurückkehren,  um  immer 
dort  zu  bleiben,  nicht  bloss  auf  wenige  Tage ..." 

Nun  ein  direkter  Absagebrief  an  die  italienische 
Braut  —  als  Entschuldigung  dient  die  Leidenschaft  zur 
blonden  Frau:  Kgf.  in  Netrovice  Bencio va  (Böhmen): 

„Ich  will  Dir  diese  Postkarte  senden,  um  Dir  unan- 
genehme Nachrichten  mitzuteilen.  Es  ist  meine  Absicht, 
mich  hier  in  Österreich  zu  verheiraten  und  nicht  mehr 
nach  ItaHen  zurückkehren.  Aber  was  wirst  Du  machen? 
Du  wirst  mich  begreifen!  Die  Blonde,  mit  der  ich  zu- 
sammenarbeite, hat  mir  das  Blut  erhitzt,  und  ich  will  sie 
zur  Frau  nehmen." 

Oder  aber  der  Mann  zwischen  den  zwei  Frauen  fühlt 
sich  bei  dieser  Bigamie  sehr  wohl,  ja  möchte  sie  fort- 
setzen. Ein  ital.  Kgf.  in  Borsa,  Ungarn,  an  seine  Base  in 
San  Giorgio  (Prov.  Forli): 

„ Ich  teile  Dir  mit,  dass  ich  einen  Monat  nach 

meiner  Gefangennahme  hier  in  Österreich  geheiratet  habe. 
In  einigen  Monaten  wird  meine  geliebte  Frau  eines 
schönen  Knaben  genesen.  Du  kannst  Dir  vorstellen,  wie 
gross  meine  Genugtuung  an  dem  Tage  sein  wird.  Aber, 
teure  Base,  mich  beschäftigt  noch  ein  anderer  Gedanke: 
der,  dass  auch  Du  mir  sehr  gut  gefällst.  Deshalb  kann 
ich  mit  Dir,  wenn  Du  einwilligst  und  bis  zu  meiner  An- 
kunft Geduld  hast,  eine  zweite  Ehe  schliessen "  (Blague?) 

Eine  Parodie  dieser  Kgf.- Verhältnisse  ist  wohl  die 
angebliche  Verheiratung  mit  Frau  Hunger.  Mauthausen — 
S.  Giorio  di  Susa: 

Caro  A.  miparlava  di    quella    sinpatica    bambina    diteli 
che  io  le  giä.  9.  mesi  che  sono  maridato  ho  presa  una  donna 


—     277     - 

che  sichiama  la  fame,  e  le  granda  e  grossa  come  come  la 
fame,  mandatemi  sempre  pacchi  di  tutti  i  genere,  micredese 
caro  A.,  come  sono  diventato  grande  e  grasso  dopo  che  sono 
in  Austria  con  lamia  moliie.  e  con  la  mia  donna  che  sichiam 
a  fame. 

Andere  Kgf.  freuen  sich  auf  den  Augenblick  des  Ein- 
treffens „mit  Familie"  in  Italien.  Kgf.  in  Kutyafalva  (Un- 
garn) an  seinen  Vater  in  Italien: 

„Es  geht  mir  hier  nicht  mehr  so  gut  bezüglich  des 
Essens,  aber  hinsichtlich  der  Arbeit  geht  es  mir  besser. 
Nun  habe  ich  eine  Geliebte,  die  ich  nach  Italien  bringen 
werde,  womit  sie  einverstanden  ist.  Sie  lässt  sich  lieb- 
kosen und  küssen.  Es  wäre  zum  Lachen,  wenn  Du  mich 
zu  zweit  oder  dritt  heimkehren  sehen  würdest." 

(Göding— Caltagirona,  Catania) : 

lo  mi  sono  fatto  maraviglia  che  ancora  non  ai  preso 
moglie  forse  aspetti  a  me  per  prender  moglie  per  sposarse 
asieme  avrebbi  piacere  di  sposare  lostesso  giorno. 

Mit  unumwundener  Deutlichkeit  wird  oft  der  Mangel 
an  geschlechtlichem  Verkehr  dargelegt:  umschrieben  sind 
noch  Wendungen  wie 

passiamo   a  Chiavari  per  Menaggio  per  finire  a  Lecco. 

Klar  obszöne  Stellen  verzeichne  ich  Umschrei- 
bungen des  Hungers  S.  319,  324,  vgl.  ferner:  Triest — 
Steinklamm : 

La  mia  gamba  e  sempre  dura,   come  deve  essere  anche 

della  sua  gamba  di  mezzo dal  momento  che  b  lontano 

dalle  feinmine. 

(Kirsanoff—Mähren) : 

lo.  G.  F.,  T.  E.,  Z.  C,  C.  B.,  Fratelli  G.,  e  F.  B. 
„moro"  Le  scriviamo  questa  cartolina  per  tenerla  un  pö  di 
buon  umore  accioche  anche  Lei  ci  scriva  una  qualche  volta. 
Ci  siamo  alzati  or  ora,  voressimo  andare  a  beverne  un  fiasco 
e  un  paio  di  porzioni  di  trippa  ma  il  Vaticano  e  anca  il  Papä, 
„T."   manca!  Ci  sono  delle  corde  qui,  che  tirano  tirano  tirano 


—     278    — 

e  poi  quando  sono  ben  tirate  si  fanno  mappe  e  carte  geogra- 
fiche  sula  plic! ... 

Dasselbe  Bild  von  den  „geographischen  Karten"  in 
einem  Offiziersbrief  aus  Sigmundsherberg: 

„Wir  sind  sehr  schlecht  daran  wegen  des  Mangels 
an  Frauenzimmern.  Seit  etwa  3^2  Monaten,  die  ich  hiex 
verbringe,  und  den  zwei  Monaten  an  der  Front  habe  ich 
nichts,  nicht  das  geringste  Paradies  genossen!  Und  wie 
lange  werde  ich  noch  so  bleiben?  Seit  einigen  Tagen  ist 
bei  uns  ein  Gerücht  verbreitet,  dass  es  vielleicht  ein 
Freudenhaus  geben  wird,  was  sehr  schwer,  wenn  nicht 
unmöglich  ist,  da  die  Österreicher  die  nachteiligen  Folgen, 
die  daraus  entspringen  würden,  gewiss  voraussehen. 
Kannst  Du  Dir  vorstellen:  mehr  als  400  Durstige  an  solch 
kleiner  Quelle?  Genug,  ich  will  von  diesen  Dingen  nicht 
mehr  reden,  denn  es  ist  zum  Verzweifeln.  Es  müssen 
die  Atlanten  mit  unzähligen  Zetteln  genügen." 

Kgf.  in  Mauthausen  nach  San  Marino  di  Bentivoglio 
(Prov.  Bologna): 

„  . . .  auch  ich  bin  schön  dick,  vor  lauter  Nichtstun 
und  mit  Euer  Hilfe.  Ich  war  noch  nie  so  dick  in  meinem 
Leben,  und  dann  gibt  es  hier  keine  Laster  und  keine 
Launen  von  Weibern.  Wir  sind  ihnen  so  ferne,  dass  wir 
sie  vergessen  haben.     Wir  sind  wie  Kastraten  . . .  '^  ^) 

Vgl.  das  Bild  von  den  kastrierten  Hähnen:  Brunn 
a.  Gebirge — Vigevano: 

Qui  si  passa  la  vita  come  il  nobile  pelopita,    come    tanti 
galli  in  capponaia  (Pelopidas  wurde  eingemauert). 

Und  ebenso   deutlich   wird   die  Möglichkeit  des  Ge- 


1)  Leider  musste  ich  in  diesen  Abschnitt  viel  übersetztes  Ma- 
terial aus  den  Berichten  an  die  Zensurleitung  aufnehmen,  weil  zur 
Zeit  der  ersten  Abfassung  dieses  Buches  angesichts  der  relativ  ge- 
ringen Zahl  der  Kgfen.  noch  nicht  genügend  Erfahrungen  über 
dieses  Thema  gesammelt  werden  konnten. 


—    279    - 

schlechtsverkehrs  dargelegt.  Ein  Kgf.  in  Pakrac^  Kroatien 
schreibt  dem  andern  nach  dem  Stammlager  diese  wichtige 
^Nachricht : 

Figurati  siamo  senza  sentinelle  possiamo  andare  dove 
ci  pare  e  poi  si  e  in  mezzo  alla  miignaga  e  si  puö  anche 
pinciare. 


XXIII. 

Der  Humor  ist  die  Gabe,  Unangenehmes  rosig  zu 
färben.  Er  verändert  das  Aussehen  der  Dinge  durch 
Wechsel  der  Beleuchtung.  Seine  Voraussetzung  ist  also 
ein  genaues  Sichbewusstwerden  der  widrigen  Umstände: 
der  Humorist  konstatiert  das  Vorhandensein  von  Hunger, 
Schmerz  und  dergl.,  verkehrt  aber  die  aus  der  unange- 
nehmen Konstatierung  notwendig  sich  ergebende  ünlust- 
empfindung  durch  ästhetische  Wiedergabe  in  eine  Lust- 
empfindung, lenkt  also  vom  Inhalt  auf  die  Form  ab.  Dem 
Humoristen  ist  immer  mehr  oder  weniger  Bewusstheit 
eigen.  Ganz  anders  verfährt  der  naive  Mensch:  dieser 
erkennt  nicht  die  Widrigkeiten,  wo  andere  Menschen  sie 
vielleicht  bitter  empfinden.  Er  empfindet  nicht  Hunger 
und  Schmerz  als  ein  so  grosses  Übel,  daher  ist  bei  ihm 
auch  nicht  die  Arbeit  der  Umfärbung  von  Unlust  zu  Lust 
vorhanden,  er  sieht  nun  einmal  die  Welt  so,  er  braucht 
sie  nicht  so  aufzufassen.  Die  Naivetät  ist  die  Gabe, 
Unangenehmes  nicht  als  solches  zu  empfinden,  und  wie 
der  Humor  ein  unschätzbares  Kleinod  in  diesem  Welt- 
krieg, der  dem  Einzelnen  wie  der  Gesamtheit  soviel 
Grund  zur  Unlust  gab.  Die  Naivetät  lässt  den  Soldaten 
oder  Gefangenen  es  als  ganz  selbstverständlich  empfinden, 
dass  ihm  manches  Widrige  begegnen  muss,  der  Kgf.,  der 
schreibt  (Zagreb— Isernia,  Campobasso): 


—     280     - 

qua  ci  trattano  bene  non  fate  supposizioni  sempra  che 
non  sto  in  Austria, 

ist  offenbar  mit  seinem  Lose  vollkommen  ausgesöhnt.  Er 
hat  in  seiner  Naivetät  —  die  in  diesem  Fall  im  Vertrauen 
auf  die  von  den  italienischen  Publizisten  ausgestreuten 
Schauermärchen  besteht  —  geglaubt,  dass  mit  dem  Be- 
griff Österreich  Misshandlung  verbunden  sein  müsse^  und 
ist  nun  angenehm  enttäuscht.  Ein  andrer  Korrespondent 
wird  sich  gar  nicht  der  selbstverständlichen  Härten  der 
Gefangenschaft  bewusst.  Der  Transport  von  Mauthausen 
über  Wien  nach  den  Gödinger  Ziegelwerken  erscheint  ihm 
als  Lustreise:  „wenn  man  eine  Reise  tut,  kann  man  was 
erzählen"  —  der  Weltkrieg  ist  ja  eine  so  gute  Gelegen- 
heit, die  Welt  auf  Kosten  des  (eigenen  oder  fremden) 
Staates  zu  sehen,  wie  wir  schon  mehrmals  gehört  haben, 
vergl.  auch  (Göding — Polesella,  Rovigo): 

il  giorno  20  di  questo  sono  partito  da  Mauthausen,  e 
il  21  sono  rivato  qui  misono  divertito  a  vedere  del  mondo, 
sono  pasato  e  mi  sono  fermato  Nella  grande  citä  del' Austria 
che  si  chiama  la  capitale,  Viena  che  qosi  dirö  che  sono  stato 
anche  k  Viena. 

Die  Naivetät  kann,  wie  dies  Beispiel  zeigt,  humo- 
ristisch wirken,  sie  ist  aber  nicht  immer  humoristisch  ge- 
meint. Eine  Wahrheit  —  vom  Standpunkt  des  Sprechers 
—  gelangt  —  im  Sinn  des  Hörers  —  zu  komischer  Wir- 
kung. Da  die  Auffassungsart  des  Korrespondenten  uns 
nicht  immer  bekannt  ist,  können  wir  eine  und  dieselbe 
Äusserung  als  (bewussten)  Witz  und  als  (unbewusste) 
Naivetät  auffassen. 

Die  Naivetät,  das  Erbteil  einfacher  und  unver- 
künstelter  Menschen,  ist  beim  Italiener  in  hohem  Grade 
vorhanden.  Über  den  Weltlauf  macht  er  sich  wenig 
Gedanken  und  die  Probleme,  deren  der  Weltkrieg  doch 
eine  genug  grosse  Zahl  aufgibt,  verursachen  ihm  kein 
Kopfzerbrechen.  Alles  ist  einfach,  und  ist  es  nicht  von 
Natur  aus  einfach,    so   wird   es  von  seinem   gradlinigen 


—    281     — 

Denken  simplifiziert.  Wir  haben  schon  in  einem  der 
Anfangskapitel  die  zahlreichen  Bemerkungen  über  das 
baldige  Herannahen  des  Friedens  gebucht,  die  sich  doch 
nur  aus  einer  sehr  vereinfachten  Anschauung  der  Welt- 
ereignisse erklären  können:  „Alles  hat  ein  Ende,  daher 
auch  der  Krieg",  das  ist  keine  ins  Wesentliche  eindrin- 
gende Betrachtungsweise  des  Friedensproblems.  Hierher 
gehört  auch  die  Auffassung,  der  Friede  sei  gewissermassen 
schon  unterwegs  (ein  Kgf.  in  Russland  schrieb  wörtlich: 
„speriamo  che  venga  presto  la  pace,  e  giä  in  viaggio") 
die  Friedensboten  seien  schon  gestiefelt  und  gespornt, 
während  die  Karte  auf  der  Fahrt  sei,  könnten  schon  die 
Kuriere  des  Friedens  eingetroffen  sein,  daher  verlohne  es 
sich  nicht  mehr,  noch  Packete  und  Unterstützungen  den 
Kgf.  zu  senden  (Mauthausen — S.  Marzano,  Lecce): 

un    pacco    coravatte    gaziette    e    fuccilette    seci 

sialapace  non  mandate  niente. 

Der  Ausdruck  „se  ci  sia  la  pace"  ist  an  und  für  sich 
eine  Naivetät:  ein  Frieden  nach  einem  solch  gigantischen 
Krieg  kann  doch  wohl  nicht  so  bald  „sein",  sondern 
höchsten  „werden".  Man  würde  dies  Motiv  für  vereinzelt 
halten:  weit  gefehlt!  vergleiche  ferner  (Mauthausen— 
Paesana) : 

Miei  Cari  per  ora  non  volio  che  mi  mandate  dei  soldi 
perche  spero  che  sia  presto  finito. 

(Mauthausen— Campopinoso,  Pavia): 

Se  quando  ricevi  questa  cartolina  non  ce  ancora  la  pace 
mandami  dei  soldi  telegraficamente. 

Aber  auch  wenn  man  nur  von  Frieden  „hört",  soll 
man  nichts  mehr  schicken  (Mauthausen— Turin): 

metetemi  anche  un  fazoleto  da  naso  e  prima  vi  avevo 
chiamato  un  sciugatoio  e  un  cortelo  per  tagliare  il  pane  e 
un    paia    di    calze   e    cualche    cosa   da   mangiare,  e  metetemi 


~     282     — 

anche   culclie  sigari,  nia  se  lavete  cia  maudato  non    importa. 
e  se  sentite  calche  cosa  della  pace  non  mandarlo  piu. 

(Mauthausen — Lamello,  Pavia): 

quanto  per  il  pacco  quardate  se  non  parlano  di  pace 
mantemi  due  paio  di  calsetti  un  paio  di  guanci  e  delle  scialpe. 

(Mauthausen— Pordenone,  Udine) : 

mi  £a  bisogno  una  malia  di  lana  emudande  e  calse  e 
cualche  cosa  dimangiare  formagio  e  segapisi  chela  pace  viene 
presto  non  mandi  nula. 

Auf  das  subjektive  Verständnis  eines  Angehörigen 
in  Sachen  der  hohen  Politik  zu  geben  dürfte  nur  einem 
naiven  Menschen  einfallen. 

Ein  Gruss  „auf  Wiedersehn  nach  dem  Krieg"  ist  für 
uns  kompliziertete  Menschen  eine  Naivetät:  wir  können 
diese  selbstverständliche  Resignation,  diese  Ausgesöhntheit 
mit  der  langen  Trennung  von  den  Lieben  nicht  verstehen 
(Russland— Fiume) : 

Arivederci  dopo  la  pace. 

Aus  „dopo  la  pace"  und  „al  termine  della  guerra" 
wird  „al  termine  della  pace"  (Theresienstadt — Mor- 
gliano,  Udine): 

io  mi  trovo  bene,  stai  contenta,  al  termine  della  pace 
si  vedremo. 

Naiv  ist  auch  die  Auffassung,  der  Krieg  müsse  ein 
Ende  nehmen,  „weil  es  schon  Zeit  sei",  „weil  es*  besser 
wäre",  etc.  (Pohlitz  an  der  Elbe— Italien): 

si  spera  che  riceveremo  i  vestiti  presto  del  governo  ma 
fosse  meglio  che  fossi  la  pace  chon  tutti  che  ritorneremo  a  casa. 

Eine  egozentrische  Ansicht  ist:  „der  Krieg  soll  enden, 
denn  ich  bin  es  müde  in  Österreich  zu  sein"  (Mauthausen— 
Busto  Arsizio,  Mailand): 

Speriamo  che  vieni  la  pace  piu  svelta  che  sia  possibile 
che  io  sono  giä  stuffo  di  stare  in  Austria. 


—     283    — 

(Mauthaiisen — Pinerolo) : 

speriamo  venga  presto  il  giorno  che  faranno  la  pace 
perche  per  noi  sono  pasticci. 

Das  Beispiel  „machet  Ihr  ein  Ende  mit  dem  Krieg" 
haben  wir  schon  erwähnt  (Mauthausen — Lecce): 

sto  bene  e  siamo  trattati  benissimo  e  stiamo  allegri  cosi 
viprego  di  fare  voi  finito  la  guerra  sono  borghese. 

„Der  Krieg  ist  für  mich  zu  Ende  —  warum  macht 
Ihr  also  nicht  Schluss?",  das  ist  die  Argumentation  eines 
nur  an  sich  Denkenden. 

Seinen  Wissensdrang  bekundet  ein  Kgf.  in  den  kurzen 
aber  charakteristisch  gewählten,  in  dem  neu  erlernten 
Deutsch  auf  die  Rückseite  des  Couverts  geschriebenen 
Worten:  „fertich  crich?" 

Hier  kann  auch  an  den  Satz  „gli  austriaci  e  gii 
itagliani  siami  tutti  catolici  tutti  fratelli",  den  ein  Vater 
an  seinen  kgf.  Sohn  schreibt,  als  naive  Äusserung  einer 
wenig  streitbaren  und  von  der  Notwendigkeit  eines  Krieges 
wenig  überzeugten  Gesinnung  erinnert  werden.  „Komm  nach 
Haus,  denn  ich  brauche  dich",  wird  dem  Gefangenen  oft 
aus  der  Heimat  geschrieben  (Lussinpiccolo — Isle  of  Man): 

ti  faccio  sapere  che  a  cominciatto  freddo  abbiama  bi- 
sogno  di  fuoco  e  legni  non  o  forza  di  andar  scavar  i  zocchi 
io  non  cado  ma  bensi  i  altri  anno  rotto  tutte  le  olive  e  anche 
scavato  i  zocchi,  e  io  bisogna  che  compro  i  fassi  e  costano 
3  soldi  Tuno  cosi  la  mamma  ti  aspetta  che  ti  ghe  porti  legni 
per  poter  ralegrar  la  cucina. 

Sehr  oft  werden  die  Kgf.  aufgefordert,  sich  einen 
Urlaub  (licenza,  permesso,  congedo!)  zu  nehmen. 

Einfach  wie  die  Entwicklung  der  Geschichte  ist  auch 
die  Geographie.  Aus  dem  Bericht  des  nächsten,  weiter- 
gereisten Korrespondenten  wird  man  ersehen,  dass  alles 
auf  der  Welt  recht  nah  „beisammen"  ist  (Fez — Malö): 

adesso  le  20  giorni  che  ö  cambia  domicio  sono  a  30 
chilömetri    ancora    piu    lontauo    sono    viccino    a  Giuresalleme 


—     284     - 

dove  che  cie  il  Mar  rosso  e  a  2  giorni  di  qua  si  trova  il 
deserto  di  Sara  ci  vuole  2  mesi  per  traversarlo  e  le  tutto 
Sabbia  dove  che  sono  adesso  si  chiama  Sufron. 

Ein  anderer  Kgf.  findet  es  für  notwendig  die  Lage 
der  Stadt  Moskau  durch  die  Angabe  zu  präzisieren,  dass 
dort  auch  „Napolione"  gewesen  sei. 


XXIV. 

Wir  sind  am  Ende.  So  ziemlich  alle  Interessensphären 
der  Kriegskorrespondenzen  sind  in  den  XXIII.  vorherge- 
henden Kapiteln  besprochen  und  alles  Inhaltliche  auszugs- 
weise an  charakteristischen  Beispielen  hervorgehoben 
worden.  Da  sich  eine  unglaubliche  Gleichförmigkeit  in 
Stoff  und  Form  aller  Briefschaften,  wie  schon  eingangs 
bemerkt,  nachweisen  lässt,  so  sei,  auch  zum  Zwecke  der 
Zusammenfassung,  eine  Art  Musterbrief  komponiert,  den 
ich  vielleicht  tatsächlich  nicht  gelesen  habe,  den  man 
aber  als  Idealtypus  aus  den  mannigfachen  Briefschaften 
herausdestillieren  könnte.  Die  in  Klammern  nach  den 
einzelnen  Sätzen  beigefügten  römischen  Zahlen  bedeuten 
die  Kapitel,  in  denen  der  betreffende  für  eine  gewisse 
Kategorie  charakteristische  Satz  behandelt  wurde: 

Vengo  con  queste  due  righe  a  farvi  sapere  l'ottimo 
stato  della  mia  salute  ed  altrettanto  spero  di  voi  (I).  Non 
potete  immaginarvi  la  mia  contentezza  di  ricevere  un  vostro 
scritto  (IV);  quando  penso  alla  lontananza  dai  miei  cari 
mi  vengono  proprio  le  lagrime  agli  occhi  (V).  Non  pensate 
che  vi  abbia  dimenticato  (VI).  Quando  verrä  quel  bei  giorno 
della  pace  in  cui  ci  ritroveremo  insieme  in  famiglia  (VII)? 
Persino  la  notte  sogno  la  mia  casa  ed  i  tempi  felici  passati 
con  voi  (VIII).  Fatemi  un  piacere  e  mandatemi  una  foto- 
grafia  di  voi  tutti    uniti    (IX),    cosi    almeno    potrö    guardare 


—    285    — 

ogni  giorno  i  miei  cari  bambini  (X),  i  genitori  (XI),  e 
mia  cara  moglie  (XI).  Vi  prego  di  non  dar  vi  pensiero  di  me 
(XII),  che  io  sto  bene  e  sono  in  compagnia  del  mio  amico 
Pietro  di  NN.  (XII).  Basta  cosi,  pazienza  e  coraggio  (XIII), 
sia  fatta  la  volontä  di  Dio  (XIV).  E  di  piü  fatemi  sapere 
come  vanno  gli  affari  di  famiglia  (XV).  Se  volete  mandarmi 
un  pacco  metteteci  calze,  un  paio  di  mutande  (XVI)  e  roba 
da  mangiare  (XVII)  perche  qui .  . .  mi  capite !  b  un  inferno 
(XVIII).  Ma  quando  verrö  a  casa  potrö  dire  di  aver  sof- 
ferto  per  la  Patria!  (XIX).  Non  posso  dirvi  altro  causa  la 
Censura  (XX).  Dunque  non  stiate  pensare  per  me,  che  quando 
saremo  uniti  färemo  di  nuovo  le  grasse  risate  di  una  volta 
(XXI).  Vi  raccomando  il  pacco,  ma  se  sentite  qualche  cosa 
di  pace  non  mandate  piü  niente.  (XXIII)  Vi  saluto  tutti  in- 
sieme,  saluto  il  Babbo,  saluto  e  bacio  la  Mamma,  saluto  il 
fratello  G.  e  la  sua  famiglia  saluto  il  compare  e  la  comare 
e  la  famiglia,  baci  fissi  a  la  mia  amata  moglie  ed  un  forte 
abbraccio  ai  bambini  (II),  scusate  il  mio  male  scritto  (III). 
Addio  pronta  risposta. 

In  diesem  Schablonenbrief  sind  alle  Kapitel  vertreten 
mit  Ausnahme  des  XXII.:  zur  Ehre  des  italienischen 
Charakters  sei  es  bemerkt,  dass  wir  die  Brutalität  und 
die  Sinnlichkeit  nicht  als  konstitutiven  Bestandteil  eines 
typischen  Briefes  aufnehmen  konnten.  Die  Widersprüche 
(sto  bene  —  e  un  inferno)  sind  der  Wirklichkeit  ab- 
gelauscht. Die  Tatsache,  dass  überhaupt  ein  Normaltypus 
der  Gefangenen-  und  Intern.-Korrespondenz  konstruiert 
werden  konnte,  beweist  nicht  nur,  dass  eine  psycholo- 
gische Charakteristik  der  Kriegskorrespondenz  im  Allge- 
meinen gewagt  werden  konnte,  sondern  auch,  dass  von 
einem  einheitlichen  Stil  derselben  gesprochen  werden 
kann.  Diesen  Stil  wollen  wir  nach  den  vielen  Belegen 
der  vorangehenden  Kapitel  einer  kurzen  Betrachtung 
unterziehen. 

Der  volkstümliche  Schreiber  besitzt  meist  eine  rüh- 
rende Unfähigkeit,  eine  Mitteilung  in  einen  klar  formu- 
lierten, syntaktisch  einwandfreien  Satz  zu  pressen;  es 
wird  vielmehr  durch  eine  Art  Retouchierverfahren  mehr- 


—     286     — 

mals  dasselbe,  jedesmal  unter  Einfügung  einer  kleinen 
Variation,  gesagt.  Oft  ist  ein  Brief  nichts  als  eine  un- 
unterbrochene Wiederholung  eines  und  desselben  Gedan- 
kens. Als  Muster  solcher  stilistischen  Unbeholfenheit  und 
Unfähigkeit  zur  Konzentration  der  Gedanken  sei  folgendes 
Stück  aus  einem  Brief  mitgeteilt,  der  im  Original  den 
dreifachen  Umfang  besass,  ohne  andere  Gedanken  als  die 
im  angeführten  Teile  enthaltenen  vorzubringen  (Wullers- 
dorf — Katzenau) ; 

Cäro  B.  ti  facio  Sapere  che  io  stago  bene  e  spero 
unsimile  dite  e  tuti  quanti  Caro  Ammico  ti  facio  Sapere  che 
qua  sista  asai  bene  Molto  melio  cento  volte  che  como  prima 
che  ierimu  insieme  qua  sista  depapa  per  Mangiare  si  sta 
deprincipi  giornalmente  brodo  duve  volte  al  giorno  Garne 
giornalmente  tre  volte  per  setimana  per  pranzo  e  tre  volte 
per  setimana  Garne  per  sena  Garne  robe  deno  credere  per 
Pranzo  e  per  sena  anche  quele  tece  grande  de  Garne  persena 
robe  deno  credere  Garne  sguaso  tece  piene  de  Garne  de 
Manzo  de  porco  e  piene  tece  de  lepre  e  de  galine  polastri 
de  oche  qua  se  robe  de  no  credere  el  vernerdi  nose  Garne 
Mase  tretrucholo  tre  tochi  per  roba  ogni  venere  Ganbia 
tretochi  depane  Dolce  sera  beneno  credere  Mangiar  a  sguaso 
anche  mi  Nocredeva  che  sara  Gosi  nose  decredere  se  no  se- 
vedi  ghe  vol  procurare  semivedevo  che  se  sta  Male  ghe  la 
sonavo  Masesta  bene  a  Sai  qua  se  la  Merica  per  Mangia  Nome 
quela  che  avanza  potesi  mangia  altri  quatro  delori  e  sesta 
bene  anche  per  lavorare  selavora  poco  dopo  che  se  andai  via 
son  sempre  Gassa  che  lavoro  no  iero  mai  in  Gampagna  lavo- 
rare segare  legne  portare  per  lestuve  per  lecamere  e  portare 
late  del  pan  e  in  lataria  e  quando  chese  el  primo  del  mese 
laparona  meregala  duve  Gorone  e  la  del  pan  pech  altre  duve 
Gorone  e  cosi  Me  basta  venti  quadro  Gorone  almese  stago 
bene  e  tuti  Me  vol  bene  laparona  lacoga  lacamariara  la  serva 
tuti  quanti  stago  proprio  bene.  lavorare  poco  Mangiare  bene 
lavorare  incaricare  qualche  Gareto  de  erbete  Menare  ogni 
qualtanto  qualche  Gareta  delegne  andove  che  sego  lelegne  in 
Gampagna  Mai  taliare  la  paia  No  talio  mal  ingalera  dele  pa- 
tate  No  iera  i  altri  netare  le  patate  no  iero  iera  quatro  cinque 
delori  giornalmente  ingalera  kozi  Mena  lodame{?)  soli  se  in 
Garga  soli  e  se  quatro  delori  che  i  strabuta  giornalmente  e 
se  duve  de  lori  igrana  formento  ne  Mi  stago  proprio  bene  ei 


-     287     - 

capo  se  tanto  buono  noldisi  mai  niente  sempre  seridi  e  anche 
p.  se  a  assai  buono  Mai  nosegavemo  dito  gnanche  fate 
inla  sifa  quelo  che  sevole  per  Mangiare  boca  desidera  quelo 
che  se  vole. 

Könnte  man  ein  perpetuum  mobile  aus  menschlichem 
Geiste  erzeugt  sich  vorstellen,  so  müsste  der  Gedanken- 
ablauf in  dieser  in  gleichmässigen  Abständen  dasselbe 
wiederholenden  Form  sich  vollziehen.  Auch  in  dem  Ka- 
pitel über  die  Grussformen  haben  wir  für  die  Weitschwei- 
figkeit und  Breitspurigkeit  volkstümlicher  Ausdrucks  weise 
Beispiele  gesehen,  und  überhaupt  bei  allen  Aufzählungen 
und  Erzählungen  eine  gewisse  Pedanterie  in  der  Hervor- 
hebung des  Unwesentlichen  gefunden.  Der  einfache  Mann 
kann  nicht  sagen,  „auf  einem  Spaziergang  traf  ich  meinen 
Bruder  und  ging  mit  ihm  Bier  trinken",  sondern  drückt 
sich  folgendermassen  aus  (Sterntal  bei  Pettau — Grado): 
Andavo    spaso   e   misenti   chiamare   T.    mivoltai    e   vidi 

mio  Fratello  chera  in  Ospitalle  alora  siamo  andati  bevere  la 

bira  asieme. 

Im  Gegensatz  zu  den  weitausgesponnenen  Korrespon- 
denzen gibt  es,  wenn  auch  in  weit  geringerem  Masse, 
überraschend  kurze  Mitteilungen.  Wie  die  ersteren  die 
Meisterschaft  der  Beschränkung,  so  lassen  die  letzteren 
das  Gefühl  für  die  Nuancen  vermissen.  Gewiss  werden 
die  Angehörigen  über  eine  nüchterne  Lakonik  wie  die 
folgende  wenig  erbaut  sein  (Mauthausen — Bubano, Bologna): 
Saluti  cordiali/  da  chi  ti  ama,/  le  tue  lettere,    e/    car- 

toline  spedite/  le  o  ricevute  tutte./  Saluti  alla  intiera/  familia,. 

sono  A.  M./  Arivederci  /  Sappi  pure  che  puoi  /  risparmiar  di 

mettere/  il  franco  bollo  sulle  /  lettere  /  Addio.    (Die  Striche 

bedeuten  Zeilen.) 

Einschneidende  Familienereignisse  werden,  wie  schon 
bemerkt,  mit  sonderbarer  Kürze,  Formalitäten  und  Zere- 
monien mit  gehöriger  Breite  behandelt  (Arluno,  Mailand— 
Mauthausen) : 

Carissimo  Marito  Vengo  con  questa  cartolina  per  farti  sa- 
pere  le  mie  Notizie  che  sono  ammalato  il  giorno  8  idio  mia 


-     288    - 

dato  un  bambino  a  nome  p.  e  per  in  quando  il  battesimo 
labbiamo  battesato  il  giorno  10  di  Ottobre  Dunque  Caro  Marito 
per  in  quando  a  battesarlo  da  dietro  la  Mamma  M.  e  la  tua 
cognata  ß.  Dunque  Caro  Marito  ti  prego  di  non  pensare  di  me 
che  al  presente  sto  bene  e  come  anche  il  nostro  figlio  B 
che  somiglia  tutto  a  te  Dunque  ti  saluto  sono  la  tua  Moglie  L. 

Im  Allgemeinen  ist  die  volkstümliche  Kriegskorrespon- 
denz stilistisch  nicht  gerade  für  den  Feinschmecker  be- 
rechnet. Da  sie  in  Momenten  geistiger  Verwahrlosung  von 
geistig  ungeschulten  Individuen  konzipiert  ist,  kann  man 
weder  Ausgefeiltheit  des  Stils  noch  Wahl  der  Gedanken  ver- 
langen. „Un  style  chätie"  ist  nicht  die  Sache  des  von 
der  Hände  Arbeit  Lebenden.  Immerhin  entwickelt  sich 
manchmal  eine  gesunde,  natürliche,  ungesuchte  Rhetorik, 
die  vom  Herzen  kommt  und  zu  Herzen  geht.  Den  rhyth- 
mischen Klang  des  Wortes  „scordare"  hat  eine  Schreiberin 
in  Jesi  voll  ausgenützt  (nach  Mauthausen): 

non  ti  disperare  mio  Caro  E.  che  prego  giorno  e  note 
per  te  per  te  Amico  mio  io  pregero  sempre  con  i  piu  cari  affetti 
per  te  Caro  ricordeti  di  quello  che  miai  detto  quando  cisiamo 
spartiti  che  non  tu  scorderai  piü  della  tua  affema  A.  che  ti 
voglio  tanto  bene  tanno  ti  adore  come  una  candita  rosa,  ora 
sono  abbandonata  date  sono  perduta  da  tutti  non  o  piu  gioie 
non  0  piu  consolazione  che  mi  sostiene  il  cuore  Caro  E.  ti 
lascio  solo  tidico  non  ti  scordare  ricordati  di  me  ricordeti  del 
bene  ricordeti  di  tutto.  Io  non  faccio  altro  che  piange  pen- 
sando  il  bene  tuo  che  mi  volei  di  tutto  mia  scordero  ma  di 
te  non  mi  scordo  mai  notte  e  giorno  Credi  E.  mio  che  o  il 
cuore  pleno  di  lacrime  e  di  dolore  e  di  barberi  dispiaceri 
pensare  questa  lunga  valle  di  dolori  Coragio  farti  sempre. 

Wie  der  Rede  eines  Demagogen  entnommen  klingt 
das  dili,  dili  pure,  das  eindringlich  und  mit  immer  stei- 
gender Emphase  im  folgenden  Briefe  wiederholt  wird 
{Engersdorf  b.  Salzburg — Katzenau): 

sono  contenta  che  almeno  sei  sano  mal  piü  che  ninscre(?) 
nel  udire  che  forse  vai  innitaliana  mi  pare  una  roba  impo- 
sibile.  perche  sei  molto  giovane.  ma  se  perro  eti  avese  da 
mandarti    via    dili    che    non    vai    prima    che    non   sai  di  tuo 


—    289     — 

Padre  sece  contento  dilli  ai  tuoi  superiori  se  i  puole  piutosto 
farti  venire  qua  con  noi  fatti  fare  un  buono  permeso  e  parla 
con  molta  gentilezza  e  dili  se  e  contenti  di  farti  vienire  con 
la  tua  familia  esino  dili  che  resti  in  naustria.  sempre  colla 
domanda  di  tuo  Padre.  indove  melio  vi  diportate  edili  pure 
ai  tuoi  superiori  senza  tema  esenza  paura  che  tu  sei  nativo 
inaustria  Trambileno.  Bosaldo  distretto  E-oveto.  eti  prego 
quando  ricevl  questa  mia  letera  da  legere  anche  ai  tuoi  su- 
periori che  essi  ti  dispieghera  alla  melio  edili  pure  ai  tuoi 
superiori  che  e  ben  vero  che  tuo  Padre  e  taliano  dili  pure 
che  sono  venti  anni  che  tuo  Padre  sono  amoliato  inaustria  e 
dili  pure  ai  tuoi  superiori  che  intempo  di  päcce  ene  intempo 
dela  guera  non  na  mai  potutto  amare  le  terre  italiane  dili 
che  in  cuesto  momento  sono  convinta  adirli  quanto  segue 
dala  pure  a  legere  enon  temere  niente  dili  che  resti  al  tuo 
posto  come  per  il  pasato  esino  se  non  ce  posto  dilli  che 
venghi  con  la  tua  familia. 

Die  volkstümlich  unbeholfene  Art,  bei  einer  längeren 
indirekten  Rede  das  übergeordnete  Verbum  vor  jedem 
Teilstücke  der  indirekten  Rede  zu  wiederholen,  erzielt 
hier  einen  bemerkenswerten  stilistischen  Effekt,  indem  die 
immer  wieder  hervorsprudelnden  Imperative  als  Kenn- 
zeichen einer  Überzeugung  wirken,  die  sich  nicht  zu  ver- 
bergen wünscht.  Im  folgenden  Beispiel  (Katzenau — Triest) 
ist  das  rhetorische  Kunstmittel  des  Ausrufes  mit  Erfolg 
angewendet : 

Adorata  L.  Spero  che  uno  dei  tanti  miei  scritti  le 
giungera  nelle  sue  candide  mani.  lo  scrivo  senza  tregua,  al- 
meno  questa  le  giungesse  a  lei,  al  mio  angioletto.  II  tuo  U. 
non  dimentica  mai  del  sua  adorata  L.  perche  t'amo  troppo 
soffro  tanto.  L''unica  mia  consolazione  e  i  tuoi  adorati  scritti, 
mancassero  questi  io  potrei  morire  dalla  disperazione  lo  giuro! 
Scrivimi  L.  mia  te  ne  prego  Auguro  di  tutto  cuore  le  buone 
feste  di  Natale  e  capo  d'anno. 

Jeder  einzelne  Satz  ist  im  Original  als  eigener  Ab- 
satz geschrieben  und  wirkt  daher  für  sich  selbst.  Der 
Wechsel  des  Sie  und  Du  symbolisiert  das  Anwachsen  der 
Neigung  im  Augenblick  des  Schreibens.  Am  schönsten 
wirkt  jene  einfache  ganz  lyrische  Rhetorik,  die  ein  tiefe» 

Spitzer,  Ital.  Kriegsgefangenenbriefe.  19 


I 


-     290     ~ 

Gefühl  in  ganz  kurzen  und  ungesuchten  Sätzen  zum  Aus- 
druck bringt  (Sicciole,  Istrien — Sibirien): 

Mio  caro!  Con  mie  mani  ti  scrivo?  cioe  il  mio  cuore 
pensa  sempre  a  te  caro  tesoro?  Quando  sulla  cima  vederai 
spuntar  l'aurora  ricordati  da  me  chio  tamo  ancora! 

Diese  kurze  Karte  eines  liebenden  Weibes  enthält 
mehr  als  die  Liebesdeklamationen  vieler  literarischer 
Müssiggänger .'  das  Fragezeichen  am  Schlüsse  der  ersten 
Sätze  soll  offenbar  zitternde  Erregung  andeuten,  das 
Schlussbild  entlässt  uns  mit  einem  Ausblick  auf  den 
Himmelsraum. 

Eine  gewisse  rhetorische  Suada  wird  auch  bei  In- 
yektiven,  Schimpf briefen,  etc.  entfaltet:  das  folgende  Bei- 
spiel (Weiler-Klaus,  Voralberg — Marostica)  gehört  auch 
in  das  Kapitel  über  Brutalität: 

Sig.  C.  Non  posso  fav  di  meno  di  coügratularmi  con 
voi  e  infinitamente  ringraziarvi  assieme  mio  marito  delle  dolci 
lodi  che  con  grande  boccaccia  andate  dicendo  sopra  di  noi, 
benche  lontana  so  il  tutto  quello  che  mi  avette  detto.  Bravo 
cosi  mi  piace  qui  nel  Vorarlberger  cio6  in  Anstria  non  esiste 
ma  bensi  in  Italia  esiste  ancora  un  secondo  Giuda  quäl  siete 
voi.  Son  questi  i  ringrazziamenti  che  mi  date  del  mio  si  tanto 
lavoro  in  vent'anni  piü  di  servizio  e  come  lo  fui  io?  Son 
questi  i  ringraziamenti  dopo  di  avermi  sachrificata  nei  i  miei 
piü  bel'ianni  nei  miei  piü  bei  giorni  di  gioventü  a  sachrifi- 
carmi  quasi  tutte  le  feste  ore  tardi  di  notte  e  tutto  per  solo 
vostro  Interesse  Son  questi  i  ringrazziamenti  dopo  di  avermi 
perfino  l'atta  andare  in  prigione?  E  poi  tante  altre  che  piü 
non  finirei,  Imfine  son  questi  si  cari  ringrazziamenti  in  parola. 
son  questa  la  vostra  si  cara  ricom pensa?  E  questa  la  fedeltä 
che  avette  contro  di  me?  Dittemi  pure  quel  che  volette  che 
ame  non  arosisco  di  certo,  ma  bensi  arossirette  voi  a  guerra 
finita,  E  verro,  chio  mi  portal  via  nna  machina  se  loste 
statto  di  parola  come  Tultimo  giorno  in  Primolano,  mi  avette 
promeso  mercoledi  senza  fallo  vengo  a  Grigno  e  ti  paghero 
il  tutto,  stetti  io  colla  speranza  del  vostro  dire  ma  le  vostre 
parole  furono  false,  ed  io  fui  costretta  andare  imprestito  di 
denaro  per  fare  il  viaggio  di  mettere  al  sicuro  le  mie  chreature. 
Shrivetteli  pure  iio  uno  Console  in  Vien  ma  a  100  che  venga 


—    291     — 

qualnnchue  qui  nella  niia  casa  a  visitarla  venite  ancor  voi  e 
vedrette  che  vi  farette  pago  dei  vostri  vanni  sospetti,  cheandate 
dicendo,  quando  voi  mi  spedirette  500,  Corone  come  e  digiusto 
nostro  avere  compreso  i  miei  giorni  le  scatole  di  mio  marito  le  ore 
estra  che  feci  voi  pagattemi  ed  io  vi  ritornerö  la  vostra 
machina  Altrimenti  veremo  noi  stessi  da  voi  senza  nesuna 
machia  in  viso  di  avervi  rubato  del  vostro,  come  voi  lo 
sospettate.  E  cosi  vorrö  essere  pagato  fino  lultimo  centesimo 
del  nostro  avere.  Allora  arroscirete  voi,  mettetevi  una  mano 
nella  coscienza  e  esaminatevi  un  poco  e  sentirete  una  voce 
che  vi  dice,  ritira  uomo  quello  maledete  parolo  dette  con  tua 
brutta  lingua,  sopra  di  coloro  cho  ti  feci  solo  che  del  bene 
della  tua  giustizia  e  fedelta,  da  voi  stesso  vi  vergognerette. 
Vidico  che  ce  un  Dio  non  paga  soltanto  al  sabato  ma  tutti 
i  giorni  statte  alerta  e  pensattevi. 

Dieser  lange  in  die  Sphäre  des  Dienstbotentratsches 
Tersetzende  Brief  ist  bei  aller  Grobheit  der  Form  ausge- 
zeichnet komponiert :  in  einem  ersten  Teil  werden  in  der 
Form  von  rhetorischen  Fragen  dem  Briefempfänger  seine 
Sünden  gegen  die  Schreiberin  vergehalten,  im  Mittelteil 
wird  auf  die  Darlegung  des  obwaltenden  Streitfalles  ein- 
gegangen, im  Schlussteil  in  einem  alttestamentarischen 
Predigerton  dem  Schuldigen  „Tu'  Busse!"  zugerufen.  Ein 
Volksredner  könnte  eine  öffentliche  Angelegenheit  nicht 
mit  solchem  Überzeugungsbrustton  und  Entrüstungspathos 
vertreten  wie  diese  Dienstmagd  die  Forderung  von  500 
Kronen. 

Der  volkstümliche  Brief  sagt  gern  alles  möghchst 
stark,  daher  derselbe  Gedanke  mehrmals  variiert  werden 
muss.  So  entsteht  der  parallelistische  Satzbau  wie  etwa 
in  folgendem  Brief  (Ungarn — Modugno,  Bari): 

Dunque  la  mia  vita  la  trascorre  sempre  con  affanni, 
perö  dipende  dalla  vostra  trascoratezza  di  non  mandarmi  le 
richieste  fatti.  Se.tte  mesi  prigioniero  a  dire  mandatemi  pane 
e  moneta,  ma  niente  si  vede,  credo  che  arriverä  primo  il 
giorno  del  Giudizio,  e  dopo  le  mie  richieste,  voi  mivolete 
aiutare  con  la  bocca,  ma  non  coni  fatti,  mi  tenete  a  bocca 
dolge,  premetendomi  oggi  e  domani  mi  fate  vivere  con  spe- 
ranze,    date   rette    alle   persone,    ma   non    al  prioprio  sangue, 


—     292    — 

perö  compatisco  la  vostra  ingnoranditä,  ma  nelle  stesso  tempo 
mi  arrabia  di  un  modo  tale  che  non  so  spiegare  il  perche. 
perciö  ultima  volta  che  lo  dico,  se  credete  di  rivederci  e  di 
attirarmi  dalla  schiavitü  della  fame,  mi  dovete  mandare  con- 
tinuamente  pane  e  moneta,  che  con  questi  oggetti  si  rende 
la  vita  meno  pesante,  e  non  ci  fä  tanto  conteplare  la  mia 
caduta,  che  niente  vi  posso  spiegare,  niente  vi  posso  dire, 
solamente  dico  corragio,  allegro,  non  pensare  alla  mia  lonta- 
nanza  che  il  giorno  che  si  desidero  arrivera,  tempo  portera 
ma  deve  venire. 

Mia  cara  madre  replico  ancora  di  non  dare  retta  alle 
chiachiere  delle  putane,  ma  eseguite  le  mie  ordine,  non  vi 
fate  trasvolgere  dalle  rufiane,  non  vi  fate  sugerire  le  vostre 
idei^  non  cercate  consiglio  da  nessuno,  che  il  dolore  lo  sente 
chi  lo  ha.  Che  a  chi  voi  vi  confidati,  a  chi  prendete  con- 
siglio, e  tutto  per  sapere  le  vostre  idei,  i  fatti,  e  dopo  cri- 
ticano  lumanita,  e  nessuno  vi  coforti,  fanno,  come  Giudo  a 
Cristo,  perciö  le  vie  le  sono  spiegate,  di  altre  pensateci  voi. 

Ausschmückung  des  Stiles,  wie  sie  jeder  kultiviertere 
Korrespondent  liebt,  ist  in  der  volkstümlichen  Brief  stellerei 
nicht  eben  im  Schwang.  Jene  „sensibilitä",  jene  poetische 
Ausdrucksweise,  die  den  Italienern  meist  nachgerühmt 
wird,  kommt  seltener  in  der  Schrift  zum  Ausdruck.  Meist 
eilen  die  Korrespondenzen  geradewegs  auf  ein  bestimmtes 
Ziel  los  und  halten  sich  nicht  bei  Gefühlsergüssen  und 
dichterisch  verklärten  Phantastereien  auf.  Wo  derlei  vor- 
kommt, liegt  schon  Einf  luss  der  Bücher  vor  und  ist  gewöhnlich 
eine  schlaue  Berechnung  die  Ursache  der  anscheinend 
so  poetischen  Ausdrucksweise  (vgl.  den  schon  erwähnten 
Brief  an  die  Schauspielerin  Lidia  Borelli  in  Mailand) : 
Signorina  Lidia  Borelli.  A  lei  mi  rivolgo  per  chiederle  un 

favore  sapendola  tanto  munifica Lei  certo  si  chiedderä 

chissarä  l'incognito  che  le  scrive.  Ebbi  la  fortuna  di  vederla 
e  conoscerla  una  serra  all'imbocco  del  lato  destro  della  (un- 
leserlich). In  una  di  quelle  serre  che  sucessero  i  fatacci  per 
la  guerra.  Ero  di  pichetto  con  un  plottone  di  soldati,  ella 
gentilmente  off erse  delle  rose,  la  guardai  negli  occhi,  quegrocchi 
rispecchiavano  tutta  la  sua  bontä  d'animo. 

Vengo  al  fatto.  Eni  fatto  prigioniero  tre  mesi  fä  dopo 
un  terribile  combattimento  sul  Carso. 


—     293     - 

Avevo  ima  mamma  che  per  il  dolore  di  essere  stato 
privo  di  mie  notizie  nella  terribile  angosia  si  spense. 

A  lei  allievatrice  di  dolori  mi  rivolgo  perche  solo  al 
mondo.  Volesse  spedirmi  qualehe  cosa  —  —  per  allusione 
lä  mia  prigionia.  Che  al  mio  ritorno  in  patria  saprö  ricom- 
pensarla.  Certo  che  ella  vorrä  accettare  questa  mia  preghiera. 
la  ringrazio  anticipatamente. 

Die  „sensibilitä"  wird  hier  ganz  raffiniert,  zu  rein 
materiellen  Zwecken,  die  dem  Schreiber  allein  wesentlich 
sind(vengo  al  fatto),  ausgenützt:  die  poetische  Begegnung 
zwischen  der  gefeierten  Diva  und  dem  an  der  Spitze 
seines  Zuges  marschierenden  Feldwebel,  die  Erwähnung 
der  am  gebrochenen  Herzen  gestorbenen  Mutter  und  des 
auf  der  Welt  vereinsamten  Waisenkindes  (man  denke^  es 
spricht  ein  „Held"!),  all  das  soll  nur  die  Stimmung  be- 
einflussen und  dem  Gefangenen  zu  einer  möglichst  aus- 
giebigen materiellen  Unterstützung  verhelfen. 

In  dem  letzten  Beispiel  wurde  eine  materielle  Bitte 
durch  poetische  Staffage  maskiert.  Meist  ist  in  der  volks- 
tümhchen  Korrespondenz  überhaupt,  wie  wir  schon  sehen, 
der  irdische  und  der  gefühlsmässige  Teil  unserer  Existenz, 
das  geistige  und  das  materielle  Interesse,  auf  eine  Stufe 
gesetzt,  eine  Sonderung  beider  Welten  nicht  durchgeführt. 
Besonders  gut  liess  sich  das  im  Kapitel  über  die  Nach- 
fragen bemerken,  in  das  auch  der  folgende  Beleg  gehört 
(Siena — Umago,  Istrien) : 

ti  netto  0  Cara  mollie  nosta  pensare  niente  ne  per  isoldo 
e  nianche  per  1  pachi  basta  che  il  buon  dio  nevardi  dale 
descrassie,  i  Dio  vedi  anche  per  noi  II  mio  guadagno  mi 
spero  che  restera  anche  perte  di  prendere  la  polenta  per  sti 
verno  o  in  teso  tutto  che  te  ga  fatta  la  vendemia  vanti  delle 
piove  e  dige  a  tuo  padre  che  non  lo  dimenticho  mai  piu 
perche  questo  ano  ano  fatto  tropo  per  noi  e  se  ti  acori  da- 
naro  varda  di  vendere  nn  pocho  di  vino  che  tu  mi  dici  che 
giera  la  uva  bella  e  dige  a  tu  padre  chel  magni  e  chelbevi 
sensa  riguardo  che  mi  stago  beno  e  soltanto  mi  dispiace  che 
non  si  vedemo  ma  per  altro  chome  che  saria  Acasa  e  tu  mi 
scri  Cara   mollie    che    legio    piu   volte   mami   mebasta  che  la 


-     294    — 

passo  una  volta  sola  e  mi  pare  di  parlare  con  te  a  legere  la 
tua  scrittura  scri  pure  ti  e  poi  per  la  giacheta  e  gile  nosta 
predere  tatta  premura  vanti  de  spedire  vada  di  scrivere  e 
che  savaro  regolarmi  per  cjie  go  paura  che  vadi  perso. 

.  Alles  geht  hier  durcheinander,  Gilet^  Gott,  Weinlese, 
Gattin,  Geld,  Vater,  Briefschreiben,  Packet^  etc.  .  .  .  Die 
Sorge  um  das  körperliche  Wohl  erdrückt  die  geistigen 
Funktionen.  Wir  haben  schon  hervorgehoben .  (vgl.  das 
vorige  Kapitel),  dass  Beschreibungen  des  Aufenthalts- 
ortes in  der  Gefangenenkorrespondenz  sehr  selten  sind* 
Das  Gesehene  spiegelt  sich  fast  nie  anschaulich  im  Briefe 
wieder.  Man  nehme  folgende  summarische  Beschreibung 
Russlands,  das  vor  allem  vom  Gesichtspunkte  des  Essens 
und  Trinkens  betrachtet  wird,  wo  nur  die  naive  histo- 
rische Reminiszenz  eine  gewisse  liebenswürdige  Note  ver- 
leiht (Moskau — Saone) : 

siamo  arivati  qua  a  Moscha  dov^e  estato  anche  napolione 
mapresto  partiamo  ancora  avanti  esara  facilissimo  che  andiamo 
a  riferire  in  siberia  in  questi  paesi  fa  molto  fredo  che  i 
fiumi  come  il  nostro  e  gia  tutto  ingielato  ma  noi  abiamo  la 
grazia  di  stare  qua  nella  stufa  il  mio  lavoro  e  dimangiare '  e 
dormire. 

Von  der  Wiedergabe  einer  Naturstimmung  in  pitto- 
resken Farben  kann  keine  Rede  sein,  höchstens  von  einer 
Aufzählung  der  ins  Auge  fallenden  Dinge.  Der  Cortina 
besuchende  italienische  Soldat,  dessen  Brief  wir  schon 
zitierten,  weiss  nur  zu  sagen : 

ci  sono  monti  altissimi  tutti  boschi  di  grossi  alberi  e 
neve  in  quantitä  che  non  finisce  mai, 

der  Soldat  in  Marocco  von  der  Wüste  Sahara  nur  zu  be- 
richten : 

ci  vuole  2  mesi  per  traversarlo  e  le  tutto  Sabbia, 
eine  summarische  Ausdrucksweise,  die  ans  Märchen  er- 
innert, daher  für  uns  nicht  eines  gewissen  Reizes  entbehrt. 
Geographische  Namen  darf  man  nicht  erwarten,  die 
in    Österreich -Ungarn    anzutreffenden    Nationalsprachen 


—    295    — 

waren  italienischem  Munde  unbezwingbare  Brocken:  ein 
Kgf .  in  Böhmen  schreibt  an  einen  anderen  im  Stammlager 
Sigmundsherberg : 

Sappi  che  lavoriamo  in  una  ferriera  in  Boemia^  non  ti 
dico  11  iiome  del  Paese  percbe  non  lo  sappiamo  nemmeno  voi. 

Um  den  Angehörigen  ein  Bild  von  den  neuen  Ver- 
hältnissen zu  machen,  werden  entweder  weltbekannte  oder 
lokal  benachbarte  Dinge  zur  Vergleichung  herangezogen. 
Im  ersteren  Fall  muss  man  wohl  manchmal  die  Naivität 
des  Bildes  belächeln,  so  wenn  einem  Kgf.  in  Kirsanoff  aus 
Villa  Lagarina  geschriebell  wird: 

Ti  faccio  sapere  che  qui  nel  nostro  paese  e  come  un 
piccolo  parigi, 

was  wohl  auf  den  Aufenthalt  den  russischen  Kgfen.  und 
der  österreichischen  Soldaten  in  den  Südtiroler  Orten  ab- 
zielen soll. 

Für  den  zweiten  Fall,  der  sehr  häufig  (vgl.  Hunger 
Kap.  XIX)  für  geheime  Mitteilungen  benützt  wird,  vgl.  (Pan- 
€sova — S.  Giacomo,  Novara) : 

il  lavoro  che  si  iä  sarebbe  lavoro  come  demoniale  come 
quello  del  canale  Cavonr  e  invece  questo  si  chiama  Danubio. 

Als  Meisterleistung  muss  der  schon  (Kap.  I.)  zitierte 
Feldpostbrief  bezeichnet  werden,  dem  es  immerhin 
gelungen  ist,  uns  ein  bischen  von  dem  Frohmut  des 
Schützengrabens  mitzuteilen.  Besser  als  Beschreibung  von 
Ruhendem  gelingt  dem  einfachen  Mann  aus  dem  Volke 
Schilderung  von  Bewegtem;  das  Wesentliche  herauszu- 
finden, ist  beim  Nacheinander  leichter  als  beim  Neben- 
einander (Acquileja — Pola) : 

Carissimo  Marito  Col  dipiu  ti  facio  sapere  la  mia  par- 
tenza  teribile  da  monfalcone  a  Nacveleia  cavali  non  si  podeva 
trovare  sice  siamo  vinuti  cola  nostra  armenta  bianca  si  ce 
fino  firi  di  starasano  son  dada  bene  poi  scomaciva.  le  gra- 
nate  Cascare  per  la  strada  la  armenta  spaurida  non  voleva 
piu  andare  avanti  e  le  granate  cascavano  atorono   di   uoi   c© 


—     296     — 

era  come  ulcano  atorno  di  noi  Carissimo  Marito  ti  pol  ma- 
cinarti  ce  gran  spavento  ce  vemo  cipa  go  ben  siga  aiuto  mio 
Dio  Maria  santisima  gosiga  fina  ce  vevo  fia  non  aver  riparo 
di  salvarsi  poi  militari  italini  miga  pilia  ibenbini  in  bracio 
a  li  portadi  lospidale  di  Crocie  rosa  e  mi  drio  Carissimo 
Marto  li  niga  trata  sai  ben  e  poi  liga  mina  en  altomibile 
asacasano  e  tuo  padre  detro  cola  armenta  Carissimo  Marito 
vemo  riposa  giorno  asacasino  ce  erimo  stacci  de  spavento 
poi  go  trova  un  omo  e  cavalo  dela  mia  cocian  Maria  Carissimo 
marito  a  lamatina  bonora  siamo  dadi  via  di  sacasiano  e  le 
granate  le  fisciava  par  sora  di  noi  poso  rengriar  al  Dio  Maria 
Santissima  ce  siamo  rivadi  sani  e  salvi  Carissimo  marito 
gotrova  la  mia  mama  e  cosi  scrivigi  i  mei  frateli  ce  la  mama 
se  con  mi  in  Nacveleia  e  padre  se  in  italia  ma  non  sisa 
ince  cita. 

Hier  ist  alles  korrekt  geschildert,  in  der  gehörigen 
Reihenfolge,  neben  den  äussern  Ereignissen  wird  stets  der 
Eindruck  auf  das  schildernde  Individuum  verzeichnet  und 
jeder  Fortschritt  der  Handung  durch  die  Ansprache 
„Teurer  Mann"  kenntlich  gamacht. 

Wirklich  poetisch  schreibt  der  Italiener  nur  der  Ge- 
liebten, wie  wir  schön  seinerzeit  erwähnten.  Ein  gewisser 
linkischer  G  ebrauch  poetischer  Vergleiche  zeigt  ohne  weiters, 
dass  die  Schreibenden  aus  ihrem  gewohnten  Milieu  heraus- 
zugehen, sich  selbst  zu  übertreffen  wünschen.  Man  er- 
innere sich  an  den  Gebrauch  des  Bildes  „Candida  rosa'' 
in  einem  eben  gelesenen  Belege  oder  an  den  früher  an- 
geführten Passus  (Reichenau— Pilcante,  Tirol): 

chisa  siddio  mi  conceda  questa  grande  grazia  di  ritor- 
nare  ancora  al  mio  paese  ed  avedere  ancora  quel  fiore  che 
da  3  anni  coltivo  e  che  coltivero  sempre  infine  che  Dio  mi 
lascia  su  in  questa  tera  di  lagrime. 

Auch  die  Frauen  gebrauchen  das  Bild  von  der  Blume, 
die  man  in  seinem  Garten  hegt   (Uttendorf— Katzenau): 

Bene  caro,  non  averne  amale  se  ti  dico  queste  belle 
parole  ma  se  sarä,  e  che  verra  quel  giorno  di  vederci  ancora, 
e  di  continuare  come  abbiamo  comminciato  e  che  tu  sarai 
propenso  di  prendermi  come  tua  moglie  vorrö  tenerti  benissimo 


—     297     — 

e  nn  filo  non  vorro  clio  ti  manca  vorrö  sempre  che  tu  pari 
un  fresco  fiore,  sei  contento  cosi? 

Die  Metaphern  der  volkstümlichen  Korrespondenz 
sind  entweder  dem  biblischen  Stil  entnommen  oder  ganz 
trivialer  Provenienz,  fast  nie  liest  man  einen  originellen, 
anschaulichen,  im  Augenblick  des  Schreibens  entstandenen 
Vergleich.  Wir  haben  schon  seinerzeit  von  Reminiszenzen 
aus  den  heiligen  Büchern  die  „terra  di  lagrime",  das  „pur- 
gatorio"  erwähnt,  ferner  vgl.  „terra  di  caino"  (Mitterndorf — 
Castel  Rocchero,  Alessandria): 

qua  nelapasiamo  abantanza  bene  in  questa  tera  di  caino, 
quande  si  va  fuori  dalusio  si  pianta  le  scarpe  che  non  si  puo 
tirare  su  le  scarpe  dal  pacech, 
wo  die  Trivalität  dem  alttestamentarischen  Ausdruck  die 
Wirkung  verdirbt.    (Katzenau— Kirsanoff): 

qui  mi   trovo  da  8  mesi  come  nel  limbo. 

Dass  diese  Metaphern  in  ihrem  Stimmungsgehalt  sehr 
entwertet  sein  müssen,  geht  aus  den  Ausdrücken  hervor, 
die  synonym  verwendet  werden,  z.  B.  (Scandiano — Hlobouh, 
Mähren) : 

Non  si  sente  dire  di  pacce.   Mi  pare  che  non  verä  piü 
quel  giorno  per  noi  che  siamo  al  patibolo. 

Wenn  daher  mit  „babilonia"  das  Internierungslager 
bezeichnet  wird,  so  kann  man  darin  nur  eine  übertreibende, 
nicht  eine  stilistisch  irgendwie  bemerkenswerte  Ausdrucks- 
weise finden:  ausgedrückt  ist  die  Vielsprachigkeit  der  Lager, 
in  denen  Italiener,  Serben,  Franzosen,  Engländer  vermischt 
lebten^).  Vergl.  noch  die  folgenden  Fälle  (Katzenau — 
Trient) : 

qui,  tutto  e  una  manna  del  cielo. 

1)  Zur  Beziehung-  einer  »verworrenen  Menge'  dient  noch  ga- 
lizia  (Cornola,  Tirol— Kirsanoff): 

qua  caro  g.  sembra  una  galizia  una  moltitudine  di  mi- 
litari che  va  a  darli  il  cafe  mi  capirai. 

Vielleicht  soll  aber  gesagt  werdfen,  dass  es  sich  um  russische 
Kriegsgefang'ene  handelt. 


—    298    - 

(Katzenau — Grumes)  : 

Avete  voi  del  pane  bianco?  4-Ppena  vistolo  la  sorpresa 
s'imposeso  di  me,  come  quando  gli  Israelit!  videro  la  mana 
del  deserto, 

die  Gefangenen  begrüssen  überhaupt  eine  Liebesgaben- 
sendung stets  als  „manna  del  cielo".  Für  den  im  christ- 
lichen Glauben  erzogenen  Italiener  sind  alle  diese  Ver- 
gleiche keine  stilistischen  Leistungen,  sondern  gehören  zu 
seinem  täglichen  Vokabular,  so  gut  wie  das  Wort  cristiano 
für  den  Bauern  nicht  mehr  bloss  „Christ",  sondern  „Christen- 
mensch", „Mensch"  bedeutet  (Mauthausen— Baffa,  Messina): 

io  spero  che  si  termina  laguerra  presto  quanto  godo 
unaltra  volta  la  vita  di  cristiano  non  da  nemale. 

Die  trivialen  Vergleiche  entstammen  meist  der  Sphäre 
des  bäuerlichen  Haushalts  (Mauthausen — Poggio  Imperiale, 
Foggia) : 

noi  stiamo  come  elli  ucelli  nella  cabia  disideremo  di 
sendire  che  cosa  e  di  sapere  che  cosa  ma  non  Sapiamo  niende 
danessuno. 

(Weyerburg — Pola) : 

Noi  internati  non  siamo  liberi  e  350  persone  tra 
maschi  e  femmine  dormiamo  in  una  grande  baracca  e  ci 
muoviamo  come  tanti  fasoi  in  pignata. 

(Katzenau — Triest) : 

io  sono  come  le  anitre  internato. 

(Mauthausen — Polcenigo,  Udine): 

tua  sorella  Mia  mandato  un  paco  di  Pane  5  kg  sai  che 
bisogna  come  i  copi  sotta  la  casa. 

(Wien— Triest) : 

se  potrö  sparagnare  qualche  cosa  ti  manderö  volontieri 
ma  de  quei  che  vansa  qua  se  assai  pochi  io  sapevo  di  non 
trovare  i  salami  impicati. 

Mit  diesem  Beispiel  sind  wir  schon  in  das  Gebiet  der 
sprichwörtlichen    Redensarten   gelangt.     Wie    schon    das 


~    299    - 

Wort  „Redensart"  sagt,  findet  sich  diese  mehr  in  der 
mündlichen  Rede  und  im  angeregten  Gespräch,  nicht  so 
sehr  beim  Schreiben,  das  eine  mehr  schulmässige  Stili- 
sierung erheischt  und  auf  die  volkstümliche  Phantasie 
lähmend  zu  wirken  scheint.  Einige  seltene  Fäll^  seien 
hier  vermerkt  (Mauthausen — MoncaÜeri,  Turin): 

Col  mio  ago  faccio  dei  lavori  cosi  carini,  tanto  che  i 
miei  compagni,  per  deridermi,  mi  dicono  sempre  che  lavoro 
meglio  d'un  Ebreo, 

wo  immerhin  eine  mündliche  Spottrede  wiedergegeben  ist. 
(Mauthausen— Massa  Carrara,  Paretola) 

(il  pacco)  sia  fasiatto  forte  e  bene,  perche  attrimenti 
la  roba  meglio  la  fanno  passare  incavaleria. 

Eine  geistige  Bequemlichkeit,  die  jedoch  ihre  Wir- 
kung nicht  verfehlt,  ist  die  Berufung  auf  bekannte  Sprich- 
wörter (Katzenau  ans  Comite  Bernois  de  Secours): 

II  primo  sempre  il .  mangiare  e  poi  il  resto  dice  il  pro- 
verbio. 

Wir  haben  in  „Hunger"  auch  noch  gefunden; 

II  sacco  vuota  rton  sta  in  piedi,  pancia  piena  non  pensa 
per  il  digiuno  etc. 

(Mauthausen — Italien): 

Carissima  moglie  forze  vi  ringrescie  a  scrivere  perche 
dice  il  proverbio  quando  la  gatte  non  ge  il  sorecie  ci  abballa. 

(Katzenau — Campill,  Gadertal): 

qua  contano  che  per  pusteria  ninuno  po  piu  andare  ma 
il  proverbio  dice.  In  tempo  di  guerra  sono  piu  chia  chiere 
che  terra. 

(Mauthausen — Aversa)  : 

ha  vita  infame  succete  proprio  come  e  quel  proverbio 
che  dice  (uno  che  va  nel  fosso  glialtri  ci  tirano  i  sassi  sopra) 
ed  e  proprio  cosi  ha  quanto  paclierei  di  ritornare  al  mio 
posto  lä  dove  neppure  i  sassi  avevano  pace  e  neanche  gli 
ucelli  fiatavano  per  non  essere  disturbati 


-     300     — 

eine  auch  sonst  hübsch  stilisierte  Stelle,  in  der  einmal 
eine  Beziehung  zwischen  dem  Sprichwort  und  der  speziellen 
Lage  des  Schreibers  hergestellt  wird.  (Weyerburg— Triest): 

devi  sapere  che  quando  ö  pieno  il  sacco   si    deve    por- 
al  molino  a  vuotarlo  c 
volta  sarebbe  ora  di  finirla 


tarlo  al  molino  a  vuotarlo  cosi  intendo  a  dire,   che    befn    una 


(Santa  Lucia,  Istrien — Windigsteig): 

II  proverbio  dice  la  toca  qurta  mabela  ma  a  m.b  lame- 
metoca  longa  e  sporca, 

wo  eine  drastische  Variation  des  Sprichwortes  versucht 
wird.  In  manchen  früheren  Kapiteln,  so  besonders  in 
Kapitel  über  die  Formen  der  Beruhigung,  die  ja  notwen- 
digerweise unter  Heranziehung  von  Gemeinplätzen  ge- 
schehen muss,  konnten  Sprichwörter  angeführt  werden. 
Merkwürdigerw^eise  strebt  das  Volk  weniger  als  nach 
Originalität  der  Gedanken  und  Abschleifung  der  Form 
nach  Klangwirkungen,  aber  nicht  in  dem  Sinne,  dass  die 
von  der  Schule  proskribierten  Wortwiederholungen  ver- 
mieden würden  (im  Gegenteil!),  sondern  in  der  Form  des 
Reimes.  Auch  hier  steht  es  ganz  naiv  unter  dem  Zauber 
des  sinnlich  betörenden  Eindrucks.  Oft  weiss  man  nicht, 
ob  der  Reim  sich  unbewusst  in  die  Feder  geschlichen  hat 
oder  ob  er  beabsichtigt  wurde:  so  könnte  in  dem  oben 
zitierten  Frauenbrief  der  gereimte  Schlusssatz  „quando 
suUa  cima  vedrai  spuntar  Vaurora  ricordati  da  me  chio 
tamo  ancora!"  unbewusst,  spontan  sich  eingestellt  haben. 
In  mehreren  Feldpostkarten  kann  man  förmlich  ver- 
folgen, wie  dem  Schreiber  die  Lust  zum  Reimen  während 
der  Niederschrift  gekommen  ist,  wie  er  denn  auch  sich 
keineswegs  sklavisch  an  Reimzwang  bindet  und  in 
einem  anmutigen  „Parlando"  bald  gereimte  bald  nicht 
gereimte  Sätze  zu  Papier  bringt.  Zw^anglos  entwickelt 
sich  die  Dichtung  aus  der  Prosa  in  dem  Briefe  einer 
Frau  in  Montecosaro  Macerata  (an  einen  Kgf.  in  Maut- 
hausen) : 


—    301     — 

Ogni  volta  che  scrivi  ai  tuoi  metterai  un  bigliettc 
per  la  tua  V.  che  ti  pensa  sempre  credilo  A.  che  un  mi- 
nuto  non  trascorre  senza  che  il  mio  pensiero  non  voll  a  te. 
Oh  cuanto  tamo  mi  pare  di  äverti  amato  fin  dairinfanzia. 
Se  fossi  una  tata  dall'augusta  mano  la  magica  bacchetta  agi- 
terei  e  approfitaudo  del  poter  sovrano  di  rosi  il  tuo  cammino 
sp  argerei. 

Hier  kann  nicht  der  Ort  sein,  all  die  zahlreichen 
schönen,  traurigen  und  humoristischen  Gedichte  aufzu- 
zählen, die  gebildete  Kgfe.,  besonders  Offiziere  gedichtet 
haben:  ich  beschränke  mich  nur  auf  ein  paar  Beispiele 
volkstümlicher  Strophen,  die  ich  einer  Sammlung  meines 
Kriegsgefährten  Walther  Fränkel  entnehme.   Knittelverse : 

Carissimo  Sig.  Luigi! 
Sto  pensando  stamattina 
Che  la  Pasqua  s'avvicina 
Giä  e  passato  Gallilea 
Bell'  e  pronta  Nazzarea 
E  ciu(?)  qui  niente  si  parla 
Di  una  volta  terminarla 
C  cosi  vo  replicando 
Verrä,  pace  chi  sa  quando. 

Sig.  Luigi  e  famiglia  buone  feste 
Ed  io  qui  faro  anche  queste 
Ma  con  questa  e  con  quest'  altre 
Spero  non  passarne  altre. 
E  da  noi  che  gente  buona 
Spesso  preghi  la  Madonna 
Per  quei  figli  che  a  lei  fidi 
Devon  viver  in  lontan  lidi. 

Con  sta  vita  mal  intesa 

Io  non  posso  andar  in  chiesa 

E  non  posso  dir  di  piu 

Che  chi  a  cuore  preghi  Gesü 

Affinche  sempre  ed  ognor 

Ci  conforta  in  sti  dolor 

E  la  vergin  adorata 

Presto  affretti  questa  pace  sospirata. 


—     302     — 

Mit  etwas  derber  Note,  daher  auch  für  das  Kapitel 
Sinnlichkeit'  in  Betracht  kommend: 

Se  fossi  un  uccello 
♦Volar  vorrei  costi 
Non  petendo  volar 
Uccello  qui. 

Liebesgedichte:  (aus  Russland) 

lo  ti  saluto  da  questa  terra 

A  me  tanto  straniera 

Eppure  mi  dice  spera 

Di  rivederti  se  il  desir  non  erra 

h'k  dove  la  liberta  e  piu  bella, 

E  con  la  gioia  primiera 

Goder  felicitä  piu  bella! 

Ein  Sonett  eines  ital.  Kgf.  mit  etwas  vernachlässigter 
Reimtechnik  und  Metrik: 

Mio  amore  ti  vorrei  baciare 

Mio  bene  ti  vorrei  vedere 

Con  questa  mia  bocca  ti  vorrei  parlare 

E  dirti  quanto  racchiuso  in  questo  mio  ciaore 
Disperso  tra  valle  e  monti 
Sempre  girando  si  vä 
Cercando  un  giorno  di  felicitä 

Ma  questo  non  lo  trovo  mai  qui\ 

Perche  son  lontano,  da  te  chilometri  e  miglia 

Tutti  i  giorni  sospiri  e  piangi 

Ne  puoi  dar  pace  al  tuo  cuore  palpitante 

Perche  sempre  afflito  e  lacrimante 
E  perche?  perche  il  tuo  caro  sposo  e 
Lontano  da  te.  G.  A.  I. 

[Der  Name  endete  auf   —  ussi]. 

Ein    sardisches    Dialektgedicht:     (Nuoro,    Sassari — 

Göding): 

Beneitta  sa  mata 

Ci  fruttata  e  non  frori 

Chi  e  s'arbore  de  sa  ficu 


—     303     - 

Beneitta  sa  mata 
Giuco  in   su  coro  inscrittu 
Su  numene  de  Antoni 
A  littera  de  pratta. 

Ite  bella  pandera 
Che  ricamada  in  oro 
E  ferrada  a  billudu 

Ite  bella  pandera 
Tinde  mando  su  coro 
Paris  chi  sa  saludu 
Inintro  de  sa  littera. 


Nachträgliche  Bemerkungen. 


1.  Die  Einverleibung  von  Brief  stellen,  die  in  einer 
der  rätoromanischen  Mundarten  abgefasst  sind,  in -dieses 
Werk  bedeutet  nicht  etwa  die  Überzeugung  des  Autors, 
dass  diese  Mundarten  dem  Italienischen  ohne  weiteres 
unterzuordnen  sind. 

2.  Gesperrt  gedruckte  Stellen  in  den  itaL  Belegen 
waren  in  den  Originalkorrespondenzen  unterstrichen. 

3.  Neuerdings  sind  Kriegsgefangenenbriefe  in  grösserer 
Zahl  in  dem  Buche  „Kriegsgefangene  Völker,  Band  I.  (Der 
Kriegsgefangenen  Haltung  und  Schicksal  in  Deutschland, 
im  amtlichen  Auftrage  des  Reichswehr-Ministeriums  her- 
gegeben" von  Wilhelm  Doe gen  (Verlag  für  Politik  und 
Wirtschaft,  BerUn)  1919  in  dem  10.  Kapitel  („Urkunden  B, 
Selbstzeugnisse  der  Gefangenen")  S.  227  —  263  veröffentlicht 
worden.  Diese  Sammlung  unterscheidet  sich  von  der  vor- 
liegenden positiv  durch  die  Beigabe  von  Photographien 
und  von  Übersetzungen,  negativ  dadurch,  dass  das  Buch, 
als  Rechtfertigung  für  die  deutsche  Heeresleitung  gedacht, 
fast  ausschliesslich  günstige  Äusserungen  der  Kgfen. 
mitteilt  und  überhaupt  ins  Zentrum  der  Betrachtung  nicht 
die  Psyche  eines  bestimmten  Volkes  im  Spiegel  seiner 
Korrespondenz,  sondern  das  Verhältnis  der  Kgfen.  aller 
Nationen  zu  dem  Wirtsland  Deutschland  rückt,  ferner 
dadurch  dass  der  orthographischen  Besonderheit  der  Kor- 
respondenzen (abgesehen  von  den  photographierten  Briefen) 
keine  Rechnung  getragen  wurde  und  oft  überhaupt  nur 
Übersetzungen  von  Briefstellen  mitgeteilt  werden  (manch- 


—    305    — 

mal  von  zweifelhafter  Güte,  so  S.  243  „unsere  Unruhe  auf 
seinem  Los'^).  Wenn  ich  aus  meiner  für  das  Verhältnis 
der  ital.  Kgfen.  zu  Österreich-Ungarn  beweisenden  Brief- 
sammlung auch  eine  einheitlich  optimistische  und  aner- 
kennende Stimmung  der  Kgfen.  („das  immer  wiederkehrende 
Bekenntnis  wird  laut,  das  den  reinsten  Trost  für  die  An- 
gehörigen und  die  stolzeste  Genugtuung  für  Deutschland 
bildet:  Ich  bin  hier  nicht  mehr  ein  Gefangener,  ich  lebe 
hier  wie  ein  Glied  der  Familie,  ich  bin  ein  Kind  des  Hauses!" 
S.  253)  nicht  bestätigen  kann,  so  Hessen  sich  doch  aus  ihr 
zu  allen  Belegen  Doegens  Parallelen  ziehen.  Ich  zitiere 
z.  B.  die  französischen  Briefe  bei  Doegen  S.  238: 

„Ich  bedaure  die  Unglücklichen  aller  Länder  sehr,  die 
sich  umbringen  lassen,  ohne  selbst  zu  wissen,  warum.  Möge 
dieser  Krieg  es  fertig  bringen,  dass  es  keine  Grenzen,  keine 
Länder  mehr  gäbe,  sondern  nur  Brüder,  die  sich  die  Hände 
reichen  und  sich  nicht  mehr  erschlagen.'^ 

oder  S.  254: 

„Gib  ja  nichts  auf  die  Zeitungen,  wie  ich  Dir  schon 
sagte,  denn  die  Journalisten  sind  eine  Bande  von  Schurken, 
die  das  Volk  belügen.  Ich  kann  Dir  nur  wiederholt  erklären, 
dass  wir  sehr  gut  behandelt  werden,  und  wenn  man  nur  in 
Frankreich  den  deutschen  Gefangenen  gegenüber  ebenso  ver- 
fahren würde,  so  wäre  alles  gut.  Als  ich  gefangen  wurde, 
habe  ich  wie  ein  Kind  geweint:  ich  sah  mich  unglücklich  in 
Deutschland,  misshandelt,  von  einer  Bande  wilder  Menschen, 
die  man  „Boches"  nennt,  geschlagen.  Nun  wohl,  die  Journa- 
listen sind  eine  Schweinebande,  nichts  anderes!  Denn  diese 
Boches  achte  ich  in  jeder  Beziehung  hoch  über  uns  stehend, 
und  es  ist  für  uns  peinlich,  anerkennen  zu  müssen,  dass  sie 
zivilisierter  und  menschlicher  sind  als  wir." 

Solche  Übereinstimmungen  von  Schriftstücken  der 
Kriegsgefangenen  verschiedener  Nationen  und  bei  ver- 
schiedenen Wirtsvölkern  tragen  zu  dem  Eindruck  bei, 
dass  die  Gleichförmigkeit  der  menschlichen  Psyche 
viel  grösser  ist  als  wir  sonst  anerkennen. 


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